Efeu - Die Kulturrundschau

Die Gewalt der Oberfläche

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.10.2018. Die Filmkritiker sehen mit Tränen in den Augen "Ex Libris", Frederick Wisemans Doku über die New York Public Library: Hier kann man noch einmal das Bildungsideal der Gründerväter bewundern. Die Welt lernt in der Wilhelm-Kuhnert-Ausstellung "König der Tiere": Wer ein Zebra malen will, muss es schießen. Die Zeit amüsiert sich prächtig mit neuer Musik und altem Publikum in Donaueschingen, die FAZ konstatiert ebendort entsetzt mit Adorno eine "Verfransung" der Sphären.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2018 finden Sie hier

Film

Demokratisch zusammenleben: Frederick Wisemans "Ex Libris"

Die Kritik geht auf die Knie vor Frederick Wisemans "Ex Libris", einem seiner luxuriös ausufernden Dreieinhalb-Stunden-Filme, in dessen Mittelpunkt diesmal die New York Public Library steht - wie immer bei Wiseman unkommentiert, dafür präzise und intim beobachtet und mit Bedacht geschnitten. Das ist "einer seiner schönsten Filme", schwärmt Andreas Busche im Tagesspiegel, der insbesondere auch das Gebäude selbst für großartig hält: "Der Repräsentationsbau verkörpert das Bildungsideal der Gründerväter. Ein Ideal, das angesichts gesellschaftlicher und politischer Umbrüche immer wieder neu verhandelt und verteidigt werden muss. ... Mitunter sieht es so aus, als übernehme die New York Public Library all die Aufgaben, von denen der Staat sich langsam zurückzieht. Kundenbetreuung ohne Callcenter-Mentalität. Staunend sieht man dabei zu, wie ein Telefonist am Helpdesk freundlich erklärt, dass Bücher über Einhörner nicht in der Sachbuchabteilung zu finden sind, sondern unter Fantasyliteratur." Für tazler Fabian Tietke passt dieser Film gut in Wisemans jüngeren Werkzusammenhang: Denn "seit den 2000er Jahren verdichten sich seine Filme aus den USA zu reflektierten Krisenanalysen und Kosmologien des Alltags, die sich dem Drang zu medialen Schnellschüssen erfolgreich entziehen." Und schlussendlich ist "Ex Libris" auch "mehr als das Porträt einer Bibliothek, es ist ein Film über die Voraussetzungen demokratischen Zusammenlebens." Insbesondere auch deshalb wirkt der noch vor Trumps Wahlerfolg entstandene Film "heute wie ein politisches Statement", sagt Martina Knoben in der SZ.

Ergraut, aber immerhin nicht vergammelt: Jamie Lee Curtis einmal mehr in einem "Halloween"-Film

"Wie doch die Zeit vergeht, wie wir alle älter werden und vergammeln", seufzt Tobias Kniebe unterwältigt in der SZ, nachdem er David Gordon Greens ebenfalls schlicht "Halloween" genanntes (und alle bisherigen Sequels für annuliert erklärendes) Sequel zu John Carpenters Horrorklassiker "Halloween" gesehen hat: Reichlich öde und fast beklemmend findet er, wie der zugrunde liegende, von Carpenter bewusst simpel und gerade dadurch effektiv verarbeitete Stoff offenbar ad nauseam durch die Popkultur irrlichtern wird und Jamie Lee Curtis einmal mehr gegen den maskierten Killer antreten muss. Auch NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier packt das große Gähnen. Perlentaucher Karsten Munt sah zwar "feines Zitathandwerk", doch "der ständige Abgleich mit der Vergangenheit wird zum Betablocker für jeden Reiz, den der Film zu produzieren versucht." Im Neuen Deutschland kann Benjamin Moldenhauer es dem Drehbuch nicht verzeihen, Jamie Lee Curtis zu sehr in die Ecke gestellt zu haben. Immerhin solide fand FAZ-Kritiker Bert Rebhandl das Slasher-Sequel.

