Efeu - Die Kulturrundschau

Abhängen? Sicher nicht

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15.02.2018. Heute abend eröffnet die Berlinale und die Kritiker sind schon prächtig am Streiten: Zuviel Filme? Zu wenig Zukunft? Berliner Zeitung, taz, Tagesspiegel, NZZ, SZ und Perlentaucher vermissen eine echte Einladung zum Diskurs. Die Zeit wirft dagegen den Kritikern Herrschaftsfantasien vor. In der FAZ möchte Regisseur Christian Petzold lieber über die Nachfolge von Berlinale-Chef Dieter Kosslick reden als über Dieter Kosslick. Außerdem: Der Standard ist froh, dass Man Ray in Paris die Malerei aufgab. Auf Zeit online erzählt der israelische Choreograf Nir de Volff, wie seine israelisch-deutsche Hybrid-Tanztheater-Sprache syrische Tänzer in Bewegung setzte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2018 finden Sie hier

Film


Filmstill aus Wes Andersons "Isle of Dogs"

Heute abend eröffnet Wes Andersons Animationsfilm "Isle of Dog" die zuletzt stark kritisierte Berlinale. In der Zeit bescheinigt heute Jens Jessen den Kritikern an der Überfülle des Programms "autoritären Kleinstadtcharakter" und "Herrschaftsfantasien": "Es gibt das eine Thema nie, und es gibt vor allem das eine beherrschende Milieu nicht, welches ein solches Thema diktieren könnte", schreibt er. "Das ist eine recht schräge Auffassung für einen Zeitungsredakteur", meint dazu Anja Seeliger im Perlentaucher, "der selbst nichts anderes tut als Themen zu suchen, die er für relevant hält, kurz: zu kuratieren. Ohne diese Anstrengung ist eine Zeitung keine Zeitung und ein Festival kein Festival, sondern Haufen von Material. Das kann man auch schön finden, nur Debatte findet dann nicht mehr statt. Aber vielleicht ist das auch gerade der Punkt?"

Harry Nutt (Berliner Zeitung), Tim Caspar Boehme (taz), Christiane Peitz (Tagesspiegel), Susanne Ostwald (NZZ) sowie Tobias Kniebe und David Steinitz (SZ) skizzieren ihrerseits mit Überblicksartikeln die Kontexte der aktuellen Debatten, die über diesem Festivaljahrgang liegen. Die beiden Letzeren stellen unter anderem fest, was dem Festival "von Jahr zu Jahr mehr fehlt", nämlich "eine echte Einladung zum Diskurs. Also klare ästhetische Positionen der Festivalmacher, die vielleicht auch mal provozierend sind, die sich an bestimmte Filme knüpfen, die dann auch benannt werden." Solche Debatten finden im übrigen seit wenigen Jahren jeden Abend sehr oft sehr ausufernd statt - allerdings in der Woche der Kritik, der von Filmkritikern veranstalteten Alternativ-Veranstaltung zum Festival, durch deren Programm Carolin Weidner in der taz führt.

Außerdem bringt die FAZ das traditionelle Berlinale-Gespräch mit den Regisseuren der deutschen Wettbewerbsbeiträge - vier deutsche Filme werden gezeigt, drei Regisseure haben sich mit Verena Lueken und Peter Körte an einen Tisch gesetzt, namentlich Emily Atef, Christian Petzold und Thomas Stuber. Unter anderem geht es um den Berlinale-Brief (mehr zur Debatte hier), in dem 80 Filmschaffende vor einigen Monaten ein transparentes Verfahren zur Regelung der Kosslick-Nachfolge gefordert haben. Die teils herbe Kritik daran - derzeit etwa im aktuellen Spiegel - weist Petzold als einer der Unterzeichner zurück: "Es hat etwas gebracht, man spricht darüber. Man überlegt sich solche Fragen wie: Was ist ein Festival eigentlich? Wofür ist es da? Und ich fand das nur wirklich bescheuert, dass das personifiziert worden ist. Der Anlass des Briefes ist ja, dass Kosslick aufhört und dass man sich überlegt, wie es weitergeht. Das als Kritik zu verstehen würde ja bedeuten, dass jeder, der eine Wohnung mietet und die Tapete des Vormieters überstreicht, Kritik am Vormieter übt."


Filmstill aus "Abwege", 1928, von G.W. Pabst

Für großes Echo sorgt die Retrospektive, die das Kino der Weimarer Republik neu zu perspektivieren verspricht. Die gezeigten Filme gehören weitgehend nicht zum Kanon, freut sich Christian Schröder im Tagesspiegel. Aber ist denn jenseits von Murnau, Lang und Caligari in diesem Kino wirklich was zu holen?  Gewiss, denn dieses Kino "ist vielfältiger, widersprüchlicher und kruder als sein Ruf. ... Sehnsucht nach Vergangenem ist in diesen Filmen zu spüren, Lebenslust und Übermut." Insbesondere "für die ersten Jahre der Epoche gelingen der Retrospektive durch neue Restaurierungen einige interessante Ergänzungen", merkt Fabian Tietke in der taz an. Im Filmdienst führt Jens Hinrichsen ausführlich durch das Programm.

