Efeu - Die Kulturrundschau

Knallkörper mit Verstand

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03.08.2017. In der NZZ singt Martin R. Dean ein Liebeslied auf Marseille. Der FAZ begegnet in Matt Reeves' Film "Planet der Affen" eine virtuelle Vermenschlichung der Welt. Im Standard erzählt Elektronikpionier Klaus Schulze, wie er im Klang eine neue Jungfräulichkeit der Musik fand. Die SZ feiert den Widerspruchsgeist des Designers Ettore Sottsass.

Literatur

Marseille versinkt im Dreck und wird im Norden immer wieder von Drogenkriegen heimgesucht - dennoch hält Schriftsteller Martin R. Dean sie für eine schöne Stadt, wie er in der NZZ darlegt: "In Marseilles Schönheit steckt ein Stück Arbeit. Arbeit am Ich, auch unzumutbare Zustände in lebenserträgliche umzuwandeln. Die Schönheit Marseilles ist deswegen selten ein fertiges Abbild, weder ansehnliche Kulisse noch Hochglanzprospekt. ... In Marseille konkurrieren ethnische Schönheit- und Sauberkeitsbegriffe von Quartier zu Quartier, widersetzen sich die heterogenen (Lebens-)Stile einem geglätteten Ganzen. Kein Zufall, dass Le Corbusier seine Cité Radieuse gerade in dieser offenen Stadt entwarf, denn sie widerspricht der Verdinglichung durch einen wohlfeilen Schönheitsbegriff, widerspricht einer Ästhetik, die das Schöne kommensurabel und kommerziell verwertbar macht."

Ebenfalls in der NZZ gibt Hoo Nam Seelmann Einblick in die Nuancen des koreanischen Heimatbegriffs "Gohyang": Das Wort bezeichne "zunächst 'eine besondere emotionale Verbundenheit mit einem Landstrich'. Ein weiteres Bedeutungselement kommt hinzu, nämlich 'willkommen geheißen zu werden'. Denn dort wohnen Menschen, die einen kennen und freundlich aufnehmen."

Weiteres: Auf der Seite Drei der SZ porträtiert David Pfeifer den Schriftsteller Thomas Glavinic, der sich nach einem Zusammenbruch vor einem Dreivierteljahr aus dem intensiven Wien ins ruhige Goldegg zurückgezogen hat. Die 16-jährige Gymnasiastin Charlotte Kruppa erklärt in der FAZ, warum sie Jane Austen liest: "Mit jedem Kapitel in Austens Büchern gewinnt man ein Stück an Menschenkenntnis hinzu.

Besprochen werden Günter Grass' und Heinrich Deterings Gesprächsband "In letzter Zeit" (FR), Omar El Akkads Debüt "American War" (Freitag) und Bernd Schroeders "Warten auf Goebbels" (Tagesspiegel).
Archiv: Literatur

Film


Wer hat die Kokosnuss geklaut? Der neue "Planet der Affen"-Film übt sich in religiösem Ingrimm.

Für ZeitOnline unterhält sich Martin Schwickert mit Regisseur Matt Reeves über dessen Film aus der neugestarteten "Planet der Affen"-Reihe. Er habe sich dabei von John Fords Western inspirieren lassen, erzählt er. "Aber der Film hat nicht nur Westernelemente, sondern auch biblische Aspekte", auf die beim Perlentaucher Katrin Doerksen zu sprechen kommt: Sie sah "eine Geschichte von biblischen Ausmaßen. Hölzerne Kreuze stehen als Folterinstrumente herum, beschwören religiöse Erlöserfantasien herauf. Eine Kindstötung soll als Opfer dem höheren Zweck dienen und letztlich wird ein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt." Taz-Kritiker Dennis Vetter sah in dem Film "einen Knallkörper mit Verstand." Jan Küveler berichtet in der Welt hingegen nur von "Schmalzmusik und finsteren Mienen."

Bert Rebhandl deutet den tricktechnisch äußerst avancierten Film in der FAZ vor dem größeren Zusammenhang der fortschreitenden Digitaltechnologie, die eine "allgemeine virtuelle Vermenschlichung der Welt" begünstige: Aus den Affen blicken uns Menschen entgegen. "Es soll uns frösteln angesichts dessen, was uns da aus unserer Vergangenheit anblickt. Es soll uns aber auch warm ums Herz werden angesichts dessen, was in so einem Gesicht alles an menschlicher Regung erkennbar wird, gerade wenn die Person dahinter erst in diese Richtung unterwegs ist." Mehr zum Film in der gestrigen Kulturrundschau.

