Efeu - Die Kulturrundschau

Von einem Medium aus dem Weltraum

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02.08.2017. Im New Yorker erinnert sich Patti Smith an die Nächte mit Sam Shepard. Standard und Tagesspiegel preisen den ästhetischen Wagemut des neuesten Reboot der "Planet der Affen"-Saga. Der Freitag lernt, dass Kino-Verleiher noch viel spießiger sind als Fernsehredakteure. Die taz erliegt der kühlen Farbigkeit in den Bildern Frank Bowlings. Die FAZ lernt in Thomas Struths Bildern: Individualität ist hier immer ein geometrisches Ereignis.

Film

Im New Yorker erinnert sich Patti Smith an gemeinsam mit Sam Shepard am Telefon verbrachte Bohème-Nächte. Den verstorbenen Schauspieler beschreibt sie als rastlosen Zeitgenossen: "Er mochte es, unterwegs zu sein. Er warf eine Angelrute und eine alte Akustikgitarre auf den Rücksitz seines Trucks, vielleicht noch einen Hund, ganz sicher aber ein Notizbuch und einen Stift sowie einen Bücherstapel. Er mochte es, seine Siebensachen zu packen und aufzubrechen, ganz einfach so, auf dem Weg Richtung Westen. Er mochte es, eine Rolle zu erhalten, die ihn irgendwohin verschlagen würde, wo er eigentlich gar nicht sein wollte, wo er aber schließlich all die Fremdheit aufsaugen würde. Nahrung für künftige Arbeit."



Die neue "Planet der Affen"-Saga, deren dritter Teil "Survival" morgen ins Kino kommt, ist das "wahrscheinlich beste und klügste Reboot Hollywoods dieser Tage", freut sich Dominik Kamalzadeh im Standard. Es droht der finale postapokalyptische Entscheidungskampf zwischen Menschheit und intelligenten Affen: "Die Verquickung von zivilisationskritischen Motiven und ästhetischem Wagemut ist, zumal für einen Blockbuster von rund 150 Millionen Dollar Budget, wirklich erstaunlich." Einen "stimmigen" Abschluss attestiert Tagesspiegel-Kritiker Jörg Wunder der Reihe und lobt neben der Atmosphäre des von Matt Reeves inszenierten Films auch die "technische Virtuosität". Diese zeigt sich nicht zuletzt in den zwar digital erstellten Affenkostümen, in denen echte Menschen stecken, deren Performance im Motion-Capturing-Verfahren dann ins Äffische verschoben wird: "Die Affen sind Menschen und sie sind es zugleich auch nicht. Auf dieser technischen Ebene spiegelt sich der ganze Konflikt des Films", merkt dazu Nicolas Freund in der SZ an. Der Verstand komme bei dem Versuch, den Film "möglichst massenverständlich zu machen", zu kurz, ärgert sich unterdessen Peter Uehling in der Berliner Zeitung.

Der Fernsehredakteur - das unbekannte Wesen. Einerseits verantwortet er einen Großteil der Fernsehbeschaulichkeit, andererseits hält er seine Hand auch über wagemutigere Produktionen wie Maren Ades "Toni Erdmann" und Maria Schraders "Vor der Morgenröte". Matthias Dell hat deshalb für den Freitag nachgefragt, wie die Fernsehredakteure Cornelia Ackers (BR) und Ulrich Herrmann (SWR) ihre Arbeit sehen. An "Morgenröte" reizte Ackers, "dass die Macher eine Form von geistiger Ansiedelung in der Geschichte haben. Da lohnt es sich reinzugehen als Experiment." Herrmann gibt sich unterdesssen bescheiden: "Wir sind eher Butler, Begleitende. ... Die Verleiher sind mitunter spießiger, wenn nicht panischer als wir. Ich kann denen sagen: Dieser Film darf keine Sekunde kürzer sein."

Weiteres: In der Zeit freut sich Anke Leweke auf die Jacques Tourneur gewidmete Retrospektive beim Filmfestival in Locarno. Mit dessen künstlerischem Direktor Carlo Chatrian unterhält sich Susanne Ostwald für die NZZ. Christoph Schneider bringt dazu im Tagesanzeiger eine Festivalchronik. Und ebenfalls im Tagesanzeiger porträtiert Patrick Blum die Regisseure Dominik Locher und Cyril Schäublin, die als einzige Schweizer mit Filmen im Locarno-Wettbewerb vertreten sind. Milena Fee Hassenkamp berichtet im Freitag vom Iranischen Filmfestival in München.

Besprochen werden die dritte Staffel der Cartoonserie "Rick and Morty" (Die Presse), die Onlinekommunikationssymbol-Verfilmung "Emoji - Der Film" (Welt), die DVD-Veröffentlichung von Franz Peter Wirths Satire "Helden" aus dem Jahr 1958 (Freitag) und die Sky-Serie "Room 104", die überraschenderweise nicht fortlaufend erzählt, sondern mit jeder Episode eine abgeschlossene Geschichte (FAZ).
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Musik

Der HipHop entdeckt den Afrofuturismus, den Sun Ra einst in die Musik gebracht hatte, wieder für sich, erklärt Christian Werthschulte in der taz. Zum Beispiel Shabazz Palaces auf gleich zwei neuen Alben, die um ein Land namens "Amurderca" kreisen und keine Erlösungsutopie im Sun-Ra'schen Sinne formulieren: "Es sind Exkursionen in eine Zukunft, vorgetragen in Raps mit dunklem Timbre, von einem Medium aus dem Weltraum: Quazarz." Das Duo fröne auf den Alben einem "psychedelisch brütenden, futuristischen Minimalismus aus spärlich eingesetzten Synthesizern und Beats, die HipHop mit südafrikanischer Percussion vereinen. ... Die technologischen Utopien der Mensch-Maschine sind einer psychedelischen Utopie gewichen, deren Ideal die Zeitlosigkeit ist." Hier eines der beiden Alben in voller Länge:



Weiteres: Christian Schachinger empfiehlt im Standard dringend den Besuch eines Konzert der Noiserock-Walze und Drone-Doom-Zeremonienmeister Wrekmeister Harmonies, denn "das Leben ist kein Beach-Boys-Song. Am Ende ist die Sonne weg, und es wird dunkel."  Für die taz schaut Andreas Hartmann bei der Deutschen Grammophon vorbei, die sich derzeit unter neuer Leitung neuen Märkten öffnet. Im Tagesspiegel spricht Christian Schröder mit dem Songwriter Randy Newman, der auf seinem neuen Album nach Strich und Faden mit Putin abrechnet: "An dem, was er macht, ist nichts bewundernswert." In der Welt macht sich Felix Zwinzscher Gedanken über das Wesen von Sommerhits. Barbara Möller (Welt) und Helmut Mauró (SZ) gratulieren der Sopranistin Gundula Janowitz zum Achtzigsten. Mit "Boys" legt die Musikerin Charli XCX "das Video der Woche" vor, meint Annett Scheffel in ihrer SZ-Popkolumne, als "Kommentar auf Sexismus in Musikvideos".



Besprochen werden das neue Album von Haim (FR), das neue Album von Arcade Fire (Die Presse, Spex) und ein Mahler-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Bernhard Haitink bei den Salzburger Festspielen (NZZ).
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Literatur

Besprochen werden die Ausstellung von Kafkas Manuskriptseiten zu "Der Prozess" in Berlin (Freitag), Riad Sattoufs Comic "Esthers Tagebücher - Mein Leben als Zehnjährige" (NZZ), Martin Schulz' "Was mir wichtig ist" und Don Winslows Thriller "Corruption" (Freitag), Willi Achtens Krimi "Nichts bleibt" (Tagesspiegel), Kenneth Goldsmiths "Uncreative Writing" (ZeitOnline), Andrea Karimés Kinderbuch "King kommt noch" (NZZ), die Neuausgabe von Eduard von Keyserlings Roman "Fürstinnen" (FAZ) und Yasmina Rezas "Babylon" (SZ).

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Stichwörter: Der Prozess

Bühne

Als Highlight des Impulstanz-Festivals empfiehlt Helmut Ploebst im Standard die Choreografie "ad noctum" des französischen Künstlers und Modedesigner Christian Rizzo.
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Stichwörter: Modedesign, Impulstanz

Kunst


Frank Bowling, Dog Daze, 1971, Hales Gallery New York. Bild: Haus der Kunst

In der taz freut sich jetzt auch Annegret Erhard, dass das Münchner Haus der Kunst den karibisch-britischen Künstler Frank Bowling wiederentdeckt, der ein bisschen aus dem Betrieb gefallen zu sein schien: "Es sind imposante Vermessungen der Welt, deren anziehend kühle Farbigkeit gleichermaßen erfrischt und irritiert. Landschaftsdetails werden erkennbar, Vegetation und Flüsse lassen sich imaginieren. Es geht um konkrete und um übergeordnete Werte, aber auch um Überlieferung und Umdeutung. Auf vielen Bildern ist, mal als Siebdruck, mal als rasche Pinselzeichnung das Haus, der Variety Store (einst Kolonialwarenladen) seiner Mutter abgebildet, eine mit Erinnerung, Wehmut, Trotz und Stolz aufgeladene Chiffre seiner Herkunft."

Das Haus der Kunst zeigt gerade auch eine Überblicksschau des Fotografen Thomas Struth, FAZ-Kritiker Patrick Bahners ist dort einem souveränen Herrscher über den Bildraum begegnet: "Der Eintritt des Menschen in Struths wohlgeordnete Räumlichkeiten hat die Herrschaft der Perspektive nicht umgestürzt. Im Gegenteil: Individualität ist hier immer ein geometrisches Ereignis, Funktion von Symmetrie, Kontrast und Proportion."

In der NZZ hält Christian Saehrendt die Bilanz des Documenta-Kurators Adam Szymczyk für desaströs und fordert schlichtweg eine Entmachtung der Kuratoren: "Das Publikum, die Kunst und die Künstler werden von einer Entmachtung der abgehobenen und intellektuell verstiegenen Kuratoren-Kaste profitieren."

Weiteres: Guardian-Kritiker Jonathan Jones hat Matisse noch nie so konservativ und trivial erlebt wie in der Schau "Matisse in the studio" in der Royal Academy. Sehr einleuchtend findet Luise Glum, wie der spanische Künstler LIQUEN die Münchner Corneliusstraße im Auftrag des Kunstvereins Positive-Propaganda einen "technologischen Kuss" gegeben hat. Im Berliner Museum für Fotografie gähnt Tagesspiegel-Kritiker Jens Hinrichsen vor Mario Testinos Mainstream-Erotik, "die sich keinen Millimeter über die fettpolsterfreie Zone und die straffe Haut bis 25 hinauswagt."

Besprochen wird der Band "Traces" der Zürcher Fotografin Tina Ruisinger (NZZ)
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