Efeu - Die Kulturrundschau

Der Rest: futsch

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02.05.2017. Die Nachtkritik schluckt nach dem Dortmunder Theaterabend "Dirty Work" von Forced Entertainment 200 Paracetamol, ach was, 500 Aspirin. Der Standard sucht mit René Pollesch in Wien das Bühnenbild. Die FAZ bewundert, wie Trisha Donnelly in Kanada Regen macht. Die taz schwärmt von Nobi Talais Beduinengewändern. Die Berliner Zeitung ahnt, dass Dresdens schicker Kulturpalast auch das Image der Stadt polieren soll.

Bühne


Dirty Work: Forced Entertainmaint bei der Spätschicht im Essener Pact Zollverein. Foto © Hugo Glendinning

Absolut verehrungswürdig findet Dorothee Marcus in der Nachtkritik das Theater der britischen Gruppe Forced Entertainment, deren neues Stück "Dirty Work" im Essener Pact Zollverein Premiere hatte und bei dem die drei Performer Cathy Naden, Robin Arthur und Terry O'Connor mit schlichtesten Mitteln "Diskursfeuerwerke im Zuschauerkopf" entzündeten: "Stoisch sitzend, erzählen die drei in tiefenentspanntem Plauderton fünf Akte lang abwechselnd die krassesten, brutalsten Szenarien. Sie tippen ihre Horror-Stories jeweils nur an und überbieten einander immer sofort mit noch einem brutaleren Bild. Die Steigerung des Unerträglichen ist Programm: Eine Frau nimmt 200 Paracetamol, ein Mann verschlingt 500 Aspirin, ein Kind nimmt 600 Junior Dispirin. Es ist ein erzählter Bildersturm, ein Dauerfeuer von Kürzest-Assoziationen und ein fiktives Totaltheater, das zugleich permanent die Unmöglichkeit, Absurdität und Überforderung dieses Anspruchs vorführt."


Im Bühnennebel: René Polleschs "Carol Reed" am Wiener Akademietheater

Begeistert ist auch Margarete Affenzeller im Standard von René Polleschs Stück "Carol Reed" im Wiener Akademietheater, das sie als 90-minütiges Happy-Hour-Diskurstheater genoss: "Drüber steht 'Carol Reed', drinnen stehen vier Menschen mit ihren Problemen: Schauspieler, denen - so beginnt der Abend - das Bühnenbild abhandengekommen ist. 'Madame Brack' (Bühnenbildnerin Katrin Brack), so wird gemutmaßt, hat es womöglich einfach mitgenommen, nichts Genaues weiß man nicht. Nur die Beleuchtungsschienen aus dem Schnürboden bewegen sich notorisch auf und ab. Der Rest: futsch." In der Nachtkritik fand Eva Bieringer den Abend Martin Wuttke und Birgit Minichmayr zum trotz etwas bleiern.

Weiteres: In der taz präsentiert Uwe Mattheis sehr ausführlich die Konzepte des Tomas Zierhofer-Kin, der die Wiener Festwochen auf Vordermann und weg von der Repräsentation bringen soll. In der taz sieht Katrin Bettina Müller Signale, dass sich das Berliner Staatsballett mit seiner künftigen Chefin Sasha Waltz doch noch arrangieren könnte.

Besprochen werden die Adaption von Miranda Julys Roman "Der erste fiese Typ" an den Münchner Kammerspielen (der sich laut Christine Dössel in der SZ eher auf Bridget-Jones-Niveau bewegte als in feministischen Hipster-Sphären), Heiner Müllers "Mauser" im Münchner Marstall (FAZ), Rimski-Korsakows "Fille de neige" an der Pariser Oper batsille (mit einer triumphalen Aida Garifullina, wie Reinhard Brembeck in der SZ versichert), Ivo van Hoves Londoner Visconti-Adaption "Obsession" mit Jude Law (NZZ) und eine Krenek-Trilogie an der Oper Frankfurt (FAZ).
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Design

In der taz schwärmt Marina Razumovskaya von Nobi Talais Modeentwürfen, die traditionelle Beduinengewänder mit Bauhaus-Ästhetik kreuzt. Aber "auch mittelalterliche, gotische Elemente drängen sich in den Vordergrund. Man sieht rüstungsartige Capes und kurze Jacken, oft aus Nappaleder oder Plüsch-Pelz, über schmalen, eng anliegenden Lederhosen. Wo die Oberteile nomadisch weit sind und tiefe Falten haben, liegen in der Körpermitte riesige Schnallen. Sie sind nicht nur optischer Akzent, sondern halten funktional die ganze Form zusammen."

