Im Kino

Gegenwelten

Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen, Lukas Foerster
02.08.2017. In Matt Reeves "Planet der Affen: Survival" nähern sich Affe und Mensch zunehmend an: während Letzterem immer öfter die Worte fehlen, entwickeln die Affen eine Zeichensprache. Adam Smiths "Trespass Against Us" zeigt die Welt des britischen Kleingangstertums - mit einem erstaunlich konturlosen Michael Fassbender.

Im Jahr 1968 dreht Franklin J. Schaffner einen Science-Fiction-Film, in dem Astronauten auf einem fremdartigen Planeten bruchlanden und dort in die Gewalt einer totalitären Affengesellschaft geraten. "Planet der Affen" holt zum Rundumschlag aus: ein direktes Statement gegen Rassismus und Willkürherrschaft, Obrigkeitsgläubigkeit gegenüber Regierungen und Religion, gegen das Gefühl von Überlegenheit gegenüber anderen Gesellschaftsformen. Film als umfassende Zivilisationskritik. Das Bild der versandeten Überbleibsel der Freiheitsstatue wird zur Ikone - der Moment, in dem der Charlton-Heston-Figur aufgeht, dass das Menschengeschlecht sich in der Zeit zwischen seinem Start ins All und der Wiederankunft selbst zerrieben hat. Im Jahr darauf fliegt der erste Mann im Rahmen eines kriegsähnlichen Wettrüstens zwischen zwei erzverfeindeten Machtblöcken auf den Mond. Und nun zieht sich ausgerechnet durch die 2010er Jahre eine weitere "Planet der Affen"-Filmreihe, in der die Menschen all die fatalen Katastrophen herbeiführen, die ihre eigene Ausrottung bedeuten.

Caesar (im Motion-Capture-Anzug steckt einmal mehr Andy Serkis), einst James Francos intelligentes Laboräffchen, hat das Volk der Affen zwar mittlerweile geeint, in "Planet der Affen: Survival" ist die Weltbevölkerung aber dennoch an einem Punkt angekommen, an dem der Krieg zwischen Affen und Menschen unausweichlich ist. Regisseur Matt Reeves artikuliert ohne Umschweife die Probleme, die zu diesem kritischen Punkt führen konnten: die Angst vor dem Anderen, die aus einem Mangel an offener Auseinandersetzung erwächst, die Dummheit und Feigheit nährt und schließlich in Radikalität kulminiert. Die amerikanische Flagge, die im 1968er Film unter Charlton Hestons verächtlichem Gelächter auf der Erde (wieder) gehisst wurde, hängt in "Planet der Affen: Survival" zerfleddert und beschmiert von der Kommandozentrale eines Militärcamps in den Bergen herab. Hier nimmt der Colonel (Woody Harrelson) die Parade seiner Soldaten ab, sich dabei irren Blickes mit einem Messer die Glatze rasierend. Caesars Friedensangebot nimmt er nicht an. Der Affe hatte zu Beginn eine Handvoll Kriegsgefangene als gezielte Demonstration der eigenen Zivilisiertheit unversehrt zurückgeschickt: "Die Überlebenden sind die Botschaft."


Die Probleme auf der Erde sind 1972 wie 3978, 1968 wie 2017 so ziemlich die Gleichen - da ist Reeves kaum subtiler als Schaffner. Aus dem Kinojahr 2017 sticht "Planet der Affen: Survival" trotzdem hervor. Gleich im ersten Bild schälen sich Soldaten in einem verregneten Wald langsam aus der Unschärfe heraus. Tiefes Grün, schlammiges Braun, man wähnt sich im Kriegsfilmlook des New Hollywood, zu Zeiten von "M.A.S.H." und vor allem "Apocalypse Now". In einem Tunnelsystem prangen die Worte "APE-POCALYPSE NOW" als Schmiererei an der Wand. Anders als die meisten Blockbuster des Jahres 2017 kommt der Film nicht durch ein endloses Hintereinander exzessiver Effektspektakel auf seine 142 Minuten Laufzeit. Sondern durch ausführliches Erzählen, ein tatsächliches Interesse für die Motivation seiner Figuren: Affen werden betrauert, fechten Auseinandersetzungen aus, müssen von der Kooperation erst nach und nach überzeugt werden, tüfteln an Plänen herum. Dabei nähern sich Affe und Mensch zunehmend an: während Letzteren immer öfter die Worte fehlen, kommunizieren die Primaten über eine von Caesar erdachte Zeichensprache, manche von ihnen erlernen sogar das Sprechen. Sie gehen strategisch vor, lassen Selbstreflexion und Humor durchblicken: Ausgerechnet der uralte Trick aus dem Zoo, der gut gezielte Wurf mit einem Haufen Scheiße, lockt den gegnerischen Soldaten in die entscheidende Falle.

