Efeu - Die Kulturrundschau

Die Pose triumphiert

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2016. Wie in Flandern erstmals Geld und Kunst ins Bett gingen, lernt das Art Magazin in Gent. Der Freitag liest neue Heimatromane. Im Blog Resonanzboden sucht Lorant Deutsch nach Spuren des Sturms auf die Bastille. Die nachtkritik berauscht sich in Avignon an den singenden Brüdern Karamasow. Die Filmkritiker sind im Kinoglück mit Maren Ades "Toni Erdmann".

Film


Vater unter wirrem Haar: Episode aus "Toni Erdmann" auf dem Pfad zur Freiheit.

Perlentaucher Janis El-Bira schwebt im absoluten Kinoglück mit Maren Ades in Cannes gefeiertem, jetzt in Deutschland startenden Film "Toni Erdmann", in dem ein verkleideter Alt-68er der neoliberalen Unternehmensberaterwelt seiner Tochter "ein Furzkissen aus Irritationen unterschiebt. Dass Maren Ade hieraus bei allem großartigen Witz gerade keine Komödie der Irrungen ableitet, kein Maskenspiel, das auf seine pointenreiche Entlarvung hinausliefe, führt mitten hinein ins eigentlich todtraurige Herz der Geschichte und zum Wunder dieses Films: Ines erkennt (wie der Zuschauer) unter Toni Erdmanns wirren Haaren sofort den eigenen Vater - und spielt trotzdem mit. Denn nur vom bewussten Spiel, dem schillernden 'als ob' des Theaters, führt ein Pfad zur Freiheit."

Auch Hanns-Georg Rodek erliegt in der Welt ganz und gar Ades Mischung aus Irrsinn und Wehmut: "Vielleicht kommt man so dem Kern von 'Toni Erdmann' am nächsten, der eine Anleitung zum Ausbruch sein könnte. Ein Alltagsmärchen über zwei, die ihre fast festgewachsenen Rollenkleider erst ablegen müssen, um sich wieder nahezukommen. Das ist wörtlich zu nehmen und mündet in die hysterisch komischste Kinosequenz seit Jahren, in der sie spontan eine Nacktparty veranstaltet..."

Im Interview mit der SZ erklärt Maren Ade, warum sie sieben Jahre für "Toni Erdmann" gebraucht hat: "Ehrlich gesagt hilft mir auch das Konzept von Genie beim Filmemachen überhaupt nicht. So denke ich gar nicht, das kann ich auch gar nicht erfüllen, so eine Idee von Großkünstlertum. Ich bin halt nur in dem, was ich tue, beharrlich, manchmal extrem beharrlich."

Weitere Artikel: Kein Geringerer als Werner Herzog hat sich nun der berüchtigten "Ask Me Anything"-Aktion der Reddit-Community gestellt - mit teils köstlich haarsträubenden Antworten (ein Best-Of aus dem umfangreichen Dialogwust hat Nerdcore zusammengestellt). Für die taz spricht Jenni Zylka mit Sung-Hyung Cho über die herausfordernden Dreharbeiten ihres (auf Kinozeit besprochenen) Dokumentarfilms "Meine Brüder und Schwestern im Norden", für den die deutsch-koreanische Regisseurin nach Nordkorea gereist ist. Mit Filmen von João Pedro Rodrigues, Axelle Ropert, Matías Piñeiro und Angela Schanelec präsentiert sich der gestern bekannt gegebene Wettbewerb von Locarno bemerkenswert stark: critic.de listet das komplette Programm. Für die taz spricht Anke Richter mit dem Illustrator Helme Heine, dessen Kinderbuchreihe "Freude" jetzt unter dem Titel "Mullewapp - Eine schöne Schweinerei" ins Kino kommt. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem einzigartigen Harry Dean Stanton zum Neunzigsten. In diesem tollen Video würdigt er erst Jack Nicholson und singt dann mit Art Garfunkel "All I Have to Do is Dream":



Besprochen werden Pietro Marcellos "Bella e Perduta - Eine Reise nach Italien" (Perlentaucher, FAZ), Stephen Fingletons auf DVD veröffentlichter "The Survivalist" ("Ungewöhnlicher Film, tolles Debüt", versichert Ekkehard Knörer in der taz), die neue HBO-Serie "The Night Of" (FR), "Mit besten Absichten" mit Susan Sarandon (Tagesspiegel, SZ) und Roland Emmerichs neuer "Independence Day"-Film (taz, ZeitOnline, Welt).
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Bühne


Die Brüder Karamasow in Avignon. Foto: © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon
Sechs Stunden Dostojewski sah nachkritikerin Lena Schneider - nicht an der Volksbühne, sondern in Avignon, wo Jean Bellorini die "Brüder Karamasow" in Szene setzte und seine Schauspieler brüllen, jaulen und singen ließ: "Vater Karamasow selbst ist, wie er selbst sagt: ein Buffo. Jacques Hadjaje spielt den von seinen Söhnen so gehassten schmierig, geldgierig, geil - aber letztlich als Clown. Auf seinen stillen Schneetod folgt eine Gesangsnummer, zur Zitter melodramatisch und hochkomisch hingerockt von Jules Garreau. Hochemotionales Theater, durchbrochen von brachialer Komik: das ist Bellorinis Theater. Mit dieser Mischung schafft er es, in der Pariser Banlieue Saint-Denis, wo er das Théâtre Gérard Philipe leitet, die Leute ins Theater zu holen."

