Efeu - Die Kulturrundschau

Ein unwahrscheinlicher Ort für die Kultur

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05.07.2017. In der Welt erinnert sich Steve Schapiro an jene Zeit, als Fotografien noch keine Kunst waren, sondern in die nächste Ausgabe sollten. Die Berliner Zeitung erkundet die zyprische Kulturhauptstadt Paphros. NZZ und SZ erleben mit John Neumeier eine "Anna Karenina" in höchster emotionaler Instabilität. Die FR tappt mit Christian Petzolds Filmfiguren in die zeitlosen Fallen ihrer Sehnsüchte.

Kunst



Steve Schapiro: Martin Luther King auf dem Marsch von Selma nach Montgomery. Bild: Camera Work

Die Galerie Camera Work zeigt Bilder des amerikanischen Fotografen Steve Schapiro, dem viele ikonische Bilder der Bürgerrechtsbewegung zu verdanken sind, von James Baldwin oder Martin Luther King. Im Welt-Interview mit Wieland Freund spricht er ausgesprochen uneitel über seine Arbeit: "Als Magazinfotograf fragen Sie sich bloß, ob Ihnen heute eine gute Aufnahme gelungen ist und ob es ein Bild in die nächste Ausgabe schafft. Damals gab es noch keine Galerien wie diese hier. Fotografie galt nicht als Kunst. Und ich habe so viele Ereignisse fotografiert, die nicht Geschichte wurden."

In der Berliner Zeitung schickt Frank Nordhausen eine Reportage aus der zyprischen Hafenstadt Paphos, die neben dem dänischen Aarhus in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt ist: "Die 33.000-Einwohnerstadt ist berühmt wegen ihrer zum Unesco-Kulturerbe zählenden altrömischen Mosaiken, dem archäologischen Park und den Resten eines mittelalterlichen Kastells am Hafen, sonst aber ein unwahrscheinlicher Ort für die Kultur. Kein Theater, kein Ausstellungshaus, gerade eine kleine städtische Kunstgalerie gab es vor der Ausrufung von 'Pafos2017'. Die kulturelle Einöde hänge zusammen mit der Historie, sagt (der Bildhauer) Aristoteles Demetriou. 'Hier haben die Leute nach dem Krieg nach vorne schauen wollen. Und das bedeutete Business."

Weiteres: In der taz blickt Petra Schellen auf den urbürgerlichen Hamburger Kunstverein zurück, der sich seit zweihundert Jahren der Vermittlung und Verbreitung zeitgenössischer Kunst widmet. Die Kunsthalle widmet ihm gerade die Ausstellng "Die Kunst ist öffentlich". Kerstin Stremmel weist in der NZZ darauf hin, wie ausgesprochen kooperationsbereit Gerhard Richter ist, zu dessen 85. Geburtstag etliche Museen dem Maler große Ausstellungen widmen, darunter Das Folkwang Museum in Essen, das Albertinum in Dresden und das Kunstmuseum Bonn: Er schickt nicht nur neue Bilder, sondern hängt sie auch selbst.
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Musik

Tobias Seldlmaier berichtet in der NZZ von den Vorbereitungen und Aufbauarbeiten zu den Bregenzer Festspielen. Im Freitag denkt Klaus Walter nach seinem NZZ-Artikel zum Thema nochmals über das Altern im Pop nach. Harry Nutt schreibt in der Berliner Zeitung zum Tod von Chris Roberts.

Besprochen werden eine Compilation mit den Singles von Can (The Quietus), das neue Album von Jay-Z (taz, Welt, Pitchfork), der Frankfurter Auftritt von Kris Kristofferson (FR, FAZ), ein Konzert des Collegium Musicum in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel), ein Konzert der beiden Sänger Thomas Quasthoff und Max Mutzke (Standard), das Konzert der Filarmónica Joven de Colombia beim Rheingau Musik Festival (FR) und ein Bach-Abend des Orchesters La Scintilla (NZZ).

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Film

Regisseur Christian Petzold wurde mit dem Murnaupreis ausgezeichnet, in der FR würdigt Daniel Kothenschulte den Preisträger: Dieser zeige in seinen Filmen "nicht nur, warum seine uns scheinbar so vertrauten Figuren in die zeitlosen Fallen ihrer Sehnsüchte tappen, sondern er erklärt uns auch, warum wir immer wieder auf die gleichen wunderbaren Plots hereinfallen. Und er beweist uns, ein ums andere Mal damit, warum wir das Kino lieben mit all seinen Formeln und seinen Ritualen. Und warum es ein Unfug ist, das Kunstkino vom Genrekino abzuschirmen."

