Efeu - Die Kulturrundschau

Du sollst nicht langweilen!

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24.10.2016. Zum Abschluss der Buchmesse bewundert die NZZ die weltläufige Eleganz der Flamen und Niederländer. Bei ZeitOnline beklagt der Fischer-Programmleiter Oliver Vogel die neue Hasenfüßigkeit der Literaturkritik. In der Presse schneidet Christoph Ransmayr kriminellen Wertpapierhändlern die Nase ab. Der Tagesspiegel betrachtet tapfer polnisches Propagandakino. Im Freitag hält Barbara Vinken fest: "Eine gute Kollektion hat ein ähnliches Raffinement wie ein Gedicht."

Literatur

In der NZZ bilanziert Roman Bucheli schlichtweg begeistert den Auftritt der Flamen und Niederländer auf der Buchmesse. Schon die leichte Eleganz ihres Pavillons hat ihm eine Unbekümmertheit vermittelt, die nie ans Leichtfertige grenze. Und dann die Autoren: "Allein schon an der Sprachmächtigkeit der Niederländer und Flamen ließ sich erkennen, dass hier ein Menschentypus heranwächst, dem die Beweglichkeit zwischen vielen Welten zur zweiten Natur werden könnte. Englisch und auch Deutsch sprechen diese Schriftsteller mit einer Selbstverständlichkeit, die selbst manchen Schweizer staunen lassen könnte vor neidloser Bewunderung."

Für ZeitOnline spricht Wiebke Porombka am Rande der Frankfurter Buchmesse mit Oliver Vogel, Programmleiter beim S. Fischer Verlag, der den Feuilletons in Sachen Buchrezension ins Gewissen redet. Die Neigung, klassische Besprechungen zugunsten leichterer Formate wie Porträts und Home Storys zurückzudrängen, findet er zunehmend bedenklich: "Diese Hasenfüßigkeit ist ein großes Problem. Man dürfte selbstbewusster sein, man dürfte den Lesern mehr zutrauen, man dürfte die Literatur als Erkenntnisinstrument ernster nehmen. Man dürfte die Samstagsausgaben der Tageszeitungen mal wieder mit einer großen Buchbesprechung auf Seite eins aufmachen - das gab es ja mal. Ich frage mich, woher der Eindruck kommt, es gäbe das Interesse an intelligenten Auseinandersetzungen mit auch schwierigeren Themen nicht."

In einem sehr schönen Interview spricht Christoph Ransmayr in der Presse über Weisheit, Herrschaft und seinen neuen, im China der Qing-Dynastie spielenden Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit". Dass er sich die Realität Europas damit fernhalte wolle, weist er kategorisch zurück: "Fernhalten? In Indien, in Südamerika, irgendwo in Asien bin ich näher an der globalen Realität als im europäischen Kokon, und was immer ich sehe, erlebe, integriere ich zu einem gewissen Maß auch in den Erzählfluss. In 'Cox' kommen etwa islamische Aufständische vor, die kaiserliche Soldaten enthaupten, um mit den Köpfen Wegzeichen, Schädelpyramiden zu errichten. Und schon im Eröffnungskapitel werden kriminellen Wertpapierhändlern, die ihre Verluste mit Steuergeldern decken, die Nasen abgeschnitten."

Flüchtlingsfrage, Brexit, VG Wort und Digitalisierung: In der SZ zieht Christopher Schmidt nach der Buchmesse Debatten-Bilanz. Der amerikanische Verleger John Galassi kam vor 30 Jahren erstmals zur Frankfurter Buchmesse und damals gefiel sie ihm viel besser, erklärt er in der Presse: "Sie ist kleiner geworden, früher gab es mehr kleinere Verlage und mehr Persönlichkeiten." Außerdem führen die Zeitungen auf der Buchmesse weiter fleißig Video-Autorengespräche: Die Zeit spricht mit Gisela von Wysocki, Martin Mosebach, Sibylle Lewitischaroff und Ilija Trojanow. Die FAZ mit Margriet de Moor, Philipp Winkler, Katja Lange-Müller und Bodo Kirchhoff.

Abseits von Frankfurt: Nach Sieglinde Geisels kurzer Überlegung auf Tell über Trivialliteratur hat sich auf Facebook eine kleine Diskussion über den Begriff "Guilty Pleasure" und dessen Implikationen gebildet, die nun wiederum auf Tell fortgeführt wird. Geisel plädiert dafür, Billy Wilders berühmtestes Diktum - "Du sollst nicht langweilen" - gleichermaßen auf E- wie U-Literatur anzuwenden. Lars Hartmann bekundet, sich bei Trivialliteratur schlicht per se zu langweilen: Ihn stören "die Erwartbarkeit sowie die Klischees in Sprache und Handlung. Trivialliteratur ist grundsätzlich auf Identifikation angelegt. ... Es langweilt mich, auch wenn es spannend ist."

