Efeu - Die Kulturrundschau

Ganz easy messerscharf seziert

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2018. Die SZ lernt im ARos Museum Aarhus, geduldig Julians Schnabels freundschaftliche Kunst zu betrachten. Die NZZ begegnet in der Frankfurter Schirn der inneren Wildnis. Standard und Berliner Zeitung feiern Pawel Pawlikowskis palmengekrönten Schwarzweiß-Film "Cold War", der vom Verlust künstlerischer Integrität erzählt. In der taz erinnert Vladimir Kulić  an die architektonische Utopie Jugoslawiens. Außerdem singt sie eine Hymne auf linke Liedermacher.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2018 finden Sie hier

Kunst

Julian Schnabel: Hat Full of Rain, 1996. Foto: ARos Museum Aarhus

Als dezidiertes Statement gegen die hektische Kurzaufmerksamkeit des modernen Kunstkonsums und für die geduldige Betrachtung feiert Till Briegleb die Julian-Schnabel-Schau "Aktion Painting" im ARos Museum Aarhus: "Schon wegen ihrer Dimension von bis zu sieben Metern Höhe verweigern sich diese Gemälde dem Instagram-Blick." Aber noch etwas fällt Briegleb auf: "Ohne geduldige Betrachtung ist diese freundschaftliche Kunst tatsächlich weder in ihren Bezügen und ihrer Materialität noch in der darin gespeicherten wilden Energie zu begreifen. Aber ganz im Gegensatz zu Schnabels Plädoyer für die Zerstörung von alten Standards in der Kunst provoziert sein eigener Standard der Freiheit keinen Angriffsimpuls, höchstens ein Paradox: Julian Schnabels Aktion des Malens ist gerade deshalb so reich und vielfältig, weil er selbst doch auf andere hört."

Henri Rousseau: Le lion, ayant faim, se jette sur l'antilope, 1898 - 1905, Fondation Beyeler, Riehen/Basel.

Sensationell findet Daniel Haas in der NZZ die Ausstellung "Wild" in der Frankfurter Schirn, die das Ungezähmte in der Natur und im Menschen durchdekliniert, die Lust an der Gefahr. Und schon gleich mit dem ersten Bild, mit Henri Rousseaus "Hungrigem Löwen", verändert sie den Blick, meint Haas: "Wie der Löwe fast zärtlich die Antilope hält, als sei sie ein Instrument, dem eine Melodie entlockt werden muss, und wie der Antilope eine Träne im Auge schimmert, als erfülle sich hier ein Schicksal, von dem sie schon lange gewusst hat, das ist überwältigend in einem fast schon obszönen Sinn. Ist die Gewalt hier nicht lustvoll, berauschend? Ist die Verbindung von Opfer und Killer nicht schön und auf wilde, enthemmte Weise harmonisch? Solche Gedanken sind eigentlich nicht salonfähig, schon gar nicht in Deutschland. Aber bestimmte Regungen sind noch vorhanden, das Gespür für diese archetypische Ordnung von stark und schwach. In der Politik hat die Bewirtschaftung solcher Regungen nichts zu suchen, und dass es dennoch versucht wird, von den Schreihälsen einer ehrlosen Mobilmachung gegen die Demokratie, ist unverzeihlich."
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Film



In Pawel Pawlikowskis Schwarzweiß-Film "Cold War" fungiert "der Eiserne Vorhang als erotische Drehtür", schreibt Philipp Bühler in der Berliner Zeitung. Vor Kulisse der fünfziger Jahre erzählt der in Cannes für diesen Film ausgezeichnete Regisseur eine Liebesgeschichte, die in Polen beginnt, sich über den europäischen Kontinent erstreckt und schließlich nach Polen zurückfindet. Standard-Kritiker Dominik Kamalzadeh saß begeistert im Kino: "Der Verlust der Heimat ist eine der Erfahrungen, um die es geht, der langsame Verfall der künstlerischen Integrität eine andere. Pawlikowski, der selbst im Alter von 14 Jahren mit seiner Mutter Polen Richtung Westen verließ, behandelt in seinem Film nicht nur, wie Ideologien Biografien prägen, sondern vor allem die Kompromisse, die man eingeht, um eine Idee von sich selbst zu retten. ... Meisterhaft beschwört Pawlikowski die existenzialistische Einsamkeit herauf, die sich in den rauchdurchschwängerten Nächten ausbreitet." Für den Tagesspiegel hat sich Stella Donata Haag mit dem Regisseur getroffen. Einen Überblick über die Cannes-Kritiken finden Sie hier.

