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Efeu - Die Kulturrundschau

Heiser, rau und nicht eben gefällig

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02.10.2018. Sehr alt und ganz neu: Der New Yorker begeistert sich für die lauernd animierten Silhouetten des noch in die Sklaverei geborenen Bill Traylor. Die neue musikzeitung erlebt einen stürmischen, bildgewaltigen Prokofjew am Staatstheater Nürnberg. Die SZ rechnet mit der literarischen Kompetenz der Schwedischen Akademie ab. Die Musikwelt trauert um den unverzichtbaren, unverwechselbaren Charles Aznavour.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2018 finden Sie hier

Musik

Die französischen Medien haben nur ein Thema, Charles Aznavour, der im Alter von 94 Jahren gestorben ist, undd den besten titel macht wie immer Libération. Le Monde betont sein Engagement für Armenien und seine Verdienste um die offizielle Anerkennung des Genozids an den Armeniern. "Im Jahr 1975, sechzig Jahre nach dem Genozid, singt er 'Sie sind gefallen' eine Hommage auf die Opfer des Völkermords: 'Sie sind gefallen, ohne zu wissen warum/Frauen, Männer, Kinder, die nur leben wollten.' Das Lied wird zur Hymne der Diaspora. Komponist ist der amerikanische Musiker  George Garvarentz, Sohn des Dichters Kevork Garvarentz, des Autors der armenischen Nationalhymne."

Für die taz hat Jan Feddersen einen schönen Nachruf geschrieben: "Nicht dass Aznavour auch von kleinen körperlichen Ekstasen der Liebe nicht zu singen wusste, aber seine Spezialität war die abgedimmte Traurigkeit, mehr noch, das Ahnen, dass es nicht allein Wehmut ist, die peinigen wird. Seine Stimme, mit der er anfänglich nicht reüssieren konnte, die etwa Edith Piaf, die Herrscherin des französischen Chansons, grässlich fand, erwies sich dann doch als das Gold, das alle Sängerinnen und Sänger haben, die es zu etwas bringen wollen: Unverwechselbarkeit. Heiser, rau und nicht eben gefällig schön und gülden." Dass Aznavour sehr selbstverständlich auch schwule Themen in seinen Chansons aufnahm, rechnet Feddersen ihm hoch an.



"Aznavour ist unverzichtbar", schreibt Axel Veiel in der Berliner Zeitung: "Was Gérard Depardieu für den Film ist und der Eiffelturm für Paris, das ist Aznavour fürs französische Chanson." Im Tagesspiegel kommt Christian Schröder insbesondere auch auf Aznavours schauspielerisches Werk zu sprechen. Weitere Nachrufe in SZ, FR, FAZ, NMZ und auf ZeitOnline.

INA.fr, das Archiv des französischen Staatsfernsehens, spielt über Twitter eine Aufnahme seines in Frankreich berühmtesten Chansons, "La Bohème" von 1965 ein. In diesem Interview der Sendung "C à vous" auf France 5 sieht man ihn drei Tage vor seinem Tod. "Ich kann nicht tanzen, aber mit der Zeit werde ich es lernen."



Und in diesem Sketch überzeugt Aznavour Kermit und Miss Piggy von den Vorteilen der französischen Sprache:



Christine Lemke-Matwey porträtiert in der Zeit Dirigent Teodor Currentzis und kommt dabei auch auf dessen Begriff lebendigen Musizierens zu sprechen: Als solches "erachtet er: mit jeder Temporückung, jeder Dissonanz, jedem Diminuendo Fragen zu stellen, nein, infrage zu stellen. Das Ganze. Jedes Wollen, jede Tektonik. Die Selbstgewissheit der eigenen Interpretation. Und Mahlers berühmtes Wort natürlich, er wolle mit jeder Sinfonie "eine Welt aufbauen". ...  Kurios: Currentzis, der in der Musik an kein Ganzes, keine 'Welt' mehr glaubt, weil sich die Strategien des Erzählens und der Vermittlung erschöpft, ja ad absurdum geführt haben, ästhetisch wie rituell, ist einer der wenigen, die ein musikalisch Weltganzes neu zu erzeugen imstande wären."