Außerdem: Die New York Times bringt in einer Slideshow die ausgefallensten Kostüme der gestrigen Met Gala.
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Stichwörter: Mode, Nobi Talai

Kunst

Trisha Donnelly: Ausstellungsansicht, Portikus Frankfurt am Main,  2010

Ganz fantastisch findet FAZ-Kritiker Niklas Maak Trisha Donnellys Arbeiten, und dass es die Künstlerin wirklich gibt, hätte er bis zur Verleihung des Wolfgang-Hahn-Preises nicht unbedingt für sicher gehalten. Aber doch, im Museum Ludwig war sie zugegen, auch um die Ausstellung zu eröffnen: "Donnellys Kunst ist entweder radikal ephemer oder extrem massiv: Oft taucht sie blitzartig auf: ein verhallender Ton in einem Lüftungsrohr, eine elfenhaft plötzliche Erscheinung, eine fast unsichtbare feine Bleistiftlinie, ein Gerücht, ein Windgeräusch - oder die Werke sind massiv, laut, tonnenschwer. Ihre Interpreten treibt Donnelly mit großer Hingabe in hermeneutische Sackgassen. Alles ist 'Untitled'. In ihrer Videoarbeit 'Regen in Kanada' sah man Trisha Donnelly absurde, schöne Gesten aufführen. Die Antwort auf die Frage, was all das zu bedeuten habe, lautete: Sie versuche, Regen in Kanada zu erzeugen."

Absolut positiv bilanziert Christiane Meixner im Tagesspiegel das Berliner Gallery Weekend, das sie sowieso unschlagbar findet: "Messen, deren Konzepte und Kojen sich glichen, gibt es viele. Das Weekend dagegen ist singulär. Und was Berlins Galeristen in ihren Räumlichkeiten an Kunst zu bieten haben, ist nach wie vor spektakulär." Wie sehr dies bereits der Art Cologne schadet, bemerkt Stefan Kobel im Tagesspiegel.

Besprochen wird die Jürgen-Teller-Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau (die SZ-Kritiker Jan Kedves zeigte, dass der Fotograf am besten ist, wenn er ganz auf die "geniale Plattheit" seiner Bilder vertraut).
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Literatur

Für die FAZ hat sich Thomas David mit dem Schriftsteller Sebastian Barry getroffen, der "seit beinahe vier Jahrzehnten an einem faszinierenden, aus mittlerweile neun Romanen, einem guten Dutzend Theaterstücken und drei Lyrikbänden bestehenden Requiem für die Verlorenen und Vergessenen" schreibt.

Besprochen werden die Neuauflage von René Daumals Romanfragment "Der Berg Analog" (Bro198), Christine Wunnickes "Katie" (online nachgereicht von der Zeit), Graeme Macrae Burnets "Sein blutiges Projekt" (Tagesspiegel), Larry Beinharts "No One Rides For Free" (Freitag), Emmanuel Carrères "Ein russischer Roman" (online nachgereicht von der Zeit), Ovids "Metamorphosen" (online nachgereicht von der Literarischen Welt),  der Band "Der Weg zum Schafott. Dichter gegen die Todesstrafe" (NZZ) und Simone Meiers "Fleisch" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Mit ihrem Comeback-Album "Pleasure" zelebriert Feist den urwüchsig-authentischen Charakter von Rock'n'Roll, stellt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline fest. Alles sehr roh und spröde: "Feist spielt auf Pleasure meistens eine abgewrackte Les-Paul-Junior-Gitarre. In den lauten Momenten der Platte klingt sie wie ein verstopfter Grünschnitthäcksler, in den leisen wie irgendein Gerät, mit dem man Unkraut jätet. Das ist schon mal gut. Noch besser und kaputter ist jedoch ihr Gesang, eine Aneinanderreihung von verschluckten und in die Länge gezogenen Silben, merkwürdigen Phrasierungen, plötzlichen Stimmlagenwechseln und Verletzungen des Versmaßes. Feist demonstriert damit volle Kontrolle über die Macken und Ticks ihrer Stimme ­- und zugleich eine neu entdeckte Lust auf Kontrollverlust." Die aktuelle Single:



Weiteres: Für die NZZ spricht Georg Rudiger mit Antonio Pappano, der das Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia aus der Krise herausmanövriert und international wieder vorweisbar gemacht hat. Auf Pitchfork erzählt die Indieband Jawbreaker die Geschichte ihres bei den Fans umstrittenen Erfolgsalbums "24 Hour Revenge Therapy" von 1994. Im Zündfunk des Bayerischen Rundfunks heben Klaus Walter und Tilman Baumgärtel zum Lob des Loops an.