Weiteres : Das Österreichische Filmmuseum macht in seinem Blog einen ursprünglich 2003 veröffentlichten Text von Stefan Grissemann über Edgar G. Ulmers "Strange Illusions" von 1944 online zugänglich. Besprochen werden Philip Grönings "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" (Zeit, unsere Berlinale-Kritik hier), Fede Alvarez' Verfilmung von David Lagercrantz' Thriller "Verschwörung" (Standard, SZ) und die Netflix-Serie "Outlaw King" (FAZ).
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Bühne

Im Standard sieht heute auch noch einmal Michael Wurmitzer das Ansehen des Europäischen Theaterpreises in Frage gestellt, der in diesem Jahr in Petersburg eigentlich an Milo Rau vergeben werden sollte, was nicht klappte, weil Rau kein Visum für Russland bekam: "Dass ein Preis, der von der EU-Kommission gegründet wurde, sich auf diese Weise mit einer autoritären Macht wie Russland arrangiert, irritiert einige. Tut er das, weil er Zeichen eines Kontakthaltens zwischen Europa und Russland sein will, wie manche meinen? Kritiker sagen, weil dort Geld sei." In der SZ tröstet sich Christine Dössel damit, dass wenigstens der polnische Regisseur Jan Klata in seiner Rede deutlich machte, dass Milo Rau und der unter Arrest stehende Kirill Serebrennikow die beiden großen "Elefanten im Raum" waren (siehe auch das gestrige Efeu).

Weiteres: Standard-Kritiker Stefan Ender blickt erwartungsvoll auf die Oper "Die Weiden" von Durs Grünbein und Johannes Maria Staud, die im Dezember an der Wiener Staatsoper uraufgeführt werden wird.

Besprochen werden Bernd Mottls Inszenierung von John Fords Renaissance-Stück "Schade, dass sie eine Hure war" in Wiesbaden (die Judith von Sternburg in der FR "wunderschön und klug und zwanglos" findet), Karlheinz Stockhausens "Donnerstag" aus dem Schöpfungszyklus "Licht" mit dem Musikkollektiv Le Balcon an der Pariser Opéra Comique (NZZ), Peter Konwitschnys Aufführung von Mozarts "Idomeneo" in Heidelberg (Rhein-Neckar-Zeitung, FAZ) sowie die beiden Hamburger Inszenierungen "Frankenstein/Homo Deus" am Thalia Theater und "Lazarus" am Schauspielhaus (FAZ).
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Literatur

In der NZZ porträtiert Manuel Müller Gesa Schneider, die Leiterin des Zürcher Literaturhauses.

Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Erinnerungen eines Mdächens" (Tagesspiegel), Martin Walsers "Spätdienst" (FR), Ayòbámi Adébáyòs "Bleib bei mir" (NZZ), Juli Zehs "Neujahr" ("einfach nicht gut", seufzt Paul Jandl in der NZZ), Florian Illies' "1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte" (Standard), die Neuübersetzung von Jane Gardams "Weit weg von Verona" (SZ) und Hervé Le Telliers "All die glücklichen Familien" (FAZ). Außerdem räumt Arno Widmann für den Perlentaucher wieder zahlreiche Bücher vom Nachttisch, darunter ein Prachtband über Bibliotheken, Sayaka Muratas "Ladenhüterin" und Alexander von Humboldts amerikanische Reisetagebücher.

