Efeu - Die Kulturrundschau

Das Wort außerhalb eurer Sphäre

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13.07.2016. Im Tagesspiegel erklärt sich Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit schuldig: Beihilfe zum Suizid ist eine Straftat. Die NZZ fragt, wann und warum aus Hugo Balls vor hundert Jahren veröffentlichtem Dada-Manifest die Aggression verschwand. Die Nachtkritik erlebt in Avignon mit den "Karamazovs" die ungerechte Übermacht der Felswand. Auf Zeit Online beobachtet Clemens Setz, wie Keith Jarrett sein Publikum zum Verschwinden zu bringen versucht. Und Jonathan Rosenbaum über Agnes Varda.

Bühne


Was ist schon der Mensch? Bellorinis "Karamazov" in Avignon. Foto: Christophe Raynaud de Lage

Jean Bellorinis emotionales, brachial-komisches Theater gefällt Lena Schneider in der Nachtkritik schon in der Pariser Banlieue Saint Denis. Aber wenn er beim Festival von Avignon Dostojewskis "Brüder Karamasow" vor der vierzig Meter hohen Felswand im alten Steinbruch Carrière Boulbon aufführt ist sie doppelt begeistert: "Sechs Stunden lang lässt er seine Truppe hier gegen die ungerechte Übermacht der Felswand - oder auch: der Liebe, der Boshaftigkeit, des Glaubens - anspielen, anbrüllen und ansingen. Tombe la neige (Der Schnee fällt), Salvatore Adamos Kitschschlager von 1963, wird der Vatermörder Pawel Smerdjakow (Marc Plas) hier kurz vor Mitternacht in den nachtschwarzen Sommerhimmel jaulen, komisch und herzzerreißend. Während der Körper des Vaters langsam unter Kunstschnee verschwindet."

Am Donnerstag startet das Festival ImPulsTanz in Wien, in der Presse porträtiert Isabella Wallnöfer den belgischen Tänzer und Choreografen Wim Vandekeybus, der es gern extrem mag: "Woher kommt sein Interesse am Experimentieren mit physikalischen Urgewalten? 'Ich bin auf dem Land aufgewachsen', erzählt er. Der Vater war Tierarzt. Oft wurde er in der Nacht geweckt und zu Notfällen oder Geburten gerufen. 'Er hat mich dann mitgenommen, und ich habe ihm geholfen, die Kühe zu operieren oder die Ferkel herauszuziehen - ich hatte kleine Hände.'"

Nach der von Kontroversen begleiteten Theateraktion "Flüchtlinge Fressen" zieht Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit im großen Tagesspiegel-Gespräch mit Robert Klages Bilanz: "Es ging einzig darum, sich des strafrechtlich relevanten Vorwurfes der Beihilfe zum mehrfachen Suizid schuldig zu machen. Kommende Historiker werden nämlich irgendwann feststellen, dass dies exakt wiedergibt, wie wir uns des Mittelmeeres bedienten: wir machen uns alle der massenhaften Beihilfe zum Suizid schuldig. Es gibt ein Gesetz, das Menschen in tiefster Not verbietet, die einfachsten Transportmittel zu benutzen, um in Sicherheit zu gelangen."

Besprochen wird David Hermanns "Rheingold"-Inszenierung, mit dem die Oper Karlsruhe einen neuen "Ring"-Zyklus eröffnet (FR, FAZ)
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Literatur

Hugo Balls Dada-Manifest ist vor allem auch ein Resultat der Legendenbildung, stellt Germanist Magnus Wieland in der NZZ klar. Die Vorlage dessen, was heute als das Eröffnungs-Manifest gilt, ist lediglich eine Entwurfshandschrift, teilweise unleserlich mit Ergänzungen und Änderungen versehen, die erst 40 Jahre später erstmals abgedruckt und an der seither großzügig herumgepfuscht wurde: "In der gepflegten Nostalgie des Dada-Revivals wirkt die allzu aggressive Provokationslust fehl am Platz. So wird eine längere Publikumsbeschimpfung komplett unterdrückt: 'das Wort außerhalb eurer Sphäre, eurer Stickluft, ... eurer lächerlichen Impotenz, eurer stupenden Selbstzufriedenheit, außerhalb eurer Nachredenschaft, eurer offensichtlichen Beschränktheit.'"