Authentisch kadriert: Eva Hillers "Unsichtbare Tage"

Im Blog der Eskalierenden Träume schreibt Sano Cestnik in epischer Ausführlichkeit über Eva Hillers 1991 entstandenen Essayfilm "Unsichtbare Tage oder Die Legende von den weißen Krokodilen", der sich in urbane Randzonen wie etwa die Kanalisation vorwagt. Kommendes Wochenende ist der Film in Frankfurt zu sehen: Thomas Mauchs "Kamerablick changiert immer wieder zwischen Präzision der Kadrierung und Authentizität des Augenblicks, zwischen Traveling shot und Momentaufnahme, um vor allem die materielle Präsenz der Dinge hervorzuheben, die Gewalt der Oberfläche. Brutal könnte man Kamera und Montage nennen, unbarmherzig, gnadenlos, denn die Härte des Gezeigten wird durch die Inszenierung nicht aufgehoben. Formal werden die Prozesse teilweise nachvollzogen, jedoch ohne ihnen einen konkreten Raum zuzuweisen. Unmittelbarkeit, Gleichzeitigkeit, Virtualität. "

Weitere Artikel: Toby Ashraf spricht in der taz mit Christophe Honoré anlässlich dessen (im Perlentaucher von Michael Kienzl besprochenen) Films "Sorry Angel" über Aids-Aktivismus und die Darstellung Homosexueller im Film. Thomas Groh empfiehlt in der taz eine dem Kameramann Wolf Wirth gewidmete Werkschau im Berliner Zeughauskino. Außerdem empfiehlt Julia Wasenmüller in der taz Albertina Carris "Las Hijas del Fuego", der beim Berliner Pornfilmfestival zu sehen ist. In einem schwelgerisch-persönlichen Rückblick auf kino-zeit.de würdigt der Filmemacher Paul Poet Christoph Schlingensief, der gestern seinen 58. Geburtstag gefeiert hätte. Friederika Grantz gratuliert in der taz den Nordischen Filmtagen in Lübeck zum 60-jährigen Bestehen.

Besprochen werden Ciro Guerras und Cristina Gallegos Gangsterfilm "Pájaros de verano" (NZZ), Ziad Doueiris Politdrama "Der Affront" (Tagesspiegel), Pedro Pinhos "A Fábrica de Nada" (online nachgereicht von der FAZ, unsere Kritik hier) und die Verfilmung "Wolkenbruch" nach einem Roman von Thomas Meyer (NZZ).
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Architektur

Brigitte Werneburg war für die taz auf einer PK des Bauhauses, das sein Programm für die 100-Jahr-Feier vorstellte: Was den abgesagten Auftritt von Feine Sahne Fischfilet betrifft, war es "reine Zeitverschwendung", das Jubiläumsprogrammm soll allerdings "leicht mit der Überwältigungsstrategie des Luther-Jahres konkurrieren" können.

Besprochen wird die Ausstellung "Roland Rainer. (Un)Umstritten" im Architekturzentrum Wien (SZ).
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Stichwörter: Bauhaus

Kunst

Wilhelm Kuhnert, Zebra, ohne Datum, Foto: Jens Weyers


Die Frankfurter Schirn zeigt in der Ausstellung "König der Tiere" das Werk des - als Sammlerkunst sehr teuren - Malers, Großwildjägers und Soldaten Wilhelm Kuhnert. Der kommt einem heute vor wie die Karikatur eines weißen Kolonialisten, erklärt Boris Pofalla in der Welt, aber aus den Tagebüchern Kuhnerts lernt man einiges darüber, wie die Kunst unser Bild von Afrika prägte und die Bilder haben es in sich, meint er: "Im Feld fertigt Kuhnert Tausende Zeichnungen und Ölskizzen, die von einer umwerfenden Lebendigkeit und Lebensnähe sind - und die verraten, was ein Künstler tun muss, um ein Nashorn oder ein Zebra in freier Wildbahn aus nächster Nähe zu skizzieren: Er muss es erschießen. Ein wie ein nasser Sack mit Ohren auf den Boden geplumpsten Elefant, ein auf der Seite im Gras liegendes Zebra, dessen Vorderhuf über dem Savannenboden schwebt - Kuhnert studiert die Beute, er seziert auch. Beides war üblich in seiner Zunft. Auf der Skizze von 1911 sieht man die ornamentale Rückenzeichnung des Huftiers, am Horizont hat Kuhnert ein paar Bäume festgehalten, das Gras nur mit ein paar Kritzeln sparsam angedeutet. Trotzdem meint man, die ganze Wiese zu sehen. Und deshalb springt einen das Blatt förmlich an, mehr als eine Fotografie es könnte, die sich doch nur in Details ergeht. Kuhnert fängt die physische Präsenz des Tiers auch als Kadaver noch ein."