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Stichwörter: Ernaux, Annie

Architektur

Edvard Ravnikar: Platz der Revolution (heute Platz der Republik, Ljubljana, Slowenien, 1960-74. Foto: Valentin Jeck, für das Museum of Modern Art, New York

Im taz-Interview mit Bostjian Bugaric spricht der Architekturhistoriker Vladimir Kulić über seine phänomenale Ausstellung "Toward a Concrete Utopia" im New Yorker Moma (mehr hier), die daran erinnert, wie die Architektur in Jugoslawien gesellschaftliche Utopie in Beton goss: "Nach vier Jahrzehnten des Neoliberalismus sehen wir endlich eine erneuerte Wertschätzung der Rolle der Architektur beim Aufbau der bürgerlichen und öffentlichen Sphäre - eine Betonung des Gemeinschaftlichen anstatt des Privaten. Besonders in den USA wurde Architektur zu einer Schau für Superreiche reduziert. Der architektonische Diskurs befindet sich jetzt in den Händen des obersten Prozents. So gesehen ist Jugoslawien eine Erinnerung daran, dass Architektur mal eine umfassendere gesellschaftliche Verantwortung bei der Gestaltung von Gesellschaft hatte."
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Musik

Mit sanfter Melancholie widmet sich Jörg Sundermeier in der taz dem neuen Album "Auf anderen Routen" des linken Liedermachers Kai Degenhardt, Sohn des 2011 verstorbenen Franz Josef Degenhardt. Zwar sei das Album schon ein wenig "aus der Zeit gefallen. Und alle Versuche, sie noch an die Gegenwart zu koppeln, mithilfe der Politik, verfangen nicht wirklich. Klischees blitzen auf und auch ein bisschen von der klassischen linken Selbstgerechtigkeit - das lyrische Ich der Songs hat die Welt verstanden, nur der Rest halt noch nicht, schade. Allerdings: Altbacken ist Rock 'n' Roll nun auch schon seit 30 Jahren, Punk ist unangenehm untot, und wer seine Existenzberechtigung einzig und allein aus der Körperpolitik des House zieht, sollte das bitte auch hinterfragen." Fazit: "Ein schönes Album, ein leises Ding, und selbstverständlich ist das Werk zur 'CD des Monats der Liederbestenliste' gewählt worden. Ja, kann man machen."

Weitere Artikel: Julian Weber berichtet in der taz, dass dem Berliner Klangkünstler Nik Nowak beim Interview im Online-Radio der Red Bull Music Academy der Saft abgedreht wurde, als er auf die Flirts mit dem Rechtspopulismus des Red-Bull-Unternehmers Dietrich Mateschitz zu sprechen kam (mehr zu diesen Auseinandersetzungen hier). Beim Zürcher Unerhört-Festival lässt sich die "Emanzipation des Schlagzeugs" beobachten, schreibt Christoph Wagner in der NZZ. Für den Tagesspiegel hat sich Frederik Hanssen mit dem Komponisten Klaus Wüsthoff getroffen. Im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard erinnert Karl Fluch an Tony Joe White, der bereits Ende Oktober verstorben ist, sich seit den 60ern um die Southern Music verdient machte und später für Tina Turner Musik schrieb.



Besprochen werden der Berliner Auftritt von Kylie Minogue (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), ein Konzert des Jazztrompeters Avishai Cohen (Tagesspiegel), das Comeback-Album der Smashing Pumpkins (Tagesspiegel), ein Konzert des Pianisten Piotr Anderszewski mit Bach und Beethoven (Tagesspiegel), der Dokumentarfilm "Matangi - Maya - M.I.A." (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das Album "Magnetic Memory" des New Yorker Rappers Hprizm, das laut SZ-Kritiker Jens-Christian Rabe "grandios ambitioniert zusammengepuzzelten rauen Indie-Rap" bietet: Nachlässiges Genuschel wie im Trap gibt's nicht, hier wird die Welt noch ganz easy messerscharf seziert." Wir hören rein:

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