Efeu - Die Kulturrundschau

Schlag in den Nacken

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23.11.2017. In der Berliner Zeitung verteidigt Philipp Ruch seine Mahnmal-Aktion im Garten neben Björn Höcke: Wir leisten Nachbarschaftshilfe. Die Feuilletons sind wenig beeindruckt. Mahn­mal-In­itia­to­rin Lea Ro­sh findet die Aktion dagegen prima. In der NZZ denkt Saša Stanišić über die Bedeutung von Herkunft nach. Der Freitag sucht einen Nachfolger für Dieter Kosslick, möglichst nicht aus der Filmförderung. Der Perlentaucher feiert Kathryn Bigelows "Detroit" als Anti-Tarantino. Zeit online wird mit Björk zum Rainer Langhans.

Kunst


"Mahnmal" vor Björn Höckes Haus. Foto: Zentrum für Politische Schönheit

Das Berliner "Zentrum für Politische Schönheit" hat im Garten neben dem Haus des thüringischen AfD-Sprechers Björn Höcke, ein kleines Holocaustmahnmal errichtet. Höcke hatte in einer Dresdner Rede das Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet. Im Interview mit der Berliner Zeitung verteidigt Philipp Ruch vom Zentrum die Aktion: "Wir bedrohen unseren Nachbarn nicht. Wir sind interessierte Mieter und Nachbarn und verschönern unseren Garten mit Kunst. Innerhalb der Bauordnung stören wir niemanden in seiner Brandstifterruhe. Ich fürchte, er muss jetzt in Kauf nehmen, dass er Nachbarn hat, die das Holocaust-Mahnmal nicht als 'Denkmal der Schande' betrachten, sondern als Versuch, sich vor Augen zu halten, was war, um zu verhindern, dass es noch einmal passiert. Wir leisten Nachbarschaftshilfe." Daneben erfährt man noch, dass das Zentrum einen"zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz" gegründet hat, der Höcke rund um die Uhr bewache: "Wir wissen, was er so getrieben hat die letzten zehn Monate. Wir wünschen uns jetzt einen Kniefall vor dem Holocaustmahnmal. Dem Original in Berlin oder diesem hier im Garten."


Ein Mitglied des "zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutzes" beobachtet Höckes Haus. Foto: Zentrum für Politische Schönheit

Dieser zweite Teil der Aktion kommt bei den Rezensenten nicht gut an. In der SZ stöhnt Andrian Kreye auf: "Ausgerechnet Björn Höcke, der in seiner Partei doch schon an den Rand gedrückt war, darf sich jetzt also als Verfolgter stilisieren - und wieder laut darüber nachdenken, ob er bei Neuwahlen nicht doch noch für den Bundestag kandidieren soll. Ein größeres politisches Geschenk als die Aktion in Bornhagen hätte ihm das Zentrum für politische Schönheit nicht machen können."

"Al­les wird in die­ser Ak­ti­on, die man sich auch als Titanic-Cover vor­stel­len könn­te, zum Ma­te­ri­al ei­ner Parodie, nicht zuletzt das Mahn­mal-Ori­gi­nal selbst", ärgert sich Kolja Reichert in der FAZ. "Um­so mehr über­rascht die Einord­nung durch Mahn­mal-In­itia­to­rin Lea Ro­sh als 'wunder­ba­re Idee' und, Ach­tung, 'herr­li­che Be­stra­fung' - wo­mit Hö­cke nun mit Recht von ei­nem Schand­mal sprechen kann, wenn auch nur vor sei­ner ei­ge­nen Haus­tür." Die taz liefert ein pro und contra von Dinah Riese und Peter Weissenburger. Für den Tagesspiegel haben Matthias Meisner und Patrick Wildermann Stimmen gesammelt, darunter die der Mitinitiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh.

Besprochen werden die Ausstellung "Bilderwahl! Reformation" im Kunsthaus Zürich (NZZ), die James-Rosenquist-Ausstellung "Eintauchen ins Bild" im Kölner Museum Ludwig (SWR, Kölner Rundschau, Rheinische Post, Welt), eine Ausstellung der Moskau­er Tret­ja­kow-Ga­le­rie mit rus­si­scher Kunst von 1917 (FAZ), die Ausstellung "Behaglich. Teppiche in indischen Miniaturmalereien" im Pergamonmuseum (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Diorama. Erfindung einer Illusion" in der Frankfurter Schirn (taz).
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Literatur