Weiteres zur Berlinale: Philipp Bühler schreibt in der Berliner Zeitung über die Filme Wes Andersons, dessen neuer Animationsfilm "Isle of Dogs" das Festival heute eröffnen wird. Michael Meyns empfiehlt in der taz Josephine Deckers im Forum gezeigte Coming-of-Age-Geschichte "Madeline's Madeline". Anna Franzke porträtiert in der taz die Schauspielerin Cécile de France, die in diesem Jahr in der Jury sitzt. Heike-Melba Fendel spricht mit Anna Brüggemann über deren Kampagne #NobodysDoll, mit der die Schauspielerin ihre Kolleginnen dazu aufruft, sich am Roten Teppich nicht selbstverständlich als in Bonbon-Papier verpackte Püppchen zu präsentieren. Die critic-de-Kritiker geben Tipps für den Ticketkauf.



Abseits der Berlinale: Wenn die Filmkritik Ryan Cooglers "Black Panther" als "ersten schwarzen Superheldenfilm" bezeichnet, offenbart sich darin Geschichtsvergessenheit, ermahnt Rajko Burchardt auf Moviepilot seine Kollegen von der Zunft. Auch nervt ihn die Kriterienlosigkeit, mit der der Film hochgejazzt wird: "Eventisierung und scheinbare Diskursrelevanz haben wohl ihren Höhepunkt erreicht. Es ist eine seltsame Art der Herangehensweise an Kunst oder was für Kunst gehalten wird. Qualitätskriterium Diversität, als sei es damit schon getan. Als müsste Marvel lediglich diversifiziert statt endlich überwunden werden. Als seien Superheldenfilme nun, da sie in einem Fantasy-Afrika spielen, die Rettung des Kinos."

Sexismus in der deutschen Filmbranche? Produzent Günter Rohrbach, der schon mit Fassbinder gearbeitet hat, kann sich im Gespräch mit der Zeit daran nicht erinnern: "Natürlich gab es Situationen, in denen ich dachte, der Regisseur könnte sich, gelinde gesagt, etwas freundlicher gegenüber seinen Mitarbeitern verhalten. Dass es zwischen den emanzipatorischen Inhalten mancher Filme und der Methode ihrer Herstellung Differenzen gab, will ich nicht bestreiten." Zu einer anderen Einschätzung gelangt Schauspieler und Regisseur Sebastian Schipper im Spon-Interview, das er Hannah Pilarczyk zur Causa Wedel gegeben hat: Er beschreibt darin systematische Einschüchterungen und eine latente Kultur der Übergriffigkeit am Set. Er "erlebte, wie eine Schauspielkollegin täglich, ständig und vor allen Leuten - vor dem Take, nach dem Take - fertiggemacht wurde. Ich habe mich während des Drehs mit der Kollegin angefreundet. Sie hat mir erzählt, dass Wedel nach einer guten ersten Zusammenarbeit bei den Proben zu der 'Affäre Semmeling' aufdringlich wurde. Als sie ihn zurückwies, fing er an, ihr das Leben zur Hölle zu machen." Auf ZeitOnline fragt sich Sarah Schaschek unterdessen, was die Debatten der letzten Monate künftig für die Darstellung von Sex auf der Leinwand bedeuten.

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung spricht Harry Nutt mit Biograin Karin Wieland über den Riefenstahl-Nachlass, der in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeht. Für die Filmgazette spricht Ulrich Kriest mit Filmemacherin Angela Schanelec. Bei epdFilm lassen sich die Kritiker die Köpfe rauchen bei der Frage, was einen schlechten Film ausmacht. Für Kinozeit schreibt Patrick Holzapfel über den queeren Eisenstein. In drei Teilen (hier, hier und hier) berichtet Nicolai Bühnemann in der Filmgazette vom 17. Filmkongress des Hofbauer-Kommandos in Nürnberg, bei dem außerordentliche Raritäten aus dem Sumpfblüten-Bereich der Filmgeschichte gezeigt werden.

Besprochen werden Guillermo del Toros oscarnominiertes Horror-Märchen "The Shape of Water" (NZZ, SZ, Tagesspiegel, FR, ein Interview im Filmdienst, mehr dazu im gestrigen Efeu), Ruth Beckermanns Dokumentarfilm "Waldheims Walzer" (Standard), der ARD-Film "Aufbruch ins Ungewisse", der davon handelt, dass die Menschen aus Europa nach Afrika fliehen müssen (ZeitOnline), Lawrence Shers Roadmovie-Komödie "Wer ist Daddy?" mit Owen Wilson und Ed Helms (Standard) und Ridley Scotts "Alles Geld der Welt" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

Benjamin Moldenhauer (Jüdische Allgemeine) und Christina Horsten (Tagesspiegel) gratulieren Comic-Auteur Art Spiegelman zum 70. Geburtstag. Der BR liest aus Thomas Bernhards "Städtebeschimpfungen".

Besprochen werden unter anderem Joshua Cohens "Buch der Zahlen" (SZ), Detlev Meyers "Das Sonnenkind" (Berliner Zeitung) und Julia Schochs "Schöne Seelen und Komplizen" (FAZ).

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