Efeu - Die Kulturrundschau

Kind mit stählernem Kern

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19.09.2019. In der NZZ plädiert die Architektin Elli Mosayebi dafür, einen Sprung in die Zukunft zu wagen: mit neuen Energiequellen und neuer Architektur. Dass das Neue erst mal seltsam aussehen kann, lernt die NZZ derweil in einer Ausstellung über den Bauhauskünstler Johannes Itten. Die Zeit sieht in drei Ausstellungen, wie Maler, die noch kaum jemand kennt, auf die Digitalmoderne reagieren. Miriam Meckel denkt über die Zukunft der Literatur in Zeiten von Künstlicher Intelligenz nach. Die SZ porträtiert die Dokumentar-Theaterregisseurin Karen Breece. Die Filmkritiker starren in die lederne Maske Sylvester Stallones.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2019 finden Sie hier

Architektur

Ein Raummodell der ETH-Klasse von Elli Mosayebi


In der NZZ erklärt Elli Mosayebi, Professorin für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich, wie gut man erneuerbare Energien auch für die Architekturgestaltung nutzen kann, indem man die Systeme der Energieversorgung im Haus sichtbar macht: "Wohnen in Temperaturlandschaften mit kühleren und wärmeren Räumen bereichert die architektonische Gestaltung und damit die sinnliche Erfahrung von Räumen. Wir schlafen gerne kühl, baden gerne heiß. Bei welcher Temperatur wollen wir arbeiten, kochen, spielen? Früher gab es Öfen, welche die Häuser warm hielten. Man kann direkt auf ihnen liegen oder sitzen, im Gegenüber sind die Wärmestrahlen auf der Haut spürbar. Thermisch aktivierte Bauteile können heute sogar Öfen ersetzen. Der Vorteil von solchen Bauteilen ist auch, dass sie einen ganzen Raum kühlen können. Man stelle sich eine Wohnung mit zahlreichen warmen und kühlen Raumschalen vor: Sie könnten je nach Bedarf von den Bewohnerinnen sich angeeignet werden." Das, so Mosayebi, "sind keine utopischen Techno-Futurismen, sondern reale Möglichkeiten unserer Stadtentwicklung. Die Technik ist schon da, es sind unsere Zukunftsvorstellungen, welche der Gegenwart hinterherhinken."

Blick ins neue Grand Egyptian Museum. Foto: Atelier Brückner


In Ägypten entsteht derzeit das größte archäologische Museum der Welt - mit deutscher Beteiligung, berichtet in der Zeit Johannes Schweikle, der vor Ort war: "Der große Plan sieht so aus: Das internationale Konsortium Orascom-Besix baut als Generalunternehmer das Museum. Das Atelier Brückner soll als Subunternehmer die 40.000 Quadratmeter großen Ausstellungsflächen gestalten. Im Atrium beeindruckt eine elf Meter hohe Kolossalstatue von Ramses II. die Besucher. Über eine monumentale Treppe schreiten sie nach oben. Dort werden in der Tut-Galerie die mehr als 5000 Objekte gezeigt, die ab 1922 im Tal der Könige gefunden wurden. Die Grabkammer des Tutanchamun war 30 Quadratmeter groß, jetzt bekommt allein seine Totenmaske einen 260 Quadratmeter großen Raum. Im bisherigen ägyptologischen Museum war mitten im Gewusel von Kairo lediglich ein Drittel dieser Exponate in bescheidenem Rahmen zu besichtigen. Mit dem Great Egyptian Museum, in Sichtweite der Pyramiden von Gizeh, will Ägypten der Welt in flughafengroßen Hallen zeigen, welche Schätze es zu bieten hat."
Archiv: Architektur

Kunst

Johannes Itten, Kinderbild, 1921/1922. Kunsthaus Zürich, © 2019, ProLitteris, Zurich
Der esoterische Johannes Itten kann Besucher heute noch zum Staunen bringen, lernt Maria Becker, die für die NZZ eine Ausstellung der Journale des Bauhaus-Künstlers im Kunstmuseum Bern besucht hat: "Sonderbar muten seine Methoden heute an. Die rigorose Art, mit der Itten seine Schüler anhielt, beim Zeichnen spontanen Bewegungsimpulsen zu folgen, erscheint eher beengend als befreiend. Sie kam damals auch nicht bei allen Schülern gut an, und Kollegen wie Paul Klee überliefern solche Lehrstunden mit verhaltenem Spott. Walter Gropius, der Itten ans Bauhaus geholt hatte, sah dessen esoterische Philosophie mit zunehmender Befremdung. Den Meister beirrte dies nicht. Itten war von seiner pädagogischen Berufung überzeugt, er arbeitete beständig an seinen Methoden. Heute, aus der zeitlichen Distanz, erkennt man, dass er eine frühe Form performativer Kreativität zu lehren suchte. In der beweglichen Anschauung wurde etwas anderes greifbar als in der starren Wiedergabe. Sie war offener und ließ Neues zu."

