Efeu - Die Kulturrundschau

Aus der Form geratene Diva

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06.10.2016. Der Guardian wandert über die Frieze und verliebt sich in ein paar schwankende Stühle. Der Zeit erhält eine zwanzigminütige Audienz am Hofe des Kunstsammlers François Pinault. Die Berliner Zeitung wird kategorisch: Elena Ferrante ist eine öffentliche Person und hat damit keinen Anspruch auf Anonymität.

Kunst

Jesse Darling: March of the xJesse Darling: March of the Valedictorians
Heute beginnt in London die Frieze Kunstmesse. Adrian Searle durfte für den Guardian schon vor der Eröffnung einen Rundgang machen. Viel Zeug, meint er, aufblasbare Dildos, Skulpturen von Munitionsarbeiterinnen aus dem Ersten Weltkrieg, Einkaufswagen mit Karaokemaschine und so. "Kunstmessen können ganz schön lahme Kunst zeigen. Aber wenn man dran arbeitet, bleibt was hängen. Einige Werke, denkt man, wurden nur für Kunstmessenwände gemacht, Träger nicht so sehr einer Idee als eines angesagten Namens und des Glamours der Galerie, die ihn ausprobiert. Manche Dinge sind für ein Museum bestimmt, wieder andere werden weiterverkauft auf dem Parkplatz, einem Hotelzimmer oder in Verhoevens Klo, das sind die unglücklichen Früchte einer vorübergehenden Laune." Und manchmal trifft es einen wie ein Schlag, etwa vor "Jesse Darlings 'March of the Valedictorians', eine Gruppe sich gegenseitig stützender Stühle auf eingeknickten Stelzen, eine Art schwankender Community, die ihren Platz nicht genau kennt. Wie ein Kunstwerk, wie eine Menschenmenge."

Anlässlich einer Ausstellung mit Leihgaben aus der Collection Pinault im Folkwang Museum in Essen wird Moritz von Uslar für die Zeit eine zwanzigminütige Audienz am Hofe des märchenhaft reichen Konzernmagnaten und Kunstsammlers Francois Pinault gewährt. Dort sitzt er dann Pinault gegenüber, der, umringt von PR-Beratern, "plaudert", nachdem er alle Fragen zuvor per Email beantwortet hat: "Und jetzt  gibt  Pinault,  wohl  gegen  seinen  Willen, die Basis preis, auf  der eine Sammler-Künstler-Beziehung  naturgemäß  steht:  'Natürlich  ist  Rudi ein Freund. Ich habe viel bei ihm gekauft.' Fröhliches, auch ein bisschen entsetztes Gelächter in der Runde. 'Das war ein Witz!' Ein Witz, natürlich."

Im Art Magazin fragt Raimar Stange, warum alle Welt so kritisch und bevormundend auf politische Kunst sieht: "Politischer Kunst wird nämlich so fast alles verboten, was eigentlich ihr Wesen ausmacht: Sie darf nicht aggressiv, wütend und medienwirksam auftreten; sie darf nicht (erfolgreich) über und mit Menschen arbeiten; und vor allem soll sie keine eindeutigen Meinungen formulieren und keine Bewertung von real-existierender Politik vornehmen. Nimmt man all dieses zusammen, dann sieht man worum es diesen Kritikern der 'Flüchtlingskunst' letztlich geht: Sie wollen die politische Kunst zu ihrer zahnlosen Softversion domestizieren, die brav, unauffällig und ganz ohne zu 'menscheln', politische Themen 'sensibel' diskutiert."

Weitere Artikel: Anfang des Jahres sollte in Detroit das Haus der schwarzen Bürgerrechtlerin Rosa Parks abgerissen werden. Demnächst steht es im Berliner Stadtteil Wedding, erzählt Katja Belousova in der Welt: Der Künstler Ryan Mendoza hat es zerlegt und baut es gerade wieder hier auf. Das ZeitMagazin verweist auf interessante Fotografen auf Instagram.

