Efeu - Die Kulturrundschau

Blitz in der Nacht dieser Musik

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25.10.2016. Der Tagesspiegel erlebt in Patrice Chéreaus letzter Operninszenierung "Elektra" noch einmal, wie der Regisseur die Streitaxt gegen den Klassizismus schwang. Die Berliner Zeitung ist ganz betört von den Schrunden des Klangs. Und der Guardian lässt sich von Andres Serrano die Geschichte der Folter in Nordirland erzählen. In der FAZ wird Ian McEwan in embryonaler Stellung optimistisch und pessimistisch zugleich. Die taz erinnert an die Jazzsängerin Etta Cameron. Und die NZZ reibt sich die Hände über Bob Dylans Affront gegen über der Schwedischen Akademie.

Bühne


Kein ekstatisches Griechentum: Chéreaus "Elektra"-Inszenierung an der Staatsoper Berlin.


Patrice Chéreaus letzte Operninszenierung "Elektra" ist nach langer Tournee in Berlin angekommen - die Kritiker applaudieren begeistert, nicht zuletzt dank Daniel Barenboims musikalischer Leitung. "Was sich Chéreau gedacht haben muss", schreibt Ulrich Amling im Tagesspiegel, "ist etwas sehr Zerbrechliches. Der Regisseur will seinen Figuren den Panzer lösen, sich verabschieden von dem 'dämonischen, ekstatischen Griechentum des 6. Jahrhunderts', das den Librettisten Hugo von Hofmannsthal seinerzeit so faszinierte - als geschwungene Streitaxt gegen einen bildungssatten, allzu gemütlich gewordenen Klassizismus. Patrice Chéreau lässt diese Stellvertreterkriege hinter sich, er ermöglicht uns, seinen Figuren ins Antlitz schauen."

Ein hingerissener Peter Uehling legt in der Berliner Zeitung unterdessen die Feinheiten des Dirigenten frei: Barenboim "animiert die Staatskapelle Berlin zu Saftigkeit. ... Zugleich jedoch lässt Barenboim die subtilen Verkettungen des reichen Leitmotivsystems durch die Schrunden des Klangs hindurchtönen. Diese Spannung zwischen hysterischem Oberflächenreiz und flexibler Struktur eröffnet den Reichtum dieser Partitur und auch ihren spezifischen Stil: Die tonalen Linien der Chrysothemis können diesen Stil leicht durchschlagen, wenn sie zu breit ausgezogen werden; bei Barenboim geraten sie unter Druck: Sie leuchten als expressiver Blitz in der Nacht dieser Musik."

In der Welt porträtiert Martina Meister den in Brüssel als Kind marokkanischer Einwanderer aufgewachsen Ismaël Saidi ("Immer den falschen Namen, die falsche Visage"), der nach vierzehn Jahren bei der Polizei jetzt mit dem Theaterstück "Dschihad" gegen jugendliche Verblendung angeht: "Es gebe, sagt Saidi, zwei Gründe für Radikalisierung. Das Problem der Gettoisierung, der sozialen Ausgrenzung, der Identitätskrise kenne jeder. 'Neu ist der Druck, der aus der eigenen Community kommt. Von Innen. Der Druck, den die Familien ausüben.'"

Besprochen werden Jeroen Verbruggens Ballettabend "Ba\rock" an der Opéra des Nations in Genf (NZZ), Andreas Kriegenburgs "Pension Schöller" am Wiener Burgtheater (die Bernd Noack in der NZZ nur leidlich lustig findet), eine koreanisch-deutsch koproduzierte "Iphigenie auf Tauris"-Variation namens "Walls - Iphigenia in Exile" am Deutschen Theater in Berlin (Nachtkritik), die Zürcher Uraufführung von Lukas Bärfuss' "Frau Schmitz" (FAZ, dazu mehr im gestrigen Efeu) und Jan Küvelers Buch "Theater hassen" (taz).
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Literatur