Besprochen werden das Berliner Mutter-Konzert (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), Ryuichi Sakamotos "async" (Pitchfork), das neue Album von Thurston Moore (Tagesspiegel), Ray Davies' Soloalbum "Americana" (FAZ), ein Auftritt von Gavin DeGraw (FAZ) und zwei von Philippe Herreweghe geleitete Brahms- und Gesualdo-Aufnahmen (FAZ). Auf Pitchfork erinnert Jason Diamond an das 93er Album "In on the Kill Taker" von Fugazi.
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Stichwörter: Feist, Philippe Herreweghe

Architektur

In der SZ preist Gottfried Knapp Dresdens "glanzvoll umgebauten" Kulturpalast von 1969, in den neben der Dresdner Philharmonie auch die Stadtbibliothek und ein Kabarett miteinzieht. Im Tagesspiegel lobt Bernhard Schulz die Offenheit des Hauses: "Die verglasten Foyers waren so zeitgeistig wie nur irgendeines der alten Bundesrepublik; allerdings niedriger, so dass auch das Wandbild im ersten Obergeschoss mit seinem sozialistischen Zukunftsoptimismus als schmaler Fries zwischen Saaltüren und Decke verläuft." In der Berliner Zeitung bemerkt Bernhard Honnigfort: "Das reiche Dresden buttert gerade eine Unmenge Geld in seine Kultur. Es ist auch Geld für dringende Korrekturen am Pegida-beschmutzten Image."
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Film

Am Freitagabend wurden die "Lolas", also der Deutsche Filmpreis, vergeben. Wie erwartet waren Nicolette Krebitz ("Wild"), Maren Ade ("Toni Erdmann") und Anne Zohra Berrached ("24 Wochen") die großen Abräumerinnen in den Hauptkategorien, mit "Toni Erdmann" als "Film des Jahres", der am Wochenende zudem seinen millionsten Zuschauer verzeichnen durfte. Intelligente Filme können also auch in der deutschen Kinowüste ein Publikum finden, freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel, bleibt allerdings auch bis auf weiteres noch skeptisch, ob von diesem Erfolg tatsächlich ein spürbarer Impuls ausgehen wird: "Die deutsche Komödie revolutioniert 'Toni Erdmann' sicher nicht, dafür ist die Dominanz von 'Willkommen bei den Hartmanns' und des Till-Schweighöfer-Komplexes zu erdrückend. ... Vielleicht ist die Aufstockung der kulturellen Filmförderung auf 25 Millionen Euro, mit der Grütters auf der Verleihung Werbung in eigener Sache machte, schon ein wichtiger erster Schritt, um experimentellere, riskantere Filmprojekte langfristig zu fördern. So eine Entwicklungsförderung könnte etwa dafür sorgen, dass 'schwierige Filme' nicht schon in der Drehbuchhölle einen langen qualvollen Tod sterben. Oder dass Maren Ade nicht wieder sieben Jahre für ihren nächsten Film braucht."

Christian Thomas nimmt sich in der FR die Verleihung zum Anlass, um nochmals auf "Toni Erdmann" zu sprechen zu kommen: Es ist nämlich "übersehen worden, wie sehr Maren Ades schräge Tragikomödie auch ein abgrundtief böser Architekturfilm ist." Jenni Zylka von der taz wurmt es unterdessen sichtlich, dass Chris Kraus' ebenfalls vielfach nominierter Holocaust-Verarbeitungsfilm "Die Blumen von gestern" (mehr dazu hier) komplett leer ausging. "Es war ein ausgezeichnetes deutsches Filmjahr", lautet Hanns-Georg Rodeks gut gelauntes Fazit in der Welt.

Weiteres: Tim Neshitov hat für die SZ die zwei auf den Import türkischer Erfolgsfilme spezialisierte Verleihe AF Media (Berlin) und Kinostar (Stuttgart) besucht. Dominik Kamalzadeh resümiert für den Standard das "Crossing Europe"-Festival, bei dem Vitaly Manskys Ukraine-Film "Close Relations" ausgezeichnet wurde. Verena Lueken unterhält sich mit Schriftsteller Jonathan Littell für die FAZ über dessen Dokumentarfilm "Wrong Elements". Daland Segler schreibt für die FR über das "Go East"-Festival in Wiesbaden, das heute zu Ende geht. Markus Tschiedert unterhält sich für die Berliner Zeitung mit dem Schauspieler Fahri Yardim über Waschbären, leidige Herkunftsdebatte und Til Schweiger. In der Welt porträtiert Tilman Krause die Schauspielerin Danielle Darrieux, die seit 85 Jahren Filme dreht.

Besprochen werden die neue, auf Neil Gaimans gleichnamigem Roman basierende Serie "American Gods" (ZeitOnline), ein von Arte online gestelltes Doku-Drama über Fritz Lang (FR) und der nach Indizierung und Verbot wieder freigegebene "Battle Royale" von Kinji Fukasaku (Moviepilot, unsere Kritik hier).
Archiv: Film