Efeu - Die Kulturrundschau

Jetzt gehe ich zu Beuys

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11.07.2017. Der Standard bewundert Bruce Davidsons unspektakulär hoffnungslose Fotografien von Teenagern aus Brooklyn. In der taz erzählt Katharina Sieverding, wie sie von Karajan lernte, ihre eigenen Statements zu machen. Die Welt meldet, dass das Bolschoi-Theater Kirill Serebrennikows Nurejew-Ballett abgesetzt hat. In der SZ erklärt Thomas Meinicke seine Liebe zu Footwork, bei dem die Bässe wie Bomben fallen. In der FAZ sorgt sich Rainer Rother ums Filmerbe. Und alle trauern um Peter Härtling.

Kunst




Bruce Davidson: Coney Island, Brooklyn, New York, 1959. Galerie Westlicht

Mit leichter Melancholie betrachtet Standard-Kritiker Michael
Freund in der Wiener Galerie Westlicht die Bilder des Fotografen Bruce Davidson, der vor allem mit Serien über Außenseiter bekannt wurde: "Noch bekannter wurde die Serie über das Leben von Großstadt-Teenagern, 'Brooklyn Gang' (1959). Dabei entstand etwa das wunderbare Bild von Cathy mit ihrem Freund: sich schön machen im Spiegel des Zigarettenautomaten, die Ärmel hochkrempeln, die leeren Flaschen, die Bewegungen im Hintergrund - und das alles im richtigen, im 'entscheidenden Moment' festgehalten, wie es Davidsons Mentor Henri Cartier-Bresson gern tat. Selten wurde das Lebensgefühl jener Wild Ones, der Rebels without a cause im Blackboard-Jungle so konzentriert und unspektakulär festgehalten. Robert Frank und William Klein kommen einem am ehesten als Vergleich in den Sinn. Für Life enthielten die Bilder aus Brooklyn zu wenig Hoffnung. 'Ich sehe keine', so Davidson."

Heute Abend erhält die Katharina Sieverding den Käthe-Kollwitz-Preis. Im taz-Interview spricht die Künstlerin mit Brigitte Werneburg und Katrin Bettina Müller über Unempfindlichkeit, das große Format und Joseph Beuys: "Also, bei Beuys bin ich im Sommer 1967 gelandet. Während der Salzburger Festspiele - natürlich die 'Zauberflöte' - regte sich der Dirigent auf, dass die Tür von Sarastro klemmt. 'Frau Sieverding!' - 'Ja, Herr Karajan', sagte ich, 'es war eine feuchte Nacht, das hört sofort auf, wenn es warm wird.' Kurz und gut, das hat mich so geärgert, dass ich gesagt habe, nein, jetzt ist Schluss. Ich will das alles nicht mehr bedienen hier. Zumal ich in der Tagespresse las, dass am 2. Juni Benno Ohnesorg erschossen worden war. Da habe ich gesagt, jetzt gehe ich zu Beuys in die Klasse und mache meine eigenen Statements."

Weiteres: taz-Autorin Gisela Stamer besucht den taz-Genossen und Kunstmäzen Michael Horbach auf seiner Finca auf Mallorca. Kia Vahland bemerkt noch einmal in der SZ, wie bevormundend sie das Konzept der Documenta unter Adam Szymczyk findet: "Man kann auch durch Nichtinformation manipulieren." Im Tagesspiegel geht Bernhard Schulz die neuen Stätten durch, von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurden.

Besprochen wird eine Ausstellung des Schweizer Künstlers Ian Anüll im Haus für Kunst Uri (NZZ).
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Bühne

In der Welt berichtet Manuel Brug, dass Kirill Serebrennikows biografisches Ballett über Rudolf Nurejew kurz vor der Premiere vom Spielplan des Bolschoi-Theaters genommen wurde. Wahrscheinlich war es dem homophoben Zaren im Kreml zu schwul: "Kirill Serebrennikow hatte schon vorher mit Repressalien zu rechnen. Man durchsuchte seine Wohnung, unterstellte ihm Unterschlagungen, zog in Zweifel, dass Inszenierungen, die von Tausenden von Zuschauern gesehen wurden, überhaupt stattgefunden haben. Russland gleich Absurdistan. Westliche Theaterverbände und Freunde Serebrennikows, der auch an der Komischen Oper in Berlin und in Stuttgart arbeitet, protestierten."

Weiteres: "Megaintelligent, megalaut und auch megalustig" findet Eva-Elisabeth Fischer in der SZ das Tanzfestival Colours in Suttgart. In der Stuttgarter Zeitung resümieren Andrea Kachelrieß und Julia Lutzeyer die ersten Tage. Im Standard-Interview mit erklärt die Regisseurin Andrea Breth, warum Harold Pinter gegen ominöse Ängste hilft. Eher bescheiden findet Katrin Bettina Müller in der taz den Erkenntnisgewinn bei Constanza Macras' Tanzabend "The Pose" in Berlin, bei dem zehn Solisten von der Arbeit am eigenen Bild erzählen, in der Nachtkritik meint Janis El-Bira: "Es wird deutlich atemberaubender getanzt als gesprochen."
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Musik

Anlässlich des neuen Albums "Black Origami" der Footwork-Musikerin Jlin erklärt Thomas Meinecke in der SZ seine Liebe zu dem insbesondere in Chicago kultivierten Black-Music-Genre, auf das er erst vor wenigen Jahren stoß: "Man hörte nun nicht mehr eine gerade Bass Drum, sondern sehr tief herumglitschende Bässe, wie sie auch erst digitale Produktionsmethoden möglich machten. Bässe also, die mal wie Bomben fallen oder bis zu zwanzig Sekunden lang als eine Art Sound-Cluster über der Tanzfläche hängen dürfen. ...  Ich wusste zunächst gar nicht, wo die Eins war. Dazu wurde gemunkelt, Footwork sei die schnellste House Music, die es je gegeben habe" Was Meinecke insgesamt sehr abenteuerlich fand: "Ich fühlte mich auf eine Weise herausgefordert, die mich die bange Frage stellen ließ: Werde ich vor dieser Musik versagen, werde ich sie also womöglich nicht verstehen?"



