Efeu - Die Kulturrundschau

Ihr Lächeln aus dem Jahr 1967

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20.05.2020. Der Standard feiert die Transzendenz-Erlebnisse der Kurzfilmtage Oberhausen, die FR protestiert allerdings gegen eine sich abzeichnende Abwanderung ins Virtuelle. In der Berliner Zeitung kündigt Oliver Reese auch Pärchensitze fürs Berliner Ensemble an. Die Welt verehrt den Heiligen Sebastian, dessen Hingabe sich so elegant in Überlegenheit wandelte. Die SZ hebt noch einmal ihr Cocktailglas für den verstorbenen Filmkomponisten Peter Thomas.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2020 finden Sie hier

Kunst

Antonella da Messina: Der heilige Sebastian, 1487
Was gegen Bakterien hilft, kann auch bei einem Virus nicht schaden, denkt sich Hans-Joachim Müller in der Welt und sinniert über die sinnstiftende Kraft des Heiligen Sebastian, der als Schutzpatron gegen die Pest verehrt wurde und dem unter anderem Antonello da Messina 1478 ein wunderbares Porträt widmete: "Im Doppelcharakter kruder Verletzung und offensichtlicher Unverletzlichkeit - und das ist der Sinnhorizont, zu dem die anspruchsvoll werdende Bildtradition der frühen Neuzeit gerinnt - hat Sebastian das christliche Heilsversprechen auf seltsam diesseitige, körperdirekte, sinnliche Weise beglaubigt. Sebastian am Baum oder an der Säule - in Situation und Haltung dem Gekreuzigten offensichtlich verwandt, ihm geradezu nacheifernd - ist immer, auch in der schmerzvollsten Hingabe- oder Ergebenheitsgebärde, ein Überlegener geblieben, der ekstatisch miterlebt, wie sein geschundener Leib nicht eigentlich Schaden leidet."

Victor Vasarely, Rey-Tey-Ket, 1969. Bild: Städel Museum


FAZ-Kritiker Stefan Trinks flaniert durch die neu arrangierte Schau der Gegenwartskunst im Frankfurter Städel, die er ziemlich gelungen findet: "Das wandernde Auge muss die Verbindungen selbst ziehen. Wodurch die nichtchronologischen Bildströme im Städel vollends zeitlos werden, ist vor allem das geglückte Auffinden zeitloser Themen, die Künstler vor sechzig Jahren ebenso umgetrieben haben wie gestern (das jüngste Bild stammt aus dem Jahr 2014): Erkennbar haben die fragmentierten Figuren Eugen Schönebecks etwas mit Bacon oder Baselitz zu tun und ist der Bauhaus-Schüler Victor Vasarely in den Sechzigern mit seinen scheinbar unendlichen Schachtelungen von Quadraten von der Lehre am Bauhaus und vor allem vom ebenfalls gezeigten Josef Albers inspiriert; er schiebt die optisch gespiegelten Geometrieformen aber stets leicht aus der Achse und lässt sie so asymmetrisch eine Spannung gewinnen, die noch heute frappiert."

Weiteres: Auf NZZ Online beklagt nun auch Daghild Bartels den Abzug prominenter SamlerInnen aus Berlin. Besprochen wird außerdem die wieder geöffnete und verlängerte Ausstellung "Picasso, Kriegsjahre 1939-1945" im Düsseldorfer K20 (Tsp).
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Film

Szene aus Lynne Sachs' "A Month of Single Frames"


Die Kurzfilmtage Oberhausen sind - von einer Server-Panne am Anfang abgesehen - erfolgreich an das Ende ihres ersten Internet-Jahrgangs gekommen, berichtet Dominik Kamalzadeh, von allerlei "Transzendenz-Erlebnissen" sehr beeindruckt, im Standard. Auch Festivalleiter Lars Henrik Gass ist zufrieden: "In rund 60 Länder seien Festivalpässe verkauft worden, der Andrang habe alle Erwartungen übertroffen. Das weise in die Zukunft, so Gass. Mit einer virtuellen Erweiterung lassen sich neue Zuschauerschichten erobern, ökologisch nachhaltiger ist es obendrein." Sehr, sehr traurig macht das allerdings FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, dem die Kinnlade einigermaßen herunterklappt, angesichts der "schnellen Bereitschaft, ins Virtuelle auszuweichen", wo doch gerade Oberhausen früher stets das Primat der Kinovorführung verfocht. Immerhin: Das Programm war "durchaus hochkarätig" und der Große Preis an Lynne Sachs für ihre aus Nachlassmaterial zusammengestellte Hommage "A Month of Single Frames" (mehr dazu bereits hier) an die 2019 verstorbene Avantgardistin Barbara Hammer mehr als verdient: "An einem einsamen Küstenort hatte Hammer einen Monat ohne Strom oder Wasser gelebt, subtile Interventionen in den Naturraum geschaffen und diese nebst magischen Landschaftsaufnahmen mit der Einzelbildkamera dokumentiert. Sachs montiert daraus, unterlegt mit Gesprächen und Aufzeichnungen Hammers, eine Hommage an die Einsamkeit als Urgrund künstlerischen Schaffens. Sieht man diesen Film heute, erscheint er hoch aktuell: Einsames Arbeiten hat einen neuen Stellenwert bekommen."

SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh glaubt der Initiative ProQuote gern, dass Frauen in der Filmbranche zu den großen Coronakrisen-Verlierern zählen: Denn diese Krise "wird kleine Firmen, die vorher schon wenig Gewinn machten, härter treffen, und bei diesen kleinen Firmen und kleinen Projekten sind Frauen überproportional beteiligt. Man könnte dem entgegenwirken - die Pro-Quote-Mitglieder bekräftigen ihre Forderung nach gendergerechter Verteilung der Gelder und Quoten. Die sicheren, gut bezahlten Jobs sind eher Männersache."

Weitere Artikel: Nana Heymann plaudert im Tagesspiegel mit dem Schauspieler Kida Ramadan, der im aktuell nur in Autokinos startenden Thriller "Man from Beirut" zu sehen ist. Für die FR hat sich Susanne Lenz mit dem Schauspieler Clemens Schick aus der zweiten Staffel von "Das Boot" getroffen. Ekkehard Knörer schreibt in der taz zum Tod vom Michel Piccoli (zahlreiche weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden die Sky-Serie "Stumptown" (FAZ) und die auf Amazon gezeigte Serie "Hightown" (FAZ).
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Bühne

Im hygienischen Einzelgespräch mit Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung verbreitet Intendant Oliver Reese gute Stimmung angesichts der baldigen Wiedereröffnung des Berliner Ensemble: "Für meinen Geschmack wird gerade über Theater zu sehr wie über einen Zahnarztbesuch gesprochen. Ja, es wird das sogenannte Crowdmanagement geben, die Besucher werden zum Platz geleitet und müssen bis dahin eine Schutzmaske tragen, aber es gibt auch Pärchensitze. Ich will mir von dem allen nicht die Laune verderben lassen. Es ist doch toll, dass es endlich wieder losgeht. "

Evelyn Finger reicht in der Zeit den Nachruf auf den Dramatiker Rolf Hochhuth nach, von dem sie lernte, dass man was vorhaben muss: "Seine Kritiker fanden Zeitstücke wie 'Wessis in Weimar' oder 'McKinsey kommt' natürlich viel zu interventionistisch. Doch das Bleibende, also Literarische an all seinen Texten ist die Feier des Menschen, der seine Freiheit unter widrigsten Umständen bewahrt.
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Stichwörter: Reese, Oliver

Literatur

Die FAZ hat Gerhard Gnaucks tolle Erinnerung an den polnischen Schriftsteller Leopold Tyrmand (unser Resümee) online nachgereicht. Thomas Pynchons zweiter Roman, "Die Versteigerung von No. 49" aus dem Jahr 1965, passe gut in unsere von Hygienedemos und Verschwörungstheoretikern geprägte Zeit, meint Jan Küveler in Welt. In der Wiener Hegelgasse, wo sich nachts einst die Zecher bemerkbar machten, ist nichts mehr los, schreibt der Schriftsteller Franz Schuh in der FAZ-Reihe "Mein Fenster zur Welt". In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Tilman Krause daran, wie Ernst Jünger seinen Sohn vor der Todesstrafe bewahrte. Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Kinderbuchverleger Hans-Joachim Gelberg. Gerrit Bartels gratuliert im Tagesspiegel dem Kiwi-Verlegre Helge Malchow zum 70. Geburtstag. Ines Geipel schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf den Schriftsteller Joachim Walther.

Besprochen werden unter anderem Rachel Cusks "Danach. Über Ehe und Trennung" (SZ), Fabrizio Gattis Krimi "Der amerikanische Agent" (online nachgereicht von der FAZ), Jonas Lüschers Poetikvorlesung "Ins Erzählen flüchten" (Tagesspiegel) und Juri Buidas "Nulluhrzug" (FAZ).
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Architektur

In der Zeit antwortet Architekt Hans Kollhoff dem ehemaligen SPD-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder, der vorige Woche in der Zeit gefordert hatte, die Skulpturen und Reliefs am Berliner Olympiastadion zu entfernen (unser Resümee). Kollhoff will davon nichts wissen und zieht einen Text des Stadion-Architekten Werner March von 1936 heran, demzufolge er an die freie Kunst glaube und sich vom "Reichtum deutschen Gestaltungswillen" hat beseelen lassen: "Von Nazi-Kunst kann also noch keine Rede sein, diese begann sich erst in jenen Jahren herauszubilden. So zeigt das ausgesprochen heterogene Bildprogramm auf dem Reichssportfeld, von Georg Kolbes Ruhendem Athleten bis zu den Sportkameraden von Sepp Mages, nichts von der ideologischen Erstarrung der Monumentalskulptur des 'Dritten Reichs' in der Folgezeit. Will man die Plastiken also beseitigen, zerstört man auch vor der Nazi-Diktatur in Deutschland geschaffene Kunst." Passend dazu erkennt FAZ-Kritikerin Rose-Marie Gropp in beliebten Freilichttheatern wie der Berliner Waldbühne ehemalige Thingstätten, von Nazis in den Jahren zwischen 1933 und 1936 erbaut.