Weiteres: Für den Tagesspiegel berichtet Eberhard Spreng vom Theaterfestival in Avignon. In Köln geht Tilman Strasser für die nachtkritik mit Philine Velhagen auf Stadt-Safari. Besprochen wird Maurici Farrés Inszenierung von Goethes "Mitschuldigen" am Monbijou-Theater in Berlin (taz).
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Musik


Ttl tnls: Ds Lg zm Bthvnjhr 2020. (Bild: Beethoven Jubiläums GmbH)

In Berlin wurde das Logo für das Beethovenjahr 2020 präsentiert - und zur Entgeisterung von Frederik Hanssen vom Tagesspiegel liest es sich entvokalisiert "Bthvn": "Ein Komponisten-Markenzeichen, das sich der klangvollen Aussprache verweigert - hallo, geht's noch? Für jeden, der offene Ohren hat, wirkt dieses Logo ohne Vokal nicht nur irgendwo kahl, sondern total tonlos."

Von den Schönheiten des amerikanischen Südens kann Adia Victoria nicht viel erzählen, dafür hat sie einiges über die Höllen des Südens zu sagen. Die junge afroamerikanische Sängerin räumt mit Klischees auf, ihr Sound ist konfrontativ, abwechslungsreich und eigenwillig, freut sich Knut Henkel in der NZZ. Nach einer stark christlich geprägten Kindheit entdeckte sie "Musiker wie Miles Davis, Fiona Apple oder Kurt Cobain. In der Nirvana-Ikone glaubt die Bluessängerin... bis heute einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Eine Seelenverwandtschaft sieht sie aber auch zu der afroamerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, die ihr die Augen für die Realitäten im Süden der USA geöffnet habe." Hier eine Hörprobe:



Weiteres: In Berlin regt sich Widerstand gegen das vom Tempelhofer Feld kurzfristig in den Treptower Park verschobene Loolapallooza-Festival, berichtet Andreas Hartmann in der taz.

Besprochen werden eine Compilation über die Musik aus dem DDR-Punk-Underground der 80er (taz), das Album "Wildflower" von The Avalanches (Welt), ein Konzert von Jarvis Cocker mit dem Jungen Sinfonieorchester Berlin (Welt, taz, Tagesspiegel)sowie Konzerte von Philippe Jarrousky (Tagesspiegel), Grigory Sokolov (FR), Beyoncé (SZ), Cat Power (FAZ) und der japanischen Trommelgruppe Yamato (Tagesspiegel).
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Literatur

Freitag-Kritiker Michael Girke macht in der deutschen Gegenwartsliteratur eine neue Tendenz zum Heimatroman aus. Als Beispiel dienen ihm neue Bücher von Eberhard Rathgeb und Jörn Klare, wobei er ersteren für den "scharfsinnigsten" Autor dieser neuen diffusen Welle hält: Dies auch, weil "er, der Popmoderne, dem Heimatbegriff schließlich die Luft rauslässt, ihn entzaubert. Sein Argwohn ist begründet. Die Gefahr, dass Menschen nicht Europäer, sondern nur enge Deutsche sein wollen und Heimatgefühle gegen andere mobilisiert werden, die vermeintlich nicht dazugehören, ist virulent. Bei aller Klugheit weist Eberhard Rathgebs Buch aber doch ein Versäumnis auf: Es durchleuchtet den Heimatbegriff zwar, verändert ihn aber nicht."

Heute ist Revolutionstag! Im Ullstein-Blog Resonanzboden rekonstriert der Schauspieler und Autor Lorànt Deutsch die Ereignisse, indem er durch die Gegend um die heutige Place de la Bastille schlendert. Auf dem Platz selbst gibt es nichts mehr zu sehen: "Doch sieht man auf der Ecke des Boulevard Henri-IV und der Rue Saint-Antoine zu Boden, wird man fündig: Eine braune Pflasterung gibt den genauen Standort der Bastille an. Und an der Nummer 3 des Platzes zeigt ein Plan an der Gebäudefassade seine klobige Gestalt. An der Seine zeugt der Hafen, Port de l'Arsenal, vom Festungsgraben, und einige seiner alten Steine stammen aus der Militärfestung. Schließlich ist da noch auf dem Square Henri-Galli am Ende des Boulevard Henri-IV, immer noch in Richtung Seine, das Fundament der Tour de la Liberté - einer der acht Bastilletürme. Es wurde beim Bau der U-Bahn ausgegraben und dann hierherversetzt."