Weiteres: Im Bayerischen Rundfunk liest Elfriede Jelinek aus ihrem Roman "Die Liebhaberinnen". In der SZ berichtet Roswitha Budeus-Budde von der Vergabe des Jugendliteraturpreises (hier alle ausgezeichneten Bücher im Überblick). Ihr Fazit: "Die Jugendliteratur wird zunehmend politisch. Und auch die Preisbücher versuchen, für eine Welt zu sensibilisieren, die sich in der Sprache der offiziellen Politik oft nicht finden lässt."  Beim SWR gibt es hier und dort die beiden Teile einer aufwändigen Hörspieladaption von Robert Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" zum Nachhören.

Besprochen wird unter anderem Nir Barams "Weltschatten" (Tagesspiegel) und die Erinenrungen des Junkies $ick "Shore, Stein Papier" (Welt).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Julia Trompeter über Sylvia Plaths "Metaphern":

"Ich bin ein Rätsel in neun Silben,
Ein Elefant, ein massiges Haus,
..."
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Bühne


In der Gruppentherapie: Lukas Bärfuss' "Frau Schmitz" und ihre Frau und ihr Stalker und ihr Chef.

Etwas strapaziös findet Daniele Muscionico in der NZZ zwar die vielen, auch alarmistischen Talente des Lukas Bärfuss, aber mit "Frau Schmitz" hat er das "fast geglückte" Stück zur aktuellen Gender- und Globalisierungsdebatte geschrieben, gesteht ihm der Kritiker zu: "Der Autor hat seinen Freud gelesen und weiss: Jeder Mensch ist prinzipiell 'polymorph pervers' und nicht eindeutig gegengeschlechtlich festgelegt. Ein gefundenes Fressen für jedes Bühnentier! Doch der Dichter will gerade das nicht sein, sondern tief und philosophisch: Empört euch, der Markt beraubt euch nicht nur eurer Identität, sondern will Unterordnung bis ins Geschlechtliche!". In der Nachtkritik kritisiert Andreas Klaeui das Stück dagegen als "bemerkenswert schwerfällig und enttäuschend klamottig".

David Böschs Inszenierung von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" am Münchner Residenztheater entlässt die Kritiker mit langen Gesichtern in den Abend. Nachtkritikerin Sabine Leucht rechnete mit "solidem Schauspieltheater (...) und ungefähr so ist der Abend auch geworden". SZ-Kritiker Egbert Tholl fühlte sich wie "in der Anatomie, oder wie in einem zeitlich undefinierten Zwischenreich, fahl ausgeleuchtet von einer Neonröhre, dunkelgrau grundiert."

Weiteres: Katharina Granzin berichtet in der taz vom Festival "In Schönheit sterben" an der Oper Neukölln in Berlin.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Carl Laufs' und Wilhelm Jacobys Schwank "Pension Schöller" am Wiener Burgtheater (Nachtkritik, SZ, Welt), Hermann Schmidt-Rahmers Bochumer "Tartuffe"-Inszenierung (Nachtkritik), Barrie Koskys und Ingo Metzmachers Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs "Die Nase" am Royal Opera House Covent Garden in London (FAZ).
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Film


"Smolensk": Die Reporterin Nina deckt im Alleingang das Komplott auf. Schauspielerin Beata Fido ist eine Kusine der Kaczyńskis.

Das polnische Kino wird zunehmend staatstragend, stellt Jan Schulz-Ojala in einem Stimmungsbild für den Tagesspiegel fest. Gerade läuft dort der Film "Smolensk" in den Kinos, der gemäß der Kaczyński-Linie die Schuld an der Tragödie nicht nur Russland, sondern auch dem früheren Ministerpräsidenten Donald Tusk gibt: "Tatsächlich wirkt 'Smolensk' wie eine besonders bizarre Pointe der Propaganda, mit der die PiS via Medien und Kino das Volk auf Linie zu bringen sucht. Eindeutig auch vertieft ein solcher Film den Riss, der bis in die Familien hinein durch das ganze Land geht. Hier die Parteigänger des durch 'Selbstquälerei' und 'sadistische Fantasien' befeuerten rechtsgerichteten 'Messianismus', den die große alte Dame unter den Intellektuellen, Maria Janion, soeben beim Warschauer Kulturkongress den Machthabern diagnostizierte; dort die im Sejm-Parlament seit der Wahl überhaupt nicht mehr vertretenen Linken und Liberalen, die Kaczýnski als 'gorszy sort Polaków' (Polens schlimmere Sorte) bezeichnet."