Besprochen werden die Ausstellung "Beyond Caravaggio" in der National Gallery in London (Guardian) und die Ausstellung "Hinter dem Vorhang - Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance" des Museums Kunstpalast in Düsseldorf (ZeitOnline).
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Film



Große Freude haben die Filmkritiker an Tim Burtons Verfilmung von Roman Riggs' Roman "Die Insel der besonderen Kinder": "Spannung, Liebe, Klamauk", verspricht Dietmar Dath in seiner nachträglich online gestellten FAZ-Kritik. "Burtons bewährte Konventionssicherheit jongliert zur Abwechslung mit Formen, die nicht von den Rändern des Hollywoodkinos bezogen sind, sondern aus dem Brennpunkt des Mainstream-Blicks, und gefällt als ungezogenerer Spielberg, als verwilderter Märchenonkel." Thomas Groh vom Perlentaucher erkennt liebgewonnene Motive wieder: "Die Entfremdung von einer geradezu mit dem Lineal ausgemessenen, buchstäblich straighten Welt, der Liebreiz des (mitunter zwischen gut und böse changierenden) Wunderbaren als erlösender Ausweg - es sind altbekannte Burtonia". In der Welt versichert Manuel Brug: "Weltflucht ist etwas Gutes." Eine Gegenposition vertritt Karsten Munt auf critic.de: "Zu leblos wirkt Burton Films außerhalb der konservierten Zeit." Im Filmdienst porträtiert Kristina Jaspers die Kostümbildnerin Colleen Atwood.

Weiteres: Tazler Fabian Tietke gratuliert Artur Brauners Berliner CCC-Filmkunst zum 70-jährigen Bestehen, das das Berliner Bundesplatzkino mit einer Filmreihe feiert (hier dazu eine sehr schöne PDF-Broschüre mit Materialien). Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Carolin Weidner (taz) empfehlen Filme aus dem Programm des Doku.Arts-Festival, das heute Abend im Berliner Zeughauskino beginnt. Dominik Kamalzadeh berichtet im Freitag vom Filmfestival in Toronto. Für die SZ hat Susan Vahabzadeh die Dreharbeiten zur neuen Dan-Brown-Verfilmung "Inferno" besucht.

Besprochen werden der auf DVD wiederentdeckte "Mädchen, Mädchen" von Roger Fritz aus dem Jahr 1967 ("ein Wunder", staunt Ekkehard Knörer in der taz), Aslı Özges "Auf einmal" (taz, ZeitOnline), Adam Wingards Horrorfilm "Blair Witch" (ZeitOnline), Leyla Bouzids Arabellionsfilm "Kaum öffne ich die Augen" (Tagesspiegel), der mit derbem Erwachsenenhumor punktende Animationsfilm "Sausage Party" (taz) und Corneliu Porumboius "Der Schatz" (perlentaucher, taz, SZ, mehr dazu im gestrigen Efeu).
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Architektur

Der sanft triste Gustaf-Gründgens-Platz in Düsseldorf lädt nicht gerade zum Verweilen oder gar zur Freizeitgestaltung ein, bemerkt Christopher Schmidt in der SZ-Reihe über Europas öffentliche Plätze. Dennoch lohnt sich ein Besuch, befinden sich an dieser Stelle doch zwei wichtige Gebäude der Nachkriegsmoderne, schreibt er: Das Dreischeibenhaus und das Schauspielhaus Düsseldorf, beide nach Entwürfen Bernhard Pfaus. "Hier also der hoch aufragende, maskuline Monolith aus Stahl und Glas, dort das weich hingegossene Schauspielhaus, das sich lässig hinfläzt wie eine etwas aus der Form geratene Diva."
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Literatur

Auch Iris Radisch ärgert sich über Claudio Gattis Enthüllung der wahren Identität hinter dem Pseudonym Elena Ferrante: Dessen Recherchemethoden stellen "einen Übergriff [dar], der sich bei steuerflüchtigen Präsidentschaftsbewerbern rechtfertigen mag, hier aber in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht. ... Was für eine Anmaßung. Als wäre das Nein einer Autorin kein Nein." Und überhaupt: "Vor einer Biografie, deren Spur in den Holocaust führt, sollten die Ansprüche des Boulevards endgültig verblassen."

Gregor Dotzauer wirft Gatti im Tagesspiegel illegale Methoden vor. Für den Rückgriff auf Foucaults Vortrag "Was ist ein Autor?" hat er nur Hohn übrig: Das seien "allzu schwere Geschütze."