Weitere Artikel: Im Guardian schreibt Laura Snapes ausführlich darüber, wie die schwedische Musikerin Robyn die Popmusik umkrempelt. Besprochen werden ein Mahler-Konzert der Wiener Symphoniker unter David Zinman (Standard) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine CD der norwegischen Geigerin Eldbjørg Hemsing mit Dvořák-Aufnahmen (SZ).

Archiv: Musik

Literatur

Jean-Claude Arnaults Verhaftung nimmt Thomas Steinfeld in der SZ zum Anlass, nochmal gründlich mit der Schwedischen Akademie abzurechnen - und zwar nicht auf dem moralischen, sondern auf dem literarischen Feld: Schon die Verleihung des Literaturnobelpreises an dem Komiker Dario Fo im Jahr 1997 war für ihn ein Zeichen des Niedergangs, der sich in, nach Steinfelds Ansicht zweifelhaften, Auszeichungen für Swetlana Alexijewitsch und Bob Dylan voll manifestierte. "Potenzielle Weltgeltung ersetzt in solchen Entscheidungen Weltliteratur, und statt dass der Nobelpreis die Bedeutung eines Werkes für die Weltliteratur spiegelte, schien die Akademie immer häufiger sich selbst und ihre eigene Bedeutung in ihren Entscheidungen spiegeln zu wollen. ...  Dass mehrere Mitglieder der Akademie, nämlich Anders Olsson, Horace Engdahl und Katarina Frostenson, ihre intellektuelle Sozialisation in einer poststrukturalistischen Zeitschrift namens Kris erlebten, zu deren Autoritäten Gilles Deleuze gehörte, vervollständigt nur das Bild einer Clique, die den totalen Auftritt zu ihrem eigentlichen Ziel erhob."

Das Crimemag bringt Friedrich Anis Liebeserklärung an den vor fünfzig Jahren verstorbenen Krimischriftsteller und wahren Romantiker Cornell Woolrich, die eigentlich Anis Roman "Der Narr und seine Maschine" hätte voranstehen sollen: "Wenn es dunkel ist, ist es nie ganz dunkel. Er habe, schrieb er in seiner Autobiografie, der kürzesten, die je ein Schriftsteller hinterließ, er habe nur versucht, den Tod zu betrügen und eine Zeitlang die Dunkelheit zu überwinden, die ihm seit jeher vertraut war und ihn eines Tages vom Antlitz der Erde tilgen würde. Alles, was er versucht habe, schrieb der Mann, der das Serien-Schwarz erfand, war, auf flüchtige Weise dazubleiben, nachdem er schon tot gewesen sei." Zuvor hatte auch Magnus Klaue Woolrich in der Jungle World die Ehre erwiesen (unser Resümee).

Weiteres: Die junge russische Generation entdeckt die Dichterin Anna Achmatowa wieder, schreibt Xenia Menschikowa auf ZeitOnline: "Ihre Gedichte spiegeln alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts wider, die ihr Land und ihr Volk getroffen haben." Der WDR hat die vierteilige Hörspieladaption "Der dunkle Wald" des zweiten Teils aus Cixin Lius "Trisolaris"-SF-Saga online gestellt. Besprochen werden unter anderem Günter de Bruyns "Der neunzigste Geburtstag" (SZ), Maxim Billers "Sechs Koffer" (Jungle World), Raja Alems "Sarab" (NZZ), Lewan Berdsenischwilis GULag-Erinnerungen "Heiliges Dunkel" (online nachgereicht von der FAZ) und Bora Ćosićs "Im Zustand stiller Auflösung" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus Prokofjews "Krieg und Frieden" in Nürnberg. Foto: Ludwig Olah