Die Bilder sind in "Planet der Affen: Survival" der beste Kontrapunkt zum kommunikativen Unvermögen seiner Protagonisten. Gleich in der ersten kriegerischen Auseinandersetzung - das Urwald-Schlachtfeld aus der Vogelperspektive betrachtet - findet sich dieser visuelle Austausch. Wüsste man nicht, dass es sich um tödliches Maschinengewehrfeuer handelt, man könnte die Lichtspuren, die zwischen den Fronten hin und her sausen, schön finden. Später dringt eine Vorhut der Menschen in die Behausung der Affen vor, die grünen Laserstrahlen ihrer Kanonen durchschneiden die mattschwarze Dunkelheit. In fast absoluter Finsternis lässt sich zwischen Soldat und Höhlenforscher kaum unterscheiden, eben bis das Morden wieder beginnt. Der Grat scheint so schmal wie jener zwischen Caesars Mut und Pflichtgefühl auf der einen, und seinen obsessiven Rachefantasien auf der anderen Seite. Die "Planet der Affen"-Reihe erzählt eine Geschichte von biblischen Ausmaßen. Hölzerne Kreuze stehen als Folterinstrumente herum, beschwören religiöse Erlöserfantasien herauf. Eine Kindstötung soll als Opfer dem höheren Zweck dienen und letztlich wird ein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt. Als "heiligen Krieg" bezeichnet der Colonel diesen Konflikt einmal. Als einen Punkt, auf den die Menschheitsgeschichte unweigerlich zugelaufen sei. Für Reeves ist der Inhalt des Mediums die Botschaft.

Katrin Doerksen

Planet der Affen: Survival - USA 2017 - OT: War for the Planet of the Apes - Regisseur: Matt Reeves - Darsteller: Andy Serkis, Woody Harrelson, Steve Zahn, Karin Konoval, Amiah Miller - Laufzeit: 142 Minuten.


---


"Wir geben es weiter, vom Vater zum Sohn. Vom Vater zum Sohn zum Enkel," meint Colby Cutler (Brendan Gleeson) einmal zu seinem Sohn Chad (Michael Fassbender) beim fast schon rituellen gemeinsamen Rumhängen am Lagerfeuer. Mit dem "es" ist gemeint: alles, worauf es ankommt im Leben. Chads Frau Kelly (Lyndsey Mashal), auf die es offensichtlich nicht allzu sehr ankommt, wenn es nach Colby geht, bleibt nichts übrig, als mit den Augen zu rollen. Dass Colby es überhaupt nötig hat, Chad auf die patrilineare Erbschaftsfolge einzuschwören, zeigt allerdings, dass die Ordnung des Vaters auch in der anarcho-asozialen Gegenwelt, die sich die Cutlers aufgebaut haben, unter Druck geraten ist. "Trespass Against Us" ist ein Film über die Rückzugsgefechte des Patriarchats.

Genauer: ein Film über ein einzelnes, dezidiert lokales Rückzugsgefecht des Patriarchats. Noch genauer: Es geht um eine selbsteinengende Relokalisierung, die als einzige verbliebene halbwegs erfolgsversprechende Strategie für das Patriarchats aufscheint. Nicht im Sesshaftwerden allerdings, sondern im Modus des "travel and conquer". Das schließt sicherlich an die eine oder andere neurechte Fantasie an, aber Regisseur Adam Smith verzichtet fast durchgängig darauf, Verbindunglinien zu ziehen von seinem Asozialdrama aus der südenglischen Provinz zu weiter ausgreifenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. Colby zititert zwar gleich zu Beginn Marx, sein politisches Programm reicht jedoch über den gern und häufig allen Außenstehenden ins Gesicht gestreckten Mittelfinger nicht hinaus. Die aus heutiger Sicht besonders nahe liegende Brexit-Assoziation ist schon deshalb nicht allzu hilfreich, weil der Film bereits 2014 gedreht wurde; und dass Gleesons Figur Steve Bannon optisch nicht ganz unähnlich ist, dürfte erst Recht dem Zufall geschuldet sein.