Arno Widmann nimmt eine Gegenposition ein: Die Autorin Anita Raja alias Elsa Ferrante habe ein Recht aufs eigene Bild? "Blödsinn", schreibt er in der Berliner Zeitung: Niemand habe "einen Anspruch darauf, dass seine Mitmenschen diesem Bild folgen." Auch zur Frage der Autorenfunktion äußert er sich "Es gibt keinen Text, der einen Text hervorgebracht hat. Texte werden erzählt und geschrieben von Menschen. ... Der Glaube, ein Text erschließe sich uns auch, wenn wir nichts wissen über den Kontext, aus dem er hervorging, ist dumm. Wenn es nur darum ginge, Noten zu verteilen, dann könnte man sich mit der Kenntnis des Textes zufriedengeben. Wer aber den Text verstehen will, der braucht Informationen über Wo, Wann und Wie seiner Entstehung."

In der Welt staunt Wieland Freund: "Nicht nur die sozialen Netzwerke sind voller Solidaritätsadressen, auch Journalisten scheinen zu glauben, Anita Raja hätte als erster Mensch der Welt das Recht, zu veröffentlichen, ohne Gefahr zu laufen, darüber öffentlich zu werden. Das ist absurd, aber wie alles Absurde ist es auch interessant. Denn wir haben schon seit geraumer Zeit Probleme damit, zu unterscheiden, was öffentlich ist und was privat."

Weiteres: In Reading kann man jetzt erstmals das Zuchthaus besichtigen, in dem Oscar Wilde saß, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Besprochen werden Christian Krachts "Die Toten" (Freitag), Bov Bjergs "Die Modernisierung meiner Mutter" (Freitag), Dmitrij Belkins Biografie "Germanija" (Freitag) und eine Ausstellung zu Eugen und Nora Gomringer im Zürcher Museum Strauhof (NZZ).

Mehr aus dem literarischen Leben auf:

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Bühne

"Wow, was für eine Pleite", ächzt Patrick Wildermann vom Tagesspiegel nach dem Besuch einer von Guillaume Paoli ausgerichteten Abendveranstaltung im Roten Salon der Volksbühne. Paoli hatte vor kurzem eine neue, die "wahre Volksbühne" gefordert (unser Resümee), die zur Not von Haus zu Haus wandere, ganz nach dem Vorbild der frühen historischen Volksbühnenbewegung. Am Abend selbst gab es aber bloß heiße Luft, wenn man den Chronisten glauben kann. Von allgemeiner "Ratlosigkeit", berichtet etwa Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Nach einer bösen, linken Lehrstunde über die Verfehlungen der Sozialdemokratie, wurden, endlich beim Reizthema angelangt, lediglich "die bekannten Abwehrargumente heruntergebetet", so Seidler weiter. In Sachen "wahrer Volksbühne" solle man im übrigen nicht auf Taten hoffen und es vor allem "nicht so wörtlich nehmen, so Jürgen Kuttner, niemand glaube, dass sich die Massen hinter der Fahne von Paoli versammeln würden. Aber ein bisschen Quatsch und Remmidemmi machen, dazu könne er nur raten." Tazler Detlef Kuhlbrodt fühlte sich bei all dem ein wenig "wie auf einer Studentenvollversammlung."

Weiteres: Zum Tod des Schauspielers Hans Korte schreiben Daland Segler (FR) und Markus Ehrenberg (Tagesspiegel).

Besprochen werden Noah Haidles "Götterspeise" in Kassel (FR), Simon Stephens' "Birdland" in Mannheim (SZ) sowie Daniel Barenboims und Harry Kupfers Berliner "Fidelio" (SZ, mehr dazu gestern).
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Musik

Bei den Bamberger Symphonikern hat Jakub Hrůša seinen Einstand als neuer Chefdirigent des Orchesters absolviert. FAZler Wolfgang Sandner kommt enorm beeindruckt nach Hause und verspricht sich insbesondere nach der Aufführung von Mahlers erster Symphonie einiges für die Zukunft: "Es muss ein wahre Offenbarung für jeden Orchestermusiker sein, auf Zeichen eines Dirigenten zu reagieren, die so klar und unmissverständlich erfolgen und doch Raum für lebendige Phrasierung lassen. Jakub Hrůša aber besitzt darüber hinaus eine noch wichtigere Gabe: Er kann in kürzester Zeit Gefühle vermitteln."

Weiteres: Im Freitag schreibt die Musikerin Bernadette La Hengst Tourtagebuch.

Besprochen werden das neue Album von Supersilent (Pitchfork), Karl Bruckmaiers Poptheorie-Buch "OBI oder das Streben nach Glück - Eine Baumaterialsammlung" (Freitag) und das Album "Take Control" von den Slaves (taz).
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