Efeu - Die Kulturrundschau

Die Rückseite der Musik

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.10.2016. Geradezu hypnotisiert kommt der Tagesspiegel aus Daniel Barenboims Berliner "Fidelio", der den edlen Klang der Staatskapelle schön schrundig aufraut. Alles ist Musik, schwärmt auch die taz. Die Welt kapituliert vor dem Großaufmarsch abstrakter Expressionismus in der Rocal Academy in London. Die FAZ lässt sich in Frankfurt von Laure Prouvousts Fantasien verschlucken. Und Claudio Gatti antwortet auf die anhaltende Kritik an seiner Enttarnung Elena Ferrantes in der Columbia Journalism Review.

Kunst


Geste als Farbe: Mark Rothko, No. 15, 1957.

Absolut wehrlos zeigt sich Hans-Joachim Müller in der Welt in die große Schau "Abstract Expressionism" in der Royal Academy in London und fühlt, sich nicht nur überwältigt, sondern regelrecht überrollt: "Wie oft hat man diese gerühmten Bilder gesehen! Kein Museum von Rang, das nicht einen Jackson Pollock, einen Barnett Newman, Clyfford Still, Franz Kline, Mark Rothko, Ad Reinhardt oder Willem de Kooning in der Sammlung hätte. Künstlermänner, die wie die olympischen Götter über den Künstlermenschen des 20. Jahrhunderts thronen. Jetzt ist es, als seien sie alle zusammen niedergekommen, um den ungläubigen Nachgeborenen noch einmal, vielleicht noch ein letztes Mal, ihre Macht zu demonstrieren. Nicht, dass die Bilder ihre sinnliche Würde verloren hätten. Aber so im Großaufmarsch, als Kraftpaket, verwandeln sich die Superbilder unwillkürlich in Supermachtbilder, und mehr denn je spürt man, wie da Grandiosität und historische Funktion ein unauflösbares Amalgam bilden."


"All behind, we'll go deeper, deep down and she will say:" Laure Prouvoust, MMK 3, Installationsansicht. Foto: Axel Schneider

Das Museum für moderne Kunst in Frankfurt zeigt Arbeiten der Turner-Preisträgerin Laure Prouvost, Kolja Reichert erkennt in ihnen in der FAZ den "Surrealismus des Digitalzeitalters": Die hier "gezeigten Werke haben ihre eigenen Fantasien, und sie werden nicht zögern, sie Ihnen mitzuteilen, sobald sie es wollen. Sie werden Sie direkt ansprechen, als Menschen, aber vor allem als Körper, und sie werden davon träumen, Sie zu verschlucken."

Weiteres: Im Nachtstudio-Feature von Bayern 2 befasst sich Niels Beintker mit der Avantgarde der DDR.

Besprochen werden die Ausstellung "Martin Brandenburg und Hans Baluschek - eine Künstlerfreundschaft" im Bröhan-Museum in Berlin (Tagesspiegel) und Philippe Parrenos Installation "Anywhen" in der Tate Modern (SZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Maike Albath hält in der SZ die Enttarnung Elena Ferrantes für übergriffigen "Sensationsjournalismus", sie stört "der Gestus, hier werde eine illegitime Irreführung des Publikums aufgedeckt." Und: "Geld, Geheimnisse, ein Pseudonym, Judenverfolgung. Brisanter geht es kaum. Doch wer hätte diese Geschichte erzählen dürfen? Höchstens Elena Ferrante." Dazu bietet Alex Rühle einen flankiereden Überblick über Autorinnen und Autoren, die sich hinter Pseudonymen verbargen.