Weitere Artikel: Urs Bühler berichtet in der NZZ vom Auftakt des Filmfestivals Locarno. Andreas Hartmann empfiehlt in der taz eine dem Kameramann Robby Müller gewidmete Hommage im Berliner Kino Arsenal. Das neue britische Kino übt sich in Realitätsflucht, fällt Susanne Ostwald von der NZZ auf: Es lässt "sich nicht verleugnen, dass Großbritanniens Filmemacher (noch) kein Rezept haben, um den grundlegenden Wandel ihres Landes zu beschreiben."

Besprochen werden Petra Volpes Komödie "Die göttliche Ordnung" über den Schweizer Feminismus der 70er Jahre (SZ), Stanley Tuccis "Final Portrait" über Alberto Giacometti (taz), Alain Guiraudies Gesellschaftsdrama "Rester Vertical" (NZZ), Ed Herzogs Komödie "Grießnockerlaffäre" (SZ)  und der Animationsfilm "Emoji - Der Film"  (Tagesspiegel, taz, Welt), in dem die beliebten Gefühlssymbole aus der digitalen Kommunikationswelt zu eigenem Leben erwachen.
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Design


Links: Sottsass' Reiseschreibmaschine Valentine für Olivetti, 1969. Rechts: Zeichnungen für die Lampen Tahiti und Cavalieri, 1981

Unbedingt sehenswert! ruft Laura Weißmüller in der SZ nach dem Besuch einer Ausstellung des österreichisch-italienischen Designers Ettore Sottsass im Vitra-Design-Museum. Sottsass, der in diesem Jahr 100 geworden wäre, hatte einen Freiheitsdrang und Widerspruchsgeist, den sie heute noch vorbildlich findet: "1965 erklärte er in der Zeitschrift Domus: 'Meine Möbel sind unwichtig und unbedeutend, die Idee wäre, neue Möglichkeiten, neue Formen, neue Symbole zu erfinden: Auf Dinge zu klettern, die kurz vorm Sterben sind, um zu sehen, ob es möglich wäre, eine andere Energie, ein anderes Leben, eine andere Dynamik ins Leben der Menschen zu bringen.' Genau das macht Sottsass heute so aktuell: sein Wunsch, Produkten mehr abzuverlangen als eine vernünftige Funktion oder ein ansprechendes Äußeres. Ihm ging es um die Aussage, seine Entwürfe sah er als kritischen Kommentar zur Gegenwart." (Auch das Met Breuer in New York eröffnet am 21. Juli eine Sottsass-Ausstellung, mehr dazu bei Dezeen)

Besprochen wird Fabian Hegholz' Band über die von Schinkel gestaltete Inneneinrichtung der Wohnung Friedrich Wilhelm IV. im Berliner Schloss (Tagesspiegel).
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Archiv: Design
Stichwörter: Ettore Sottsass

Musik

Ronald Pohl vom Standard hat sich mit Elektronik- und Synthesizer-Pionier Klaus Schulze anlässlich seines 70. Geburtstags zum Gespräch zusammengesetzt. Der Musiker erklärt darin unter anderem, dass es ihm mit seinen ausufernden, flirrend-irisierenden Arbeiten um die Erforschung von Sound ging: "Klang ist für mich die Seele der Musik. Eine Melodie verschleißt sich schnell; Klang nicht. ... Ich wollte Musik machen, die man nicht kennt. An musikalischen Noten ist bloß schon alles gemacht gewesen. So habe ich mich auf den Klang, auf die Frequenzen innerhalb der Noten konzentriert. Dadurch habe ich eine neue Jungfräulichkeit der Musik erlebt. Bei mir gibt es keine Melodien, die man nachpfeifen kann, sondern Flächen, abstrakte Atmosphären." Gut nachvollziehen lässt sich das anhand eines Konzerts von 1977:



Weiteres: Die Welt überträgt zwei Schostakowitsch- und Tanejew-Konzerte aus Verbier. In der Tagesspiegel-Reihe über Sommerhits erinnert sich Helmut Schümann daran, wie er zu La Düsseldorfs "Cha Cha 2000" auf die Zukunft tanzte. Mit satten neunzehneinhalb Minuten Spielzeit zählt das Stück zu den eher etwas ausufernden Popsongs:



Besprochen werden eine Berliner Ausstellung von Fotos aus einer Session mit Iggy Pop und David Bowie (taz), eine Kollektion vier restaurierter Alben aus Brian Enos Hochphase (The Quietus) sowie aus Salzburg die Konzerte von Grigory Sokolov (FAZ) und András Schiff (SZ).
Archiv: Musik

Bühne


Szene aus Jelineks "Wut" in der Inszenierung von Maja Kleczewska. Foto: Theaterbiennale Venedig