In der NZZ reibt sich Roman Bucheli vor Freude die Hände über den "großartigen Affront", den sich Bob Dylan mit seiner Indifferenz gegenüber der Schwedischen Akademie leistet: "Was kann er tun? Den Preis ablehnen? Das wäre albern. Ihn annehmen? Aber wozu? Es bleibt darum nur eines: zu schweigen. Denn er ist doch gar nicht gemeint. Die Akademie zeigt zwar mit den Fingern auf ihn und fühlt sich großartig modern und aufgeschlossen und weitsichtig, gar tollkühn und dreist. Aber sie feiert sich selbst." Ähnlich sieht das Günther Haller in der Presse, erinnert aber auch an Sartres höfliche Ablehnung und Becketts Fluchten.

Für die FAZ unterhält sich Sandra Kegel mit Ian McEwan über seinen neuen Roman "Nussschale", dessen Erzählperspektive konsequent der eines Embryos im Mutterleib entspricht. Den Autor reizte dabei die Idee, "jemanden zu zeigen, der über die Welt nachdenkt, ohne selbst Verantwortung zu tragen, der diese Welt aber sehr bald betreten wird. Er ist optimistisch, er ist pessimistisch, die Frage, welchen Platz er einnehmen wird, treibt ihn um. Damit wird eben auch die Frage verhandelt, wie sehr unsere Weltsicht dadurch geprägt ist, was wir erleben. So weitet sich, was in einer Nussschale beginnt, erzählerisch zu einem Raum von unendlicher Weite. Er denkt ja auch über Kunst nach, über Schicksal, über Elternschaft, Politik, Liebe."

Besprochen werden John Williams' "Augustus"-Roman" (NZZ), Peter Sloterdijks "Das Schelling-Projekt" (Berliner Zeitung), Richard Flanagans Thriller "Die unbekannte Terroristin" (SZ), Søren Ulrik Thomsens Lyrikband "Zitterspiegel" (Tagesspiegel), Hannah Dübgens "Über Land" (Tagesspiegel) und drei neue Bücher von Arnon Grünberg (FR).
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Kunst


Dog Position II, von Andres Serranos Folter-Serie. Fotografie: Andres Serrano

Ordentlich schlucken musste Guardian-Kritiker Jonathan Jones im Void in Derry, wo Andres Serrano seine Serie "Torture" zeigt, die nicht nur die Folter in Abu Ghraib reinszeniert, sondern Misshandlungen in Nordirland selbst. Und zwar mit Männern, die selbst einst gefoltert wurden: "Beteiligt waren auch einige von Nordirlands 'Kapuzenmänner'. Als 1971 die Briten in Panik über die Krise in Nordirland gerieten, wurden, wie die Irish Times und andere berichteten, 14 Männer auf eine britische Armee-Einrichtung auf dem alten Flugfeld von Ballykelly im Derry County gebracht. Ihnen wurden Kapuzen aufgesetzt und sie wurden, wie die Überlebenden behaupten, systematischer Folter ausgesetzt. 'Manchmal wurde uns die Kapuze abegnommen und eine schemenhaften Figuren feuerte Fragen und Beschimpfungen, sie erzählten dir, was deine Frau für dreckige Dinge tut und dass deine Kinder in Obhut gekommen seien, erzählte Liam Shannon der Irish Times. 'Ich war sicher, dass sie mich umbringen, deswegen sagte ich nur: Ja, ja, ganz genau.'"

Harald Jähner von der FR staunt beim Besuch der Schau "Romantik und Moderne", mit der sich Direktor Heinrich Schulze Altcappenberg vom Berliner Kupferstichkabinett verabschiedet: Die gezeigten Kleinformate - eine Art Best-Of der Sammlung des Hauses - lassen mitunter an heutige Affektästhetiken denken: "Die minutiös auf Vorzeichnungen aus Bleistift verwendeten Aquarellfarben schaffen eine Farbintensität, die es mit digitalen Hollywoodproduktionen aufnehmen können. Hildebrandt ist ein Meister der Physiognomien tropischer Lüfte: die schon am Morgen stickige Luft über dem Ganges, die einzigartigen Lichtreflexe im Dunst der Küste von Birma oder die wassergesättigte Luft in einem tropischen Monsunregen - das ist Cinemascope auf 30 Zentimetern Kantenlänge."

Weiteres: "Meisterwerke massenhaft" verspricht Michael Zajonz im Tagesspiegel  im wiedereröffneten Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig, darunter Rembrandts "Braunschweiger Familienbild und Vermeers "Mädchen mit dem Weinglas". Für die taz hat Uta M. Reindl die Tagung des internationalen Kunstkritikerverbands in Havanna besucht. Das ZeitMagazin bringt eine Strecke mit Fotografien von Sascha Weidner.

Besprochen werden Jos de Gruyters und Harald Thys' Ausstellung im Frankfurter Portikus (FR), die im Käthe Kollwitz Museum in Köln gezeigten Arbeiten der wiederentdeckten Fotografin Anneliese Kretschmer (taz), die Ausstellung "Otto Dix und der Isenheimer Altar" im Musée Unterlinden in Colmar (Tagesspiegel) sowie Bücher von und über den Maler Felix Nussbaum (Tagesspiegel).
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Musik

Die Besprechungen zum neuen Album "You want it Darker" von Leonard Cohen lesen sich beinahe schon wie Vorab-Nachrufe - was auch daran liegt, dass Cohen selbst in einem vielbeachteten Porträt im New Yorker über seine Bereitschaft zu sterben nachdachte. Dieses Album "ist eine Platte voller Abschiede, und zählt genau deshalb zum Besten, was Cohen je veröffentlicht hat", schreibt Wolfgang Luef in der SZ. "Im Angesicht des Endes scheint er ganz bei sich zu sein." Über Vergänglichkeit und Abschiede hat Cohen schon immer gesungen, ergänzt Stacey Anderson auf Pitchfork, und auf dieser Platte geschehe dies "nicht dramatisch vergrübelter als in seinem früheren Werk, aber es ist doch unübersehbar morbide; jedes Stück ist lebhaft und doch rätselhaft darin, in irgeneiner Hinsicht das Gefühl von Verlust und die Klage darüber zu beschwören." Hier die einzelnen Stücke des Albums im Stream.

In der taz erzählt Musikprofessor Michael Rauhut die spannende Geschichte der schwarzen, durch die DDR-Clubs und -Kirchen ziehenden Jazzsängerin Etta Cameron, die sich mehr oder weniger erfolgreich gegen die Vereinnahmungsversuche verschiedener Seiten wehrte: "Wie unter einem Brennglas zeigen sich konträre Amerikabilder anhand der Figur Cameron... Für die einen ist sie schlichtweg eine 'Bündnispartnerin' im Klassenkampf, für die anderen repräsentiert sie den Traum der 'unbegrenzten Möglichkeiten', einen universalen Hunger nach Emanzipation." Der RBB zeigt am 08. November Rauhuts Dokumentarfilm über Cameron. Im DEFA-Film "He, du" hatte sie einen kurzen Auftritt:



Weiteres: Die Zeit hat ihr großes Interview mit Dirigent Riccardo Muti über Orchester, Komponisten und die Kunst, eine Oper vorzubereiten, online nachgereicht. Für die FR geht Arne Löffel mit DJ Mladen Solomun am Strand spazieren.

Besprochen werden das neue Album von Bon Yver "22, a Million" (Welt), ein Konzert von Jamie Lidell und The Royal Pharaohs (Tagesspiegel), das neue Album von Lady Gaga ("gelungen", meint Nicklas Baschek in der FR) und eine dem Rock-Impresario Bill Graham gewidmete Ausstellung in Philadelphia (FAZ).
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