Efeu - Die Kulturrundschau

Hier flammt kurz Wut auf

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14.02.2018. In der FAZ fürchtet Horst Bredekamp den Opportunismus von Künstlern, die Museen säubern, um den Zeitgeist zu bedienen. Das ZeitMagazin will nicht mehr jugendlich sein, sondern so lässig wie Frauen, die im  Reformhaus einkaufen. Die taz erkundet in der ifa-Galerie die Phänomenologie aufgebrachter Menschenmengen. Einhellig gefeiert wird Guillermo del Toros Film "The Shape of Water". Vergeblich suchen die Feuilltons jedoch nach dem subersiven Funken im Superhelden-Blockbuster "Black Panther".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2018 finden Sie hier

Kunst

Nur im Absolutismus steht der Künstler über dem Recht, nur im Totalitarismus muss sein Werk Zeugnis moralischer Makellosigkeit sein, umreißt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp im FAZ-Interview mit Stefan Trinks die Pole der #MeToo-Debatte. Die Verbindung von Macht und sexueller Bedrängung ist verwerflich, meint er zudem, aber auch der Säuberungsfuror in den Museen: "Es handelt sich um einen peinlichen Opportunismus von Künstlern gegenüber einem Zeitgeist, der im Bewusstsein einer ahistorischen und dadurch höchst selbstgerechten Ethik die Geschichte nach dem eigenen Maßstab zu säubern versucht. Dasselbe geschieht heute in Fragen der Militärgeschichte und der Kolonialherrschaft, bei denen in merkwürdiger Eindimensionalität alle anderen Aspekte ausgeblendet werden. Uns trennt nurmehr eine papierdünne Wand vor dem, was die 'Entartete Kunst' und der gedankliche Rahmen der Säuberung einmal fabriziert haben."


Alicja Kwade LinienLand, 2018, Rendering-Ansicht, Courtesy die Künstlerin, KÖNIG GALERIE, Berlin / London, 303 GALLERY, New York, kamel mennour, Paris / London

Beim Besuch von "LinienLand", einer Installation der deutsch-polnischen Künstlerin Alicja Kwade im Zürcher Haus Konstruktiv, fühlt NZZ-Kritiker Thomas Ribi den Boden unter seinen Füßen ganz schön wanken: "Eine begehbare Struktur aus rechteckigen Stahlgittern, in der siebzehn massive Steinkugeln schweben: kleine, knapp neunzig Kilogramm schwer, große, gut drei Tonnen schwer. Natursteine aus allen Kontinenten, zum Teil Millionen Jahre alt. Ein Sonnensystem, das weitab von unserem sein einsames Dasein fristet? Paralleluniversen, die cool nebeneinanderher existieren? Vielleicht ganz nah bei uns? Wie auch immer: Die tonnenschweren Steinkugeln sind fest in der Stahlkonstruktion befestigt. Man kann gefahrlos unter ihnen durchgehen. Das wäre immerhin fast so etwas wie eine Gewissheit."


Liverpool im Juli 1981: John Akomfrah: Riot (Filmstill), 1999, © Smoking Dogs Films, courtesy: Lisson Gallery

Erstklassig kuratiert nennt taz-Kritiker Ingo Arend die Schau "Riots", die in der Berliner ifa-Galerie eine Phänomenologie aufgebrachter Menschnemengen unternimmt: "Das reicht von aufsehenerregenden Aufständen wie auf dem Kairoer Tahrirplatz, wie sie die kuwaitische Künstlerin Ala Younis in ihren Videocollagen zeichnet. Über die Bombay Riots 1992/93, die das indische Künstlerkollektiv Sahmat mit Installationen und Büchern thematisiert. Bis zu den legendären "Watts-Riots" in Los Angeles 1965, deren Black-Panther-Anführern der Künstler Daniel Joseph Martinez eine Statue aus Carraramarmor gewidmet hat."

