Efeu - Die Kulturrundschau

Das Orchester keckert, funkelt, seufzt

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11.10.2016. Aktualisiert: Die New York Times bringt eine erste Besprechung von Elena Ferrantes Autobiografie "Frantumaglia"  - und fällt vom Glauben ab. Die Feuilletons trauern um den großen polnischen Regisseur Andrzej Wajda. In der SZ erinnert sich Volker Schlöndorff an die Wahrheit und Wucht seiner Filme. Im ZeitMagazin erklärt der Modemacher J.W. Anderson die Ironie der Hässlichkeit. Der Tagesspiegel feiert Kirill Serebrennikovs Berliner "Barbier von Sevilla" als erste Smartphone-Oper. In der NZZ verneigt sich Neil LaBute vor europäischen Theaterschauspielern.

Literatur

Michiko Kakutani, berühmt-berüchtigte Literaturkritikerin der New York Times, hat Elena Ferrantes Autobiografie "Frantumaglia" gelesen, die vom Verlag eilig auf den Markt geworfen wurde. Eigentlich eine Gegnerin von Claudio Gattis Enthüllung, glaubt sie nach der Lektüre nicht mehr, dass Ferrante ihre Position halten kann: "Allein die Anzahl von Interviews, die Darstellung ihres Lebens, mit der sich die Autorin selbst ins Rampenlicht rückt (oder zumindest die Figur der Elena Ferrante), und die Entscheidung, dieses Buch zusammenzustellen, spricht ihrer Behauptung Hohn, dass Schreiben einen autonomen Raum braucht, weit weg von den Anforderungen der Medien und des Markts. In einigen ihrer Briefe klingt es, als würde Ferrante mit der Presse Katz und Maus spielen, geheimnistuerisch und passiv-aggressiv zugleich."

Interessant allerdings, wie unterschiedlich die Verärgerung über die Enthüllung der wahren Identität Elena Ferrantes begründet wird, meint Rachel Donadio in einem anderen Text der New York Times: "In den Vereinigten Staaten und Britannien wird die Enthüllung von Ferrantes wahrer Identität oft durch die Gender-Brille gesehen. Kritiker haben den Enthüllungsjournalisten und die Zeitungen, die seinen Bericht veröffentlichten, des Sexismus beschuldigt. In Kontinentaleuropa richten sich die Vorwürfe dagegen mehr gegen die Invasion der Privatsphäre."

Vielleicht sollte Ferrante Rat bei Beckett suchen: Niemand wusste so gut wie er, wie man sich unerwünschte Aufmerksamkeit vom Hals hält, lernt im Spectator Ian Samson aus dem letzten Band der Briefe Becketts: "In einem Brief an den Kritiker Raymond Federman, der um ein Interview gebeten hatte, antwortete er: 'No views to inter. Forgive.'"

"In dubio pro incognito", lautet Joachim Bessings Fazit auf ZeitOnline nach der Ferrante-Affäre.

Weiteres: Hingerissen ist Roman Bucheli in der NZZ von Terezia Moras neuem Erzählband "Die Liebe unter Aliens", von dem ihm einige Geschichten wie mit japanischer Tusche gezeichnet vorkommen: "Mit unvergleichlicher Eleganz, Leichtigkeit und, ja: Schönheit." Für den Tagesspiegel berichtet Katrin Hillgruber zum Literaturfestival nach Odessa gereist. Für den Tagesspiegel liest Gregor Dotzauer neue Magazine, darunter das Online-Literaturjournal Versopolis. Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse mit den Niederlanden als Gastland befragt FAZler Jan Wiele die drei niederländischen Schriftsteller Leon de Winter, Margriet de Moor und Saskia de Coster nach ihren Eindrücken von Deutschland und der EU.

Besprochen werden unter anderem Aravind Adigas "Golden Boy" (taz) und Wolf Biermanns Autobiografie "Warte nicht auf bessre Zeiten!" (SZ).
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Film


Ikone des europäischen Kinos: Der gestürzte Christus in Andrzej Wajdas "Asche und Diamant".

Die Cinephilie trauert um den großen polnischen Regisseur Andrzej Wajda. In der SZ erinnert sich Volker Schlöndorff in seinem Nachruf: "1956 verlief ich mich in einer Gasse des Quartier Latin in das Kino Cujas und sah 'Kanal'. In der Woche darauf am gleichen Ort 'Asche und Diamant'. Als junger Deutscher und Möchtegern-Regisseur war ich zerschmettert. So etwas würden wir nie schaffen. Wir standen einfach auf der falschen Seite der Geschichte. Wir würden nie so wahr sprechen können. So leise und doch mit solcher Wucht."