In der SZ erhofft sich Egbert Tholl in die Zukunft weisendes von den neuen Intendanten am Staatstheater Nürnberg Jens-Daniel Herzog und Jan Philipp Gloger: Der Anfang ist mit vier Schauspielpremieren und Prokofjews Oper "Krieg und Frieden" schon gemacht. Was den Prokofjew angeht, stimmt Juan Martin Koch in der neuen musikzeitung zu: Wie Jens-Daniel Herzog in seiner Inszenierung versucht, vier Zeitebenen auf der Bühne abzubildern, gelingt nicht immer ganz überzeugend, aber musikalisch ist die Aufführung auf jedenfall eine Wucht, lobt Koch. "Wie Prokofjew diesen Schneesturm orchestral ausmalt, zeigt das ganze Ausmaß der suggestiven Bildgewalt, zu der seine Musiksprache fähig ist und die er immer wieder überzeugend auf die Romanvorlage anwendet. Joana Mallwitz bündelt die Kollektivkräfte klug, lässt das enorm konditionsstarke Orchester kaum einmal die Sänger übertönen und hat das Ganze auch im Kontakt zur Bühne bis auf kleine Wackler im zweiten Teil bewundernswert gut im Griff. Auch die Chöre entfalten in der Einstudierung Tarmo Vaasks furchteinflößende Intensität."

Weitere Artikel: In der Welt würdigt Barbara Reitter-Welter das trotz seines Erfolgs ewig prekär lebende Münchner Metropoltheater, das jetzt nach dem Motto "20 Jahre Selbstausbeutung sind genug" finanzielle Unterstützung von der Stadt fordert. In der taz schreibt Eva Behrendt zum 25-jährigen Bestehen des Theaterkollektivs She She Pop, das seinen Geburtstag mit Aufführungen im Berliner HAU feiert.

Besprochen werden außerdem Robert Carsens Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" an der Komischen Oper Berlin (Carsen "will keine Fragen stellen  und verpasst damit die Chancen einer modernen Lektüre dieses Zeitstücks", bedauert in der taz Niklaus Hablützl, der auch Orchester und Sänger nicht auf der Höhe fand, Peter Uehling in der Berliner Zeitung und Peter P. Pachl in der nmz sind im Urteil etwas milder), drei Inszenierungen am Münchner Residenztheater - "Marat/Sade", "Die Verlobung in St. Domingo" und "Ur" ("Ästhetisch blieb bei allen drei Premieren Luft nach oben, die sich durch Feintuning noch verringern mag. Aber Martin Kušejs letztes Jahr als Intendant des Residenztheaters beginnt mit einer starken Setzung", urteilt K. Erik Franzen in der FR), Calixto Bieitos Inszenierung von Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" in Dresden (15 Minuten verdienter Premierenapplaus für den neuen Intendanten Peter Theiler und Bieito, freut sich Michael Ernst in der nmz, SZ), Richard Wagners "Meistersinger" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Giacomo Meyerbeers Oper "Hugenotten" (Regie Andreas Kriegenburger) und die Uraufführung von Michael Jarrells Oper "Bérénice" (Regie Claus Guth) in Paris (NZZ, FAZ), die Uraufführung von Jan Neumanns Stück "Aus Staub" in den Kammerspielen Frankfurt (FR), Ulrich Rasches Inszenierung der "Perser" am Schauspielhaus Frankfurt (FR) und Andres Veiels "Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!" am Deutschen Theater Berlin (FAZ).
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Archiv: Bühne

Design

Zehn Jahre lang gab es unter der Designerin Phoebe Philo bei Céline kluge und coole Mode für Frauen mit Stil, unter Hedi Slimane gibt es auch hier nur noch kurze Kleidchen, in die man sich erst hineinhungern muss, ächzt Tanja Rest erbost in der SZ von den Pariser Modeschauen. Der Akzent ist auch verschwunden: "Von Philos gefeiertem Minimalismus bleibt nichts übrig. Ausradiert, zu Staub zerfallen. Slimane hat es im Interview mit dem Figaro Tage zuvor ja selbst gesagt: 'Bei Celine wiegt die Vergangenheit nicht so schwer wie bei Dior oder Saint Laurent. Wir können uns leichter davon lösen.' Die Show in einem Wort? Gier." Statt bisher eine knappe Milliarde Umsatz hat LVMH-Chef Bernard Arnault den Investoren zwei bis drei Milliarden Umsatz versprochen.

