Efeu - Die Kulturrundschau

Ganz schön viel Staatsgottesdienst

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15.06.2017. Die taz kommt erfrischt von der Skulptur Projekte in Münster zurück. Hat Bob Dylan für seine Literaturnobelpreisrede eine Webseite mit Interpretationshilfen für Schüler geplündert? Slate findet erstaunliche Ähnlichkeiten. Die FR feiert Jeff Nichols' Rassismusdrama "Loving".  Stefan Heuckes "Deutsche Messe", in Berlin uraufgeführt, lässt Tagesspiegel und Berliner Zeitung kalt.

Kunst


Hito Steyerl, HellYeahWeFuckDie, © Skulptur Projekte 2017, Foto: Henning Rogge

Nach Hanno Rauterberg (hier dazu mehr) kommt auch taz-Kritikerin Brigitte Werneburg erfrischt von der Skulptur Projekte in Münster zurück, die sie ethisch und ästhetisch sehr viel schlüssiger fand als die Documenta. Hier ein Beispiel: "Hito Steyerl hat sich in der Westdeutsche Landesbausparkasse (LBS) eingenistet. Dort sucht sie in ihrer rasanten Videoinstallation 'Hell Yeah We Fuck Die' - nach den fünf am häufigsten gebrauchten Worten der englischsprachigen Musikcharts − einerseits humanoide Roboter aus dem Gleichgewicht zu bringen. Andererseits projiziert sie Aufnahmen aus der kurdischen Stadt Diyarbakır, deren durch das Weltkulturerbe geschützte Altstadt im Bürgerkrieg 2016 zerstört wurde. 1205 verfasste dort der Forscher al-Dschazarī ein Werk über mechanische Apparaturen, das als 'Automata' bekannt wurde. Steyerl fragt dazu den Apple-Algorithmus Siri, welche Rolle Computertechnologien im Krieg spielen."

Weiteres: In der taz schreibt Tilman Baumgärtel eine kleine Kulturgeschichte des gifs. Besprochen werden Ausstellungen von Tatsuo Miyajima und Lawrence Carroll in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

Hat Bob Dylan mit seiner Literaturnobelpreisrede ein Plagiat vorgelegt? Zumindest kommen Andrea Pitzer von Slate einige Passagen sehr verdächtig vor: Die Zitate, die Dylan etwa aus Herman Melvilles "Moby Dick" entnommen haben will, kommen in dem Buch gar nicht vor - dafür aber auf SparkNotes, einer Website mit Interpretationshilfen für Schüler: "Schon eine kursorische Betrachtung der 78 Sätze, mit denen Dylan 'Moby Dick' beschreibt, legt zutage, dass mehr als ein Dutzend davon den Texten auf SparkNotes erheblich zu ähneln scheinen. Und die meisten der Schlüsselzitate in diesen Passagen (etwa 'Ahabs Lust auf Rache') sind in dem Roman gar nicht zu finden."

Weiteres: Caravan bringt einen Fotoessay über nigerianische Liebesgeschichten von und für Frauen. Die Welt reicht Juan Martín Guevaras Biografie in Büchern online nach.

Besprochen werden Victor Klemperers "Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen - Ein Leben in Briefen" (online nachgereicht von der FR), Dorothy Parkers Gedichtband "Denn mein Herz ist frisch gebrochen" (Freitag), Roberto Bolaños Gedichtband "Die romantischen Hunde" (Tagesspiegel), Friedhelm Kemps Essayband "Gesellige Einsamkeit" (Freitag), Oswald Eggers "Val di Non" (NZZ), Enrique Vila-Matas' "Kassel: eine Fiktion" (Tagesspiegel), Jutta Winkelmanns Comic "Mein Leben ohne mich" (taz), Monika Geiers Krimi "Alles so hell da vorn" (Welt) sowie Vladislav Vančuras "Felder und Schlachtfelder" und Jiří Mahens "Der Mond" (NZZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film


Beharren auf das Recht auf Glück: "Loving" von Jeff Nichols.

Tief beeindruckt schreibt Daniel Kothenschulte in der FR über Jeff Nichols' Rassismusdrama "Loving" über das Ehepaar Mildred und Richard Loving, das in den Fünfzigern in den USA sein Recht auf Ehe gerichtlich durchsetzen musste - weil sie schwarz und er weiß war. Ein Stoff, den man als Abfolge dramatischer Gerichtsszenen und Wutausbrüche hätte umsetzen können, doch "die bösen Details der Diskriminierung interessieren Nichols weniger als das Beharren auf das Recht auf Glück. ... Wenn das Paar schon fast ein Jahrzehnt auf Gerechtigkeit wartet, dann muss man auch ein Gespür für diese Zeit bekommen, in der alle historischen Veränderungen der frühen sechziger Jahre vor dem Haus der Lovings halt zu machen scheinen." Weitere Besprechungen in taz und Welt.

Nach einer Retrospektive in Berlin werden die Filme des iranischen Exilregisseurs Sohrab Shahid Saless, der in den Siebziger und Achtziger Jahren in Deutschland arbeitete, nun auch in einer Filmreihe in Brüssel wiederentdeckt. Für den Freitag hat sich Behrang Samsani mit Helga Houzer unterhalten, die in den Siebzigern zwei Jahre mit dem 1998 gestorbenen Filmemacher zusammen war. Die Beziehung war allerdings ziemlich überschattet: "Sohrab wurde immer unzufriedener, wie es in Deutschland für ihn lief. Gleichzeitig hatte er das Gefühl, dass ich gegen ihn sei. Und so wurde auch unsere Verbindung düsterer. Er verdächtigte mich, für den Savak, den damaligen iranischen Geheimdienst, tätig zu sein."

Weiteres: Sibel Schick empfiehlt in der taz das Kurdische Filmfestival in Berlin. Adam Soboczynski von der Zeit "sitzt gebannt und fassungslos vor der unfreiwilligen Komik, die sich" ihm in Oliver Stones Fernseh-Interview mit Wladimir Putin darbietet

Besprochen werden Patty Jenkins' Superheldinnenfilm "Wonder Woman" (Perlentaucher, NZZ, online nachgereicht von der FAZ), Hou Hsiao-Hsiens auf BluRay veröffentlichtes Frühwerk "Daughter of the Nile" (taz), Stéphane Brizés "Une Vie" (NZZ) und die Komödie "Mädelstrip" mit Amy Schumer (Tagesspiegel, Perlentaucher).
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Bühne

Christine Wahl gibt im Tagesspiegel einen Ausblick auf die Berliner Autorentheatertage, die gestern eröffnet wurden. In der NZZ stellt Marianne Zelger-Vogt den polnisch-schweizerischen Tenor Piotr Beczala vor, der in Zürich den Prinzen Sou-Chong in Léhars "Land des Lächelns" singt.

Besprochen werden "Mare Nostrum" von Laura Uribes Teatro en Código beim Festival Theaterformen in Hannover (nachtkritik), Georges Aperghis' "Dark Side" und Helmut Lachenmanns ". . . zwei Gefühle . . .", beide aufgeführt vom Ensemble Opera Nova in Zürich (NZZ) und Tschaikowskis Oper "Pique Dame" in Stuttgart (FR).
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Stichwörter: Tenor

Musik

Monika Grütters, Norbert Lammert, der das Libretto verfasst hatte, der Rundfunkchor Berlin, das Deutsche Symphonieorchester und Dirigent Steven Sloane - staatsaktartig wurde in Berlin anlässlich des 500. Jahrestages der Reformation Stefan Heuckes Opus 80, die "Deutsche Messe", in Berlin aufgeführt. Ulrich Amling vom Tagesspiegel war zu seinem Bedauern ebenfalls dort und sah "ganz schön viel Staatsgottesdienst für eine säkulare Demokratie. Da muss man dem Komponisten beinahe dankbar sein, dass seine 'Deutsche Messe' so gründlich misslingt und das ganze bedeutungsschwangere Drumherum unter den grauen Wogen stumpf gedehnter Harmonien verschwindet. Verlassen ist Heuckes musikalisches Universum, in dem nie ein Lichtlein aufscheint und keine Stimme je zum Tragen kommt. ... Heuckes in Marschgedonner vernarrte und dabei rhythmisch armselige Musiksprache kann vor allem mit dem Wort gar nichts anfangen."

Peter Uehling macht sich in der Berliner Zeitung an eine Detailanalyse des Werks: Den "Anfang, bei dem ein dicht und dissonant geklumpter Choraufschrei sich in einen Molldreiklang auflöst", findet er zwar beeindruckend, "aber wie fassadenhaft wirkt dagegen die Kriegsmusik zur Friedensbitte". Mitunter beschleicht Uehling der "Eindruck, dass sich Heucke eher am Zeitgeist entlangtastet". Hier noch der Probenbericht im SWR.

Weiteres: Beth Ditto stellt auf The Quietus ihre Lieblingsplatten vor. Michael Pilz schreibt in der Welt zum Tod des Groupies Anita Pallenberg. In der NZZ befasst sich Ueli Bernays mit dem Wandel der Open-Air-Kultur. Die FAZ hat Berthold Seligers Erinnerung an das Monterey-Festival von 1967 online nachgereicht.

Besprochen werden ein neues Biopic namens "All Eyez On Me" über den Rapper 2Pac (Welt, taz), ein Konzert von Alt-J (Tagesspiegel) und das neue Album von Flotation Toy Warning (Standard).
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