Efeu - Die Kulturrundschau

Passend gebrochen

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06.07.2017. Alle lieben Isabelle Huppert, die gerade in Bavo Defurnes "Ein Chanson für Dich" die Sängerin spielt, die einst beim Grand Prix Eurovision auf dem zweiten Platz hinter Abba landete. Viel Lob auch für den feministischen Barracuda Jessica Chastain, die in John Maddens Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit" eine mit allen Wassern gewaschene Lobbyistin gibt. Der Freitag fragt sich, was der Bachmann-Wettbewerb eigentlich noch mit Ingeborg Bachmann zu tun hat. Die SZ porträtiert den Komponisten Hans Abrahamsen.

Film



Wenn Filme mit Isabelle Huppert ins Kino kommen, sind alle filmkritischen Augen allein auf sie gerichtet. So auch in Bavo Defurnes "Ein Chanson für Dich", in dem die französische Schauspielerin eine gescheiterte Sängerin spielt. Hupperts "Körper ist ein schauspielerisches Präzisionsinstrument", schreibt Stella Donata Haag im Tagesspiegel. Sie "scheint ein Kraftfeld zu umgeben, nach dem sich das Bild ausrichtet". Auch Christina Bylow kann sich diesem Reiz schwer entziehen: "Das Antlitz der Huppert ist so ohne Arg und Abgrund, wie selten in ihrem gewaltigen Werk", schreibt sie in der Berliner Zeitung. Johanna Adorján äußert in der SZ indessen sacht Verdruss: "Huppert kann fabelhaft ausdruckslos in einen Spiegel gucken. ... Nichts gegen Zweideutigkeiten und Ambivalenzen, aber wenn man als Zuschauer alles selbst erraten muss, stellt sich schnell eine herzliche Indifferenz ein." Nicolai Böhmemann vom Perlentaucher kann dem Film hingegen einiges abgewinnen: Der Film sagt "ja zum melodramatischen Exzess. Ja zur Liebe. Schön:"

Die Geschichte funktioniert, kommentiert auch Jan Feddersen bei eurovision.de, "weil sie nicht überbunt ist, nicht kreischig, nicht exaltiert. Und weil sie nicht übertreibt, weil der Film nicht noch mehr in den Farbtopf greift, als ein gewöhnlicher ESC es sowieso immer macht. Aber die Krönung ist das Lied, das sie bei einer Vorentscheidung singt und gleichzeitig die Pointe des Films ist."

Die zweite große Schauspielerin in dieser Kinowoche ist Jessica Chastain, die in John Maddens Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit" eine mit allen Wassern gewaschene Lobbyistin in den USA spielt. Diese Figur sei "eine Art feministischer Barrakuda", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt.'"Brillant", findet es Christian Schröder im Tagesspiegel, "wie die verfeindeten, subkutan aber miteinander verbundenen Propagandalager nebeneinandergestellt werden." Barbara Schweizerhof von taz hält den Film für "eine verpasste Chance", denn "für die ambivalenten Wirkungen von weiblicher Macht" habe dieser Film "kein Auge. Statt auszuleuchten, welchen Antipathien und kleinlichen Angriffen auf Kleidung und Frisur eine Figur wie Chastains Sloane in der realen Politikszene ausgesetzt wäre, bietet 'Die Erfindung der Wahrheit' den im Kino üblichen 'competence porn'." Im FAZ-Gespräch betont Chastain, wie wichtig es sei, dass Frauen im Kino auch als unsympathisch und kalkulierend dargestellt werden. Für den Tagesspiegel hat sich Martin Schwickert mit dem Regisseur unterhalten.