Die Kuratoren, erklärt Rose-Maria Gropp in der FAZ, haben gerade den Skizzen "viel Raum gegeben. Sie sind von umwerfender Qualität und zeigen, dass für den Künstler die Strecke von genauester Wahrnehmung, akribischer Wiedergabe hin zu völlig freier Anverwandlung an der Grenze der Abstraktion bloß ein Katzensprung war. Die ungewöhnliche Ausstellungsarchitektur ordnet, vor steppensandbraunen Wänden, vertikale Strukturen aus unbearbeitetem Sperrholz mit Blickachsen zwischen den oft großformatigen Gemälden an. Das erinnert an die typische Form der Kraale im Süden Afrikas - und an die Beschaffenheit von Transportkisten."

Für FR-Kritikerin Sandra Danicke rettet das gar nichts. Erklärungen und Ausstellungsarchitektur helfen ihr nicht, "dem Muff, der Biederkeit und dem unangenehmen Gefühl zu entkommen, das sich einstellt, wenn Themen wie Großwildjagd und Kolonialismus sich mit Sammelbildchen-Ästhetik paaren (tatsächlich hat Kuhnert Sammelkarten für Stollwerk produziert)".

Besprochen werden eine Ausstellung der Asiatica-Sammlung des Bad Homburger Unternehmers Werner Reimers im MAK in Frankfurt (FR), eine Klimt-Schau in der Moritzburg in Halle (die FAZ hat die Besprechung online nachgereicht), die Schau "68. Pop und Protest" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (SZ), die Ausstellung "René Daniëls. Fragments of an Unfinished Novel" im Wiels Zentrum für zeitgenössische Kunst in Brüssel (FAZ) und die Ausstellung "Florenz und seine Maler. Von Giotto bis Leonardo da Vinci" in der Alten Pinakothek in München (Zeit).
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Literatur

Selbst in Irland war die gerade mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnete, irische Autorin Anna Burns bislang kaum ein Begriff, geschweige denn in Deutschland. Tazler Ralf Sotscheck hat sich ihren Roman "Milkman", der camoufliert, aber erkennbar von den Konflikten rund um Nordirland handelt, daher binnen kurzem zu Gemüte geführt - keine leichte Aufgabe, verrät er: "Es ist keine einfache Lektüre, sowohl vom Inhalt als auch vom Stil her. Die Erzählung ist im Sprachduktus Nordirlands gehalten, es gibt fast keine Absätze, die Protagonisten haben keine Namen. 'Das Buch funktioniert nicht mit Namen', sagt Burns. 'Anfangs habe ich es ein paarmal mit Namen versucht, aber die Erzählung wurde dadurch schwer und leblos. Deshalb habe ich sie wieder herausgenommen.'"

Weitere Artikel: Gunda Bartels hat sich für den Tagesspiegel mit Ex-Titanic-Redakteur, Chinakenner und Romandebütant Christian Y. Schmidt zum Kaffeeklatsch im Volkspark Friedrichshain getroffen. Im FR-Gespräch verrät der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder Stefan Brändle unter anderem, warum er sich das Blut hat lasern lassen. Auf Tell-Review unterzieht Sieglinde Geisel María Cecilia Barbettas "Nachtleuten" dem Page-99-Test, den sie diesmal in der "Querbeet"-Variante über die "stilistischen Auffälligkeiten" des ganzen Buches ausdehnt. Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Friedmar Apel.

Besprochen werden unter anderem Elias Canettis Briefband "Ich erwarte von Ihnen viel" (Tagesspiegel), die Neuauflage von Jörg Schröders "Siegfried" (online nachgereicht von der Welt, SZ), Judith Schalanskys Erzählband "Verzeichnis einiger Verluste" (online nachgereicht von der FAZ), Wolf Haas' "Junger Mann" (ZeitOnline), Julia von Lucadous "Die Hochhausspringerin" (NZZ), die Ausstellung "Max Frisch und das Recht" im Max-Frisch-Archiv in Zürich (NZZ) und Dima Wannous' "Die Verängstigten" (FAZ).
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Bühne

Bernd Loebe, Intendant der Frankfurter Oper, soll für die nächsten fünf Jahre die Festspiele in Erl leiten, nachdem der bisherige Leiter Gustav Kuhn, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, sich ins Kloster zurückgezogen hat, meldet Ljubisa Tosic im Standard.