Insbesondere für Mode-Freunde ist die BBC-Serie "Killing Eve" über eine Auftragsmörderin und eine Polizistin, die sie jagt, ein Fest, schreibt Annabelle Hirsch in der taz: Denn "nie drückte sie so viel so subtil aus wie in dieser. ... Die Frage des Stils ist in der Beziehung zwischen den beiden Frauen zentral" und ist "ganz weit weg von den eindimensionalen Bildern, die uns die männlichen Interpretationen und Vorstellungen der starken Frau uns bisher präsentiert haben. 'Killing Eve' öffnet neue Visionen von Weiblichkeit, die schonungslos und amoralisch sind."

Besprochen wird in der taz außerdem Hans-Christian Danys Bomberjacken-Buch "MA-1. Mode und Uniform".
Archiv: Design

Kunst


Bill Traylor, House, ca. 1941, Montgomery Museum of Fine Arts, Montgomery, Alabama, Gift of Charles and Eugenia Shannon (Bild links) und Red Man, ca. 1939-42, Photograph by Matt Flynn / Courtesy Smithsonian American Art Museum (Bild rechts)

Im New Yorker ist Peter Schjeldahl absolut begeistert vom Werk des afroamerikanischen Künstlers Bill Traylor, dem das Smithsonian American Art Museum in Washington, D.C. gerade eine Ausstellung widmet. Traylor wurde um 1853 in die Sklaverei geboren: "Vierundsechzig Jahre später, 1939, obdachlos auf den Straßen von Montgomery, wurde er ein außergewöhnlicher Künstler, der magnetisch schöne, dramatische und völlig originelle Zeichnungen auf gefundenen Kartonresten anfertigte. Er zeichnete und malte knackige Silhouetten von Menschen und Tieren - wild scheinende Hunde, bedrohliche Schlangen, elegante Vögel, Männer mit Zylinderhut, phantasievoll gekleidete Frauen, ekstatische Trinker - entweder einzeln oder manchmal in gewalttätiger Interaktion. Es gab auch hieratische Abstraktionen einfacher Formen - wie eine violette Ballonform über einer schwarzen Latte, eine blaue Scheibe und eine rote trapezförmige Basis -, die symmetrisch angeordnet und lauernd animiert waren. Traylors Stil hat sowohl etwas sehr Altes, wie prähistorische Höhlenmalereien, als auch etwas ganz Neues. Songartige Rhythmen, die an den Jazz und Blues der Zeit erinnern, und ein Gefühl für Größe, das sich in den Formen zeigt, die sich auf den Raum beziehen, in dem sie sich befinden, verleihen selbst den kleinsten Bildern majestätische Präsenz."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Touching From A Distance" im Literaturhaus Berlin (Berliner Zeitung) und die Ausstellung zweier frisch renovierter antiker Boxerskulpturen im Frankfurter Liebieghaus (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Leander F. Badura porträtiert im Freitag den Schauspieler Tom Schilling, der in Florian Henckel von Donnersmarcks (heute in der SZ von Tobias Kniebe besprochenem) "Werk ohne Autor" die Hauptrolle spielt. Jenny Jecke schreibt im Gaffer-Blog über eine Einstellung in Marcel L'Herbiers "Le Bonheur" von 1934, die eine "widerborstige Seltsamkeit preisgibt." In der Newfilmkritik-Reihe über Filme aus den 50ern befasst sich Werner Sudendorf mit Erich Engels auf Youtube stehendem "Die Stimme des Anderen" von 1952.

Außerdem traurige Nachricht aus Italien: Der Filmmusik-Komponist Stelvio Cipriani ist gestorben - neben Ennio Morricone einer jener Komponisten, die die klangliche Textur des italienischen Kinos mit am meisten prägten. Insbesondere der Italo-Thriller hat ihm einiges zu verdanken:

Archiv: Film