Schriftsteller Saša Stanišić erzählt in der NZZ von seinem Besuch im bosnischen Dorf Oskoruša, aus dem seine Familie stammt, wo heute aber nur noch dreizehn Menschen leben. Dort kommt er ins Nachdenken: "Ich hatte mir aus Herkunft wenig gemacht, bevor mir Gojko, dieser knorrige alte Vogel, meinen Namen auf den Gräbern in seinem Dorf gezeigt hat. Danach habe ich mir aus Herkunft etwas gemacht, und ich weiß bis heute nicht, was genau. Aber ich kriege das Nachdenken darüber nicht mehr los, und fast jeder Text ist eine Annäherung an diesen ersten Zufall unseres Lebens: irgendwo geboren zu werden von irgendwem, aber auch: dort nicht mehr sein zu können."

Besprochen werden Robert Prossers "Phantome" (Tagesspiegel), Anna Galkinas "Das neue Leben" (NZZ), Emmanuel Boves Erzählung "Was ich gesehen habe" (FAZ) und neue Bücher über Marcel Proust von Andreas Isenschmid und Matthias Zschokke (SZ). Außerdem bringt die Zeit heute noch einmal eine Literaturbeilage, die wir in den nächsten Tagen auswerten.
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Film

Unter Dieter Kosslick hat sich die Berlinale zwar in Zahlen prächtig entwickelt, doch das künstlerische Profil und Ansehen wurde arg ramponiert, schreibt Matthias Dell im Freitag. Die Aussicht darauf, dass mit Kirsten Niehuus oder Petra Müller der Chefposten abermals an Leute aus der Filmförderung gehen könnte, lässt ihn auch für die Zukunft nichts Gutes hoffen: In diesen Institutionen regiere "das Prinzip des roten Teppichs, bei dem es um die Repräsentation des Durchgesetzten geht, um das Dabeisein bei Erfolg und Berühmtheit - und nicht um die Ausprägung einer spezifischen Idee von Kino." Doch "Monika Grütters hat eine Chance. Sie zu nutzen, hieße aber zuerst, sich von der Beamtenhaftigkeit zu lösen, mit der Karrieren in der deutschen Filmverwaltung verlaufen." Weshalb Dell Christine Dollhofer vom "Crossing Europe" in Linz und den einstigen Viennale-Chef Alexander Horwath vorschlägt, der gerade als Leiter des Österreichischen Filmmuseums aus dem Amt geschieden ist.


Szene aus Kathryn Bigelows "Detroit"

Mit "Detroit" erzählt Actionveteranin Kathryn Bigelow vom "Algiers Motel Incident", bei dem rassistische Polizisten während der Unruhen '67 in Detroit eine Gruppe schwarzer Soulmusiker schikanierten. Ein wuchtiger Film, wie alle Kritiker attestieren. So wuchtig offenbar, dass sie sich ihn spürbar vom Leib halten wollen. Nur Thomas Groh ist im Perlentaucher wirklich begeistert, wie Bigelow das Thema angeht: "In den ausgiebig geschilderten Folterszenen lässt Bigelow konsequent jeden guten Ratschlag aus den Chefetagen Hollywoods hinter sich und setzt ganz - und zum Glück des Films - auf den totalen Distanzverlust. Nicht um die Lust an der Gewalt und um Nervenkitzel geht es, sondern um die Enttarnung von Gewalt und Rassismus als schäbige Handlungsweisen - Anti-Tarantino, wenn man so will."

Anke Leweke von der taz vermisst in dem Film eine eindeutige Haltung der Regisseurin. "Es mag auch Bigelows Inszenierungslust sein, die eine politische Unschärfe mit sich bringt, ihr Bestreben, Actionsequenzen aus allen erdenklichen Blickwinkeln einzukreisen. In den Motelszenen von 'Detroit' spielt sich die agile Kamera als allwissende Erzählerin auf, übergeht aber die Ohnmacht der von den Polizisten an die Wand gedrängten Schwarzen. Wann immer diese versuchen, den Blick nach links oder rechts zu wenden, bekommen sie einen Schlag in den Nacken."

Bigelow schielt wohl auf aktuelle Ereignisse wie #BlackLivesMatter mutmaßt Susanne Ostwald in der NZZ. Der Film verrät "nichts Neues über institutionellen Rassismus in den USA", kritisiert Marietta Steinhart auf ZeitOnline. In der FAZ hätte sich Verena Lueken lieber einen Dokumentarfilm zum Thema gewünscht. Im New Yorker stellt der weiße Kritiker Richard Brody die Berechtigung der weißen Regisseurin, dieses Thema zu verarbeiten, gleich ganz in Frage.


