Efeu - Die Kulturrundschau

Schweiß, Tränen, Machismo

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27.12.2016. Die Feuilletons trauern über George Michael, den Meister des Eklektizismus und traurigsten Rebellen der achtziger Jahre. Die NZZ erkundet Humanismus und Sadismus in Giacomettis Skulpturen. Die Jungle World besucht das queere Filmfestival Uganda. Und die Welt erlebt in München ein ruhmvolles Stück sowjetischer Panzerknackerästhetik.

Musik

Auf der Zielgeraden will es 2016 als das Jahr, das die Reihen der Popmusik so lichtete wie kein zweites, wirklich noch einmal wissen: Nun ist auch George Michael gestorben - und das ausgerechnet an Weihnachten. "Wäre es nicht so traurig, könnte man sagen, dass das Timing dieses Todes perfekt ist", schreibt dazu ein geknickter Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Für Welt-Autor Michael Pilz war Michael "der traurigste Rebell der Achtzigerjahre. Alles war gesungen und gesagt. Im Rock, im Pop, im Punk, im Postpunk. Dann kamen zwei Zwanzigjährige in gelben Pluderhosen mit blondierten Haarsträhnen und sangen 'Bad Boys'. Bald hörte George Michael auf, sich täglich zu rasieren. Rebellion gegen die Rebellion gegen die Rebellion." Edo Reents würdigt den Verstorbenen in der FAZ als "Meister des Eklektizismus". Im Out Magazine schreibt Filmkritiker Armond White über die schwulen Qualitäten von Wham!'s Video zu "Wake Me Up Before You Go-Go." Berliner Zeitung, NZZ, ZeitOnline, taz und SZ bringen weitere Nachrufe. Einen seiner künstlerischen Höhepunkte erlebte Michael 1992, als er nicht nur beim Live-Tribut für Freddie Mercury den Queen-Klassiker "Somebody To Love" mitreißend zum Besten gab, sondern auch das heute noch fantastische Glitz'n'Glam-Video zu "Too Funky" veröffentlichte:



Weitere Artikel: Die Jungle World lässt darüber diskutieren, ob Klassik konservativ sei - ja, meint Jonas Engelmann, den Gegenstandpunkt dazu vertritt Christine Pfeifer. Für die Zeit liest Sara Tröster-Klemm neue Studien über Bachs Schüler. In der Zeit porträtiert Christine Lemke-Matwey den Geiger Stefan Arzberger, der nach einer schweren Krise in New York einen Neuanfang in München wagt. Inspiriert von der Wiederholung eines alten ZDF-Beitrags über Punk in den 70ern, erinnert sich Uli Krug in der Jungle World daran, wie verwirrend es für ihn als stramm kommunistischer Jugendlicher damals war, mit den ersten Regungen dieser Subkultur konfrontiert zu werden. In der Jungle World resümiert Maurice Summen das Popjahr 2016. In der FR schreibt Frank Junghänel zum Tod des "Status Quo"-Gitarristen Rick Parfitt.

Besprochen wird eine Aufführung von Steve Reichs "Music für 18 Musicians" durch das Ensemble Modern (FR).
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Stichwörter: George Michael, Popmusik

Literatur

Im Freitag schreibt Ralf Klausnitzer über die Geschichte des Verhältnisses der Germanistik zu Fakten, das sich mal im buchstabentreuen Positivismus, mal im faktenfernen Poststrukturalismus, oft aber auch bloß in fehlerhaften Lexika niederschlägt: "Fatal wird es, wenn die Verachtung von Fakten sich mit den Imperativen poststrukturalistischer Theoriebildungen verbindet. ... Wohl auch als Gegengewicht zu diesem Relativismus knüpft sich eine der jüngsten Hoffnungen der Geisteswissenschaften an die Leistungsversprechen der digital humanities: data mining und information retrieval sollen hard facts gewinnen. Die Sehnsucht nach Faktizität und den überzeugenden Verfahren der von big data profitierenden Algorithmen naturwissenschaftlich-technischer Provenienz ist unverkennbar."

