Efeu - Die Kulturrundschau

Duftet es ins Hirn hinauf?

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12.07.2016. Der New Yorker lernt bei den Herrenschneidern der Savile Row, dass allerhöchste Kunst niemals kopiert werden kann. The Conversation probiert bereits eine elektronische Zweithaut. Die SZ fragt, wie kommod politischer Aktivismus innerhalb des Kunstbetriebs sein darf, ohne Karrierismus zu werden. Die NZZ feiert Ann Cottens Versschmiedekunst.

Design

Entwurf einer Jacke für den Bentley-Fahrer. Foto: Blog Davide TaubEntwurf einer Jacke für den Bentley-Fahrer. Foto: Blog Davide Taub
Es ist in Indien nicht unüblich (und auch nicht so teuer), sich einen Anzug maßschneidern zu lassen. Aber einen Anzug aus der Savile Row nachnähen? Der Schriftsteller Akhil Sharma war so besessen von den etwa 8.000 Dollar teuren Anzügen Davide Taubs, Cutter beim Londoner Herrenschneider Gieves & Hawkes (hier Taubs eigenes Blog), dass er nachfragte. Taub gab nicht nur sein Einverständnis, erzählt Sharma schwer beeindruckt im New Yorker, sondern bot sogar eine seiner Jacken für den kopierenden Schneider zum Auseinandernehmen an: "Ein interessanter Aspekt der Savile Row ist die absolute Überzeugung der Leute, die dort arbeiten, dass ihre Arbeit wirklich anders und besser ist als das, was andere tun. Überprüfungen scheinen ihnen willkommen zu sein ... Taub meinte, dass ein Kleidungsstück von Gieves & Hawkes auseinandergenommen, aber nie wieder in dieselbe Passform zusammengesetzt werden kann. Viele Entscheidungen, die beim Nähen getroffen werden - wie eng der Stoff zusammengeheftet wird, in welchem Winkel die Nadel eingestochen wird - hinterlassen keine Spuren, man sieht nur das Ergebnis."

Taub hat in seinem Entwurf oben die Taschen für den Fahrer schräg auf Brusthöhe verlegt, so dass er im Sitzen bequem zum Beispiel nach seinem Handy greifen kann. Noch besser wäre es natürlich, man bräuchte überhaupt keine Taschen, weil man alle Informationen auf der Haut trägt. E-Skin ist das neue Zauberwort, erzählt der Forscher Luca Santarelli in The Conversation. "Forscher entwickeln gerade flexible, biegsame und dehnbare elektronische Schaltkreise, die direkt auf die Haut appliziert werden. Sie können Ihre Haut in einen Touchscreen verwandeln, aber auch Empfindungen ausschalten, etwa bei schweren Verbrennungen oder Problemen mit dem Nervensystem." Das sähe dann so aus:



Außerdem: Fundstücke aus der Zeit, als Jugendkultur noch smart, sharp und stylish war: Vintage Everyday bringt eine tolle Strecke mit Mods aus den 60ern.
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Kunst

In Berlin hat am Wochenende Johannes Paul Raethers Aktion "Protektoramae - Forking Horizon 5.5.5.1-3", die im Rahmen des "Foreign Affairs"-Festivals der Berliner Festspiele allerdings unangemeldet in einem Computergeschäft stattgefunden hat, einen Polizeieinsatz und viel Aufsehen im Boulevard nach sich gezogen (hier seine Stellungnahme dazu). Grund für Peter Laudenbach von der SZ, im Post-Schlingensief-Zeitalter über die derzeit angesagte Verbindung von Kunst und politischem Aktivismus nachzudenken. "Das Reflexionsmedium Kunst - wobei Kunst Selbstzweck ist und eben kein Mittel zum Zweck, auch nicht zu einem guten - und die politische Intervention (deren Akteuren es um politische Ziele gehen sollte, nicht um eine Karriere auf dem Kunst-, Kuratoren- und Intendantenmarkt). Trotz Luhmanns paradoxer Beobachtung, 'Dagegensein' bedeute auch 'Dabeisein', mutet die Verbindung von radikaler Protestgeste und dem Versuch, damit den eigenen Marktwert zu steigern, befremdlich an", schreibt er unter Verweis auf Politaktivsten, die sich nicht in den Schutzraum Kulturbetrieb zurückziehen können.