Weitere Artikel: In der "Heimat"-Serie der SZ zeichnet Catrin Lorch nach, wie sich die Museen gewandelt haben, von Schaukästen städtisch-bürgerlichen Selbstbewusstseins hin zu Häusern, in denen High Professionals den Ansprüchen der globalisierten Elite der Stadt entsprechen. Im Guardian widmet Jonathan Jones der Performance-Künstlerin Marina Abramovic änlässlich einer neuen Ausstellung in New York ein großes Porträt. In der SZ meldet Thomas Steinfeld Proteststürme gegen die Idee des Ägyptischen Museums in Turin, arabische Paare nur den halben Eintritt zahlen zu lassen. 

Besprochen werden eine Schau des britischen PopArt-Künstlers Eduardo Paolozzi in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel) und noch einmal die hervorragende Schau "Tiere" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (Welt).
Archiv: Kunst

Film


Allegorie auf den Konflikt zwischen Martin Luther King und Malcolm X: Szene aus Ryan Cooglers "Black Panther" (Bild: Disney)

Über Ryan Cooglers "Black Panther", den neuen Marvel-Superheldenfilm, in dem nicht nur der gleichnamige afrikanische Superheld seinen ersten Leinwand-Auftritt hat, sondern der auch von einem weitgehend schwarzen Cast bestritten wird, werden sich die Filmkritiker so schnell nicht einig. Völlig umgehauen ist Andreas Busche im Tagesspiegel: Der Film, der in einem fiktiven afrikanischen Staat spielt, der technologisch gesehen einen Vorsprung von mehreren Jahrhunderten gegenüber dem Rest der Welt aufweist, sich nach außen aber als Dritte-Welt-Land tarnt, sei das notwendige Korrektiv zum Trump'schen Zeitgeist, meint er. Zudem zeichne der Film den Konflikt zwischen den Positionen von Martin Luther King und Malcolm X allegorisch nach: "Die Revolution findet nicht im Fernsehen statt. Sondern im Multiplex."

Das sehen einige Kritiker anders. taz-Kritiker Michael Meyms attestiert dem Film, ein wenig "progressives Afrikabild" und zudem eine "verquere Ideologie". Gar von "Appeasement-Politik" spricht da Michael Pekler im Standard. Und Marietta Steinhart konstatiert auf ZeitOnline: "Dieser Panther brüllt nicht, er schnurrt." Und Fritz Göttler beobachtet in der SZ: "Man spürt die Befriedigung, den Stolz, dass ein solcher Film entstanden ist in Hollywood, mit diesem Millionenbudget, mit fast ausschließlich schwarzen Akteuren. Schwarz ist endlich angekommen im Blockbuster-Mainstream", doch "subversive Momente sind dem Film fast völlig ausgetrieben."


Szene aus Guillermo del Toros "Shape of Water" (Bild: 20th Century Fox)

Ein absoluter Konsensfilm ist demgegenüber Guillermo del Toros "The Shape of Water", in dem der mexikanische Regisseur eine Liebegesschichte in den frühen 60ern zwischen einer stummen Frau und einem von CIA und Wissenschaft drangsalierten Sumpfmonster erzählt, das der "Creature from the Black Lagoon" nachempfunden ist. In der taz freut sich Barbara Schweizerhof über diesen "cineastischen Frankenstein, zusammengenäht aus totgeglaubten Kinoversatzstücken und wiederbelebt vom Projektorlicht: ein nostalgischer 50er-Jahre-Horrorfilm verschweißt mit einem melancholischen Liebesdrama, einem fantastischen Märchen und einem Kalter-Krieg-Spionage-Thriller."