Weiteres: Für den Standard hat die Schriftstellerin Ursula Priess, die älteste Tochter von Max Frisch, Passagen aus dem Werk ihres Vaters collagiert, die sie in Beziehung zum religiösen Bildnisverbot stellt. Im Bayerischen Rundfunk unterhält sich Stefan Parrisius mit der Schriftstellerin Shida Bazyar über ihren Debütroman "Nachts ist es leise in Teheran". In der Welt erkundet Richard Kämmerlings, was Science Fiction mit Weihnachten zu tun hat. Hans-Rudolf Merz schreibt in der NZZ zum 60. Todestag von Robert Walser. Die FAZ hat Angelika Overaths Reportage von ihrer Reise ins Engadin online nachgereicht, wo das Romanische gepflegt wird. Die neue Ausgabe der Zeitschrift orte befasst sich mit Lyrik aus Albanien, meldet Martina Läubli in der NZZ. Nicaragua feiert den Dichter Rubén Darío, berichtet Boris Herrmann in der SZ. Außerdem hat sich die SZ im Kulturbetrieb nach Lieblingsbüchern erkundigt und präsentiert auf zwei Seiten die Ergebnisse. Und wer noch auf weihnachtlichen Eskapismus aus ist, hört beim WDR den ersten Teil einer 1980 entstandenen Hörspielbearbeitung von J.R.R. Tolkiens Fantasyklassiker "Der Hobbit".

Besprochen werden Hans Christoph Buchs "Elf Arten, das Eis zu brechen" (NZZ), Geoff Dyers "Aus schierer Wut" (Tagesspiegel), Catherine Meurisse' Comic "Leichtigkeit" (Tagesspiegel), Ramita Navais "Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran" (online nachgereicht von der Zeit), Connie Palmens "Du sagst es" (Welt), der Briefwechsel zwischen Hilde Domin und Nelly Sachs (FR), Niña Weijers' Debüt "Die Konsequenzen" (FR) und Kristien Dieltiens' Kaspar-Hauser-Roman "Kellerkind" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Andrew Marvells "Die Schönheit singt":

"Damit endgültig mir Eroberung droht,
Formte die Liebe mir als süßen Feind
Die Zweifach-Schönheit: Sie beschloss den Tod
...."
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Architektur

Wie "hingeküsst" erscheint Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker der Bau, den Volker Staab für das neue Stadtmuseum plant. In der Welt ist Dankwart Guratzsch dagegen entsetzt: "Anders als der benachbarte Komplex des 1986 eröffneten Museums Ludwig mit seinem Wellengebirge der Sheddächer sind sie mit Flachdächern ausgestattet und schneiden den Dom wie eine neue Domplatte nach unten ab." Im Kölner Stadt-Anzeiger schlägt der Streit über den Entwurf hohe Wellen.
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Film

Unter klandestinen Bedingungen - unter anderem wurden die Veranstaltungsräume nur per Chatnachrichten mitgeteilt - fand in Kampala das erste queere Filmfestival Ugandas statt, wo Homosexualität noch immer schwersten Repressalien ausgesetzt ist. Für die Jungle World berichtet Charlotte Sophie Meyn: Das Festival verstehe sich auch als Bildungsangebot an die illiterate Bevölkerung, erfahren wir. "Das Festival ist so auch ein Balanceakt: Einerseits will man nicht nur vor Bekehrten predigen, andererseits muss man sicherstellen, dass niemand der insgesamt rund 350 Besucherinnen und Besucher die Polizei ruft. Deshalb wurden sie sorgfältig ausgewählt, entweder, indem LGBTQI Personen aus ihrem Bekanntenkreis einluden, denen sie vertrauen, oder durch Gespräche. 'Wenn jemand Interesse gezeigt hat, haben wir uns erst einmal mit ihm unterhalten', sagt Veranstalter Kamoga. "Nur wenn wir wirklich den Eindruck hatten, dass die Person offen für neue Informationen ist und uns nicht anzeigen wird, haben wir ihr den Veranstaltungsort mitgeteilt.""

Weiteres: Im FIlmdienst schreibt Lucas Barwenczik über das Kino des jungen kanadischen Auteurs Xavier Dolan, dessen "Einfach nur das Ende der Welt" (mehr dazu in der Jungle World) diese Woche anläuft. Der Deutschlandfunk bringt Mario Bandis Feature "Die russischen Jünger des Andrej Tarkowski" zum Nachhören. Im Film Comment spricht Amy Taubin ausführlich mit Jim Jarmusch. Für die Zeit spricht Catherine Duttweiler mit der Schauspielerin Carla Juri, die derzeit als Paula Modersohn-Becker im Kino zu sehen ist. Kai Mihm porträtiert in epdFilm den Schauspieler Oliver Platt. Auf Fandor küren Michael Sicinski und Jordan Cronk die besten Avantgardefilme des Jahres.