Diane Krüger und Numan Acar in Fatih Akins "Aus dem Nichts"

In Fatih Akins lose an die NSU-Mordserie angelehnten Rachethriller "Aus dem Nichts" brilliert vor allem Diane Krüger "in ihrer ersten deutschsprachigen Hauptrolle als nuancierte, kraftvolle Charakterdarstellerin", lobt Christina Tilmann in der NZZ. Dass der Film am Ende sich allzu lustvoll auf die Rachelogik seines Stoffs einlässt, war SZ-Kritiker Rainer Gansera indessen zuviel: Die dafür gewählten "luftigen, poetischen, rosafarbenen Bilder" sind "kaum auszuhalten. Eindringlich hatte Akin zuvor die verheerenden Folgen der Gewalt beschrieben, die Katja erfährt. Am Ende hat 'Aus dem Nichts' vor dieser Gewalt kapituliert." Ähnlich sieht es Perlentaucher-Kritiker Nicolai Bühnemann.

Weitere Artikel: Für die taz wirft Fabian Tietke einen Blick ins Programm des Berliner cinephilen Festivals "Around the World in 14 Films". Rajko Burchardt denkt auf kino-zeit.de über die Problematik des unbefangenen Filmesehens nach. Claudius Seidl schreibt in der FAZ zum Tod des Fassbinder-Produzenten, Schauspielers und Schriftstellers Peter Berling. Alexander Kluge hat aus diesem Grund zahlreiche gemeinsam erstellte dctp-Magazinbeiträge mit Belting online gestellt.

Besprochen werden Irene von Albertis "Der lange Sommer der Theorie" (taz), Dee Rees auf Netflix veröffentlichtes Südstaatendrama "Mudbound" (NZZ), die Ausstellung über die Geschichte der Ufa im Filmmuseum in Berlin (taz), Valerie Faris' und Jonathan Daytons "Battle of the Sexes" über das Tennismatch zwischen Billie Jean King und Bobby Riggs (taz, Tagesspiegel, Standard), die Kinoversion von Julian Rosefeldts Videoinstallation "Manifesto" mit Cate Blanchett (SZ), der Trickfilm "Paddington 2" (SZ, taz) und die von Netflix produzierte Serien-Neuauflage von Spike Lees New-Black-Cinema-Klassikers "She's Gotta Have It" (FAZ).
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Bühne

Zum frühen Tod des russischen Baritons Dmitri Hvorostovsky schreiben Ulrich Amling im Tagesspiegel, Thomas Baltensweiler in der NZZ und Wilhelm Sinkovicz in der Presse.

Hier eine kleine Hommage der Met:



Besprochen werden Do­ni­zet­tis Oper "Lu­cia di Lam­mer­moor" (FAZ, nmz), Jules Massenets Oper "Werther" im Stadttheater Klagenfurt (Standard) und die Uraufführung von Thomas Melles "Versetzung" im Deutschen Theater Berlin (taz).
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Stichwörter: Dmitri Hvorostovsky

Musik

Vagina auf der Stirn, Dildo im Schritt: Björk hat zum Leben und zum Sex zurückgefunden, verkündet Daniel Gerhardt auf ZeitOnline: Nach ihrem Herzschmerz-Album "Vulnicura" zelebriert sie auf dem neuen Album "Utopia" das animalische Treiben und Fließen. Die Musikerin "singt von Mixtapes und MP3-Empfehlungen für andere Musik-Nerds, dem Geben und Nehmen des Onlinedatings, durchtanzten Nächten und einem permanenten Herzrasen, das all das begleitet. ... Alle sind nackt und geil und spirituell erleuchtet. Mensch, Natur, Tier und Technik grooven in bisher ungekanntem Einklang voran. Wladimir Erdotrump muss draußen bleiben. Wer nicht Rainer Langhans ist, mag da schnell auf Durchzug schalten." Welt-Kritiker Felix Zwinzscher gibt sich "ätherisch wabernder Entspannung" hin.

Weiteres: Christian Schröder schreibt im Tagesspiegel über Morrissey und Xavier Naidoo, die beide seit geraumer Zeit mit rechten Ideologien flirten. Besprochen werden ein Konzert von Herbie Hancock (Tagesspiegel), ein Dvorák-Konzert des Rundfunkchors mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester unter Jakub Hrusa (Tagesspiegel), ein neues Album von U2 (FR) und die Autobiografie des Rammstein-Keyboarders Flake (FAZ).
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