Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Schlag in die Luft

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.03.2019. Die NZZ ärgert sich über den neuen Elitenfeminismus des Kinos. Der Guardian feiert die große Dorothea-Tanning-Schau in der Tate Modern. Die SZ geht beim malischen Baumeister Boubacar Kourmansse in die Schule der Lehmbauweise. ZeitOnline fragt die Buchhändler nach ihrem offenen Brief zu Takis Würger, seit wann man keine Literaturdebatten mehr führen darf. Die taz hüpft mit der Mode elegant über die Pfützen des Hasses.  Und alle bringen Nachrufe auf den Prodigy-Frontmann und Musikberserker Keith Flint.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2019 finden Sie hier

Kunst

Dorothea Tanning: Birthday, 1942. Philadelphia Museum of Art. DACS, London

Als reinste Offenbarung feiert Laura Cumming im Guardian die große Schau, mit der die Tate Modern in London der letzten großen Surrealistin Dorothea Tanning huldigt: "Sie präsentiert die ganze Künstlerin, von den frühen Selbstporträts bis zu den hinreißenden späten Visionen ungezügelter Freude und zeigt Tanning als außergewöhnlich originelle, spöttische und humorvolle Künstlerin, mit einem tiefen Sinn für das Innere unser Seele... Sie malte Frauen, die rannten, sich drehten, kämpften, gebären, Tango tanzten, Liebe machten. Es ist schwer, an einen anderen amerikanischen Maler vor Tanning zu denken, der so sehr Frauen aus dem Gefängnis der Darstellung befreien wollte. Und dieses Ziel wurde durch enorm befördert durch ihre plötzliche Entscheidung, den akribischen, überdeterminierten Hausstil des Surrealismus in den 1950er Jahren aufzugeben für das, was sie ihre 'Insomnia'-Bilder nannte - prächtig fließende Leinwände, in denen Körper, Gesichter und neugierige biomorphe Formen in durchsichtigen, wolkenartigen Räumen wimmeln."

Besprochen wird außerdem die "wundervolle" Prachtschau "Mantegna und Bellini" in der Gemäldegalerie in Berlin (SZ).
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Film

Christian Baron rückt in der NZZ dem "elitenfeministischen" Kino der Gegenwart zu Leibe, Filmen wie "Battle of the Sexes", "The Wife", "Jackie" oder "The Post", in denen Tennisstars, Großliteratinnen, Präsidentengattinnen oder Medienmanagerinnen als Rollenmodelle herhalten. Ob man dafür gleich zum Stalinismus als Analogie hätte greifen müssen, sei einmal dahingestellt. Ein paar bedenkenswerte Beobachtungen finden sich dem Text aber doch: Zu sehen gibt es in dieser Filmwelle meist Frauen, die auf Selbstverwirklichung zielen, wobei es jedoch "in den meisten Fällen um Menschen aus der gehobenen Mittelklasse oder sogar der Oberklasse geht. Selten zu sehen sind Geschichten von Frauen, die in Armut und Perspektivlosigkeit leben müssen und sich dort herauskämpfen wollen. ... Glenn Close, deren Vermögen auf 275 Millionen US-Dollar beziffert wird, schwingt sich zur Sprecherin aller Frauen auf. Sie erfindet ein 'Wir', das die Frauen über jede Grenze sozialer Klassen hinweg als homogene Masse begreift. So kommt niemand auf die Idee, ungerechte Vermögens- und Eigentumsverhältnisse infrage zu stellen."

Weitere Artikel: Im Filmdienst schreibt Rüdiger Suchsland über die Filme von Jia Zhang-ke. Dem Berliner Publikum empfiehlt Simon Rayss im Tagesspiegel eine Werkschau der Filme des ägyptischen Regisseurs Youssef Chahine im Kino Arsenal. Laura Ewert (Welt) und Jürgen Schmieder (SZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Luke Perry.

Besprochen werden Yann Demanges "White Boy Rick" (SZ) und Jonah Hills "Mid90s" (Presse).
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Design

In einem mäandernden taz-Essay beschäftigt sich Elisabeth Wagner mit dem Begriff der "Modesünde": Warum es sie meist nur im Rückblick und im Blick auf die Zukunft gibt, was das mit Gegenwartskultur zu tun hat, mit Online-Diskursen und -Übergriffen und der eigenen Scheu, eine Einladung zum Klassentreffen anzunehmen. "Tatsächlich kann das Sprechen über Mode eine Schule der Ironie sein. Sie erlaubt vieles, doch keinen Hass. 'Diese Stars blamierten sich mit Kotz-Roben'. Ein solcher, im Januar auf der Seite einer österreichischen Zeitung veröffentlichter Titel scheidet sofort aus dem Diskurs der Mode aus. Er wirkt fast komisch; seine Ungeschicklichkeit ähnelt einem Schlag in die Luft. Niemand hat sich verletzt, allerdings hat die Wucht der Wut den Satz zu Boden gerissen. Jetzt liegt er da, und die Mode, die Mode, die sich dem Eifer der Anpassung entzieht, macht einen eleganten Schritt über ihn und die Pfütze seines Hasses hinweg."