Außerdem: Thomas Hübener unterhält sich für die Spex mit Mark Frost, der gemeinsam mit David Lynch für "Twin Peaks" verantwortlich zeichnet. Für die taz resümiert Lukas Foerster das Festival Cinema Ritrovato in Bologna, bei dem auaschließlich filmhistorische Entdeckungen gezeigt werden. Heutige Trailer verraten oft schon den ganzen Film, merkt Nina Jerzy in der NZZ an. In der taz empfiehlt Christoph Draxtra die dem tschechischen Regisseur Zbynek Brynych gewidmete Berliner Retrospektive, der in den frühen 70ern auch in Deutschland einige sehr aufregende Filme gedreht hat. Das Berliner Kino Arsenal zeigt unterdessen Filme mit der Künstlerin Valeska Gert, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz. Rosemarie Killius schreibt in der FAZ zum Tod der Schauspielerin Anneliese Uhlig.

Besprochen werden Bong Joon-Hos auf Netflix veröffentlichter Ferkelfilm "Okja" (Perlentaucher), Ole Bornedals "Small Town Killers" (NZZ), Lone Scherfigs "Ihre beste Stunde" (taz) und der dritte Teil der Animationsfilmreihe "Ich - Einfach Unverbesserlich" (taz).
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Kunst


Stele mit Darstellung eines weintrinkenden Syrers, Kalkstein, bemalt, Neues Reich, 18. Dynastie, 1351-1334 v. Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Foto: Sandra Steiß

Im Neuen Museum in Berlin stellt eine Ausstellung alte Artefakte aus Ägypten und China einander gegenüber. Eigentlich eine Sensation, aber Arno Widmann ist in der Berliner Zeitung trotzdem enttäuscht: "Die Besessenheit, mit der auf chinesischer Seite von der Autonomie Chinas ausgegangen wird, macht es wohl unmöglich, den entzückenden Tonfiguren der westlichen Han-Dynastie zum Beispiel griechische Tanagra-Figürchen - die es um 200 v. u. Z. im gesamten hellenistischen Kulturraum gab - in Alexandria wurden sie auch hergestellt - zur Seite zu stellen. Noch unverständlicher ist die Präsentation einer Stele, die einen Syrer zeigt, der mit einem langen Rohr aus einem Weinkrug trinkt. Es ist eine ägyptische Arbeit von 1351 v.u.Z. Der Mann hat einen Namen, er wird dargestellt. Gibt es zu dieser Zeit eine vergleichbare Individualisierung in China? Ab wann gibt es die? Wo und warum? Hängt sie mit dem Jenseitsglauben zusammen? Mit der Vorstellung eines individuellen Weiterlebens? Das zu wissen wäre interessant. Auch es nicht zu wissen, ist erst möglich, wenn man sich diese Frage stellt. Das tut die Ausstellung aber dezidiert nicht."

Besprochen wird außerdem eine Retrospektive zum Werk Jürg Stäubles im Haus Konstruktiv in Zürich (NZZ) und die Peace-Ausstellung in der Schirn (FAZ).
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Literatur

Der russische Schriftsteller und Essayist Daniil Granin ist tot. In seiner Heimat genoss er "den Status eines Unsterblichen", schreibt Tim Neshitov in der SZ. Zwar war Granin im sowjetischen Literaturbetrieb etabliert, dennoch blieb er "eine moralische Autorität für die meisten Russen, unabhängig von ihrer politischen Gesinnung. Granin konnte es sich leisten, gegen die offizielle Historiografie anzuschreiben. ... Ganin verstand besser als viele Schriftsteller in Russland, wie man unter mächtigen Heuchlern überlebt und produktiv bleibt." Weitere Nachrufe in der Berliner Zeitung, der NZZ und im Tagesspiegel.

Zu Beginn des Bachmannwettbewerbs in Klagefurt stellt Hans Hütt im Freitag viele Fragen: "Was hat dieser circus maximus mit dem Werk Ingeborg Bachmanns zu tun? Wie weit entfernt es sich von dem Betrieb, der in ihrem Namen veranstaltet wird? Wie formt sich in einer Welt vernetzter Dependenzen eine unabhängige Stimme? Wie klingt Eigensinn, in den nicht ein ganzer Chor abgelegter Müdigkeiten eingeschrieben ist?" Michael Wurmitzer berichtet im Standard vom Auftakt der Veranstaltung, bei dem sich der Schriftsteller Franzobel in seiner Rede "den Untergang der Buchkultur" ausmalte.