Weiteres: Wenn es um die gehypte Schwestern-Girl-Group Haim geht, winkt Jens Balzer nur dankend ab: Auf ihrem neuen Album ist sich die Band mit erstaunlicher Konsequenz "in ihrer musikalischen Indifferenz und Konturlosigkeit treu geblieben", mosert er auf ZeitOnline. Beim Montreux Jazz Festival "brachte sich Grace Jones als Original und quasi als Fixstern am Pop-Himmel in Erinnerung", berichtet Ueli Bernays in der NZZ. In der Jungle World porträtiert Johann Voigt die Punk-Rapper Ho99o9. Philipp Lichterbeck besucht für den Tagesspiegel den brasilianischen Mandolinenspieler Hamilton de Holanda. Julia Spinola gratuliert in der NZZ dem Dirigenten Herbert Blomstedt zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert von Jan Garbarek (Standard), das neue Album von Jay-Z (FR), ein Konzert von Mary J. Blige (NZZ), ein Konzert des Birmingham Symphony Orchestra (FR), ein Konzert von Sting (Standard), ein Konzert der US-Black-Metalband Absu (taz), und ein gemeinsamer Auftritt von Gerhart Polt, den Well-Brüdern und den Toten Hosen (FAZ).
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Stichwörter: Haim, Footwork, Jlin, Jay-Z

Film

In der FAZ meldet sich Rainer Rother von der Deutschen Kinemathek in der Debatte ums Filmerbe zu Wort und bezieht sich dabei vor allem auf Artikel von Dirk Alt und Alexander Horvath (unsere Resümees hier und hier), die sich für die Sicherung des Bestands auf Analogfilm stark machen und für eine originalgetreue Aufführungspraxis plädierten. Rother hat hier Zweifel: "Tatsächlich können digitale Versionen analoger Filme jener Erfahrung, die der Film einmal ermöglichte, näher kommen, als jede heutige analoge Umkopierung es könnte - eben weil die Digitalisierung Möglichkeiten bietet wie zum Beispiel die bessere Reproduktion des ursprünglichen Farbraums. Das angemessene Aufführungserlebnis ist keine Frage der Technik, sondern eine der Restaurierungsethik." Im Neuen Deutschland hat sich Dirk Alt zudem vor wenigen Tagen mit dem Harald Petzold, dem medienpolitischen Sprecher der Linken, über "die analoge Frage" unterhalten.

Weiteres: Im Standard berichtet Sven von Reden vom Filmfestival in Karlovy Vary, wo zahlreiche Filme Flucht und Migration thematisierten.

Besprochen werden die dem Kameramann Robby Müller gewidmete Ausstellung im Filmmuseum in Berlin (Tagesspiegel) und die Serie "Will" über den jungen William Shakespeare (NZZ).
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Literatur

Der Jugendbuchautor Peter Härtling, der daneben zahlreiche Anthologien und fiktionalisierte Annäherungen an Hölderlin und andere Künstler des 19. Jahrhunderts verfasst hat, ist nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. "Auf dem Grund der schriftstellerischen Existenz des Autors Peter Härtling muss es elliptisch zugegangen sein", mutmaßt Lothar Müller in der SZ. "Verschmitzt und mit leisen Anwandlungen von Melancholie hielt er die selbstreflexiven Fäden einer gemäßigten Moderne zusammen", würdigt Gregor Dotzauer den Verstorbenen im Tagesspiegel. Für Welt-Autor Tilman Krause bestand Härtlings größte Leistung darin, "in einer vor drei, vier Jahrzehnten zeitgemäßen Form die große deutsche Literatur und Musik des 19. Jahrhunderts verlebendigt, ja popularisiert zu haben." Dabei "ging es ihm immer um das geeignete Mischungsverhältnis zwischen Empirie und Fiktionalität", schreibt Martin Krumbholz in der NZZ. Judith von Sternburg erinnert sich in der FR daran, wie Härtlings Bücher die eigene Lesebiografie begleiteten. Der Bayerische Rundfunk hat ein 2011 geführtes Gespräch mit Peter Härtling wieder online gestellt.

Das Ich hat Konjunktur, stellt Paul Jandl in der NZZ fest. Dessen Kronzeugen: Karl Ove Knausgard, Donald Trump, Emmanuel Macron. Denn "Knausgards ichzentrierte Überwältigungsliteratur (...) ist die literarische Folie, vor der sich die Kulminationen einer zunehmend personalisierten Politik lesen lassen. Donald Trumps Politik der Affekte ist eine Ich-Politik, in der selbst niedrige Instinkte voll integrierbar sind. Sie befördern den Erfolg, weil sie authentisch wirken. Wer sein Ich etwas staatstragender einsetzen kann, der macht es wie Frankreichs neuer Staatspräsident Emmanuel Macron. Nicht weniger als die französische Nation selbst will Macron verkörpern."

Weiteres: Die neue Ausgabe der Horen befasst sich mit dem Erklimmen und Übersteigen von Bergen, berichtet Gregor Dotzauer im Tagesspiegel.

Besprochen werden Olga Grjasnowas "Gott ist nicht schüchtern" (Zeit), neue Comics aus Brasilien von Marcello Quintanilha und Marcelo D'Salete (Tagesspiegel) und Jussi Valtonens "Zwei Kontinente" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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