Und No Film School blickt zurück auf die besten und stylishsten Kameraarbeiten des sich neigenden Jahres:



Besprochen werden Xavier Dolans "Einfach das Ende der Welt" (Jungle World), Danièle Thompsons "Meine Zeit mit Cézanne" (Standard), die Netflix-Serie "The Crown" (LRB) und der neue Fantasy-Blockbuster "Assassin's Creed" (critic.de).
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Kunst


Giacomettis "Femme égorgée", 1933.

In Pariser Picasso-Museum und der in der Frankfurter Schirn widmen sich derzeit Ausstellungen dem Werk Alberto Giacomettis. NZZ-Kritiker Manfred Clemenz sieht dabei nicht nur, wie Giacometti Sichtbarkeit reflektiert, sondern auch sexuelle Obsession verarbeitet: "Dies wird in einer Gegenüberstellung von 'Figure au bord de la mer' (1931) und 'Femme égorgée' (1933) deutlich. Picasso zeigt in der Verschlingung zweier anthropomorpher Figuren am Meer die Ambivalenz der Sexualität: Es bleibt offen, obdie beiden Figuren sich küssen oder sich verschlingen. Bei Giacometti wird der Sadismus offenkundig: Seiner Frau wurde die Kehle durchgeschnitten. Giacomettis Humanismus steht außer Frage, aber sein Verhältnis zu Frauen war durch die Suche nach sexueller Nähe und gleichzeitiger aggressiver Distanz geprägt. Seine bevorzugten Objekte der Begierde waren deshalb die Prostituierten des Edelbordells 'Le Sphinx'."

Im Tagesspiegel bemerkt Susanne Güsten einen immensen Kampfgeist, den Istanbuler Künstler derzeit an den Tag legen, als Reaktion auf Massenverhaftungen und auf das Fernbleiben des Kunstzuirkus. Auf diesem Video spielt die Istanbuler Grup Yorum auf dem, was die Polizei nach einer Razzia von ihren Instrumenten übrig gelassen hat:



Weiteres: Annabelle Hirsch berichtet in der FAZ von den etwas frostigen Gegebenheiten, unter denen die aber durchaus bemerkenswerte Kunstsammlung des Moskauer Textilunternehmers Sergei Schtschukin in der Pariser Fondation Louis Vuitton gezeigt wird. Maik Schlüter schreibt in der taz noch einmal über die drei großen Ausstellungen zur Werkstatt für Photographie im Berliner C/O, dem Sprengel Museum in Hannover und Museum Folkwang in Essen. Jutta berger besucht für den Standard das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen, das zum 125. Geburtstag von Otto Dix seine umfangreiche Sammlung aus dem Depot geholt hat.
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Bühne

Machtvolle Manifestation tänzerischer Sptizenkraftleistungen: "Spartacus" am Bayerischen Staatsballett.

Ganz hingerissen ist Alexandra Albrecht in der FAZ von Yuri Grigorovichs sowjetischer "Spartacus"-Choreografie, die das Bayerische Staatsballett unter seinem neuen Ballettdirektor Igor Zelensky rekonstruiert hat. In der Welt schüttelt Manuel Brug nur den Kopf über so viel Stalinismus an der Isar: "'Spartacus' als Ballettspartakiade, das ist Schweiß, Tränen, Machismo. Testosteronstarrende Tänzer wie Zehnkämpfer, deren Virilität in spektakulären Sprüngen und einarmigen Hebungen gipfelte; 1977 in der Studioverfilmung sogar in Zeitlupe überdehnt. Die Visitenkarte der russischen Vorzeigekompanie, Musterstück ihrer Panzerknackerästhetik. Einfach gestrickt, massentauglich, die Propaganda durch permanente Wiederholung verstärkend."

Weiteres: In der taz empfiehlt Uwe Mattheiss Claus Peymanns Abschiedsbuch "Mord und Totschlag" unbedingt gegen die Intention des Verfassers zu lesen. Besprochen wird Martin Kušejs Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" an der Wiener Burg (SZ, Standard).
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