Daniela Tan besucht für die NZZ die Ausstellung "The Art of Zen" in Kyoto und lernt einiges darüber, wie Japan den aus China importierten Zen-Buddhismus als Einheit von Meditation, Arbeit, Alltag und Ästhetik zu höchster Blüte entwickelte: "Auf zwei großen Bahnen mit je vier Zeichen steht der Lehrspruch: 'Das Schlechte unterlassen. Das Gute tun.' Die in kräftigem Schwung fließenden Zeichen sind mehr als semantische Boten. Sie fließen ineinander und scheinen ein Eigenleben zu führen, erfüllen den Raum und sprengen still und unaufhörlich die Form der Schrift." (Bild: Hakuin Ekakus "Bodhidharma", 18. Jhd.)

Weitere Artikel: Die Ausstellung über "Die Pioniere des Comics" in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt wurde schon weithin gefeiert, jetzt sieht auch Matthias Heine in ihnen die wahre Avantgarde des 20. Jahrhundert. Beim Besuch von Georg Baselitz' Frankfurter "Helden"-Ausstellung bekommt der staunende SZ-Kritiker Gottfried Knapp "die Macht dieses Bilderstroms auf physisch direkte Art zu spüren". In der NZZ vollzieht Gabriele Hoffmann nach, wie Barry Flanagans "Loch im Meer" verschiedene Künstler zu neuen Arten der Kommunikation über Räume anregt. In der neuen FAZ-Kunstserie über gute, beziehungsweise schlechte Bilder von schlechten beziehungsweise guten Künstlern schreibt die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk über das (ihrer Ansicht nach missratene) fotografische Porträt der Queen Elizabeth II. und ihres Ehemanns Prince Philip von Thomas Struth, den sie ansonsten für einen guten Künstler hält: "Wer sich bereits als Verkörperung eines überindividuellen Prinzips versteht, dem wird auch kein noch so guter Fotograf eine über diese Projektion hinausgehende Dimension entlocken können."

Besprochen werden Christoph Bangerts Bildband "Hello Camel" (taz), der Essay "Jeder Moment ist Ewigkeit" der Fotografin Lynsey Addario (taz) und die Ausstellung "Mein Name ist Hase" im Museum für Kommunikation in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

In der NZZ ist Roman Bucheli entzückt von Ann Cottens Versepos "Verbannt". Köstlicher Sprachwitz und bizarre Komik seien der wunderbare Lohn für die mitunter etwas mühevolle Lektüre des Werkes wahrer Sprachkunst: "'Nur wenn es richtig ist, duftet es in das Hirn hinauf.' Duftet es ins Hirn hinauf? Oder um mit einem Vers zu fragen: 'Und in der Tat, warum sollte jemand das lesen?' Allein der Sprache wegen! Weil hier jemand, im Wortsinn, Verse schmiedet. Weil hier im Reim zusammengezwungen wird, was nie und nimmer sonst zusammenkommt. Und weil hier auseinanderbricht, was man sich getrennt sonst nicht denken würde."

In der Welt räumt Tilman Krause mit einem Missverständnis auf: Deutsche Klassik und Romantik haben nicht die Heimat und die Identität beschworen, sondern die Fremde, das Offene, das Hinausziehen: "Heute vielmehr regiert leider nicht nur bei den Leuten von rechtsaußen ein ängstliches Festhalten, Sicheinkapseln im Bekannten und Vertrauten... Die Übergewichtigkeit, die sich heute unter jungen Leuten in einem so erschreckenden Ausmaß verbreitet, ist ja eine sehr eindringliche Körpermetapher für individuelle Verkümmerung durch häusliches, identitäres Gepäck, das man schon früh mit sich herumschleppt."

Weitere Artikel: In ihrer Perlentaucher-Lyrikkolumne Tagtigall präsentiert Marie Luise Knott "Fundstücke zu Brecht". Im Logbuch Suhrkamp führt Krimi-Experte Thomas Wörtche durch seine Bibliothek. Für die SZ porträtiert Charlotte Theile die Schweizer Autorin Meral Kureyshi.

