Efeu - Die Kulturrundschau

Als quasi-kommunistische Endzeit-Kommune

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29.04.2017. Die SZ fühlt den Pistolenlauf im Mund, wenn Oliver Frljić im Münchner Marstall sehr unhipp eine Revolution anzettelt. Der Freitag erlebt mit Jim Jarmuschs Film "Gimme Danger" Iggy Pops hedonistische Selbstdemontage. Im Filmdienst erklärt Regisseurin Angela Schanelec: "Ich mache meine Filme, um nicht sprechen zu müssen." Und auch die Welt übt jetzt mit den Schülern der Becher-Klasse den frontalen Blick.

Kunst


Andreas Gursky: Pförtner, Passkontrolle, 1982. Mit Genehmigung des Städel Museums, Frankfurt

Sehr schön und kenntnisreich schreibt Hans-Joachim Müller in der Welt über die bereits gestern vielfach gelobte Ausstellung "Fotografien werden Bilder" im Frankfurter Städel Museum, die die Fotografen der Becher-Schule versammelt: "Wenn man an gängiges Akademieverhalten mit all den zwanghaften Emanzipationen denkt, dann muss das Einvernehmen in der Becher-Klasse schon erstaunen. Es ist mit prägendem Einfluss auf die Frühwerke der ehemaligen Schüler nicht gut genug charakterisiert. Mit sichtlicher Hingabe übernehmen sie die Künstlichkeit des frontalen Blicks, üben die Suggestion der Menschenleere ein, heroisieren die Dinge in ihrer Isolation und werden bald Meister in der Balance zwischen Anteilnahme und Distanz, in der ihre Weltausschnitte anmuten, als sähe man sie zum ersten Mal."

Johann Schloemann feiert in der SZ die Weimarer Ausstellung "Moderne Antike" über Johann Joachim Winckelmann, die den Vater des Klassizismus und des Philhellenismus explizit als homosexuellen Gelehrten würdigt. Wie sinnlich er den Torso von Belvedere beschrieb, zitiert Schloemann: "So mannigfaltig, prächtig und schön erheben sich hier schwellende Hügel von Muskeln, um welche sich oft unmerkliche Tiefen, gleich dem Strome des Mäanders, krümmen, die weniger dem Gesichte als dem Gefühle offenbar werden." (Bild: Sandra Kontos, Stiftung Weimarer Klassik)

Zum Gallery Weekend in Berlin informiert der Tagesspiegel sehr ausführlich. Für die SZ streift Astrid Mania durch die Stadt. In der NZZ berichtet Uta M. Reindl über den Kampf um den Messemarkt, den die Art Basel und die Art Cologne gerade mit harten Bandagen austragen.

Besprochen wird die dem Bildhauer Rudolf Belling gewidmete Schau im Hamburger Bahnhof in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg" war die Kritikersensation dieser Kinowoche - so breit gestreuten Jubel für einen deutschen Film gab es zuletzt bei "Toni Erdmann", der gestern noch mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde (hier alle ausgezeichneten Filme im Überblick). Für den Filmdienst hat jetzt Ulrich Kriest ein ausführliches Gespräch mit Schanelec geführt. Unweigerlich geht es dabei auch um die fragmentarisch-spröde Erzähl- und Inszenierweise der Berliner Regisseurin. Keine intellektuelle Herausforderung stehe dabei im Fokus des Interesses, sondern ein sinnliches Angebot, versichert sie, es gehe um die "körperliche Erfahrung, eine Seh- und Hörerfahrun ... Für mich ist wichtig, dass man wahrnimmt, und Wahrnehmen ist ja eigentlich keine bewusste Mühe." Sie sagt weiter: "Ich glaube, ich mache meine Filme, um nicht sprechen zu müssen. Und nun fügt es sich... Ich mache es ja, um es nicht erklären zu müssen. Oder auch nicht erklären kann. Ich möchte etwas erzählen, nicht, weil ich weiß, was es bedeutet, sondern weil ich mich frage, was es bedeutet."

Weiteres: Für ZeitOnline hat Anke Sterneborg ein großes Interview mit den für den gestern Abend vergebenen Deutschen Filmpreis nominierten Filmemacherinnen Maren Ade, Anne Zohra Berrached und Nicolette Krebitz geführt (siehe dazu auch den Efeu von gestern).  Für den Filmdienst spricht Lea Wagner mit Jonathan Littell über dessen (auf Artechock und bei critic.de besprochenen) Dokumentarfilm "Wrong Elements". Frank Mehring schreibt im Filmdienst über Musik im zeitgenössischen Science-Fiction-Film. Lucas Barwenczik versenkt sich für den Filmdienst in virtuelle Realitäten. Michael Pekler berichtet für den Standard vom Crossing Europe Festival. Im SZ-Gespräch mit Warren Beatty und Lily Collins interessiert sich Tobias Kniebe brennend für die Sexszene, die die beiden Schauspieler trotz ihres beträchtlichen Altersunterschieds in Beattys neuem Film "Regeln spielen keine Rolle" absolviert haben. Michael Freerix schreibt in der taz über die Experimentalfilmmacherin Maya Deren, die heute 100 Jahre alt geworden wäre. Hier ihr Film "At Land" von 1944:



Besprochen werden Monja Arts "Siebzehn" (Artechock) und Mirjam Ungers "Maikäfer flieg" (Artechock).
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Bühne


"Überleben ist auch eine Lösung": Oliver Frljićs Müller-Inszeneirung "Mauser". Foto: Konrad Fersterer, Theater im Marstall