Auch Dietmar Dath, Spezialist der FAZ für alles, was mit Phantastik zu tun hat, ist außer sich vor Glück: "Eine teils lustige, teils gruslige, liebevoll mit Zeitdekor aus der härtesten Knirschphase des Kalten Krieges dekorierte Phantastikedelschnulze." Weitere Besprechungen auf Kino-Zeit, in der Berliner Zeitung und bei Spiegel Online. Für die Welt hat sich Hanns-Georg Rodek mit dem Regisseur unterhalten.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat einiges zu tun mit der Aufarbeitung des Nachlasses von Leni Riefenstrahl, nachdem 700 Umzugskisten von ihrer ehemaligen Sekretärin an die Stiftung übergeben wurden, schreibt Marcus Woeller in der Welt: "Es ist eine gute Nachricht, dass der Nachlass nicht als vergiftetes Geschenk abgelehnt, sondern als Hinterlassenschaft einer Person der Zeitgeschichte angenommen wurde. Leni Riefenstahl ist unbestritten eine umfassende Künstlerin ihrer Zeit, aber auch eine der wirkungsvollsten Helferinnen des Nationalsozialismus gewesen. Der Nachlass bleibt nun in einer Hand, gerät nicht auf den schwunghaften Markt der NS-Devotionalien und kann Forschern zur Verfügung gestellt werden."

Weitere Artikel: Besprochen werden die Netflix-Serie "Altered Carbon" (taz) und Steven Soderberghs experimentelle HBO-Miniserie und App "Mosaic" (NZZ).
Archiv: Film

Design

Lasst uns doch in Ruhe mit Eurem Jugendkult, ruft die - junge - Autorin Claire Beermann im ZeitMagazin ihrem Publikum zu: Viele junge Frauen in ihren frühen Zwanzigern hätten nämlich überhaupt keine Lust darauf, sich in den Augen ihrer älteren Zeitgenossen altersgemäß zu verhalten. Was sich auch in der Mode widerspiegelt: "19-jährige Models führen Kleider vor, die nicht mehr sexy und frech aussehen, sondern eher wie das, was Frauen tragen, die im Reformhaus einkaufen und in den Töpferkurs gehen. ... Jungen Frauen geht es dabei nicht darum, besonders erwachsen oder seriös auszusehen. Es ist eher die lässige Attitüde, die sie sich von reiferen Frauen abschauen und mit der sie sich von einem Gebot befreien, das sich in der Mode so gut gehalten hat wie kaum ein anderes: dem der Jugend."
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Archiv: Design
Stichwörter: Jugend, Mode

Bühne

So richtig auf die Barrikaden gerufen fühlt sich Annette Walter in der taz nicht von dem Themenabend zu 1968, mit dem die Münchner Kammerspiele den revolutionären Geist reanimieren wollen. Peter Weiss, Frantz Fanon, gut und schön, richtig beeindruckend fand sie einzig das Stück des deutsch-polnischen Regisseurs Wojtek Klemm: "Er befasst sich mit dem polnischen Widerstand anhand der Selbstverbrennungen zweier Männer: Piotr S., der sich im Oktober 2017 auf diese Weise tötete, um gegen die rechtskonservative Regierung in Warschau zu protestieren, und Richard S., der das Gleiche nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 getan hatte. Das Duo Stefan Merki und Gro Swantje Kohlhof ringt in dieser Episode körperlich-verbal miteinander. Auf sein heroisches 'Ich protestiere gegen die Vernichtung der unabhängigen Justiz', lästert sie: 'Passt so eine romantische Geste in unserer Zeit?'. Wenn am Ende auf der großformatigen Videoleinwand ein brennender Körper auftaucht, lässt das schaudern. Hier flammt kurz Wut auf über die Verhältnisse."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker zum Tod des Bühnenbildners und Theatererneuerers Wilfried Minks, in der Berliner Zeitung Dirk Pilz.

Besprochen werden Ersan Mondtags "Internat" am Theater Dortmund (SZ) und Kristo Šagors Adaption von John von Düffels "Klassenbuch" am Deutschen Theater (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Für die taz porträtiert Knut Henkel den Müllmann José Alberto Gutiérrez, der im kolumbianischen Bogotá Bücher aus dem Müll rettet, um sie armen Familien zugänglich zu machen - rund 30.000 Bücher haben sich auf diese Weise mittlerweile angesammelt.