Besprochen werden die ungekürzte Neuausgabe von Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" und die Wiederveröffentlichung von Ilja Ehrenburgs "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz" (taz), Gabriele Tergits "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" (FR), Tom McCarthys "Satin Island" (Tagesspiegel), Waltraut Lewiens historischer Roman "Córdoba" (Tagesspiegel), Michel Houellebecqs "Gesammelte Gedichte" (SZ), Christian Adams "Der Traum vom Jahre Null" (SZ) und Vincenzo Latronicos "Die Verschwörung der Tauben" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Musik

In der NZZ denkt Ueli Bernays über das Verhältnis von Transgender und Popkultur nach. Was hat transsexuelle Selbstgestaltung mit popkultureller Kunst zu tun und warum bietet gerade die Popkultur Transgendern wie Anthony Hegarty, der/die sich heute Anohni nennt, den Raum, sich auszuprobieren, die Rollen zu wechseln, über Geschlechter- und andere Grenzen hinweg zu denken und zu handeln? "Dank Verwässerungen geht Pop immer wieder über die Ufer von authentischen Traditionen und festen Begriffen, um dann seine hybriden Formen und schillernden Idole in die Zwischenzonen zu tragen: Zwischen Natur und Kultur gestikulieren animalische Rocker, zwischen Mensch und Gott strahlen glamouröse Stars. Zwischen 'männlich' und 'weiblich' aber profilieren sich Androgyne."

Auch Pitchfork erzählt Jayson Greene die Geschichte des Aufstiegs von Online-Mixtapes in der HipHop-Szene. Für den Tagesspiegel besucht Tobias Lehmkuhl den Jazzpianisten Achim Kaufmann. Regine Müller empfiehlt im Tagesspiegel die Musikfestspiele in Mecklenburg-Vorpommern. Günter Platzdasch berichtet in der FAZ vom Weltmusikfestival in Rudolstadt, bei dem Arte fleißig mitgefilmt hat.

Besprochen werden Mobys Autobiografie "Porcelain" (taz) und das neue Album von Bat For Lashes (SZ).
Archiv: Musik

Bühne

Die anstehende neue Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung hält das Feuilleton seit langem in Atem. Erst wurde Jonathan Meese als Regisseur geschasst, vor kurzem verließ Andris Nelsons Knall auf Fall die Produktion. Auch gab es Gerüchte, der nunmehr engagierte Regisseur Uwe Eric Laufenberg plane eine islamkritische und zudem noch misogyne Inszenierung. Im SZ-Gespräch mit Michael Stallknecht versteht Laufenberg die Aufregung nicht: Ihm gehe es "um die christliche Religion. Der Islam und das Judentum sind natürlich irgendwie betroffen, wenn man über Religion nachdenkt. Aber es geht mir nicht explizit um den Islam ... Ich lese im Stück eine gewisse Form von Kirchenkritik, nämlich dass Rituale erstarren und man nicht mehr dahinterkommt, wofür sie einmal da waren. Aber es steht nicht im Stück, dass die Institution von vornherein das Ritual pervertiert."

Weiteres: Open Culture feiert das Dada Manifest, das Hugo Ball vor hundert Jahren am 14. Juli 1916 lancierte, mit einer schönen Sammlung an Links und Videos. In einer Mischung aus ungläubigem Entsetzen und Belustigung liest Dirk Pilz in der Nachtkritik den Essayband des bis zum vorigen Jahr herrschenden Theaterkritikers der FAZ, Gerhard Stadelmaier. Für die Berliner Zeitung besucht Lena Schneider das in den Banlieus von Paris gelegene Theater La Commune. In Severodonezk besucht Kerstin Holm für die FAZ einen Dokumentartheaterabend von ukrainischen Binnenflüchtlingen.

Besprochen werden Jürgen Flimms Inszenierung von Salvatore Sciarrinos "Luci mie traditrici" an der Berliner Staatsoper (Tagesspiegel, FAZ), eine Mülheimer Aufführung von Bertolt Brechts "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" durch die japanische Theatergruppe Chiten (FAZ), Michael Langemanns Schnitzler-Adaption "Ana Toll" bei der Wiener Moderne in Frankfurts Bockenheimer Depot (Standard) und Baryshnikovs Hommage auf den Tanzstar Nijinsky im Casino von Monaco (Welt)
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Film

Im Cargo-Videogespräch unterhält sich Simon Rothöhler mit Maren Ade über deren in Cannes gefeierten Film "Toni Erdmann", der in dieser Woche in die Kinos kommt. Besprochen wird Laura Bispuris Transgender-Drama "Sworn Virgin" (Zeit).

Außerdem eine Empfehlung aus den Mediatheken: Mit "Remake, Remix, RipOff" ist Cem Kaya ein spannender, materialreicher Dokumentarfilm über die abenteuerliche bis waghalsige Geschichte des türkischen Populärkinos gelungen - hier beim ZDF in voller Länge.


Archiv: Film