Efeu - Die Kulturrundschau

Osmotische Nähe zum eigenen Soma

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19.04.2017. Intendant Oliver Reese fordert in der FR, Frankfurts marode Bühnen nicht nur zu sanieren, sondern komplett neu zu bauen. Die SZ lässt sich vom Ensemble Modern ins musikalisch-extravagante Niemandsland des Harry Partch entführen. Die Berliner Zeitung amüsiert sich mit der unpathetischen Kunst des Juergen Teller. Die NZZ liest die Klassiker der dystopischen Literatur.  Und im CulturMag rekonstruiert Krimi-Autor Frank Göhre das Italien von 1975, als Pier Paolo Pasolini ermordet wurde.

Kunst


(Foto: Jürgen Teller: Charlotte Rampling, a Fox, and a Plate No.15, Latimer Road, London 2016)

In der Berliner Zeitung weiß Ingeborg Ruthe, dass der jetzt im Berliner Gropiusbau ausstellende Fotograf Jürgen Teller nicht nur Anhänger hat, Kritiker finden seine derben Bilder schamlos, fragwürdig. Sie hingegen kann ihn gut ab, die Clownerien, das Tragikomische, die Selbstironie inklusive Selbstvermarktung: "Da lebt einer - abseits der klassischen Menschen-Fotografie der Altvorderen - ganz den offenen Kulturbegriff. Man weiß nicht, was Beuys dazu sagen würde. Aber Tellers innig-komisch-erzählerisches Interesse an Menschen, an Zusammenhängen mit dem Alltäglichen ist unübersehbar und der Vorwurf, seine Fotokunst sei sinnfrei, ist nachgerade humorlos. Tellers fotografischer Blick ist eben nicht pathetisch, mehr kurioser Natur."

Weiteres: Sehr aufschlussreich findet Ronald Berg in der taz die Dessauer Bauhaus-Ausstellung "Handwerk wird modern", die sich den Werkstätten vor der großen Kehrtwende zum Industriedesign widmet. Anlässlich der Restaurierung von Leonardo da Vincis "Anbetung der Könige" (mehr hier) wünscht sich der Kunsthistoriker Frank Zöllner in der FAZ wieder mehr wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ziemlich geschwätzig findet Georg Imdahl in der FAZ die in Wolfsburg und Leverkusen gezeigten Arbeiten des Belgiers Hans Op de Beeck.
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Stichwörter: Juergen Teller

Bühne


Frankfurts berühmte Theaterdoppelanlage, erbaut 1962. Foto: Birgit Hupfeld

Im Interview mit der FR plädiert der Frankfurter Intendant Oliver Reese kurz vor seinem Weggang für einen kompletten Neubau von Schauspiel und Oper. Eine Sanierung, meint er, sei ja keinem mehr zuzumuten, bereits jetzt hat ein neues Gutachten die anfallenden Kosten von 280 auf 500 Millionen Euro erhöht: "Die Situation erfordert zumindest, dass es keine Denkverbote geben darf; vielleicht ist es sogar, großes Wort, Zeit für Visionen...In Köln gab es ein Hin und Her: Zunächst eine Entscheidung für einen Neubau. Diese Entscheidung wurde revidiert aufgrund des Einspruchs der scheidenden, sehr einflussreichen Schauspiel-Intendantin. Dann war Karin Beier weg und ihr Nachfolger schlägt sich nun mit den verheerenden Folgen von Baustopp, Firmenbankrott und mehrjähriger Verzögerung herum. Köln ist ein Menetekel, in Düsseldorf erweisen sich Umbau und Sanierung des Hauses ebenfalls als eine never ending story."


Aida Garifullina als Schneeflöckchen an der Opéra Bastille. Foto: Elisa Haberer/OnP.

Aida Garifullina ist der neue Star unter den Weltsopranen, weiß Jan Brachmann in der FAZ, er hat sie in Paris erlebt, in Rimski-Korsakows Frühlingsmärchen "Schneeflöckchen", das Mikhail Tcherniakov so betörend wie erschreckend auf die Bühne gebracht hat: "Zum innigen Dialog zwischen Schneeflöckchen und Frühlingsfee, durch die zart-kühne Waldgeistmusik mit ihren ungewöhnlichen Akkordfolgen eingeleitet, fangen im letzten Akt sogar die Bäume an zu tanzen. Es ist ein Moment seelischer Heilung."

Weiteres: Im Tagesspiegel verabschiedet Peter von Becker das Theatermonster Claus Peymann mit einem großen Porträt: "Ein Täter, Tänzer und Träumer. Ein Wahrsager, Großmaul und Lügenmeister, in der freien Rede darin auch seinem Idol Thomas Bernhard nah." In der NZZ stellt Georg-Friedrich Kühn nach Neuinszeneirungen in Berlin und Hamburg fest, dass Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" eigentlich nicht mehr sinnvoll aufgeführt werden kann: "Schon bei der Uraufführung 1919 in Wien fühlte das Publikum sich gleichsam im falschen Film." In der taz berichtet Iwona Uberman, dass Regisseur Oliver Frljić mit seinem provokanten Anti-Kirchen-Stück "Klątwa" ("Der Fluch") den erwarteten Aufschreib ausgelöst hat.