Besprochen werden Jonás Cuaróns auf DVD veröffentlichter Actionthriller "Desierto - Tödliche Hetzjagd" mit Gael García Bernal (SZ), Pierre Bismuts "Where is Rocky II? " (SZ, mehr dazu hier), Sven Taddickens Verfilmung von A.L. Kennedys Roman "Gleißendes Glück" (Tagesspiegel) sowie Olivier Ducastels und Jacques Martineaus "Théo & Hugo" (taz).
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Stichwörter: Polen, Smolensk

Kunst

Für den Tagesspiegel unterhält sich sich Deike Diening mit Annie Leibovitz, die derzeit in Frankfurt ausstellt.

Besprochen werden Mario Pfeifers Installation "Explosion" in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig (taz) und die Ausstellung "Der Golem kommt" im Jüdischen Museum in ­Berlin (Jungle World).


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Design

Für den Freitag unterhält sich Katja Kullmann mit der Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken, die sich in ihrem neuen Buch kulturphilosophisch mit dem Phänomen der Mode auseinandersetzt. Über einen Literaturnobelpreis für eine Modelinie würde man sich nach Lektüre des Gespächs nicht wundern: Vinken plädiert jedenfalls dafür, Mode "auch ästhetisch zu betrachten. Man kann Textilien tatsächlich genauso lesen wie Texte. Kleider haben eine historische Mehrschichtigkeit, sie spielen mit Zitaten. Manieristisch im Gegensatz zu klassisch zum Beispiel: Ein Stil ist immer eine Weltsicht. Genau wie die Literatur arbeitet die Mode mit einem vorgegebenen Vokabular, hängt von Gemeinplätzen ab - um diese zu unterlaufen, als Kommentar in Kleidern über Kleider. Nehmen Sie die Geschlechterrollen: Die wurden immer über Kleidung angeboten. ... Ein gutes Kleidungsstück oder eine gute Kollektion hat ein ähnliches Raffinement wie ein Gedicht."

Und: Im Interview mit der FAZ erklärt Toby Bateman, Geschäftsführer des Onlinehändlers Mr. Porter, warum inzwischen auch Männer gern online Kleidung kaufen: "Männer wollen verstehen, was sie da kaufen. Das können wir als Website viel konsequenter erklären als ein Laden in der Fußgängerzone. Wenn da ein guter Verkäufer steht: super. Aber in neun von zehn Fällen wird wohl eher die Teilzeitkraft arbeiten, die selbst nicht weiß, warum dieses Hemd von Zegna 300 Euro kostet."
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Musik

"Das Konzept Post-R&B hat sich überholt", schreibt ein enttäuschter Torsten Groß in der SZ zu Jillian Banks neuem Album "The Altar": "Was vor drei Jahren State of the Art war, wirkt inzwischen beinahe pflichtschuldig. Damals kamen die tiefen Bässe, das abgründige Wabern und der Minimalismus ihrer distanziert-unterkühlten, elektronisch grundierten Popmusik mit konfessionellen Texten maximal entgegen... Nun wirkt sie zwar immer noch nicht wie ein durchperfektionierter Mainstream-Popstar alter Prägung, aber der Einsatz der Produktionsmittel folgt nicht zwingend einer durch die Komposition vorgegebenen Dramaturgie. Teile des Albums wirken wie ausgefüllte Stanzen."

Vielleicht sollten die Leute wieder mehr Protestsongs hören. Markus Ganz kann in der NZZ jedenfalls PJ Harveys herausragendes Album "The Hope Six Demolition Project" empfehlen, in dem die Britin quasi als Reporterin die elenden Orte der Welt bereist: "Zwischen 2011 und 2014 reiste PJ Harvey mit dem Kriegsfotografen Seamus Murphy in Gebiete, wo sich die Gesellschaft aufzulösen droht. Sie hat solche Krisenzonen in Afghanistan und Kosovo gefunden. Aber auch in den USA, in einem heruntergekommenen Stadtteil von Washington (DC)."

Weiteres: Bob Dylan hat noch immer nicht auf die Kontaktversuche der zunehmend verärgerten Schwedischen Akademie reagiert - was kein Grund zur Aufregung sein sollte, meint Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: Denn "die Abwehr von Öffentlichkeit zieht sich als Leitmotiv durch seine Karriere." "Schlagende Eleganz" attestiert Michael Stallknecht in der SZ Mariss Jansons bei Mahlers Neunter, aber auch zu viel erzwungene Eunheitlichkeit. Hans Zippert gratuliert in der FAZ Bill Wyman zum Achtzigsten.

Besprochen werden das neue Album von Leonard Cohen ("Begräbnismusik", sorgt sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel) und diverse neue CDs, unter anderem von Bent Sørensen (FAZ).

Außerdem hat Joanna Newsom ein Outtake-Stück aus der Studiosession zu ihrem letztjährigen Album "Divers" (mehr dazu hier) veröffentlicht, meldet Spin. Ein schön herbstliches Stück:

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