Efeu - Die Kulturrundschau

Auf der Suche nach Wirkung und Aussage

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06.02.2017. Die NZZ feiert den fotografierenden Kantonspolizisten Arnold Odermatt, der ganz fantastische Bilder von Autounfällen schoss. Der Tagesspiegel erfährt auf der Transmediale, dass das Zeitalter des Anthropozän zu Ende ist. Die SZ erlebt beim Eclat Festival für Neue Musik die Überwindung der Abstraktion. Der Freitag wünscht sich vom Forum der Berlinale weniger Halbherzigkeit. In der FAZ huldigt Andrzej Stasiuk dem russischen Schriftsteller Andrej Platonow, der an Fortschritt und Unsterblichkeit des Menschen glaubte.

Kunst


Arnold Odermatt, Buochs, 1965, (c) Urs Odermatt, Windisch

Daniele Muscionico feiert in der NZZ die Werkschau zu Arnold Odermatt in der Photobastei Zürich, der es als Fotograf und Polizist zur Schweizer Legende wurde. Die Schau gehe weit über die bisher kanonische Auswahl von Harald Szeemann hinaus: "Odermatt war hauptsächlich ein fotografierender Kantonspolizist. Doch mit derselben ästhetischen Beflissenheit und einem nachgerade beweispflichtigen Blick war er viel mehr: Er war ein fotografierender Familienvater, ein Dorfchronist, ein Vereinsporträtist und während sechzig Jahren aus ureigenem Interesse penibler Berichterstatter der wirtschaftlichen und politischen Geschicke Nidwaldens. Fortschritt, Aufbruch, der Bau von Strassen, Tunnels, Odermatt hielt sie mit dem Auge eines Tatortfotografen fest - und doch mit dem Blick eines Künstlers, weil auf der Suche nach Wirkung und Aussage."

Für den Tagesspiegel besuchte Giacomo Maihofer die Ausstellung "Alien Matter" und weitere Veranstaltungen des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale. Und siehe da: "Das Zeitalter des Anthropozän, die alleinige Vorherrschaft des Menschen, ist zu Ende. Man hörte diese Feststellung in unterschiedlichen Formen immer wieder in den Veranstaltungen. 'Von der Maschine zu sprechen, das heißt vom Menschen zu sprechen, darüber, was es heißt Mensch zu sein', hieß es beispielsweise in einem Vortrag von Andreas Broeckmann, der selbst von 2000 bis 2007 künstlerischer Leiter des Festivals war. Die Maschine sei nicht länger bloß das fremde Andere, sondern werde Teil unserer Subjektivität."
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Film

Für den Freitag porträtiert Lukas Foerster Christoph Terhechte, den Leiter des Forums der Berlinale, den er trotz allem Respekt vor dem Forum als Sektion, in dem es vorrangig um die filmische Form geht, zwiespältig einschätzt: "Insbesondere die Schwerpunktsetzungen wirken oft willkürlich und halbherzig. In dem ersten Forumsjahrgang unter seiner Regie hatte Terhechte 2002 gleich 13 chinesische Filme präsentiert. Ein derartiges kuratorisches Statement hat er sich seither nicht mehr getraut. ... Dennoch ist das Forum nach wie vor der einzige Bereich der Berlinale, der neugierig ist auf die Möglichkeiten des Kinos, etwas Neues an der Welt zu entdecken - und der nicht nur immer wieder das bestätigen möchte, was man eh schon gewusst zu haben glaubt."

Weiteres: Wer im Kino etwas über den Aufstieg der Rechtspopulisten erfahren will, muss Lucas Belvauxs Politdrama "Chez Nous" sehen, meint Sven von Reden im Standard in seinem Bericht vom Internationalen Filmfest in Rotterdam. Für die Welt hat sich Felix Zwinzscher mit dem Regisseur Tarek Ehlail über dessen Copthriller "Volt" unterhalten. Und Patrik Schmidt schreibt über die Horrorreihe "Ring", deren dritter Teil demnächst ins Kino kommt.

Besprochen werden die Verfilmung von Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" durch die Autorin selbst (Welt), eine DVD-Box der Serie "Orson Welles erzählt" (SZ) und Nicolas Pesces Kunsthorrorfilm "The Eyes of My Mother" (Berliner Zeitung, unsere Kritik hier).
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Literatur

Die FAS hat den großartigen Text online gestellt, in dem Andrzej Stasiuk dem russischen Schrifsteller, Ingenieur und Fortschrittsgläubigen Andrej Platonow huldigt: "Zu beginnen ist damit, dass er an die Unsterblichkeit glaubte. Nicht an die Unsterblichkeit der Seele, aber an die Wiederauferstehung der Leiber. Er war Techniker und glaubte an die Mechanik, die Physik, an Kräftefelder, Thermodynamik und Melioration. Geboren in den vorzeitlichen Dunkelheiten der russischen Provinz, musste er an die Elektrizität glauben. Musste glauben an scheinbar unsichtbare Kräfte, die doch so alt waren wie die Welt selbst, denn nur sie allein waren in der Lage, die materielle Ohnmacht der Kutschervorstadt, der Jamskaja Sloboda, zu überwinden, in der er zur Welt gekommen war. Nur sie konnten es aufnehmen mit der fauligen Grenzenlosigkeit dieses Landes." Über "Die Baugrube" sagt Stasiuk, dass im 20. Jahrhundert kein "schöneres, furchtbareres und klügeres Buch über Totalitarismus und Utopie" geschrieben worden sei.