Besprochen werden Nestroys "Liebesgeschichten und Heiratssachen" an der Wiener Burg (FAZ), Robert Borgmanns "Kirschgarten"-Inszenierung in Stuttgart (SZ) und Giuseppe Verdis "Un ballo in maschera" mit Piotr Beczala an der Wiener Staatsoper (Standard)
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Film



Mit großem Vergnügen liest SZ-Kritiker Fritz Göttler die aufwändig überarbeitete Neuausgabe von Hanns Zischlers "Kafka geht ins Kino": Dieses "Buch ist ein Wunderwerk der Komposition des Akzidentiellen. ... Am Kinogänger Kafka studierte er, wie das stumme, krude, populäre Kino das moderne Schreiben radikal verwandelt hat." (Bild: Kiepenheuer & Witsch/Galiani Berlin)

Besprochen werden John Lee Hancocks Biopic "The Founder" über die Gründer von McDonald's (Standard, SZ), Dariusz Kowalskis Dokumentarfilm "Seeing Voices" (Standard), der deutsch-österreichische Science-Fiction-Thriller "Stille Reserven" (ZeitOnline), Stephan Lambys heute im Ersten ausgestrahte Langzeitdoku "Nervöse Republik" (Freitag, Welt) und die Serie "Lovesick" (Freitag).
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Musik

Julia Spinola hat sich für die SZ in Berlin ein Konzert des Ensembles Musikfabrik aus Köln angehört, das dafür eine ganze Reihe von Harry Partchs extravagant-exotischen Musikinstrumenten rekonstruiert und dessen Kompositionen aufgeführt hat. Diese Wiederentdeckung lohnt sich, versichert die Kritikerin: Partchs schräge Musik scheint "eine geradezu osmotische Nähe zum eigenen Soma und zum Klang der eigenen Seelenschwingung zu entfalten. ... Es ist eine abwechslungsreiche, überbordend fantasievolle und voller Formwitz steckende Musik, die fernab von allen Ideologien in einem bezaubernden Niemandsland jenseits von Dur und Moll angesiedelt ist." In dieser Playlist hält das Ensemble eine ganze Reihe von Kurz-Dokus über Partch und die eigene Arbeit bereit. Hier ein kurzer Liveausschnitt:



Weiteres: Stefan Schomann berichtet im Tagesspiegel von einem koreanischen Festival zu Ehren des Komponisten Isang Yun, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Für die taz flaniert Ole Schulz über die Atlantic Music Expo auf den Kapverden. Kristina Kaufmann porträtiert in der Spex den Elektromusiker Joe Goddard.

Besprochen werden Kendrick Lamars "Damn" (ZeitOnline, mehr dazu hier und hier), das neue Album "Semper Femina" von Laura Marling (FR) und eine Ausstellung über die Geschichte der elektronischen Musik im Musikinstrumentenmuseum in Berlin (taz).
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Literatur

Krimi-Autor Frank Göhre geht im CulturMag mit reichhaltigem Material den verschiedenen Theorien nach, die noch immer zum Mord an Pier Paolo Pasolini kursieren. Ohne sich auf eine festzulegen, rekonstruiert er vor allem das Italien des Jahres 1975: "Es ist die Zeit der schlimmsten Wirtschaftskrise Italiens seit dem Zweiten Weltkrieg. Christdemokraten und Kommunisten, kämpfen um die politische und kulturelle Vorherrschaft. Neofaschisten legen Bomben. Die Roten Brigaden sind als linke Untergrundorganisation für zig Mordanschläge, Entführungen und Banküberfälle verantwortlich. Polizisten prügeln auf demonstrierende Arbeiter ein. Auf den Straßen der großen Städte fließt Blut. Die Generäle der italienischen Armee schmieden Putschpläne."

Im Zuge von Trumps Wahlerfolg sind auch einige Klassiker der dystopischen Literatur wieder diskutiert und zurate gezogen worden. Jan Wilm warnt in der NZZ allerdings davor, Werke wie Sinclair Lewis' "Das ist bei uns nicht möglich" und Philip K. Dicks "Das Orakel vom Berge" allzu leichtfertig vor der Folie von Trumps Präsidentschaft zu lesen: Zwar ist es "verständlich, dass diese Romane heute zu neuen Lesern finden - aber die Literatur ist keine Wahrsagerin, und sie hilft auch nicht auf die simple, instrumentelle Weise, die man sich dieser Tage vielleicht erhofft. Keines der vorgestellten Bücher bietet einfache Auswege an, vielleicht im Wissen, dass der Wert der Literatur nicht in Wirkungsverhältnissen greifbar ist. Man überfordert die Literatur, wenn man von ihr Lösungen erwartet."

Weiteres: Walter Benjamins unvollendet gebliebene Exzerpte- und Notizenkonvolut "Passagen-Werk" wird derzeit in New York wiederentdeckt, berichtet Konstantin Nowotny im Freitag. Gregor Dotzauer stellt im Tagesspiegel die online wiederbelebte Literaturzeitschrift Evergreen Review vor. Roman Bucheli hat für die NZZ den Rotpunktverlag besucht, in dem ein Generationenwechsel ansteht.

Besprochen werden Niroz Malek' "Der Spaziergänger von Aleppo" (Freitag), David Albaharis "Das Tierreich" (Tagesspiegel), Karl Heinz Bohrers Autobiografie "Jetzt" (Berliner Zeitung), Dominique Gobles Comic "so tun als ob heißt lügen" (Tagesspiegel), Bjarte Breiteigs "Meine fünf Jahre als Vater" (NZZ), Marlon James' "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" (NZZ), Peter Walthers Biografie über Fallada (online nachgereicht von der FAZ) und neue Gedichtbände von Nico Bleutge, Tom Schulze, Steffen Popp und Paul-Henri Campbell (Freitag).
Archiv: Literatur