Wie kaum ein zweiter Filmemacher hat er sich "auf die polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts eingelassen", schreibt Lukas Foerster in der taz: "Das ist die historische Matrix, die sein Kino wieder und wieder bearbeitet hat, obsessiv, vielgestaltig und immer streitbar." Was Daniel Kothenschulte von der FR mit Blick auf die Aufbruchszeiten des modernen polnischen Kinos in den Fünfzigern nur bestätigen kann: "Der Heroismus, den Wajda in seiner späteren Karriere noch am Beispiel vieler durchaus gebrochener Heldenfiguren meisterlich bediente, war unter dieser jungen Avantgarde durchaus umstritten." In der Welt betont Gerhard Gnauck Wajdas enorme Bedeutung für Polen: "Welches Land hat einen Regisseur, von dem seine Landsleute sagen können: Er hat unsere Geschichte verfilmt?" In der Berliner Zeitung führt Claus Löser durchs Werk Wajdas. Weitere Nachrufe schreiben Kerstin Decker (Tagesspiegel) und Andreas Kilb (FAZ). Internationale Stimmen sammelt David Hudson auf Fandor.

Besprochen werden Sarah Jessica Parkers neue Serie "Divorce" (ZeitOnline), der Dokumentarfilm "Tadmor" von Monika Borgmann und Lokman Slim über die Foltereien des Assad-Regimes (ZeitOnline) und Tim Burtons Verfilmung des Kinderbuchs "Die Insel der besonderen Kinder" (SZ, unsere Kritik hier).
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Design

Im ZeitMagazin spricht Claire Beermann mit dem britischen Modedesigner J.W. Anderson, der zu geschmacksunsicherer Mode ein ausgesprochen taktisches Verhältnis aufweist: "Hässlichkeit verleiht einem Look eine gewisse Ironie. Es ist gut, das Auge mit etwas herauszufordern, das nicht als geschmackvoll gilt. So entsteht Neues. ... Pavesi lehrte mich die Regeln des guten und des schlechten Geschmacks, die Art, wie man einen Look aufbaut. Von ihr habe ich die Kunst der Vermischung von Schönem und Hässlichem, von reichen und billigen Materialien gelernt, die für Spannungen sorgt." (Foto: J.W. Anderson)
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Stichwörter: J.W. Anderson, Mode, Modedesign

Musik

Der Freitag bringt hier und hier neue Lieferungen aus dem Tourtagebuch von Bernadette La Hengst.

Besprochen werden ein Konzert von Daniil Trifonov (FR) und das neue Album "Yermande" von Mark Ernestus und der Ndagga Rhythm Force (taz).
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Stichwörter: Der Freitag

Architektur

Gerade mal 15 Jahre nach seiner Übergabe ist das Bundeskanzleramt bereits sanierungsbedürftig. Der Spiegel berichtet von undichten Decken, feuchten Wänden und defekten Stromleitungen. In der SZ ärgert sich Gerhard Matzig darüber schwarz - auch, weil der Fall nicht alleine steht, sondern symptomatisch sei für die jüngeren Elaborate der avancierteren Baubranche. Hat Deutschland etwa das Bauen verlernt? "Früher wurden Häuser auf rund 100 Jahre abgeschrieben. Dies entsprach ihrer durchschnittlichen Lebensdauer. Heute hingegen hat man es zunehmend mit Baulichkeiten zu tun, die kaum länger halten als ein etwas anspruchsvollerer Toaster." Sein galliges Fazit: "Der Beruf des Bauschadensgutachters ist ein Beruf mit viel Perspektive."

Für den Tagesspiegel berichtet Bernhard Schulz von zwei Bauhaus-Symposien.
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Kunst


Thea Djordjadze, To be in an upright position on the feet (studio visit). Secession 2016, Foto: Sophie Thun

Als eine Geste der Verausgabung betrachtet Roman Gerold Thea Djordjadzes Ausstellung "To be in an upright position on the feet", für die die Berliner Künstlerin ihr ganzes Studio in die Wiener Secession verlegen ließ: "Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wurde in zwei Lkws gepackt: von der Bohrmaschine bis zum Holzlager, von den Sesseln bis zum Privatdepot. Wiederaufgebaut hat Djordjadze (geb. 1971 in Tiflis, Georgien) ihr Studio allerdings nicht als Lebens- und Arbeitsplatz. Vielmehr fror sie sozusagen ihren Künstlerinnenhausrat zur Rauminstallation ein."