Christine Dössel weiß in der SZ, dass die Provokationen des Skandalregisseurs Oliver Frljić auch schiefgehen können, seine Inszenierung von Heiner Müllers Stück "Mauser" im Münchner Marstall findet sie aber ganz gut: "Doch ist auch 'Mauser' wieder eine Provokation. Zum Teil liegt sie in der über weite Strecken offensiven Nacktheit sämtlicher fünf Darsteller (vier Männer, eine Frau); zum Teil in den vorgeführten Grausamkeiten (eine Frau wird erwürgt, Gefangenen werden Pistolen in den Mund gesteckt, bis sie röcheln); vor allem aber in der grundlegenden Frage nach der Gewalt als Mittel zur gesellschaftlichen Veränderung, letztlich also in der unhippen Anzettelung des Themas Revolution. Wofür lohnt es sich zu töten - oder zu sterben? Rechtfertigt die höhere Idee den Terror, der sie durchzusetzen versucht? Der Abend hat etwas Widerständiges, was eine Qualität ist." In der Nachtkritik gerät Willi Spatz vieles zu laut, zu derb, ohne wirklich schockierend zu sein. Allerdings räumt er ein: "Zwischendrin gibt es durchaus Poetisches und Schönes, wenn zum Beispiel eine Leiche ausgiebig gewaschen wird."

Besprochen wird Ivo van Hoves Inszenierung von Viscontis "Obession" am Londoner Barbican Theatre mit Jude Law (FAZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

In der Literarischen Welt gratuliert Marc Reichweich der Universalbibliothek aus dem Hause Reclam zum 150-jährigen Bestehen (sich von seinen diversen reclamgelben Regalmetern getrennt zu haben, bezeichnet Andreas Rosenfelder unterdessen als große Eselei). Im literarischen Wochenendessay der FAZ befasst sich Michaela Nowotnick mit der rumänische Erstveröffentlichung von Paul Celans "Todesfuge" in der Zeitschrift Contemporanul im Jahr 1947. Das große, heute in der Literarischen Welt dokumentierte Gespräch zwischen Michel Houellebecq und Emmanuel Macron haben wir in der Debattenrundschau resümiert.

Besprochen werden unter anderem Hendrik Otrembas "Über uns der Schaum" (taz), Vicente Alfonsos "Die Tränen von San Lorenzo" (Freitag), Heinz Strunks "Jürgen" (taz), Olivia Sudjics "Sympathie" (Literarische Welt) und Rachel Kushners "Telex aus Kuba" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik


Endzeit-Kommune auf der Bühne: Iggy Pop und die Stooges (Bild: Studio Canal)

Mit dem Dokumentarfilm "Gimme Danger" porträtiert Jim Jarmusch Iggy Pop und die Stooges und damit die eigentliche Keimzelle von Punk, schreibt Andreas Busche im Freitag: Der Film "ist das Zeugnis einer hedonistischen Selbstdemontage. MC5 stilisierten sich mit ihrem Radical-Chic zur politischen Band, während die Stooges als quasi-kommunistische Endzeit-Kommune tatsächlich in einem Abbruchhaus lebten. ... Unter anderen Umständen wäre Jarmuschs Mangel an Distanz problematisch, aber um eine Entmythifizierung geht es hier nicht. Die hellsichtigen Beobachtungen des alten, weisen Iggy, des ledrigen Punkreptils in geringelten Clownshosen, lassen die Jahre chemischer Selbstentgrenzung kaum noch erahnen."



Nach 17 Jahren meldet sich der Technokomponist Wolfgang Voigt mit seinem Ambienttrance-Projekt GAS zurück: Nach gewohnter Manier verdichtet er auf "Narkopop" Wagner-Samples, Technobeats und flirrend-repetitive Klänge. Damit fällt das Album "in eine neue Konjunktur von minimalistischer und Ambient-Ästhetik", schreibt dazu Markus Schneider in der Berliner Zeitung. "Die Wiederentdeckung von Raum und Stille bildet gewissermaßen den Gegenpol zum Aufmerksamkeitsdefizit der Popindustrie - und doch verflüchtigen sich die Gas-Sounds auch beim Hören. Dabei verweigert er sich natürlich dem Schönklang von Ambient-Eskapisten wie Stars of the Lid. 'Narkopop' bebt zunehmend vor Beunruhigung und Bedrohung. Durch die Tracks (...) dröhnen die Orchesterstreicher als Drones, sie klingen differenzierter und feiner denn je, schwellen an und ab, aber in einer permanent verunsichterten Tonlage." Hier einige Ausschnitte aus dem Album.

Weiteres: Die NZZ dokumentiert Martin Meyers Vortrag über den Pianisten Alfred Brendel (siehe dazu auch Frederik Hanssens Bericht im Tagesspiegel zum Auftakt der zehntägigen Hommage des Konzerthausorchesters an Brendel). Für den Standard spricht Ljubiša Tošić mit Gerhard Sammer, dem Ensembleleiter des Tiroler Kammerorchesters. Im Blog des Guardian erinnert sich Celeste Bell an ihre Mutter Poly Styrene, die vor sechs Jahren gestorbene Sängern der Punkband X-Ray Spex. In der taz erinnert Doris Akrap an die vor 30 Jahren gestorbene Sängerin Dalida.

Besprochen werden die Comebacks von Feist (SZ) und den Gorillaz (Berliner Zeitung), ein Auftritt des Jazzgitarristen Kalle Kalima (FR) und ein Konzert des Pianisten Jean-Yves Thibaudet (NZZ).

Außerdem hat das hr-Sinfonieorchester sein gestriges (hier in der FR besprochenes) Konzert mit Fazıl Say unter Peter Oundjian online gestellt.


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