In der Columbia Journalism Review rechtfertigt Claudio Gatti seine Enthüllung mit Elena Ferrantes Autobiografie "Frantumaglia", die in Kürze im englischsprachigen Raum erscheint: "Mir wird vorgeworfen, Elena Ferrantes Privatsphäre verletzt zu haben? Die erste Person, die Ferrantes Privatsphäre verletzt hat, war ja wohl Ferrante selbst. ... Am ersten November werden Sie ein ganzes Buch über ihr Leben in Händen halten. Sie schreibt darin, die Tochter einer Näherin in Neapel zu sein und drei Schwestern zu haben. Nichts davon stimmt. Nach meinem Gefühl haben die Leute selbst diese Privatsphäre verletzt - man kann den Kuchen schließlich nicht essen und zugleich behalten. Sie befeuern das leidenschaftliche Interesse, die Neugier auf ihr Privatleben, indem sie solche Informationen rausrücken - und dann beschweren sie sich darüber, wenn jemand auf die Tatsachen stößt?"

Im Interview mit Richard Kämmerlings in der Welt gibt Ferrantes Lektor bei Suhrkamp, Frank Wegner, absolut nichts preis, bestreitet allerdings vehement ein Recht der Öffentlichkeit, die Identität zu erfahren: "Ein solches Recht gibt es nicht."

Weiteres: Oliver Ristau besucht für den Tagesspiegel das Comicfestival in Hamburg besucht. Für die SZ-Gesprächsreihe "Reden über Amerika" unterhält sich Sacha Batthyany mit dem konservativen Schriftsteller Roy Griffis, der sich ausführlich über die Medienmacht der Liberalen in den USA beschwert. Außerdem gibt es eine neue Ausgabe des Krimi-Onlinemagazins Polar Noir, unter anderem mit einem Essay von Thomas Wörtche über Postmoderne und Kriminalliteratur und einem Text von Sonja Hartl über die Frauen in Walter Mosleys Easy-Rawlins-Reihe.

Besprochen werden u.a. Ralph Hammerthalers "Kurzer Roman über ein Verbrechen" (ZeitOnline) und Thomas Stangls Essaysammlung "Freiheit und Langeweile" (taz).
Archiv: Literatur

Film




Als kleines Meisterwerk feiert Dominik Kamalzadeh im Standard Corneliu Porumboius trockene Krisenparabel "Der Schatz", die von der Suche nach Nebeneinkünften in Bukarest erzählt: "Porumboiu ist vermutlich der wendigste aller Regisseure der sogenannten neuen Welle des rumänischen Kinos. Er dreht auf den ersten Blick einfache Filme, in denen sich die Positionen seiner Figuren erst nach und nach herausschälen. Analog dazu treten historische Tiefenschichten des Landes hervor, die sich auch in der Widerspenstigkeit der Menschen spiegeln, auf die Gegenwart einzugehen."
Anzeige
Archiv: Film

Musik

Mit dem neuen Album "On Dark Silent Off" der österreichischen Postrock-Band Radian erkundet Niklas Dommaschk "die Rückseite der Musik", wie er in der Jungle World schreibt. "Hier werden Rauschen und Knistern an die Oberfläche gekehrt, das leise Rascheln eines Schlagzeugfells oder das Klick-Geräusch, das der Schalter zum Wählen der Tonabnehmer einer Gitarre macht, werden prominent eingesetzt. Die Stücke von Radian klingen weniger wie Rocksongs und mehr wie die mikroskopische Vergrößerung der Details, aus denen diese bestehen. ... Aus langen improvisierten Passagen werden mitunter kleinste Details ausgewählt, die dann den Grundstock für einen Song bilden können."

In der NZZ huldigt Adolf Muschg Bach und seiner Kantate Nr. 51: "Bachs Musik hat die merkwürdige Eigenschaft, die Leere, in der wir sie hören, nicht zu übertönen, nicht zu verkleiden, nicht zu beschönigen, sondern fühlbar zu machen. Sie macht uns Musik-Kunden zu Lauschenden."

