9punkt - Die Debattenrundschau

Diskussion sensibler Themen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2017. Die VG Wort hat getagt, und nun freuen sich auch die Gegner Martin Vogels über das, was er für sie erstritt. Die New York Times kritisiert Donald Trumps Rede in Saudi Arabien als kompletten Verzicht auf einen Menschenrechtsdiskurs, und sei es in Form von Lippenbekenntnissen. In der FR schätzt der Priester Krzysztof Charamsa, dass fünfzig Prozent seiner Kollegen schwul sind.

Politik

Benn Hubbard und Thomas Erdbrink analysieren für die New York Times Donald Trumps Rede in Saudi Arabien und sehen sie als eine definitive Lossage von der Politik Barack Obamas, der auf eine Liberalisierung des Irans gesetzt hatte - die jüngsten Wahlen im Iran, so die Autoren, hätten überdies den Willen der iranischen Bevölkerung zu mehr Demokratie gezeigt (eine Zusammenfassung der Rede hier): "Trump erneuert die Allianz mit den Golfländern und und sucht die Nähe Amerikas zu Nationen, die nur wenige kulturelle Werte mit ihm teilen und zuweilen gegen seine Interessen agieren. Saudi Arabien ist eine Monarche, in der die Bürger wenige Rechte haben und die öffentliche Ausübung nicht-islamischer Religionen verboten ist."

Die beiden New-York-Times-Autoren Mustafa Akyol und Wajahat Ali kritisieren, dass Trump den Islam nicht als "große Religion" gewürdigt habe, vor allem aber, dass er die Menschenrechte nicht angesprochen habe, so Akyol: "Dies ist, glaube ich, der betrüblichste Aspekt dieser Rede und des Wandels der amerikanischen Politik unter Trump und seinem Außenminister Rex Tillerson - der komplette Verzicht selbst auf Lippenbekenntnisse zu Bürgerrechten und Pressefreiheit. Unsere Außenpolitik gibt nicht mal mehr vor,  auf diesen amerikanischen Werten begründet zu sein."
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Religion

Der katholische Priester Krzysztof Charamsa, der sich vor zwei Jahren als schwul geoutet hat, unterhält sich mit Arno Widmann von der FR über Homosexualität in der katholischen Kirche: "Ich gehe davon aus, dass, vorsichtig geschätzt, fünfzig Prozent des katholischen Klerus homosexuell sind. Das Priestertum ist ein fantastischer Raum, Homosexualität zu verbergen, wenn sie gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Schon darum zieht das Priesterleben viele Homosexuelle an. Es fällt nicht auf, dass man sich nicht für Frauen interessiert. Man ist immer mit Männern zusammen."
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Ideen

Die Germanistin Eva Geulen vermisst einerseits in ihrem neuen ZfL-Blog (hier) eine akademische Streitkultur und stellt doch im Gespräch mit Johan Schloemann von der SZ die traditionelle Rolle des Intellektuellen (der in Deutschland natürlich ein Professor sein muss) in Frage: "Es ist gar nicht einzusehen, warum ein Germanistikprofessor die Deutungshoheit über öffentliche, politische Fragen haben sollte. Dies setzte vieles voraus - ein Verständnis von Nationalliteratur zum Beispiel -, was wir, finde ich, hinter uns haben. Dass in Zeiten der Krise nach dem großen Professor gerufen wird und die Geisteswissenschaften, die ja auch ein Teil der Ausdifferenzierung von Wissenschaft und Gesellschaft sind, wieder die Spezialisten fürs Allgemeine werden sollen - damit sollte es vorbei sein."

Außerdem: In der NZZ macht sich der Philosoph Dieter Thomä Gedanken über Helden heute.
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Stichwörter: Streitkultur, Eva Geulen

Kulturpolitik

In einem Grundsatzartikel über Sinn und Zweck auswärtiger Kulturpolitik macht Sonja Zekri in der SZ auf eine neue Initiative des Goethe-Instituts aufmerksam: "Mit dem Institut Français, Kollegen aus Schweden und den Niederlanden und einer türkischen Stiftung will das Goethe-Institut Kulturorte in der Türkei in Diyarbakır, Gaziantep, Izmir als sozusagen abhörfreie Foren der Begegnung aufbauen. Wo das deutsche Kulturinstitut und europäische Einrichtungen nicht rivalisieren, so der Plan, müsse man kooperieren und Angebote unter einem gemeinsamen Dach machen, als gesteuerte Europäisierung der Kulturpolitik."