"Malt es sich jetzt, in der Digitalmoderne, anders als zuvor?" Eine Frage, die derzeit drei große Ausstellungen in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden erkunden, erzählt Hanno Rauterberg in der Zeit. Dort zeigen die Museen, "was in den Ateliers gerade gedacht und gemacht wird. Das Unterfangen ist schon deshalb bemerkenswert, weil in Museen ja meist nur das zu sehen ist, was sich zuvor in Galerien und Kunstvereinen bewährt hat. Nun tauchen dort lauter Unbekannte auf, von keinem Sammler begehrt, von keinem Magazin gefeiert. Für die Museen ein Ausflug ins Offene."

Weiteres: Andreas Platthaus besucht für die FAZ den neuen Erweiterungsbau des Sauerland-Museums in Arnsberg, der mit einer August-Macke-Ausstellung eröffnet. Und Karlheinz Lüdeking amüsiert sich - "Hey, Psycho" - in einer "Theorie-Installation von Douglas Gordon und Florian Süssmayr in Venedig.

Besprochen wird eine Ausstellung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Istanbul von archäologischen Fotografien aus Syrien (SZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Nach Protesten (unser Resümee) geht der Nelly-Sachs-Preis nun doch nicht an die BDS-Unterstützerin Kamila Shamsie. "Jury und Stadt haben das einzig Richtige getan", kommentiert Michael Köhler im Dlf Kultur. "Vielleicht ein bisschen spät, aber noch rechtzeitig. Sie haben damit Schaden von sich, der Stadt und der Namenspatronin, der jüdischen Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs abgewendet."

Miriam Meckel denkt in der NZZ über die Zukunft der Literatur in Zeiten von Künstlicher Intelligenz nach - schließlich machen von Computern auf Grundlagen von Statistikauswertungen verfasste Nachrichtenmeldungen mittlerweile beträchtliche Fortschritte. Bis zu KI-verfasster Belletristik ist es vielleicht noch ein weiter Weg, aber die Weichen stellen sich bereits Richtung Zukunft: Die Software "GPT-2 lässt sich mit beliebigen Anfängen für journalistische oder literarische Texte füttern und macht daraus dann eine ganz eigene, neue Erzählung.Was GPT-2 zum ersten Satz von Jane Austens 'Stolz und Vorurteil' einfällt, ist atemberaubend. Eine völlig andere Geschichte entsteht da, aber eine, die überzeugen kann. Auch bei der potenziellen Leistungsfähigkeit literarischer Algorithmen schneidet GPT-2 im 'Winograd-Test' deutlich besser ab als alle bisherigen Programme. Der Test prüft die Fähigkeit im Umgang mit mehrdeutigen Aussagen. 'Das Buch passt nicht ins Regal, weil es zu groß ist', bei diesem Satz weiß ein Mensch sofort, was zu groß ist. Software weiß das nicht. Sie versteht ja nichts, sondern berechnet Texte auf Grundlage von Daten in mathematischer Genauigkeit. GPT-2 versteht solche Sätze mit einer Trefferquote von mehr als 70 Prozent."

Weiteres: Das hatten wir übersehen und reichen es hiermit nach: Für den Tagesspiegel hat Gerrit Bartels den jüngst für den Buchpreis nominierten Schriftsteller Nobert Scheuer in der Eifel besucht. In der Zeit ist Alexander Cammann geradezu entsetzt über die Shortlist des Deutschen Buchpreises: "Krampfhaft wird da vermeintliche Frische zum entscheidenden Imagefaktor gegen die absurde Furcht, verstaubt zu wirken. Damit ist man mittendrin in der Relevanzverlustspirale." Ilma Rakusa schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die Literaturkritikerin Eva Haldimann, der insbesondere die Vermittlung ungarischer Literatur am Herzen lag. In der FR gratuliert Claus-Jürgen Göpfert dem Schriftsteller Horst Krüger zum 100. Geburtstag. Science-Fiction-Fans wird außerdem die Meldung freuen, dass das Mathematikproblem um die Zahl 42 geknackt ist.

Besprochen werden Edward Snowdens Autobiografie "Permanent Record" (NZZ), Margaret Atwoods "Die Zeuginnen" (FR), Friedrich Christian Delius' "Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich" (Tagesspiegel), Sherko Fatahs "Schwarzer September" (Dlf Kultur), Jan Wilms "Winterjahrbuch" (online nachgereicht von der FAZ), der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Joseph Wulf (SZ) sowie Qiuian Chens "Die Siliziuminsel" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

In der SZ porträtiert Peter Laudenbach die amerikanische Dokumentar-Theaterregisseurin Karen Breece, die am Berliner Ensemble mit Obdachlosen und - gerade jetzt - Naziaussteigern arbeitet. "Als reflektierte Regisseurin arbeitet Breece entschieden nicht im Betroffenheits-Business. "'Ich versuche immer, Beziehungen zu den Betroffenen herzustellen. Ich will sie nicht benutzen, es geht um Vertrauen und Verantwortung, und es geht um Menschen. Das ist etwas Gegenseitiges,' sagt Breece. ... Eine Folge der Inszenierung am Berliner Ensemble war, dass sich mit der Regisseurin das ganze Theater auf die Obdachlosen eingelassen hat. Einer von ihnen arbeitet jetzt in der Technikabteilung. Das Haus ist für sie zum sozialen Ort geworden. Sie sitzen selbstverständlich in der Kantine, auch wenn sie nicht spielen. Es ist kein Problem, wenn sie die Kostümabteilung bitten, ihre Wäsche zu waschen."

In der Zeit gibt's eine Beilage zu Musik und Theater.
Archiv: Bühne

Design

In der NZZ würdigt Marion Lohndorf Twiggy, die heute vor 70 Jahren geboren wurde: Sie "wurde ein Geschöpf der Kamera. Makellos und unnahbar sah sie auf Lategans Fotos aus, mit Babymund und Kulleraugen, aber auch ein bisschen trotzig und motzig. Ein widerborstiges Kind mit stählernem Kern. ... Sie nahm die kollektiven Träume von morgen vorweg."
Archiv: Design
Stichwörter: Twiggy

Musik

Nikolaus Bachler habe im Streit mit Christian Thielemann um die Salzburger Osterfestspiele keinen "Kampf" ausgefochten, sagt er in der SZ, nachdem seit gestern klar ist, dass Thielemanns Vertrag nicht mehr verlängert wird. Den Rückgriff auf militärische Begriffe zur Beschreibung des Konflikts lehne der Geschäftsführer des Festivals grundsätzlich ab: "Ich habe, in meiner neuen Funktion, die Frage gestellt, ob die Oper, die Herr Thielemann am meisten dirigiert - in Bayreuth, in Dresden -, in Salzburg vielleicht durch eine andere ersetzt werden könnte. Mehr war da nicht. Aber es war kein Kampf. Die andere Seite hat sich verweigert und dies über die Öffentlichkeit ausgetragen." Die Öffentlichkeit aber "liebt das Drama und den Kampf. Nach zehn Jahren soll etwas Neues beginnen. Oder besser, in diesem Fall: Nach mehr als 50 Jahren soll vielleicht einmal eine neue Idee beginnen. Das ist nicht nur normal, das ist geradezu notwendig."

Besprochen werden Solange Knowles' Auftritt in der Elbphilharmonie (FAZ, ZeitOnline), neue Platten der Münchner Bands H und Die Sauna (taz), die CD "Blue World" mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen von John Coltrane (Presse), die CD-Veröffentlichung von Prince' einst nur auf Kassette veröffentlichten Aufnahmen "The Versace Experience" (Presse), das neue Album "Miami Memory" von Alex Cameron (SZ) und das Musikprojekt Taxi Galaxi des Bestseller-Autors Frank Schätzing (Tagesspiegel).
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Film

Wehrhafte Melancholie: Sylvester Stallone ist Rambo.

Sylvester Stallones Rambo ist wieder da - und diesmal ist er John Wayne in John Fords "Der schwarze Falke", wenn man den Kritiken glauben kann: Als Farmer zur Ruhe gekommen, rauben dem Vietnamveteranen zwar keine Indianer, aber Mexikaner die Ersatztochter, sodass er sich mal wieder zum blutigen Feldzug gezwungen sieht. Viel abgewinnen kann FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, großer Fan des allerersten Teils der mittlerweile fünf Filme umfassenden Reihe, dem wohl ziemlich drastischen Gemetzel allerdings nicht "Kaum je hat eine Filmreihe einen solchen Niedergang erfahren, und man kann ihr Ende nur begrüßen. Auf Gedeih und Verderb versucht der (...) Film auszusehen, wie in den Achtzigern die billigste B-Film-Ware." Wer bloß Blutspritzer zählt, habe nichts begriffen, hält dem NZZ-Kritiker Wolfgang M. Schmitt entgegen - und zu begreifen gebe es Stallones Gesichts als melancholische Ikone: "Die traurigen Augen, die situationsbedingt zu Frage- oder Ausrufezeichen werdenden Augenbrauen, der leicht schiefe Mund, der sich jedes überflüssige Wort verkneift, und die ledrige Haut, auf die das Schicksal so oft eingedroschen hat, sind weder Instagram-tauglich, noch entsprechen sie einem vorherrschenden Ideal. Doch sie ergeben zusammen ein melancholisches Antlitz, das mehr erzählt, als sich Storytelling-Apologeten jemals auszudenken vermögen. ... Trotz der expliziten Gewalt ist das ein wunderschöner, trotz den vielen Schüssen und Explosionen ein stiller Film. Rambo ist schlagkräftig, und er ist sensibel, seiner Tränen hat er sich nie geschämt."

In der taz deutet Stefan Reinecke den Rambo-Mythos mit Klaus Theweleit im Theoriegepäck: "In den 80er Jahren tauchten mit Stallone, Chuck Norris und Arnold Schwarzenegger nicht zufällig Muskelhelden auf. Die proletarischen Körper waren in den automatisierten Fabriken nichts mehr wert. Sie wurden ästhetisch, hypertrophe Kunstprodukte, die in Fitnesscentern, den neuen Kathedralen des Maskulinen, geschaffen wurden. Die wortkargen Helden waren seltsame Mixturen: halb Maschine, wie die Terminator-Filme überdeutlich zeigten, halb Wilde." Und Nicolai Bühnemann erklärt im Perlentaucher: "Letztlich kämpft ein blutrünstiges Patriarchat, das sehr bald alle zivilisatorischen Masken fallen lässt, gegen ein anderes."

Ausbrechendes Gewaltpotenzial: Helena Zengel ist Benni.

Um einen völlig anderen Kino-Rabauken geht es in "Systemsprenger", Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt über ein gesellschaftlich schwer integrierbares Kind, mit einigem Furor von der neunjährigen Helena Zengel auf die Leinwand gebracht: "Der in einem unprätentiösen, aber konsequenten Realismus gehaltene Film wird bereits durch die Darstellerin der Neunjährigen zum Ereignis", schwärmt Daniel Kothenschulte in der FR. "Wie es ihr gelingt, das plötzlich ausbrechende Gewaltpotential des Mädchens zu vermitteln, aber ebenso die Verlustängste oder die aufblitzende Intelligenz, ist sensationell." Auch Perlentaucherin Thekla Dannenberg war von dem Film zur Berlinale-Premiere umgehauen: Wenn Zengel loslegt, "wird die Leinwand pink vor Zorn. So sieht ein mentaler Filmriss aus." Dass Fingerscheidt niemanden anklagt, hält Bettina Steiner in der Presse dem Film sehr zugute: "Sie zeigt nur, was sie gesehen und erfahren hat." Anke Sterneborg (SZ) und Jenni Zylka (taz) haben mit der Regisseurin gesprochen.

Weiteres: In der taz sammelt Kevin Culina Stimmen aus dem Filmbetrieb zum Kaffeeplausch-Skandal um die hessische Filmförderung (mehr dazu hier und hier). Dierk Saathoff ist in der Jungle World von der jüngst aufgekommenen Kritik, der Sitcom-Klassiker "Friends" sei homophob, nicht überzeugt. Dem Berliner Publikum empfiehlt Fabian Tietke in der taz eine Reihe über die Doku-Avantgardistin Ella Bergman-Michel im Zeughauskino. Marisa Buovolo gratuliert in der NZZ der Filmemacherin Sally Potter zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden James Grays Science-Fiction-Film "Ad Astra" mit Brad Pitt (Perlentaucher, NZZ, ZeitOnline, mehr dazu bereits hier), Thomas Moritz Helms "Heute oder Morgen" über eine Dreiecksbeziehung (Sissy Mag), die DVD von Karoline Herfurths "Sweethearts" (taz), Michael Englers Kinoversion der britischen Serie "Downtown Abbey" (Tagesspiegel, ein Brexit-Film, der das englisch Reine, "das durch die Berührung mit 'Europa' besudelt zu werden drohe", meint Paul Ingendaay in der FAZ) und Davis Guggenheims Netflix-Film "Inside Bill's Brain" über Bill Gates (FAZ).
Archiv: Film