Cornelius Wüllenkemper berichtet in der FAZ von der Eröffnung des Estnischen Nationalmuseums in Tartu.

Besprochen werden Monika Baers Ausstellung "Große Spritztour" in Hannover (SZ) und die Ausstellung "Maya - Das Rätsel der Königstädte" im Historischen Museum der Pfalz Speyer (FAZ).
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Bühne


Barockes Spiel mit Identitäten: Kirill Serebrennikovs "Barbier von Sevilla" an der Komischen Oper in Berlin. Foto: Monika Rittershaus

Im Bühnenbild läuft die Timeline von Facebook mit, das Ensemble hantiert mit Handys und Chats: Kirill Serebrennikov hat mit seiner Inszenierung des "Barbiers von Sevilla" an der Komischen Oper "Berlins erste Smartphone-Oper" zuwege gebracht, freut sich Udo Badelt im Tagesspiegel. Denn dabei gehe es nicht um Gegenwartskolorit, die Sache habe Hand und Fuß, schließlich hätten die neumodischen Kommunikationsgeräte "jede Regung des Alltags so grundstürzend verändert, dass man sich wundert, wie selten diese Revolution bisher künstlerisch aufgegriffen wurde. Die Menschen können Bilder vom eigenen Selbst kreieren, sich völlig anders darstellen, spielerisch neue Identitäten annehmen. Und das hat sehr viel mit dem 'Il Barbiere di Siviglia' und überhaupt mit barockem Theater zu tun. Auch hier ist kaum einer der, der er vorgibt zu sein, alles ist Verstellung, Maskerade, Versteckspiel. Und: alle schreiben sich ständig Briefchen und Nachrichten."

Viel Lob auch bei Niklas Hablützel von der taz, der den Regisseur als "Fanatiker der Genauigkeit und der Einzelheiten" feiert. Auch Reinhard J. Brembeck ist in der SZ zufrieden: "So tief wie in dieser neuen Berliner Inszenierung hat wohl noch niemand in Rossinis Meisterwerk geblickt." Manuel Brug findet in der Welt alles zu bemüht, witzeld, Comedy-haft, nur Antonello Manacordas Dirigat nennt er briospritzig: "Das Orchester keckert, funkelt, seufzt, rast!"

Der amerikanische Dramatiker Neil LaBute inszeniert in Konstant Tschechows "Onkel Wanja". Im NZZ-Interview mit Daniele Muscionico beschreibt er die Unterschiede zwischen europäischem und amerikanischem Theater: "Das System hier hat Vorteile: Ensembles wie in Konstanz arbeiten wie eine gut geölte Maschine. Und die Schauspieler können den Text schon bei der ersten Probe... In Amerika wollen wir mit Theater Geld verdienen. Also muss alles sehr schnell gehen, und Schauspieler kosten. Die Miete der Theater auch. Deshalb prügeln wir das Stück in höchstens vier Wochen auf die Bühne, technische Proben eingeschlossen. Dafür haben wir dann diese ewig langen Preview-Perioden. Aber das sind längst keine Previews mehr. Denn das Publikum ist da und bezahlt für die Karten. Also darf es auch eine Meinung haben. Die öffentliche Meinung ist nach der ersten Vorstellung gemacht. Keiner wartet mehr eine Kritik ab."

Besprochen werden außerdem Falk Richters neue AfD-Farce "Safe Places" am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik), ein "Don Karlos" in Wiesbaden (FR), Jürgen Kruses "One for the Road/Der stumme Diener" in Frankfurt (FR), Brigitte Fassbaenders Frankfurter Inszenierung von Benjamin Brittens "Paul Bunyan" (FAZ), Matthias Hartmanns "Idiot"-Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ) und eine Reise "In 80 Tagen um die Welt" am Schauspielhaus Düsseldorf, die SZler Martin Krumbholz glänzend gelaunt verlassen hat: "Exzellente Schauspieler, hoher Energiepegel, fantasievolle Kostüme, eingängige Musik".
Archiv: Bühne