Weiteres: Die Spex bringt Jacqueline Krause-Blouins bereits 2012 geführtes Gespräch mit der feministischen Pornoregisseurin Erika Lust. Der Freitag veröffentlicht einen übersetzten Auszug aus Karen Liebreichs bislang nur auf Englisch vorliegenden Buchs mit Gesprächen mit Größen des Nazikinos - in dem Auszug unterhält sich die Historikerin mit Kristina Söderbaum. Für die SZ unterhält sich Julia Niemann mit dem Regisseur Albert Serra über dessen Film "Der Tod von Ludwig XIV." (unsere Kritik hier). Dominik Kamalzadeh spricht für den Standard mit dem Schauspieler Bill Nighy.
 
Besprochen werden John Maddens "Die Erfindung der Wahrheit" mit Jessica Chastain (taz, FAZ), Krystof Zlatniks Thriller "Immigration Game" (ZeitOnline) und Leander Haußmanns Verfilmung von Jan Weilers Roman "Das Pubertier" (Welt).
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Literatur

Im Merkur warf der Germanist Kevin Kempe dem Schriftsteller Michael Kleebergs vor, bei seinen Frankfurter Poetikvorlesung, die heute Abend zum letzten Mal stattfindet, mit rechtspopulistischen Thesen geflirtet zu haben (unser gestriges Resümee). In der FAZ nimmt Kleeberg im Gespräch mit Andreas Platthaus Stellung zu den Vorwürfen. Er spricht von einer Denkbewegung, die als Eins-zu-eins-Aussage gewertet worden sei: "In dieser dialektischen Denkbewegung sind Sätze gefallen, die bei irgendwelchen Leuten im Publikum - ich weiß nicht, bei wie vielen - Alarmlampen haben aufblinken lassen, nach dem Motto: Darf man solche kritischen Fragen stellen, die eventuell auch den Beifall der Falschen auslösen können?" Aber er sagt auch: "Ich finde einiges an dem, was politisch passiert, zum Beispiel, wie Deutschland die Flüchtlingskrise gemanagt hat, nicht gut. Ich stelle mir die Frage, wie es kommt, dass andere anerkannte Demokratien sich weigern, Menschen einzulassen, oder nur lächerliche Kontingente akzeptieren, während Deutschland eine Million Menschen aufnimmt."

Weiteres: Im englischsprachigen Raum erscheinen immer Bücher, die sich ums Schwimmen und ums Wasser drehen, berichtet Rose George in einem vom Freitag übernommenen Guardian-Artikel.

Besprochen werden Reportagen von Lafcadio Hearn (Zeit), Jürgen Beckers "Graugänse über Toronto" (Tagesspiegel), Georg M. Oswalds "Alle, die du liebst" (Freitag), Enno Stahls "Spätkirmes" (Freitag), Zaza Burchuladzes "Touristenfrühstück" (ZeitOnline), Robert Hültners "Lazare und der tote Mann am Strand" (Welt) und Niroz Maleks "Der Spaziergänger von Aleppo" (SZ).
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Bühne


Anna Laudere und Edvin Revazov in "Anna Karenina".

Sehr geschickt findet Isabelle Jakob in der NZZ, wie John Neumeier in seiner Hamburger Choreografie "Anna Karenina" das Innenleben seiner Protagonistin auf die Bühne bringt: "Die Gefühle seiner Titelheldin, getanzt von Anna Laudere, schwanken von Szene zu Szene, und die Zuschauer haben an ihrer emotionalen Instabilität teil. Zu Beginn präsentiert die Tänzerin ihren Körper sehr gebrechlich, tanzt oft vornübergebeugt und mit stark einwärtsgedrehten Füßen. Immer wieder sucht sie die Nähe zu ihrem Gatten, der sie manchmal wie ein Stück Fleisch wegschiebt. Erst als sie dem jungen Grafen Wronski begegnet, werden ihre Bewegungen lebensfroher, und sie scheint in jeder Körperzelle zu spüren, was sie in ihrer unglückseligen Ehe so vermisst." Als großen Wurf feiert Dorion Weickmann in der SZ das Stück: "Anna Laudere spielt diese Anna Karenina so, als gebe es kein Leben jenseits der Bühne."

Weiteres: In der taz meldet Pola Kapuste, dass in Baden-Baden niemand seine Kinder in das Theaterstück "Ein Känguru wie du" schicken will, in dem es um einen feinfühligen Umgang mit Homosexualität geht. Zu Volker Ludwigs Abschied vom Grips-Theater blickt Matthias Heine in der Welt auf die epoachale Zäsur, die seine Stücke für das Kindertheater bedeutete. Im Tagesspiegel berichtet Sandra Luzina von der Tanz-Biennale in Venedig, die in den nächsten vier Jahren von der Kanadierin Marie Chouinard geleitet wird.

Besprochen wird Giorgio Barberio Corsettis Inszenierung von Aristophanes' Komödie "Die Frösche" im antiken Theater von Syrakus (FAZ).
Archiv: Bühne