Besprochen werden Sabine Hartmannshenns Inszenierung des "Siegfried" in Chemnitz (FR, nmz), Gioacchino Rossinis "Guillaume Tell" im Theater an der Wien (nmz) und Giuseppe Verdis "Ein Maskenball" in Bremen (nmz).
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Musik

Prächtig unterhalten hat sich Jens Jessen bei den Donaueschinger Musiktagen (mehr dazu auch im Efeu von gestern). Die Neue Musik, die er dort hörte - Malin Bångs höllisches Konzert für Reiseschreibmaschinen und Orchester, Enno Poppes terroristisches, polyphones Stück "Rundfunk", Péter Eötvös' ironische Hommage an Bernd Alois Zimmermann oder Rolf Wallins Parodie eines Klavierkonzertes - war intelligent, witzig und verspielt. Das Publikum bot dazu den denkbar größten Kontrast: "Hat da irgendjemand gelacht oder nur für Sekunden den Ausdruck äußerster Andacht aus seinem Gesicht weichen lassen? Der unerbittliche Kunsternst ist das Einschüchterungspotenzial von Donaueschingen. Es ist der Stamm von Kennern und Gralshütern der Neuen Musik, vor denen sich nicht nur die laienhaften Besucher, sondern auch die Komponisten fürchten. Professoren sitzen im Parkett, greise Kritiker, andere Komponisten, Konkurrenten, Neider, Pioniere der experimentellen Moderne mit präzisen Vorstellungen vom Erwünschten. Die Szene hat vor fünfzig, sechzig Jahren eine Kultur des Forderns und Verbietens (keine tonalen Rückfälle, keine anekdotisch fassbaren Verläufe) entwickelt, die so schnell nicht verblasst."

FAZ-Kritiker Gerhard R. Koch litt schon beim Blick ins Programmheft: "Das Programmbuch startet mit einem 'Comic Essay' von Tine Fetz-Steve Cityhouse, in dem Avantgarde-Sonderlinge nach dem wahren Weg wie nach dem Rezept der Tonkunst suchen, geleitet von einem kahlköpfigen Philosophen, unverkennbar Adorno. An die Stelle hohen Text-Anspruchs ist flapsige Entmythologisierung getreten. Doch wie Adorno in 'Die Kunst und die Künste' konzedieren musste, dass die Immanenz ästhetischer Entwicklung nicht mehr sicher sei, die 'Verfransung' der Sphären anstünde, so wurde dies nun evident: Möglichst autonom elaborierte, authentisch realisierte Partituren sind weniger denn je das Maß aller Dinge. Politik, Archäologie, Theater, Elektronik aller Art durchzogen das Programm; die Roboter waren los." Immerhin: Malin Bangs "vier tackernde Schreibmaschinen, deren heute schier archaische Funktion das Tutti ebenso wie sparsam kalkulierte Ruhepunkte in Frage stellte", gefielen ihm auch.

Weitere Artikel: Musikerwettbewerbe wie die Honens Piano Competition stehen zunehmend unter Legitimationsdruck, schreibt Malte Hemmerich in der NZZ: "Die Profile erscheinen weichgespült, die Unterschiede marginal. Und selbst im besten Fall garantiert ein Wettbewerbsgewinn mittlerweile keine Karriere mehr."In der Zeit erklärt Lars Weisbrod, warum er die wegen eines abgesagten Konzerts in Dessau kontrovers diskutierte Punkband Feine Sahne Fischfilet samt deren Rock-Gesten für so bieder hält: "Die Band ist leider in eine Gegenwart hineingekracht, die keinen Begriff von Pop und Politik mehr hat." Andrian Kreye fragt sich in der SZ, warum Phil Cooks' von Polizeigewalt und deren Folgen handelnde Ballade "Another Mother's Son" ihm so nahegeht. Anlässlich der Veröffentlichung von Swamp Doggs neuem Album (hier dazu mehr) führt Karl Fluch im Standard kursorisch durch die Geschichte der beliebten Stimmeffekt-Software Autotune (mehr dazu auch hier in unserer Magazinrundschau). Außerdem erinnert Fluch im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard an das 1998 erschienene Album "Amsterdam Stranded" der norwegischen Rockgruppe Midnight Choir, auf dem sich mitunter "hypnotische Songs am Rande seelischer Zerwürfnisse" finden lassen.

Besprochen werden ein Verdi-Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin mit der Sängerin Sonya Yoncheva (Tagesspiegel) und das neue Album der Metalcore-Band Underoath, über deren Gebrauch des Worts "Fuck" Welt-Redakteur Dennis Sand lange philosophiert.
Archiv: Musik