Barbara Villiger Heilig berichtet in der nachtkritik von der Theaterbiennale Venedig, die mit der neuen Leitung von Antonio Latella in eine neue Ära tritt. "Eröffnet wird die Biennale teatro traditionell mit der Preisverleihung. Den goldenen Löwen - er zeichnet jeweils ein Lebenswerk aus - erhielt dieses Jahr Katrin Brack, deren Bühnenbilder, so Latella, immer bereits Teil der Dramaturgie seien. Brack bedankte sich mit einer Installation im Arsenale, dem Ort, wo die Theateraufführungen stattfinden: Glitzerndes Lametta, genau wie in Luk Percevals Berliner "Anatol"-Inszenierung, füllt den Eingangsbereich des hohen Raums wie ein verzauberter Winterwald, durch den die Besucher irren, und steigert im Kontrast mit dem rohen Backsteingemäuer den umwerfenden Glamour-Effekt. Der silberne Löwe, ein Nachwuchspreis für theatralische Innovation, ging an die polnische Regisseurin Maja Kleczewska, die mit Elfriede Jelineks "Wut" das Festival eröffnete."

Im Interview mit der SZ ist der Regisseur und Leiter des Moskauer Theaters Gogol-Zentrum Kirill Serebrennikow immer noch ganz verdattert, dass sein "Nurejew"-Ballett vom Bolschoi abgesetzt wurde, seine Moskauer Wohnung durchsucht und sein Pass eingezogen wurde. Aber in Russland ist eben alles unberechenbar, versucht er zu erklären: "Es existiert alles nebeneinander! Das Gogol-Zentrum wurde von Anfang an mit staatlichen Mitteln gefördert, und zwar unter Wladimir Putin! Es gibt in Russland absolut coole open spaces. Und daneben: Kafka, Verrückte, die die Kunst verfluchen und jede freie Regung auslöschen wollen. Unser Gogol-Zentrum hat das beste Publikum der Welt. In unserem Stück nach Heiner Müllers 'Hamletmaschine' sehen unsere Zuschauer Themen wie Sexualität, Tod, Freiheit, das Recht des Künstlers. Die anderen aber sehen nur die Nackten."

Weiteres: Die FR stellt Dramen der Reformationszeit vor. Besprochen werden Wim Vandekeybus' Choreografie "Mockumentary of a Contemporary Saviour" beim Impulstanz in Wien (Standard, Presse), Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" in Salzburg (eine erste Nachtkritik liefert der Standard), Wagners "Tannhäuser" in Salzburg (FAZ), Mozarts "La clemenza di Tito" in Glyndebourne (FAZ) und die Bayreuther Ausstellung "Es gibt nichts Ewiges" zur Biografie des Komponistenenkels Wieland Wagner (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Kunst

Katrin Bettina Müller erinnert sich in der taz gut an Tanz- und Theaterabende in der Ruine der Klosterkirche in Berlin Mitte, aus deren offenem Dach jetzt blaue Rohre wie Heizkörper ragen: "Was ist das? Kunst natürlich, die Skulptur 'Radiator', von dem dänisch-deutschen Künstlerduo Anna Borgman und Candy Lenk. Die beiden Bildhauer kleckern nicht, sie klotzen mit dieser Skulptur im öffentlichen Raum, aber sie tun das Große und Großspurige mit Witz und Eleganz. Man beachte nur, wie gut der 'Radiator' mit seinen zehn Metern Höhe auf die Größe des alten Mauerwerks antwortet, wie seine Bögen den hohen gotischen Fenstern ein Echo liefern und die Rundungen der Rohre den gemauerten Diensten an den alten Pfeilern entsprechen. Natürlich ist ein Heizkörper in einem Gebäude ohne Dach absurd, Verschwendung, ein Luxus. Genauso, wie der Erhalt dieser Lücke selbst im Stadtbild ein Luxus ist." Und da wächst auch schon die Bedrohung: "Es gibt einen Plan für das Klosterviertel und den Molkenmarkt.

In der NZZ kritisiert Philipp Meier den Leiter der Documenta Adam Szymczyk als Kunstmissionar. Wenig stringent findet er ihn auch noch: "Einerseits verbittet er sich jegliche Kritik am Krisenstaat Griechenland, verlegt anderseits aber seine Ausstellung in die sprichwörtliche Wiege derjenigen westlichen Zivilisation, deren Überheblichkeit 'über den 'barbarischen' und angeblich unzuverlässigen, unfähigen, unaufgeklärten, stets zu unterwerfenden 'Rest'' der Welt er anprangert. Ja was nun?"

Besprochen werden die Ausstellung "The Boat is Leaking. The Captain Lied" von Anna Viebrock, Thomas Demand und Alexander Kluge in der Fondazione Prada in Venedig (taz) und die Werkschau von Wolfgang Mattheuer in der Kunsthalle Rostock (Zeit).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Adam Szymczyk