Weiteres: In der FAZ sondiert Sandra Kegel die literarischen Lage des Nachbarlands vor dessen Gastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst und stellt fest, dass die "Exofiktion" den französischen Literaturbetrieb gerade gewaltig aufmischt. Klaus Kastberger mag sich als Bachmann-Juror auf ZeitOnline zwar mehr mutige Texte wünschen, in der Welt hofft Marc Reichwein dagegen auf mehr und mutigere Juroren, die nicht nur "die eigenen Kandidaten möglichst elegant durch die Diskussion und zu Preisehren befördern". "Trump ist die Antithese des amerikanischen Traums", sagt Jonathan Safran Foer im langen Welt-Gespräch, das Marcel Reich mit dem Autor anlässlich der Veröffentlichung dessen ersten Romans seit elf Jahren geführt hat. In einer ausführlichen Darlegung seziert Thomas Strässle in der NZZ das schwierige Verhältnis zwischen Max Frisch und Hermann Burger, das vom ersteren von Geringschätzung, vom zweiteren von heikler Bewunderung und überhaupt von "gegenläufigen Gemeinsamkeiten" geprägt war.

Besprochen werden Bettina Baltschevs "Hölle und Paradies - Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur" (FR), Anna Kims "Die große Heimkehr" (Tagesspiegel), Jonas Lüschers "Kraft" (online nachgereicht von der Welt), Juliana Kálnays "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens" (SZ) und neue Kriminalromane, darunter Joe Ides "I.Q." (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Arne Rautenberg über Christian Saalbergs "Das war mein Tag":

"Bin aufgestanden habe gegurgelt
habe mich rasiert
..."
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Architektur

Eckhart Nickel besucht für die FAZ im Karlsruher ZKM  die dem Visionär Frei Otto gewidmete Schau "Denken in Modellen", der die Freiheit in eien von Zwängen beherrschten Branche brachte.
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Bühne


Sieben gegen Theben/Antigone am Schauspiel Frankfurt. Foto: Birgit Hupfeld

Ulrich Rasche
hat in Frankfurt "Sieben gegen Theben" und "Antigone" inszeniert, und zumindest beim ersten Stück war FAZ-Kritiker Hubert Spiegel noch voll dabei, denn Rasche hat aus dem Drama eine Demonstration der manipulativen Macht von Klang und Rhythmus gemacht: "'Sieben gegen Theben', die 467 vor Christus uraufgeführte Tragödie des Aischylos, ist ein Kunstwerk der Vergegenwärtigung des Schreckens durch nichts als Worte."

Weiteres: Auf ZeitOnline spricht Edgar Selge im Interview mit Peter Kümmel über das Theater, das Schauspielen und seine Angst, so schmallippig wie Schopenhauer zu werden. Kornelius Friz berichtet in der FAZ von einem arabischen Theatertreffen in Hannover.

Besprochen werden Sönke Wortmanss Uraufführung der Integrationskomödie "Willkommen" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz am Düsseldorfer Schauspielhaus ("Herzlicher Applaus, keine Buhs", protokollliert Martin Krumbholz in der SZ, Nachtkritik), Lars-Ole Walburgs Theateradaption von Erich Maria Remarques "Nacht von Lissabon" am Schauspiel Hannover (Nachtkritik), Daniel Kehlmanns Terror-Stück "Heilig Abend" in Wien (Welt), Ingo Kerkhofs Inszenierung von Georg Friedrich Haas' Oper "Morgen und Abend" in Heidelberg (FAZ), Strawinskys "Petruschka" und Ravels "L'Enfant" der Künstlergruppe 1927 an der Komischen Oper Berlin (Welt).
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Musik

SZ-Kritikerin Rita Argauer hat auf dem Eclat-Festival für Neue Musik in Stuttgart mit großer Freude bemerkt, dass die heutigen Komponistinnen keine Angst mehr vor Eindeutigkeit und musikalischer Aussage haben,  Sarah Nemtsov etwa, oder Clara Iannotta und Elena Mendoza: "So präsentieren diese Komponistinnen in Stuttgart Stücke, die trotz aller Unterschiede den unbedingten Abstraktionswillen der Musik nach 1945 endlich hinter sich gelassen haben. Es sind alles Stücke, die wieder einen Inhalt suchen und ihn dann auch transportieren, ohne dabei den Umweg über Zitat oder Collage zu wählen. Die Angst vor der Musik ist in Stuttgart Vergangenheit."

Weiteres: In der Jungle World spricht Maurice Summen mit Frank Spilker über die Geschichte seiner Band Die Sterne. Giacomo Maihofer stellt im Tagesspiegel das "Monophonie"-Projekt von DJ Efdemin vor, der darin unter Rückgriff auf unter anderem die Instrumente Harry Bertoias mechanisch produzierten Klängen nachspürt (mehr dazu in dieser Konzertankündigung). Jens Balzer berichtet in der Berliner Zeitung vom Abschluss der Club Transmediale, bei dem "das Ausmaß an postglobalisierter Vielstimmigkeit (...) kaum mehr zu überbieten" war. Adam Olschewski spricht in der NZZ mit Kurt Wagner von Lambchop über dessen neues Album "Flotus". Nach dem Brexit nun auch noch der "Blackxit": In Birmingham haben Black Sabbath ihr endgültig allerletztes Konzert gegeben, berichtet Martin Wittmann in der SZ. Und was für eine (leider nicht einbindbare) Wucht: Lady Gagas bombastischer Auftritt gestern beim Super Bowl.

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Rose-Maria Gropp über "Human" von den Killers:



Besprochen werden ein Konzert des Mozarteumorchesters unter Ivor Bolton (Standard), das neue Album "Future Politics" von Austra (FR), ein Auftritt von Kreator (SZ) und eine in der Elbphilharmonie entstandene CD mit Aufnahmen von Brahms, Dvořák und anderen (Welt).
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