Hier singt sie Maria Stader:



Weiteres: Fabian Wolff unterhält sich für den Tagesspiegel mit der Rapperin Kate Tempest. Für den Tagesspiegel plaudert Andreas Müller mit dem Jazz-Klarinettisten Rolf Kühn. Annett Scheffel schwärmt in der SZ vom Michelberger Festival im abgeschieden gelegenen Funkhaus Berlin. In der FAZ gratuliert Jan Brachmann der Pianistin Annerose Schmidt zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Jenny Hvals "Blood Bitch" (Pitchfork), Emma Ruth Rundles "Marked For Death" (Spex) und ein Ringsgwandl-Konzert an der Volksbühne (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Architektur

In der SZ bespricht Laura Weißmüller Christian Welzbachers Buch "Monumente der Macht - Eine politische Architekturgeschichte Deutschlands 1920 - 1960". Bei dessen Lektüre stellt sie fest: "Die Stunde null hat es auch in der Architektur nie gegeben, genauso wenig wie in der Politik oder der Wirtschaft. Allen voran die Moderne konnte sich - wie bereits vor 1933 - über das Kriegsende hinaus ihrem Einsatz für die staatlichen Machthaber sicher sein, auch wenn sie dann natürlich für etwas fundamental anderes stehen sollte."
Archiv: Architektur

Bühne


Den edlen Klang aufrauen: "Fidelio" in Harry Kupfer wiederaufgenommener Inszenierung von 1997 an der Staatsoper Berlin.

Eigentlich sollte Daniel Barenboim die Harry-Kupfer-Inszenierung von Beethovens "Fidelio" zur feierlichen Rückkehr der Berliner Staatsoper ins eigene Haus dirigieren, doch aus Berliner Gründen wurde daraus nichts. Die Staatsoper bleibt im Schillertheater im Exil. Zum großen Ereignis wurde der Abend den Kritikern zufolge dennoch - vor allem wegen Barenboims Auslegung der Musik. Der Regisseur zeichnete "mit wenigen, souveränen Strichen die Charaktere der Figuren, und lässt Barenboim spielen", schreibt dazu Niklaus Hablützel in der taz, der den Abend sichtlich genossen hat. Der Dirigent "legt los, endlich befreit vom Zwang, eine Oper mit plausibler Handlung und Botschaften an die Gegenwart aufführen zu müssen. Alles ist Musik, die weit mehr fesselt, als es jedes Theater auf der Bühne kann."

Einen "magischen Sog" samt reicher  Sinnesfülle attestiert auch Frederik Hanssen vom Tagesspiegel dem Dirigat Barenboims. Die minimalistisch-effektive Personenführung des Regisseurs weiß er ebenfalls zu schätzen, nur an den Brecht'schen Verfremdungen - unter anderem trägt das Ensemble die Notenblätter mit sich - stört er sich: "Die hypnotische Wirkung von Barenboims Zugriff auf die Partitur, sein Mut, den edlen Klang der Staatskapelle aufzurauen, ja die Musik bewusst schrundig, roh, eben existentiell klingen zu lassen, weil es hier wirklich um Leben und Tod geht, all das verpufft im feierlichen Finale, das in der Pseudo-Probensituation zum Stehrumchen mutiert, überlang und lärmig." Weitere Besprechungen in der Berliner Zeitung und in der FAZ ("das Oratorische obsiegt", schreibt Eleonore Büning).

Besprochen werden außerdem Ronny Jakubaschks Inszenierung des "Faust" in Trier (nachtkritik), Luk Percevals "Geld" in Hamburg nach Èmile Zola (taz, FR, nachtkritik), "The Future of Sex" der Theatergruppe Wunderbaum im Mousonturm in Frankfurt (FR), Jonas Knechts "Hamlet" Inszenierung am Theater St. Gallen (NZZ), Simon Stephens' "Birdland" in Mannheim (nachtkritik, FR), Guntbert Warns' Inszenierung von Florian Zellers "Der Vater" am Berliner Renaissancetheater (Tagesspiegel) und die am Schauspielhaus Leipzig gezeigte Theaterfassung von Lutz Seilers Roman "Kruso" (nachtkritik, SZ).
Archiv: Bühne