Eher belustigt schaut Hans-Jörg Neuschäfer in der NZZ auf Spaniens Feierlichkeiten zum 400. Todestag Miguel de Cervantes'. Wenig feierlich, eher skurril muteten die Veranstaltungen und Projekte an und niemand scheine sich wirklich ernsthaft mit dem Erbe des Schriftstellers auseinanderzusetzen. "Da wird also nun unentwegt der 'größte Roman der Weltliteratur' gefeiert. Gelesen haben ihn aber nur wenige, und ganz bestimmt nicht die Politiker in Madrid und Barcelona. Wie könnten sie es sich sonst entgehen lassen, dass ausgerechnet der sakrosankte Text der kastilischen Literatur ein derart eindrucksvolles Zeugnis von der Bedeutung Barcelonas vermittelt... dass er aber im Übrigen weder einen katalanischen noch einen kastilischen noch einen gesamtspanischen Nationalismus, auch keinen religiösen Fundamentalismus oder politischen Extremismus propagiert?"

Open Culture huldigt noch einmal der anarchistischen Gegenkultur und stellt alle acht Dada-Magazine zum Downloaden zur Verfügung.

Weiteres: Tilman Krause schreibt in der Welt zum zweihundersten Geburtstag des Schriftstellers Gustav Freitag, dessen ungeheure Popularität im 19. Jahrhundert heute allen etwas peinlich ist. In einer neuen Veranstaltungsreihe im Frankfurter Literaturhaus treffen Autoren und Lektoren aufeinander, berichtet Sandra Kegel in der FAZ. Auf Skug würdigt Kerstin Kellermann Ingeborg Bachmann.

Besprochen werden Anna Sterns Krimi "Der Gutachter" (FR), Ilja Ehrenburgs wiederveröffentlichter Roman "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz" aus dem Jahr 1928 (Tagesspiegel), Atsushi Kanekos Manga "Wet Moon" (Tagesspiegel), Wystke Versteegs "Boy" (FAZ), Efrat Gal-Eds Biographie Itzik Magers "Niemandssprache" (NZZ), Daniel Goetschs "Ein Niemand" (NZZ) und Stefan Schütz' "Unser Leben" (SZ).
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Architektur


Bloß keine weißen Wände: Jean Nouvels Musée du quai Branly.

Die erhitzten Debatten um das vor zehn Jahren eröffnete Pariser Musée du Quai Branly, die sich daran entzündeten, dass das Pariser Museum ethnologische Artefakte in den Kontext von Kunstausstellungen hob, haben sich längst gelegt, freut sich Joseph Hanimann in der SZ. Zu verdanken sei dies auch der "entschieden zeitgenössischen Architektur" von Jean Nouvel, der Hanimann schlichtende Qualitäten beimisst: "Der aufgestelzte Längsbau inmitten des nunmehr üppig bewachsenen Gartens wurde zum Publikumsliebling. ... Nouvels Weigerung, für die Zeugnisse ferner Kulturen einen Prachtbau mit kahlen Wänden, Marmorböden und Edelvitrinen zu entwerfen, hat sich bewährt. Statt funktionaler Museumsräume wollte er für die ihrer ursprünglichen Umgebung entrissenen Exponate eine besondere Raumqualität schaffen."
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Design

In der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Tod des Industriedesigners Tõnis Käo.
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Kunst

Guardian-Kunstkritiker Jonathan Jones bekommt in der Amsterdamer Ausstellung "On the Verge of Insanity" das ganze Ausmaß von Vincent van Goghs zerrüttetem Geisteszustand vor Augen geführt, inklusive der Pistole, mit der sich der Maler erschoss. Und ja: Er hat sich sein Ohr selbst und komplett abgeschnitten.