Weitere Artikel: Im Logbuch Suhrkamp erzählt Stephan Thome von seinem Besuch des Tempels der Westlichen Düfte bei Kyoto. Christian Bos schreibt in der FR über das Mysterium um die pseudonym veröffentlichende Schriftstellerin Elena Ferrante, deren vierteilige "neapolitanische Saga" in Italien und im englischsprachigen Ausland bereits für Furore sorgt und hierzulande demnächst von Suhrkamp veröffentlicht wird. Judith von Sternburg besucht für die FR die Frankfurter Poetikvorlesung von Katja Lange-Müller. Und Wilhelm von Sternburg erinnert an den vor 200 Jahren geborenen Gustav Freytag, über den gerade eine Biografie erschienen ist.

Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung von Lithografien von Eugène Ionesco und Friedrich Dürrenmatt im Centre Dürrenmatt in Neuenburg (NZZ), Alexander Kühnes "Düsterbusch City Lights" (Tagesspiegel) und Valeria Luisellis "Die Geschichte meiner Zähne" (FAZ). Mehr auf Lit21, unserem fortlaufend aktualisiertem Metablog zur literarischen Blogosphäre.
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Kunst

Jan Cornelisz Vermeyen: Jan Cornelisz Vermeyen: "Porträt des Jodocus Aemszoon van der Burch", 1541
Eine Genter Ausstellung will die Geburt des Homo Oeconomicus im mittelalterlichen Flandern dokumentieren. Gut gelungen, erkennt Art-Kritikerin Alexandra Wach schon im Eingang: "Die Reichen und die Schönen empfangen den Besucher in einem exklusiven Raum des einstigen Caermerskloster, in dem die Pose triumphiert und die Blicke der Porträtierten zwischen Abgeklärtheit und Lob des Irdischen oszillieren. Humanisten, Geschäftsleute, wohlhabende Ehepaare und früh vergreiste Kinder in Erwachsenenkleidung bleiben hier unter sich. Ein alter Spiegel lädt zu einer Reise in die Vergangenheit ein, wenn denn diese selbstbewussten Herrschaften nicht so kritisch auf das fremde Gesicht schauen würden, als sollte der Eindringling bitte schön erst das Beförderungsgeld entrichten, bevor er den Urhebern seines eigenen durchökonomisierten Lebensstils entgegentritt."

Die Schirn-Ausstellung "Pioniere des Comic - Eine andere Avantgarde" hat bereits für viel Aufsehen gesorgt und, was ihre These betrifft, nach der sich im Comic des frühen 20. Jahrhunderts bereits ästhetische Strategien der späteren Avantgarden abzeichnen, viel Zustimmung erfahren (siehe unser Resümee). Im Freitag geht Jonas Engelmann dabei allerdings nicht völlig mit. Gewiss finden sich "Experimente mit der Simultaneität von Sinneswahrnehmungen, mit den Eindrücken der Großstadt oder, inspiriert von Sigmund Freuds Traumdeutung, der Erforschung des Unbewussten", schreibt er, doch seien diese weniger als künstlerische Vorstöße zu begreifen als "vielmehr auf einen sensiblen Umgang der Zeichner mit den damaligen gesellschaftlichen Diskursen zurückzuführen." Die ausgestellten Comics hätten es nicht nötig, "avantgardistisch, bahnbrechend oder eben Kunst sein zu wollen. Der Comic ist ein Medium, das die Scharade des Alltäglichen betreibt, um weiterhin subversives Wissen in Millionen Haushalte zu transportieren."


Peter Keetman, Selbstportrait mit Kamera, 1957. © Stiftung F.C. Gundlach

Für die FAZ hat Georg Imdahl die dem Fotografen Peter Keetman gewidmete Ausstellung "Gestaltete Welt" im Museum Folkwang in Essen angesehen: "Höchst eigenwillig verwertet Keetman das Foto-Erbe der Weimarer Republik", schreibt er mit Blick auf Bilder aus den fünfziger Jahren, in denen Keetman seinen experimentellen Stil verfeinerte und zuspitzte. "In vielen Arbeiten kreuzen sich die Neue Sachlichkeit und das Neue Sehen, ohne dass Keetman darüber in Nostalgie verfallen wäre. Sein Blick changiert ständig zwischen abstrakten Bildfindungen, die sein Werk in die Nähe der konkreten Kunst rücken, und dem öffentlichen Leben, das sich im Bauboom, Verkehr, in der Freizeit entwickelt. ... Es dürfte kaum einen Fotografen seiner Generation geben, der die Verdichtung des Visuellen vom Close-up bis zur Vogelperspektive auf so unterschiedlichen Feldern demonstriert hat wie er." Mehr zur Ausstellung auch in diesem Resümee vom 16. Juni.

Weiteres: Jürg Zbinden würdigt in der NZZ die seit den 70er Jahren international erfolgreiche Schweizer Künstlerin Manon. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Der feine Riss - Zeitgenössische Malerei auf dem historischen Feld" im Haus am Lützowplatz in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst