Efeu - Die Kulturrundschau

Politisch bitte schön

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2017. Das Theatertreffen wird immer fetter und immer planloser, kritisieren Berliner Zeitung, Tagesspiegel und SZ. Die taz fühlt bei der Lektüre von Knausgards "Kämpfen" eine Männerparade über sich trampeln. Der Standard besucht das neue Museum für Kunst, Architektur und Technik in Lissabon. Die FR erwärmt sich in einer Mode-Ausstellung fürs Vulgäre.

Design


Rechtes Bild: Ausstellungsansicht. Linkes Bild: Rechtes Bild: Raf Simons für Christian Dior, Mantel, Herbst/Winter 2014/15, haute Couture und John Galliano für Christian Dior, Ensemble, Frühjehr/Sommer 2003, Haute Couture, Fotos: Christian Wind / © Belvedere, Wien

Begeistert wandert Milos Vec für die FR durch die Mode-Ausstellung "Vulgär? Fashion Redefined" im Wiener Belvedere, deren Thema er als einen glücklichen perspektivischen Kniff der Kuratoren Adam Phillips und Judith Clark lobt: "Denn Urteile über Mode oszillieren zwischen Bestätigung und Verdikt. Und seit es keine gesetzlichen Kleiderordnungen mehr gibt, ist fast alles bloß Geschmackssache. Das Wertvolle und Prachtvolle (goldene Kleider, Brokat, Perlen), einst repressiv geschützt durch obrigkeitliche Gesetze, stehen nun allen Schichten offen. Umso mehr sind Verhandlungen über guten Stil auch Klassenfragen und besitzen ihre politische Sprengkraft. ... Phillips und Clark zeigen aber anhand fantastischer Stücke, wie fluide unsere Bewertungen sind. Sie beobachten Mode von der Grenzverletzung aus und überlassen es dem Auge des Betrachters, eine Haltung dazu zu finden."
Archiv: Design

Bühne

Institutionen, die nicht wissen, was sie wollen, werden einfach immer fetter. Das gilt für die Berlinale und jetzt auch für das Berliner Theatertreffen, das sich mit immer mehr Nebenreihen aufbläht. "Es sucht derzeit sein Glück in der schieren Masse", kritisiert Dirk Pilz in der Berliner Zeitung. "Mit 'Shifting Perspectives' gab es dieses Jahr ein Festival im Festival, daneben eine Konferenz, allerlei zusätzliche Performances, Podien, Interventionen, Gastspiele und der Stückemarkt, der sich im engeren Sinne politischen Stoffen verschrieben hat, seitdem die Bundeszentrale für politische Bildung Geldgeber ist. Das Theatertreffen-Programm ist inzwischen derart vollgestopft, dass sich die einzelnen Formate und Veranstaltungen gegenseitig die Relevanz (und auch das Publikum) abgraben. Der Theaterbetrieb tritt damit als allzuständige Super-Plattform auf."

In der SZ wundert Mounia Meiborg das angesichts der zahlreichen Geldgeber nicht: "Ein bisschen Immersion, eine Zirkus-Show mit schwuler Erotik, eine deutsch-südafrikanische Tanzproduktion: Das Programm wirkt planlos. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Geldgeber, die hier ÄKooperationspartner' heißen, sich als Kuratoren betätigen. Das Goethe-Institut darf Werbung für seinen Koproduktionsfonds machen. Und die Bundeszentrale für politische Bildung stellt klar, wie sie dramatisches Schreiben findet: politisch bitte schön."

Im Tagesspiegel findet Rüdiger Schaper das Treffen eigentlich schon obsolet: "Wozu noch der irre Aufwand, wenn viele Aufführungen zu ortsspezifisch sind oder die Reise nicht antreten können? Wenn die Festspiele selbst kuratieren wollen? Wenn ein Kurator zu einem ähnlichen Ergebnis käme wie sieben Kritiker? Wenn es die unbestreitbaren Abende so auch gar nicht mehr gibt? Wenn sie gar nicht gewollt sind?"

Weiteres: In der taz berichtet Dorothea Marcus über das von Künstlern und Aktivisten organisierte NSU-Tribunal am Schauspiel Köln. Und Katrin Bettina Müller resümiert die letzten Aufführungen beim Theatertreffen. Der Tagesspiegel druckt die Laudatio der Schauspielerin Imogen Kogge auf Michael Wächter vom Theater Basel, der mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Michael Thalheimers Inszenierung der "Perser" im Wiener Akademietheater (Presse, Standard, nachtkritik, FAZ), Sebastian Nüblings Inszenierung von Necati Öziris "get deutsch or die tryin'" am Gorki Theater in Berlin (Berliner Zeitung, nachtkritik), Barbara Freys Adaption von Robert Walsers Roman "Jakob von Gunten"  am Schauspielhaus Zürich (NZZ, nachtkritik), Antú Romero Nunes' "Die Odyssee" nach Homer am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik), Alexander Riemenschneiders Adaption von Michael Köhlmeiers Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (nachtkritik), Krzysztof Minkowskis Inszenierung von Johannes Hoffmanns Stück "Anschlag" über den Terroranschlag aufs Pariser Bataclan im Berliner Heimathafen Neukölln (nachtkritik), Martin Pfaffs Eröffnung des NRW-Theatertreffens in Detmold mit Simon Stephens' Familienstück "Am Strand der weiten Welt" (nachtkritik), Roger Vontobels Inszenierung von Bernard-Marie Koltès' "Kampf des Negers und der Hunde" in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum (nachtkritik), "Deine Liebe ist Feuer / Your love is fire" vom syrischen Collective Ma'louba im Mülheimer Theater an der Ruhr (nachtkritik) und Anthony Pilavachis Inszenierung von Charles Gounods Oper "Cinq-Mars" in Leipzig ("Zwanzig Minuten rasender Beifall. Jubel und Tränen", meldet heftig mitklatschend Eleonore Büning in der FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Kuratorin Susanne Pfeffer Anne Imhofs Performance "Faust" in Venedig, die gerade mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Es geht dabei um Identitäten, Objektwerdung der Körper und den Trend zur Selbstoptimierung, erklärt sie: "In der Mode gibt es gerade die Tendenz, dass die Abweichung, das Andere, gezielt eingesetzt wird. Aber wenn das Andere, der Widerstand, zum modischen Kapital wird, ja ausgehöhlt wird als gängig und konsumierbar, dann wird das Individuelle enteignet und kapitalisiert. Das ist eine gesellschaftliche Frage: Können wir aus solchen Strukturen überhaupt ausbrechen? Vielleicht ist das auch nur in der Gruppe möglich. Der gläserne Boden im Pavillon ist nicht nur eine Grenze, sondern auch durchlässig. Er ermöglicht eine totale Kontrolle. Ich sehe die Performer, aber sie sehen mich auch. Die Installation reflektiert Architektur, die wir auch aus den Machtzentralen des Geldes kennen. Glas als Material ist durchlässig, zugleich wahnsinnig hart und brutal.

Besprochen werden eine Archäologie-Ausstellung in Chemnitz mit 400 der bedeutendsten Objekte der vietnamesischen Geschichte (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt" in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (Welt).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Mit "Kämpfen" liegt nun auch der Abschlussband von Karl Ove Knausgards Mammut-Romanprojekt endlich auf Deutsch vor. Hanna Engelmeier, einst glühende Knausgard-Verehrerin, berichtet in der taz von einer endgültig enttäuschten Liebe. Insbesondere eine im Umfang äußerst beträchtliche Essaypassage stößt ihr auf: Darin assoziiere der Autor unangenehm unbefangen und intellektuell wenig ergiebig über Literatur und Hitler: "Knausgard scheint sich zu wundern, warum der eine Mann mit autoritärem Vater eine 3.600-Seiten-Autobiografie verfasst und der andere zum Massenmörder wird." Und darin beleuchte der Autor eine "nicht zu löschende Sehnsucht danach, sich in einen männlich geprägten literarischen Kanon einzutragen, der allenthalben aufgerufen wird. Mich überfällt große Ratlosigkeit darüber, dass dieser fantastische Autor nichts anderes tut, als über seine empfindsame Literatur eine Parade von Männern trampeln zu lassen, von denen der größte letztlich immer noch Hitler ist."

Dass Knaus-Fans bei der Lektüre dieses Essaykonvoluts bei der Stange bleiben, bezweifelt Mladen Gladic im Freitag: "Manch einer wird schnell zu Teil 2 vorblättern, wo es im altbekannten Sound weitergeht", also mit der Anhäufung von Alltagsbanalitäten: "Das Wort 'Windel': Es findet sich über dreißigmal in diesem Roman."

Weiteres: In Zürich hat Didier Eribon sein Buch "Rückkehr nach Reims" vorgestellt, berichtet Tobias Sedlmaier in der NZZ. Für die FAZ porträtiert Wiebke Porombka den Schriftsteller Gerhard Falkner. Deutschlandfunk Kultur bringt Helmut Böttigers Feature über Paul Celans Auftritt bei der Gruppe 47. Außerdem bringt Deutschlandfunk eine Sendung von Jochen Meißner über Schrift.

Besprochen werden Robert Deutschs "Turing" (SZ), die erstmalige Übersetzung des chinesischen Klassikers "Die Reise in den Westen"(ZeitOnline) und neue Hörbücher, darunter Jean-Paul Sartres "Der Ekel", gelesen von Dietmar Schönherr (FAZ).
Archiv: Literatur

Film



Bombenstimmung
in Cannes - vor der Vorführung von Michel Hazanavicius' Godard-Biopic "Redoubtable" musste der Vorführsaal wegen eines (gottlob un-)verdächtigen Pakets geräumt werden. Ironie der Geschichte: Hazanavicius' Film fokussiert aus Godards Leben gerade jene Umbruchsphase in den späten Sechzigern, als sich der französische "Nouvelle Vague"-Regisseur dem politisch-radikalen Aktivismus zuwandte und selbst in Cannes Vorführungen bis zum Abbruch störte.