Weiteres: Dezeen bringt Bilder zu der Shoppingmall, die der dänische Architekt Bjarne Ingels anstelle des historischen Nationaltheaters in Tirana errichten soll. Mit dessen Abriss hat die albanische Regierung am Wochenende gegen alle Proteste begonnen
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Musik

Der Filmkomponist Peter Thomas ist tot. Er schenkte der Welt den legendären "Raumpatrouille"-Soundtrack, schnippte zu Edgar-Wallace-Moritaten nervös mit den Fingern, ließ für den "Kommissar" die Minirock-Schulmädchen tanzen und hat sogar einen Bruce-Lee-Soundtrack im Werkverzeichnis. Wenn er an Peter Thomas und seine Sounds denkt, dann kommen ihm Träume vom großen 60s-Jetset, gesteht Tobias Kniebe im SZ-Nachruf: "Die Welt des Peter Thomas, man konnte sie sich wie eine endlose, jeder Zeit entrückte Cocktailparty vorstellen. Elegante Location, viel Mahagoni und Milchglaslampen in Kugelformen, hinter Panoramascheiben liegt je nach Jahrezeit Kitzbühel, der Strand von St. Tropez oder der Luganer See. Davor stehen Brigitte Bardot und Gunther Sachs, er trägt einen weißen Rollkragenpullover, sie trägt ihr Lächeln aus dem Jahr 1967."

Jens Balzer würdigt Peter Thomas im ZeitOnline-Nachruf als Vocoder-Pionier, der das ursprünglich im Zweiten Weltkrieg zur Verschlüsselung von Nachrichten gedachte Gerät noch vor Kraftwerk für die Musik entdeckte, und staunt über Thomas' "Wille zum Experiment und zur spielerischen Erfindung" - Thomas war ein "unermüdlicher Avantgardist" der Popkultur. Im Archiv der Zeitschrift Keyboards gibt es noch ein sehr lesenswertes Interview mit Thomas, in dem er über seine Arbeitsweise spricht. Weitere Archivgespräche finden sich beim BR-Klassik und auf der Website von Markus Heidingsfelder. Einer seiner unbekannteren Soundtracks ist der zu Zbynek Brynychs Kult-Krimi "Engel, die ihre Flügel verbrennen" - eines der schönsten Thomas-Stücke ist darauf zu finden:



Weitere Artikel: Die nächsten Soforthilfepakete mögen den Berliner Clubs fürs Erste eine Verschnaufpause gönnen, erklärt Lutz Leichsenring von der Berliner Clubcommission im taz-Interview, aber ungewiss ist die Zukunft dennoch: "Ist eine Wiedereröffnung Ende des Jahres realistisch? Oder sprechen wir von Frühjahr 2021? Das ist alles spekulativ." Statt reale politische und gesellschaftliche Probleme zu fokussieren, ventiliere der Deutschrap zunehmend Verschwörungstheorien, ärgert sich Sebastian Leber im Tagesspiegel. Der Roche-Konzern will an seiner Unterstützung für das Lucerne Festival festhalten, erklärt der Verwaltungsratspräsident Christoph Franz im NZZ-Interview. Mandula van den Berg erinnert auf ZeitOnline an die Countryszene der DDR. Thomas Schacher wirft für die NZZ einen ersten Blick auf die neue Orgel, die künftig in der Tonhalle Zürich zum Einsatz kommen wird. Daniel Schieferdecker stellt auf ZeitOnline den Crowdfundingdienst Patreon vor, mit dem sich derzeit viele Musiker via Direktspenden ihrer Fans über Wasser halten. Benjamin Fischer hat für die FAZ die Popakademie in Mannheim besucht.

Besprochen werden Kamasi Washingtons Soundtrack zum Netflix-Porträtfilm "Becoming" über Michelle Obama (Pitchfork), neue Alben von Moses Sumney und Perfume Genius (ZeitOnline), das neue Album von Michelle Gurevich (Presse) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Comeback von Badly Drawn Boy ("eine ganze Breitseite Vergangenheit", bekam SZ-Popkolumnist Julian Dörr hier ab).

Archiv: Musik