Weiteres: Brigitte Werneburg berichtet in der taz von einem Forum über Nachhaltigkeit in der Mode. Die Menschheit wird zwar Aussterben, erfährt Guardian-Kritiker Oliver Wainwrigth auf der Design-Triennale in Mailand, aber Kuratorin Paola Antonelli will dafür sorgen, dass wir wenigstens einen nachhaltigen Abgang bekommen.
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Archiv: Design
Stichwörter: Mode, Nachhaltigkeit

Literatur

Sehr irritiert reagiert David Hugendick auf den offenen Brief der Buchhändler, die Takis Würgers "Stella" vor der Literaturkritik in Schutz nehmen (hier unser Resümee): Man könne glatt "glauben 'Stella' sei per Eildekret verboten und sein Autor aus dem Land gejagt worden", schreibt er auf ZeitOnline und wundert sich noch mehr darüber, dass die Händler Schreibverbote imaginieren, während sie selbst Literaturdebatten skandalisieren: "Natürlich darf Takis Würger weiterhin in dieser Art über den Nationalsozialismus schreiben, natürlich darf ein Verlag das alles in den Druck geben, und jede Buchhandlung darf damit ihre Tische vollstapeln, und natürlich darf die Literaturkritik das Buch bemängeln, und der Autor, Verlag und die offenbar verzückten Leser dürfen sich dann trotzig darüber wundern. Und es dürfen weiterhin Briefe einiger Leute erscheinen, die nicht verstanden haben, dass sie die Einzigen sind, die etwas untersagen wollen, wenn sie die Rezensenten gouvernantenhaft ermahnen: 'Dieser Umgang mit Literatur verbietet sich.'"

Besprochen werden unter anderem eine Neuauflage von Peter Wydens "Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte" (taz), Emanuel Maeß' Debüt "Gelenke des Lichts" ("unwahrscheinlich schön", meint Gustav Seibt in der SZ), Martin R. Deans "Warum wir zusammen sind" (NZZ), Peter Hoegs "Durch deine Augen" (Berliner Zeitung) und Carolin Würfels Biografie über Ingrid Wiener (FAZ).

Außerdem ist das neue CrimeMag erschienen - hier der Überblick zu allen Essays, Interviews und Kritiken. Ein besonderes Schmuckstück: Ein Auszug aus Alf Mayers und Frank Göhres Buch über Elmore Leonards Romane und deren Verfilmungen.
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Architektur

Immer mehr Initiativen und Architekten in Westafrika besinnen sich auf die traditionelle Lehmbauweise, die viel gesünder,  angenehmer und umweltfreundlicher sei als das Bauen mit Beton, erzählt Jonathan Fischer in der SZ. Tagsüber kühlt der Lehm, nachts wärmt er, erfährt Fischer vom Baumeister Boubacar Kourmansse: "Kourmansse hat zwei Tagesreisen entlang des Nigers südlich nach Bamako zurückgelegt, um sich im Garten des Tamana-Hotels mit einem berühmten Architekten zu treffen, João Caeiro. Der Mexikaner ist weltweit für seine Bauten bekannt: Unter Verwendung von Naturmaterialien wie Erde, Bambus und Kalkstein hat er in seiner Heimat Oaxaca, in Guatemala, Ghana und Mosambik Wohnhäuser und Gemeindezentren errichtet. Sein nächstes Vorzeigeprojekt soll in einem Dorf im Süden Malis entstehen: Ein Museum für Westafrikas Kultur des Indigo-Färbens - erbaut selbstverständlich in moderner 'Banco'- oder Lehmbau-Architektur. Dort sollen auch Bildungseinrichtungen einziehen, unter anderem Malis erste Schule für Lehmbau. 'Bisher wird alles Wissen informell vom Meister auf die Schüler übertragen', sagt Kourmannse, der die Gebäude mit seinem Team errichten soll. Bis zur Elfenbeinküste rufe man ihn, um den Nachwuchs zu schulen. Nur die Regierung vor Ort bevorzuge immer noch chinesische Beton-Architekten." (Mehr zum Lehmbau von Kourmansse hier.)
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Stichwörter: Westafrika, Lehmbau, Guatemala

Bühne

Als die neuen Blumenkinder der Tanzszene stellt Sandra Luzina im Tagesspiegel die Choreografen Angela Schubot und Jared Gradinger vor, die in ihrem schwärmerischen Stück "The Nature of Us" Pflanzen als ihre Verbündeten Betrachten: "Deshalb reklamieren sie auch nicht die alleinige Urheberschaft für ihr Stück, die gebühre, sagen sie, genauso Beifuß, Brennnessel, Buche, Eibe, Eiche, Echivarea, Farn, Klee und Moos."