Gestört gefühlt haben sich die Kritiker dennoch: Hazanavicius' Filme biete lediglich "Kunsthandwerk mit pseudo-intellektuellem Anspruch", also gerade jene Form von Kino, gegen das Godard & Co immer opponierten, ächzt Daniel Kothenschulte in der Berliner Zeitung. Der Film imitiere "hilflos Sechziger-Jahre-Chic und Godard'sche Verfremdungseffekte", heißt es weiter. Auch Frédéric Jaeger von critic.de winkt eher ab: Der Film sei "ein Pastiche, der daran glaubt, dass in der schlichten Imitation schon eine Respektsbekundung steckt", und der Regisseur sei "vergleichsweise erkenntnisfrei an die Sache herangegangen".

Ärgerlich findet es Verena Lueken im FAZ-Blog, dass sich der Film darauf kapriziert, Godard als Monster zu zeigen, das er in den späten Sechzigern wohl unzweifelhaft auch war. Jedoch: "Godard bleibt eben nicht Godard! Von 'Außer Atem' über 'La Chinoise' zu 'Histoire(s) du Cinéma' oder auch 'Adieu au language', das wäre die Entwicklung gewesen, die wir hätten sehen wollen." Der Film reite seine Gags zu Tode, lautet Dominik Kamalzadehs kurze Notiz zu dem Film im Standard - und tröstet sich mit neuen Filmen von Noah Baumbach und Philippe Garrel (warum dessen "L'amant d'un jour" nicht im Wettbewerb zu sehen ist, findet Kamalzadeh sehr seltsam). Viel Freude hatte unterdessen Tim Caspar Boehme: Ihn überzeugten die "Situationskomik" und "Louis Garrel als hinreißend stinkstiefeliger Godard."

Weiteres von der Croisette: Das Festival ist so angespannt wie seit Jahren nicht mehr, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Andreas Busche (Tagesspiegel), Lukas Stern (critic.de) und Wenke Husmann (ZeitOnline) schreiben über Ruben Östlunds Kunstbetriebs- und Political-Correctness-Komödie "The Square". In der NZZ tadelt Susanne Ostwald Jurypräsidenten Pedro Almodóvar für dessen vor dem Festival getroffenen, abschätzigen Aussagen über Netflix - dabei habe die Online-Videothek die bislang besten Wettbewerbsfilme produziert. Rüdiger Suchsland schreibt Festivaltagebuch auf Artechock.

Außerdem: Zum "Twin Peaks"-Revival - die erste Folge der neuen Staffel lief vergangene Nacht! - blickt Claudia Schwartz in der NZZ auf die ersten Jahre von David Lynchs Erfolgsserie zurück. Aus demselben Anlass ist Juliane Schiemenz für eine Reportage im Deutschlandfunk Kultur zu den Drehorten der Serie gereist.

Besprochen werden Julia Peters' Dokumentarfilm "Sing It Out Loud"(FR, taz), Sobo Swobodniks Dokumentarfilm "6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage" über die NSU-Morde (ZeitOnline) und Mike Mills' "Jahrhundertfrauen" (SZ, unsere Kritik hier).
Archiv: Film

Musik

Für den Standard unterhält sich Ronald Pohl mit dem Jazzmusiker Franz Koglmann, der seinen 70. Geburtstag feiert.

Besprochen werden der Berliner Auftritt von Bryan Ferry (Berliner Zeitung), ein Konzert des Quartetto Prometeo bei der Winterthurer "musica aperta" in Winterthur (NZZ) und ein Konzert von Molly Nilsson (taz).

Archiv: Musik
Stichwörter: Franz Koglmann

Architektur



Sehr beeindruckt berichtet Jan Marot von seinem Besuch im neueröffneten Museums für Kunst, Architektur und Technik in Lissabon. Konzipiert hat den beeindruckenden Bau die Londoner Architektin Amanda Levete: Geglückt ist ihr ein "120 Meter lange und nur 14 Meter hoher Blickfang mit erstaunlichem Tiefgang. ... Mit der Hommage an die portugiesische Azulejo-Kultur erzielt Levete den visuellen Effekt, dass der Museumsbau je nach Sonnenstand und Reflexe seine Farbe ändert - grellweiß am Morgen, rosa, golden-orange bis tiefrot in der Abenddämmerung." Im Tiefgeschoss offenbar sich schließlich "eine immense Fläche. Die 1000 Quadratmeter große Galeria Oval nimmt ein Drittel der Ausstellungsfläche in Levetes Neubau ein. Zusammen mit dem alten E-Werk stehen insgesamt 7000 Quadratmeter Schaufläche zur Verfügung. Wie Künstler indes diese atypischen, neugeschaffenen Räume, die mitunter labyrinthisch verlaufen, gut nutzen werden, stellt sie auf jeden Fall vor Herausforderungen."

Weitere Artikel: In der NZZ denkt Robert Kaltenbrunner über Architektur und Integration nach.
Archiv: Architektur