Efeu - Die Kulturrundschau

Neue Wirklichkeitsdrastik

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02.07.2016. Schade, dass britische Künstler beim Brexit Komplizen einer desinteressierten Elite waren, bedauert der Künstler Liam Gillick in der FAZ. In der NZZ entschlüsselt und widerlegt Adolf Muschg kühl die Argumente der Brexit-Gegner. In eine ganz fremde Welt treten die Kunstkritiker, die in Berlin das spanische Sigle de Oro bewundern. Ich bin nicht schuld, ruft in der SZ Christian Thielemann zum Abgang Andris Nelsons' aus Bayreuth. Die Welt glaubt ihm kein Wort. Und 25 internationale Kulturschaffende fragen die Mitarbeiter der Volksbühne, warum sie Chris Dercon so höhnisch abkanzeln.

Literatur

In einem sehr persönlichen Essay zum Brexit (den sollte jemand ins Englische übersetzen!) beschreibt der Autor Adolf Muschg in der NZZ sein kompliziertes, aber von einer grundlegenden Sympathie getragenes Verhältnis als Schweizer zu Großbritannien. Nachdem die Briten 1973 zugunsten der EU aus der Efta ausgetreten waren, lernte der enttäuschte Muschg langsam, die EU zu mögen: "Wir sind Europäer, wohl oder übel - jetzt müssen wir (im Sinn des delphischen Orakels) nur noch werden wollen, was wir sind. Darum sah ich ohne jede Schadenfreude, und oft mit stiller Wut, wie es England, dem ehemaligen Efta-Partner, seit 1989 und namentlich seit Margaret Thatcher, immer besser gelang, dieses Bündnisziel zu unterlaufen, indem es die EU zum Zweckbündnis zugunsten eines zählbaren Profits degradierte. Mit dieser Konkurrenz im eigenen Boot begann auch unter alten EU-Mitgliedern das wirtschaftliche Wachstum zum einzigen Maß aller Dinge zu werden."

Der Lyriker, Essayist, Kunstkritiker und Professor am Collège de France Yves Bonnefoy ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Lange Zeit galt er als Kandidat für den Nobelpreis. Amaury da Cunha schreibt den Nachruf in Le Monde und zitiert diesen wunderbaren Satz Bonnefoys: "Die Aufgabe eines Lyrikers ist es, einen Baum zu zeigen, bevor unser Verstand uns sagt, das ist ein Baum." Hier liest er sein Gedicht "Les planche courbes". Hier der Nachruf in Libération.

Im Interview mit der Welt spricht der österreichische Verleger Jochen Jung, der gerade seine Erinnerungen veröffentlicht hat, über Kalbskopf in Zwiebelsauce und Wein, über Siegfried Unseld und den Residenz Verlag, über Thomas Bernhard und die Wutausbrüche seines Freundes Peter Handke, der ihm, Jung, mal an den Kopf warf: "Ohne Künstler bist du ein Nichts, ein Nutznießer, eine Zecke." Das nimmer er ihm nicht mehr übel, dafür ärgert ihn ganz etwas anderes: "'Handkes neue Tagebücher!', kommt er wütend wieder auf Handke zu sprechen, 'wurden bisher kaum besprochen! Nicht in der Presse, nicht in der FAZ, die ihn sowieso nicht liebt, nicht in den Salzburger Nachrichten. Stattdessen Rönne, Strunk, Glavinic!'" Das ist ungerecht gegenüber der FAZ, wie man hier sehen kann. Aber vielleicht ist das Interview schon älter?

Aus Klagenfurt: Auf taz.de resümiert Annabelle Seubert den zweiten Tag des Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt. Im Merkur-Blog tun das Tilman Richter und Max Wallenhorst. Das Literaturcafe berichtet in einem Podcast über den Wettbewerb.

Weitere Artikel: Im Perlentaucher antwortet Martin Vogel, der das VG Wort-Urteil des BGH erstritt, auf die Kritik der Verleger am Urteil. Für die taz porträtiert Carola Ebeling die in Berlin lebende New Yorker Schriftstellerin Deborah Feldman. In der NZZ-Reihe schreibt heute Brigitte Kronauer über ihr Begrüßungsritual für ein Felsengebilde auf Korsika. Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ schreibt der Schriftsteller David Wagner über seinen Besuch in Barcelona im Rahmen des "Hausbesuch"-Projekts des Goethe-Instituts.