Europa

Der Soziologe Stefan Kühl analysiert in der SZ (unter Verweis auf ein Buch seines Kollegen Leopold Ringel) das Ende der Piratenpartei als ein Scheitern am eigenen Anspruch der absoluten Tansparenz, der nur zur "Ausbildung einer geschickter versteckten Hinterbühne" geführt habe: "Es entstanden nicht für alle zugängliche Mailing-Listen, bei öffentlich gestreamten Sitzungen entwickelte sich eine Zeichensprache, mit der die Diskussion sensibler Themen gesteuert werden konnte, und brisante Themen wurden als datenschutzrechtlich relevant eingestuft, um sie jenseits öffentlicher Beobachtung diskutieren zu können."
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Stichwörter: Piratenpartei

Gesellschaft

Ein großer Teil des Zulaufs für den Populismus kommt vom Land, schreibt der britische  Historiker und Kolumnist Simon Kuper in der NZZ, und die Diskrepanz zwischen Land und Stadt sei inzwischen so beträchtlich, dass Kuper einen Vorschlag macht: "Es ist ungerecht, Menschen reich zu machen, nur weil sie zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort eine Wohnung gekauft haben. Und es ist noch ungerechter, ihre Erben reich zu machen. Stattdessen sollten wir den Hausverkauf besteuern und dieses Geld auf dem Lande ausgeben."
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Medien

Martin Vogel hat für die Autoren in der VG Wort eine besseren Status erkämpft - so liest sich Stefan Niggemeiers Zusammenfassung der Mitgliederversammlung der VG Wort, wo Niggemeier auch noch mal darauf zurückkommt, dass es Vogel (der sich nur im Perlentaucher äußern konnte) nicht gedankt wurde. Wie auch immer: "Der nun beschlossene Verteilungsplan ist insofern tatsächlich ein drastischer Bruch mit der früheren Praxis: Jeder Urheber in der VG Wort bekommt 100 Prozent dessen, worauf er gesetzlich einen Anspruch hat, es sei denn, er verzichtet einzeln, ausdrücklich und (zumindest formal) freiwillig darauf."

FAZler Michael Hanfeld, gegen dessen tendenziöse Berichterstattung Martin Vogel eine große Richtigstellung errungen hat, tut im Feuilletonaufmacher so, als sei nun ein Sieg der Vernunft gegen Querulanten wie Vogel erreicht worden: "Es gibt noch gute Nachrichten. Die Verwertungsgesellschaft Wort wird nicht zerschlagen. Im Gegenteil. Sie steht auf einem neuen Fundament und kann ihr jahrzehntelanges Eintreten für die Urheberrechte von Autoren und Verlagen fortsetzen." Auch die SZ berichtet. Mehr auch bei VG Info.

Der mexikanische Journalist Javier Valdez, einer der wenigen, die unerschrocken über den "Narco", das Drogenbusiness in Mexiko recherchiert hat, ist vor einigen Tagen regelrecht exekutiert worden. Der Blogger Airen hat vor ein paar Wochen ein Gespräch mit ihm geführt, das in der FAS veröffentlicht wird - ganz kurz spricht Valdez auch die Rolle der Medien an: "Wer in Mexiko ernsthaften Journalismus betreibt, ist allein. Es gibt keinen Rückhalt aus der Gesellschaft, denn jeder hat Angst. Die Regierung ist korrupt und zieht lieber unliebsame Journalisten mit Kugeln aus dem Verkehr, statt sich ihrer Verantwortung zu stellen. Der Narco sitzt in den Redaktionen mit am Tisch, der Journalist denkt nicht nur an seine Leser und den Chefredakteur, sondern auch daran, was dem Capo in seiner Region genehm sein könnte und was nicht."
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