Besprochen werden die Autobiografie der Modefotografin Elfie Semotan (taz), eine Ausstellung zu Erasmus von Rotterdams Ausgabe des Neuen Testaments im Basler Münster (NZZ) und die Ausstellung des Altenberger Altars im Städel Museum in Frankfurt (SZ).
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Musik

Ziemlich entgeistert reagiert Clemens Setz im Freitext-Blog von ZeitOnline auf Keith Jarrets Forderung bei Konzerten, die Leute vor die Tür zu setzen, die im Saal Fotos mit ihren Handys gemacht hatten. Für den Schriftsteller "eine Romanhandlung, tragisch und bewegend, ein moderner Don Quijote." Aber dennoch ungeheuer anstrengend in seinem Ansinnen, das Publikum zum Verschwinden zu bringen. "Ich achtete inzwischen nur noch auf die wirkliche Musik im Raum, auf das Husten und das Knarren. Wie der ganze Saal knarrte! Und Niesen, so laut! Neben mir atmete ein Mann durch eine leicht verstopfte Nase. Ein wunderschönes Geräusch. ... Gegen Ende spielte Jarrett einige Stücke, die er entweder kopfschüttelnd lachend beendete oder mit einem Achselzucken begann. Er schien uns zu sagen: Ihr beklatscht ohnehin alles, also was soll's, hier ist ein Blues. Zynische Musik. Bittere Imitationen seiner selbst, virtuos hingeknallt für ein dummes Publikum, das nicht still und unsichtbar sein kann."

Außerdem: Im Podcast von The Vinyl District ist diesmal Tesco Vee zu Gast, Gründer des legendären US-Indielabels Touch & Go.

Besprochen werden Betty Davis' "The Columbia Years 1968-1969" (The Vinyl District) und ein "Fidelio"-Konzert des Expat Philharmonic Orchestra (Tagesspiegel).
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Film

Nach dem Erfolg in Cannes begeistern sich die Kritiker einmal mehr über Maren Ades "Toni Erdmann", der diese Woche nun endlich ins Kino kommt. Im wesentlichen ist sich die Kritik auch weiterhin euphorisch einig: Dieser Film ist ein Meister(innen)werk. Entsprechend gefällt Christiane Peitz im Tagesspiegel die "Risikofreude" der Regisseurin und deren "Leichtigkeit und Offenheit, die ihresgleichen sucht im deutschen Gegenwartsfilm." Die Figuren in diesem "sehr großen" Film sind "Modelle des Universalen, getarnt als Verschrobene", frohlockt Dietmar Dath in der FAZ. In der SZ heißt ein wortspielfreudiger Philipp Stadelmaier diesen "Außerirdischen im - leider oft unterirdischen - deutschen Kino" herzlich willkommen. Außerdem hat Verena Lueken für die FAZ ein großes Gespräch mit Ade sowie Janine Jackowski und Jonas Dornbach geführt, mit denen die Regisseurin gemeinsam die Berliner Produktionsgesellschaft Komplizen Film führt.

Weiteres: Auf seinem Blog dokumentiert Perlentaucher-Filmkritiker Lukas Foerster den einführenden Vortrag, den er zur Eröffnung der großen Douglas-Sirk-Retrospektive im Berliner Zeughaus gehalten hat. Im Standard unterhält sich Diminik Kamalzadeh mit Regisseur Roland Emmerich über eine Fortsetzung seines Blockbusters "Independence Day". Auf Facebook bringt die Cinématheque Française beeindruckende Fotos von Abbas Kiarostamis Beerdigung in Teheran.

Besprochen werden Cem Kayas Dokumentarfilm "Remake, Remix, Rip-Off" über die Geschichte des türkischen Genrekinos (FR, hier in der Mediathek) und Roland Emmerichs neues "Independence Day"-Spektakel (Tagesspiegel, critic.de)

Außerdem: In Frankfurt hat der amerikanische Filmkritiker Jonathan Rosenbaum einen Vortrag über Agnès Vardas "Vogelfrei" gehalten - hier davon eine Aufzeichnung:

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