Besprochen werden unter anderem Hernán Ronsinos "Lumbre" (taz), Anna Katharina Hahns "Das Kleid meiner Mutter" (taz), James Gradys Thriller "Die letzten Tage des Condor" (SZ) und Laurie Pennys "Babys machen und andere Storys" (FAZ, mehr dazu hier).
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Bühne

Im Gespräch mit der SZ ist Christian Thielemann fassungslos über den Abgang von Andris Nelsons aus Bayreuth (siehe dazu unsere Kulturrundschau von gestern). Es gab keinen Streit, nichts, beteuert er. Er sei "nur zwei Mal ganz kurz" bei den Proben von Nelsons gewesen, auch habe er gar keine Zeit, den Parsifal selbst zu dirigieren und Nelsons mehrmals gebeten, zurückzukommen. Kurz, das ganze sei äußerst rätselhaft: "Er ist nicht im Streit abgereist, sondern er wollte seine Urlaubstage in Riga verbringen und am vergangenen Dienstag wiederkommen. Am Donnerstag kam dann die Absage. Seine ganzen Sachen sind noch hier in Bayreuth: die Partitur, sein Taktstock, seine gesamte Garderobe. Wenn er im Streit abgereist wäre, hätte er seine Sachen mitgenommen."

Welt-Kritiker Manuel Brug weiß mehr: Christian Thielemann und Chordirektor Erhard Friedrich sollen Nelsons Autorität bei der Blumenmädchenszene untergraben haben. Brug kauft Thielemann seine "Ich bin es nicht gewesen"-Behauptung eh nicht ab: "... das soll der Musikdirektor in Bayreuth seinem Orchester in einer markigen Hauruck-Rede vor versammelten Frauen und Mannen zum Abgang des 'Parsifal'-Dirigenten Andris Nelsons erklärt haben. Worauf diese einigermaßen schmallippig reagiert haben sollen. Diese Phrase, sie zieht sich durch alle seine im Streit beendeten Engagements, ob Nürnberg, die Deutsche Oper Berlin, die Münchner Philharmoniker. Schuld sind immer andere - an Krise, Verstimmungen, Eklat. Fast möchte man Thielemann noch den legendären Erich-Mielke-Satz 'Ich liebe euch doch alle!' anheften."

Will Chris Dercon die Volksbühne zum internationalen Gastspielbetrieb umfunktionieren? Niemand weiß es und so breitet sich an dem Theater eine Atmosphäre des Misstrauens aus, die die Arbeit für den designierten neuen Intendanten immer schwieriger machen wird. Daran hat Dercon allerdings einige Mitschuld, lernt man aus Irene Bazingers Artikel in der FAZ, denn er hat bis heute nichts Konkretes über seine Pläne verlauten lassen. Fragen der Belegschaft beantwortete er schnippisch: "'Bleiben wir ein Sprechtheater?', soll Chris Dercon laut der Welt bei einer Vollversammlung Ende April gefragt worden sein, und geantwortet haben, sprechen könne er selbst. Das ist wohl nicht die Kommunikation, die Christina Weiss meint, und nicht die 'Neugierde aufeinander', die sich Ulrich Khuon wünscht."

Derweil haben sich 25 internationale Kulturschaffende - Okwui Enwezor vom Münchner Haus der Kunst, Hortensia Völkers von der Bundeskulturstiftung, der Filmemacher Alexander Kluge, die Architekten Rem Koolhaas und David Chipperfield, die Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker und der Soziologe Richard Sennett - in einem scharf formulierten Offenen Brief für Chris Dercon als Intendanten der Berliner Volksbühne ausgesprochen, berichtet die Berliner Zeitung. "Den Mitarbeitern der Volksbühne werfen sie vor, es gehe ihnen weder um Arbeitsplätze noch um das Erbe der Volksbühne. Der offene Brief vom 20. Juni [mehr hier] habe vielmehr gezeigt, dass es um 'die Macht und den Missbrauch von Privilegien' gehe, den staatlich Angestellte betrieben mit dem Ziel, die Vision eines Einzelnen zu zerstören. Die Befürchtungen der Volksbühnenmitarbeiter seien 'lächerlich' in der Sache und 'höhnisch' im Ton, es handele sich um die Vorverurteilung eines künstlerischen Programms, das es noch gar nicht gebe."

Weiteres: Für die taz hat Philipp Gessler ein großes Wochenend-Gespräch mit dem für seine hohe Stimme berühmten Countertenor Andreas Scholl geführt.

Besprochen werden Stefano Massinis Lehman-Brothers" in der Inszenierung von Marius von Mayenburg am Münchner Residenztheater (NZZ), Milo Raus in den Berliner Sophiensälen gezeigtes Kindesmissbrauchsdrama "Five Easy Pieces" (Tagesspiegel) und das von Indiemusikern in Berlin auf die Bühne gebrachte Fußball-Musical "Die Spielmacher" (Freitag).
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Film

Als Reaktion auf die Diversitätsdebatten der letzten Jahre hat die amerikanische Film-Academy auf einen Schlag 683 neue Mitglieder aufgenommen - darunter im Vergleich zu früher auffällig viele Frauen, Schwarze und Leute, die jenseits des Studiosystems arbeiten. Beim Durchsehen der Namensliste wird Susan Vahabzadeh jedoch skeptisch: Einige Neumitglieder sind bislang nicht gerade durch hochwertige Filme aufgefallen, meint sie in der SZ. "Die Veränderung der Zusammensetzung läuft falsch herum: Die Filmindustrie muss sich ändern. Eine Quote für die Academy, während die Filmstudios weiterhin nur weiße Männer als Regisseure anheuern - das ist Aktionismus. Und auf die Einstellungspraxis der Filmstudios hat die ganze Debatte, das zeigen die Projekt-Listen für die nächsten Jahre, wenig Einfluss gehabt."