Besprochen werden David Garnetts "Mann im Zoo" (FR), eine Julius Meier-Graefe gewidmete Ausstellung im Literaturhaus Berln (Tagesspiegel), Sebastian Barrya "Gentleman auf Zeit" (SZ), die Kafka-Manuskript-Ausstellung im Berliner Gropiusbau (FAZ) und neue Essaybände von Friedhelm Kemp (FAZ).
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Bühne

"Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu" - diesen schönen Satz sagt eine der Figuren in Ödön von Horváths frühem "Zur schönen Aussicht", das gerade bei den Festspielen Reichenau Premiere hatte. Im Standard findet Michael Wurmitzer die Versammlung Gestrandeter in einem sonst leeren Hotel bedrückend, aber gut inszeniert: "Am Punkt ist die Regie Michael Gampes, der jeder Figur eigene Gesten eingeschrieben hat. Fantastisch präzis spielt das Ensemble. Bedrückend tun sich so Wirtschaftskrise, Unschuld, Gier und Einsamkeit auf. Großartig." Presse-Kritikerin Barbara Petsch ist weniger angetan: "Es wäre direkt eine Abwechslung, Horváth wieder einmal so zu spielen wie einst in der Josefstadt, mit leisen, traurigen Figuren bzw. Originalen (Guido Wieland als Präparator in 'Glaube Liebe Hoffnung'). Die Josefstädter Aufführungen wirkten zuweilen etwas grau, aber sie tönten passend gebrochen, melancholisch wie Alban Berg. Was Michael Gampe diesmal in Reichenau einfiel, ist einigermaßen dürftig".

Eigentlich wollte die Zeit Claus Peymann und Frank Castorf zusammen interviewen. Nachdem letzterer abgesagt hat, bekennt ersterer, auch er hätte so seine Zweifel gehabt, aber dann wär's ihm doch recht gewesen: "Ich sage immer: Er ist der König der Feuilletons, ich bin der König der Herzen."

Besprochen wird die Uraufführung von Christoph Ehrenfellners Kirchenoper "Judas" beim Festival Retz (Presse).
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Stichwörter: Frank Castorf, Alban Berg

Musik

Für die SZ porträtiert Michael Stallknecht den derzeit gern gespielten Komponisten Hans Abrahamsen, dessen Musik "aus der Stille kommt, den leisen Farben eher den Vorzug gibt vor den lauten. Sie geht äußerst vorsichtig mit ihrem Material um, behandelt es kostbar. Doch im Gegensatz zu manchen Vertretern einer neuen Einfachheit in der zeitgenössischen Klassik klingt sie dabei nie simplizistisch, weil sie unterhalb der oft leise zitternden Oberflächen über eine große Materialvielfalt verfügt."

In der NZZ schreibt Florian Bissig über Jazzclub-Romantik: Hier, "wo sich Jazz-Cracks und Jazz-Fans auf die Füße treten, muss sich die Musik ihres okkasionellen Charakters nicht schämen. Hier ist Jazz zu Hause, hier beseelt er eine Lebenskunst."

Weiteres: Für die taz hat Jonas Engelmann das Demotape der Deutschpunkband Persuasive ausgebuddelt, in der kein geringerer als der heutige CDU-Politiker Peter Tauber gespielt hat. In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Dirigenten Wladimir Aschkenasi zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden das Comeback-Album von TLC (Pitchfork), das neue Album "Black Origami" von Jlin (Berliner Zeitung), das neue Album von Jay-Z (ZeitOnline), das Album "Something to Tell You" von Haim (taz) und ein Konzert von Herbie Hancock (Standard).
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