Efeu - Die Kulturrundschau

Wenn neue Moden das Bewusstsein sprengen

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16.06.2017. Sollte Bob Dylan für seine Nobelpreis-Vorlesung plagiiert haben, wäre das weder überraschend noch empörend, meinen Zeit Online und SZ. Der Tagesanzeiger wirft mit Richard Dawsons neuem Album "Peasant" einen erbarmungslosen Blick ins englische Mittelalter. Die SZ wohnt bei Jossi Wielers Stuttgarter Inszenierung der Tschaikowsky-Oper "Pique Dame" seltsamen Ritualen bei. Die FAZ schlägt sich für eine Museumseröffnung durch den kongelesischen Dschungel. Und Diedrich Diederichsen ruft uns in der taz entgegen: Hört Barney Wilen!

Bühne


Yuko Kakuta diverse Papiermaskenträger in "Pique Dame" (Foto: Oper Stuttgart)

Düster und elend geht es zu ins Peter Tschaikowskys Oper "Pique Dame" nach Alexander Puschkins gleichnamiger Erzählung, die Jossi Wieler in Stuttgart inszeniert hat. In der SZ freut sich Michael Stallknecht, dass es dem Regisseur dabei nicht an "rüdem Elendsrealismus" gelegen ist, der auf den Bühnen gerade so beliebt ist: "Wieler lässt die brutale Realität immer wieder hinübergleiten in surreale Szenerien und schafft sich damit zugleich Raum für Leichtigkeit, auch für Komik. Etwa wenn sich in der Szene, die bei Tschaikowski mal ein rokokoeskes Schäferspiel war, der mit großartigem Schwung singende Staatsopernchor Masken aus alten Papiertüten bastelt, um ausgelassen zu feiern. Warum sollte das Prekariat auch weniger seltsame Rituale, weniger schräge Feste haben als einst der russische Adel?"

Weiteres: In der SZ informiert Peter Richter über den Skandal um einen New Yorker "Julius Caesar", der unverkennbare Züge Donald Trumps trägt. In der taz berichtet Jens Fischer von den Festivals "Theater der Welt" in Hamburg und "Theaterformen" in Hannover. Für die Nachtkritik hat Julika Bickel mit dem Theaterregisseur Oliver Frljić ein Videointerview geführt. Grete Götze hat für die FAZ Stanislas Nordeys Théâtre National de Strasbourg besucht.

Besprochen werden das Stück "Lady Eats Apple" von Bruce Gladwin und dem Back To Back Theatre bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik) und Thomas Köcks Stück "Paradies fluten" zum Auftakt der Autorentheatertage am Deutschen Theater (taz).
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Musik

"Hört Barney Wilen" ruft uns Diedrich Diederichsen in etwas mehr als einer taz-Seite entgegen - und um die Aufforderung zu bekräftigen, mäandert der Popkritiker einmal kreuz und quer durch die Jazzgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem der Jazzsaxofonist Wilen auf so ziemlich jedem Event anzutreffen war, von dem er sich neue Impulse und Perspektiven versprach: "Das leicht Gebrochene des filmischen Zugangs zum Jazz wurde zu einer Konstante seiner Karriere", schreibt Diederichsen. "Er kannte besser als jeder Amerikaner, aber zugleich auf deren musikalischem Niveau, die Stimmung einer Stadt, in der Jazz für das affektiv aufgeladene Erleben einer untergehenden urbanen Dichte stand und eine Hoffnung für all diejenigen war, die Avantgarde mit Aufstand verbanden und die direkte körperliche Wirkung von Jazz hier in der Tradition von Dada eintragen wollte. ... Vielleicht der einzige Jazzer von Rang, der sich weniger auf seine Konstanz, seine Essenz, seine Persönlichkeit verlässt, sondern ständig dabei ist, wenn neue Moden das Bewusstsein sprengen, die Musik knacken oder die Weltrevolution bringen wollen." Auf Mixcloud gibt es einen einstündigen Wilen-Mix:



Mit traditionalistisch-romantischem Schmus hat Richard Dawson nichts am Hut, erklärt Christoph Fellmann, der sich für den Tagesanzeiger das neue Album "Peasant" des britischen Folkmusikers angehört hat. Darin wirft Dawson einen recht erbarmungslosen Blick ins englische Mittelalter. "Mindestens so sehr wie Gitarrenringel und Chants prägen Metal, indische Ritual- und westliche Drone-Musik seine Songs", erfahren wir. "Doch bei aller tänzerischen Leichtigkeit (...) klingen die neuen Songs krumm und seltsam mit ihren metallisch rasselnden Gitarren, mit ihrem surrealen Flimmern der Harfe, mit ihren knochigen Rhythmen. 'Peasant' ist ein faszinierendes Folkdickicht, aus dem es ächzt, pfeift, knirscht und lacht, rumpelt, wispert, sirrt und heult." Hier eine Hörprobe:



Weiteres: Lucas Wiegelmann bringt in der Welt Hintergründe zu den bislang unbekannten Schostakowitsch-Stücken, die vor kurzem in Moskau entdeckt wurden. Ebenfalls in der Welt porträtiert Ivo Ligeti die Folkband Fleet Foxes. Immer mehr Pop-Acts der 90er treten mittlerweile serienmäßig in Las Vegas auf, berichtet Jürgen Schmieder in der SZ. Für die NZZ ist Marion Löhndorf nach Liverpool gereist, wo man 50 Jahre "Sgt. Pepper's" der Beatles feiert. Vor 50 Jahren hat das Monterey Pop Festival stattgefunden, erinnert Michael Ossenkopp in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden das postum erschienene Abschiedsalbum von Chuck Berry (NZZ), das Biopic "All Eyez on Me" über den Rapper Tupac Shakur (Tagesspiegel), ein Auftritt des Pianisten Kit Armstrong in Winterthur (NZZ), Kiefer Sutherlands Frankfurter Konzert (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Boomiverse" von Big Boi (ZeitOnline, taz).
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Kunst

Einer Museumseröffnung der abenteuerlicheren Sorte hat Kolja Reichert beigewohnt: In der FAZ berichtet er aus dem kongolesischen Dschungel, wo der niederländische Künstler Renzo Martens im "Lusanga International Research Centre for Art and Inequality" (LIRCAI) Werke von örtlichen Plantagenarbeitern ausstellt: "Inzwischen sind die Skulpturen eingetroffen. Mit Tänzen und Gesängen werden die Kisten durch die Büsche getragen, die Styroporflocken in die Luft geworfen, die Schokoladenskulpturen mit Palmwein bespuckt... Auch die Videoarbeiten werden durch das Spucken von Palmwein den Ahnen geweiht, bevor sich die Menge, angeführt von den singenden Frauen Lusangas, den Hügel hinaufschiebt. Eine berauschende Szene: Vor dem White Cube tanzen Jugendliche langsam zu im Boden eingelassenen Trommeln, am Himmel schwirrt eine Drohne, die alles in Daten und Bilder verwandelt."

Weiteres: In der NZZ liest Christian Saehrendt die Documenta 14 als "kulturelle Beschwichtigungsgeste Deutschlands im Kontext der Euro-Krise".

Besprochen werden Damien Hirsts Doppelausstellung "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" in Venedig (Tagesspiegel) und die Sonderausstellung "Neue Nachbarn. Auf dem Weg zum Humboldt Forum" auf der Berliner Museumsinsel (FAZ).
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Film

Paul Jandl (NZZ) und Willi Winkler (SZ) gratulieren Hanns Zischler zum Siebzigsten.

Besprochen werden Patty Jenkins' "Wonder Woman" (Standard, unsere Kritik hier), Jeff Nichols' "Loving" (Tagesspiegel), Jonathan Levines "Mädelstrip" (SZ, unsere Kritik hier) und Greg McLeans "Das Belko-Experiment" (FAZ).
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Literatur

Klaus Kastberger lässt im Kommentar auf ZeitOnline zu den Plagiatsvorwürfen an Bob Dylan die Kirche entspannt im Dorf: "In seiner Nobelpreisrede vermittelt er den Anschein, dass er recht genau weiß, was künstlerische Originalität gerade auch in Bereichen außerhalb einer Literatur klassischer Prägung ist. Wenn Dylan, um dies klarzumachen, SparkNotes und die Attitüde des undiszipliniert-rebellischen Schülers in der letzten Reihe gebraucht hat, soll es uns recht sein." Auch Jan Kedves winkt im knappen SZ-Kommentar ab: "Was sollte überraschend daran sein, dass Dylan sich hier und da bedient (...) ohne Fußnoten zu setzen? In der Folk-Tradition stehend, hat er schon immer so gearbeitet."

Weiteres: Im Tagesspiegel referiert Kai Portmann die Geschichte des Fortsetzungsromans, dessen Tradition sein Blatt ab morgen mit der ersten Lieferung aus Michael Jürgs Bundeswahlkampf-Thriller "Und erlöse uns von allen Üblen" wiederaufleben lassen will.

Besprochen werden Eva Menasses "Tiere für Fortgeschrittene" (taz), Arno Franks "So, und jetzt kommst du" (Tagesspiegel) und Dagmar Ploetz' Neuübersetzung von Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Stichwörter: Bob Dylan, Plagiat, Meta