Besprochen werden die Hörspielversion von Cixin Lius Science-Fiction-Roman "Die drei Sonnen" (Berliner Zeitung, hier alle Teile in der WDR-Mediathek), Joshua Cohens "Buch der Zahlen" (Tagesspiegel), Christian Steinbachers "Gräser im Wind. Ein Abgleich" (Standard), Ulrich Alexander Boschwitz' "Der Reisende" (SZ) und eine neue Prachtausgabe von Ovids "Liebeskunst" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Barbara Volkwein führt in der NMZ durch die Welt des Klassik-Streamings, in der sich neben Platzhirsch Spotify mit Fidelio, takt1 oder Idagio mittlerweile eine Vielzahl spezialisierter Angebote tummelt. Insbesondere letzterer Anbieter bietet viel fürs Geld, erfahren wir: Idagios "äußerst umfangreicher Musikkatalog ist ein Gewinn für den Klassikfan, für Einsteiger sind es die kuratierten Listen, die sich aus wirklich guten Einspielungen speisen und nicht aus einem Mix schlechter Orchester/Interpreten, wie es früher so oft bei Samplern der Fall war: Über eine halbe Millionen Klassiktitel sind im Programm, wöchentlich kommen 15.000 Titel hinzu. Über dieses Portal findet man zudem noch hochwertige Nischenmusik, die ansonsten verschwunden wäre." Den Berliner Perlentaucher-Lesern wollen wir bei dieser Gelegenheit noch ergänzend mitteilen, dass sich mit einem Ausweis der Öffentlichen Bibliotheken Berlins auch die umfangreiche Naxos-Library mit über 100.000 Klassik-CDs online gratis nutzen lässt.

Außerdem: Frank Schäfer erinnert in der NZZ daran, wie Jimmy Page vor 50 Jahren den Hardrock erfand. In der SZ-Popkolumne kommt Annette Scheffel unter anderem auf Neues von Will Toledo und David Byrne zu sprechen. Mladen Gladic hat für den Freitag notiert, wie sich die beiden Musiker Andi Toma und Jan St. Werner von Mouse on Mars an die Zusammenarbeit mit dem kürzlich verstorbenen Fall-Sänger Mark E. Smith erinnern. Reinhard Kager berichtet in der FAZ von den Festlichen Tagen Alter Musik in Wien, wo insbesondere die Arbeiten von Karl Schiske Eindruck auf ihn machten. Justin Quirk verteidigt bei The Quietus Glam Metal. Auf Skug schreibt Frank Jödicke zum Tod des Grateful-Dead-Texters John Perry Barlow.

Besprochen werden Maurizio Pollinis Konzert in der Tonhalle Maag (NZZ), ein Pisse-Konzert (taz), ein Bruckner-Abend des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati und Karen Cargill (Tagesspiegel) und ein Konzert von Jonas Kaufmann, Diana Damrau und Helmut Deutsch (Standard).
Archiv: Musik

Architektur


Wohnanlage wagnisART, München bogevischs buero in ARGE mit SHAG Schindler Hable Architekten Foto: Julia Knop

Im Tagesspiegel meldet Bernhard Schulz, dass der DAM Preis für Architektur in Deutschland an das Münchner Wohnprojekt "WagnisArt" im nördlichen Schwabing geht: "Die Anlage, die die Arbeitsgemeinschaft Bogevischs Buero und SHAG Schindler Halbe Architekten entworfen hat, versammelt 138 Wohnungen in fünf durch Brücken verbundenen Häusern auf unregelmäßigen Grundrissen, die ein zugleich geschütztes wie offenes Ensemble bilden. Ein 'großes Stadttheater', so die Architekten - zu sagenhaften Mietpreisen von 5,50 Euro pro Quadratmeter bei Sozialbindung bis zu 13 Euro für den freien Markt."
Archiv: Architektur
Stichwörter: DAM Architekturpreis