Weiteres: Im NZZ-Interview mit René Scheu beklagt der Schweizer Bühnenschauspieler Robert Hunger-Bühler den Bedeutungsverlust eines Theater, das nur noch dem Zeitgeist hinterherhechele: "Man kommt mit diesem Post-Post-Zeugs nicht weiter. Es kommen ja zwei neue hochalerte Männer nach Zürich, von Blomberg und Stemann, und ich hoffe inständig, dass es ihnen gelingt, den Schutt der jüngeren Vergangenheit wegzuräumen und eine neue Pflanzung vorzunehmen." Jann-Luca Zinser und Donata Künssberg berichten in der taz vom Brecht-Festival in Augsburg.

Besprochen werden Ferdinand Schmalz' Satire auf die permanente Selbststilisierung "der tempelherr" am Deutschen Theater (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, FAZ), Philip Glass' minimalistische Kafka-Oper "The Trial" in Salzburg (Standard), das Königinnendrama "Angela I." der Bremer Shakespeare Company (SZ) und Jacques Offenbachs "Prinzessin von Trapezunt" im Theater Hildesheim (FAZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Glass, Philip, Satire

Musik



"Er war der Brandstifter, der Radaumacher, der Sprengsatz, der Aufwiegler, die personifizierte Gefahr. Er war der Schmerz, den du kennst, und das Miststück, das du hasst. Und er war all das mit Stolz", schreibt Harald Peters in der Welt über Keith Flint, das Aushängeschild der britischen Electronic-Rave-Band The Prodigy, der sich im Alter von 49 Jahren das Leben genommen hat. Flints ausgestelltes Berserkertum war jedoch "ein Rollenspiel", schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel: "1969 als Kind einer Mittelschichtsfamilie in Essex geboren, wurde als empfindsam und scheu beschrieben, er kochte gern und beobachte Vögel." Julian Weber erinnert in der taz daran, dass es auch schon vor dem Prodigy-Stück "Firestarter" (siehe Video oben), mit dem der Band-Tänzer Flint zu deren Sänger wurde und an dem sich alle Nachrufe entlang arbeiten, Videos mit (dem damals noch langhaarigen) Flint gab (siehe Video unten). Weitere Nachrufe in SZ und SpOn. Die Spex hat eine Reportage über die Band aus dem Jahr 1996 online gestellt.



Der zweiteilige HBO-Dokumentarfilm "Leaving Neverland" lässt zwei der damaligen Jungs, die von Michael Jackson auf seine Ranch gelockt wurden, ausführlich zu Wort kommen und bekräftigt damit alte Vorwürfe, dass der Popstar Minderjährige sexuell missbraucht habe. Im englischsprachigen Raum ist daraufhin eine Debatte entbrannt, ob man die Musik des "King of Pop" noch ohne weiteres hören könne. Auf ZeitOnline fasst Marietta Steinhart die wichtigsten Wortmeldungen zusammen und lobt den intensiven Porträtfilm, der weder "schlüpfrig" noch "reißerisch" geraten sei: "Die Männer ringen oft schmerzlich nach Worten für etwas, wofür sie noch keine Worte haben. Die Dokumentation wartet nicht mit neuen Beweisen auf. Wie andere aktuelle Filme, die sich eher auf die mutmaßlichen Opfer konzentrieren wie 'Surviving R. Kelly' und 'Untouchable' (der Sundance-Dokumentarfilm über Harvey Weinstein), ist auch 'Leaving Neverland' vor allem eine Anklage gegen eine Kultur, die sich von Prominenten so sehr blenden lässt, dass sie dabei die Würde der einfachen Menschen aus den Augen verliert. Es ist, einfach ausgedrückt, ein zutiefst bewegender Überlebensbericht." In der SZ schreiben Bernd Graff und Jürgen Schmieder über den Film.

Weitere Artikel: Dirigent Edward Gardner betont im Tagesspiegel-Interview vor dem Hintergrund der aktuellen Barenboim-Debatte, dass man ein Orchester nicht nur herrisch, sondern auch als Team leiten könne (sein Konzert vom Sonntag mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester gibt es hier zum Nachhören). Im Tagesspiegel gratuliert Ulrich Amling dem Dirigenten Bernard Haitink zum 90. Geburtstag. Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Händel-Aufnahme der Sopranistin Simone Kermes (SZ).
Archiv: Musik