Colby Cutler ist Oberhaupt eines kriminellen, nicht-seßhaften Clans, der sich irgendwo in der Provinz eingenistet hat, in einer improvisierten, nicht nur metaphorisch wagenburgartigen Wohnwagensiedlung. Colby stilisiert sich und die Seinen zu den letzten aufrechten Kämpfern gegen den verweichlichten Rest der Welt, aber Outlaw-Romantik kommt dabei der lieblichen, fruchtbar-grünen, hügeligen Kulisse zum Trotz kaum auf. Die autoritäre Schlagseite dieses nicht selbstgewählten, sondern in Tradition und Religion begründeten Aussteigertums ist unübersehbar. Chads zumeist eher unbeholfene Versuche, sich von einer Lebensweise zu lösen, die letzten Endes ausschließlich auf der Reproduktion von Ignoranz basiert (Colby hetzt gegen die Evolutionstheorie und erklärt die Erde zur Scheibe; Chad selbst ist Analphabet), sind vorderhand das Thema des Films. Chad und Kelly wollen sich mit den beiden gemeinsamen Kinder vom Rest der Gemeinschaft separieren und ihr Leben hinfort entlang eines bürgerlichen (anstatt tribalen) Familienbegriffs organisieren.

Es gibt einige schöne Momentaufnahmen dieses aufkeimenden anderen Familienlebens: die Kinder beim Zähneputzen, von Sonnenlicht bestrahlt, Bettdecken, die zurechtgerückt, Arme, die im Halbschlaf unwillkürlich gegen den Körper gepresst werden. Insgesamt interessiert sich der Film allerdings deutlich mehr für den groteskeren, ornamentaleren Lifestyle, den der älteste Cutler bevorzugt. Besonders viel Raum gewährt Smith den im breiten Dialekt daher geknurrten Monologen Gleesons, die gelegentlich delirante Höhen erklimmen, etwa wenn das "sacrificial lamb" und der "scapegoat" zum "sacrificial goat" zusammengezogen werden. Viel Raum gewährt er auch den kriminellen Eskapaden Chads, bei denen es mehr um Showmanship als um Broterwerb zu gehen scheint. Das läuft meist auf - mal auf engem Raum dynamisierte, mal geschickt entschleunigte - Verfolgungsjagden hinaus, die mit einer agilen, effektbewussten Kamera gefilmt und mit filigranen Soundscapes der Chemical Brothers unterlegt sind. Beides will nicht so recht zum rauheren, matschig-rostigen White-Trash-Look des restlichen Films passen.

Das Problem ist weniger, dass Smith die Welt der Cutlers einerseits intellektuell verurteilt und andererseits ästhetisch überhöht; sondern dass er keine ansprechende filmische Form für diesen erst einmal durchaus reizvollen (und gewissermaßen ins Innenleben der von Fassbender erstaunlich konturlos angelegten Hauptfigur hineinkopierten) Widerspruch findet. Insbesondere wenn "Trespass Against Us" die Wohnwagenburg verlässt, verliert der Film sich im Episodischen. Nur gelegentlich, wenn er sich ganz auf die Innendynamik des Cutler-Clans konzentriert, entwickelt sich eine gewisse klaustrophobische Intensität - weil man nur zu leicht nachfühlen kann, wie schrecklich eine Welt sein muss, in der hinter jeder Ecke ein aggressiv polternder Gleeson lauern kann.

Lukas Foerster

Trespass Against Us - GB 2016 - Regie: Adam Smith - Darsteller: Michael Fassbender, Brendan Gleeson, Lyndsey Marshal, Georgie Smith, Rory Kinnear, Killian Scott - Laufzeit: 99 Minuten.