Im Freitag wirft Ekkehard Knörer unterdessen einen Blick auf Hollywoods Wandel in einer Zeit, in der die Exporte insbesondere nach China immer wichtiger für die Rentabilität werden: Die gegenwärtige, auch inhaltliche "Malaise Hollywoods" habe "viel damit zu tun, dass sämtliche der einst mächtigen und unabhängigen großen Studios heute Teil großer Misch- oder Medienkonzerne sind, die ihre Sektionen unter beträchtlichen Renditedruck setzen". Immerhin, tröstet der Kritiker: Was durch Hollywoods Raster fällt, findet womöglich im Fernsehen einen sicheren Hafen: Dieses sei "in seiner aktuellen Blüte (...) groß und gewaltig."

Besprochen wird Gabriele Muccinos "Väter und Töcher" mit Russell Crowe (SZ).
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Musik

Für The Quietus spricht Adam White mit Cliff Martinez, dem Komponisten des Soundtracks zu Nicolas Windig Refns aktuellem Film "The Neon Demon". Die taz bringt eine Übersetzung aus einem Essayband der Medienwissenschaftlerin und Kuratorin Kristen Gallerneaux, die sich darin mit den geisterhaften sonischen Qualitäten obskurer Apparate, Klangerzeuger und Radiotechnik befasst.

Besprochen werden das neue Album von Yassin und Audio88 (Jungle World), das neue Album von Metronomy (Freitag), James Ferraros "Human Story 3" (Pitchfork), ein Konzert der Lautten Compagney (FR), diverse neue HipHop-Alben und -tapes (The Quietus) und ein "Greatest Hits"-Album von Paul McCartney (SZ).

Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp die neue Lieferung aus Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte". Hier alle Videos als Playlist:

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Kunst

Auch britische Künstler sind entsetzt über den Brexit. Schade, dass sie nicht vor der Abstimmung mal den Mund aufgemacht haben, meint Liam Gillick in der FAZ. Aber dafür kocht die britische Kunstszene vielleicht zu sehr im eigenen Saft. Er erinnert sich jedenfalls gut, wie er 2009 - als britischer Künstler - im deutschen Pavillon in Venedig ausstellte und sein Botschafter höchst überrascht reagierte: "Er sagte, noch immer irritiert: 'Meine Güte, vielleicht sollten wir irgendwann mal einen deutschen Künstler im britischen Pavillon zeigen, was für eine Vorstellung!' Nachdem prominente Persönlichkeiten des britischen Kulturlebens sich nicht vehementer für einen Verbleib in der EU eingesetzt haben, stehen wir im Grunde wie Komplizen einer desinteressierten, abgehobenen Elite da, die so vorsichtig, distanziert und oft auch unbesonnen in ihren Äußerungen war."

Wunderbares Genrebild: Bartolomé Esteban Murillo: Die Pastetenesser, um 1670/75 (© Bayerische Staatsgemäldesammlungen München - Alte Pinakothek).

Hingerissen verlassen die Kritiker die große Ausstellung zum Goldenen Zeitalter der spanischen Kunst, die derzeit in Berlins Gemäldegalerie zu sehen ist. "Zum ersten Mal überhaupt ist das Ausmaß dieser Ära in weiten Spannungsbögen ausgebreitet", staunt Irmgard Berner in der Berliner Zeitung. Sie erkennt eine "neue Wirklichkeitsdrastik" in den Werken aus dem 17. Jahrhundert: "In diesem Reich der extremen Gegensätze, wo religiöse Intoleranz und Inquisition jegliche intellektuelle Freiheit einengt und der Klerus neben dem Königshaus wichtigster Auftraggeber wird, wo die fanatisch frommen und mit der Gegenreformation aufblühenden Mönchsorden das religiöse Feuer schüren, da antworten [die Künstler] mit in Ekstase entrückten Heiligen und das Leiden sublimierenden Mönchsdarstellungen. Mit Gekreuzigten und Gemarterten, gemalten Figuren wie gemeißelt, polychrom bemalten Skulpturen mit plastisch klaffenden Wunden, Peiniger den Hammer schwingend und den Nagel ins Fleisch treibend, dass der Anblick heute noch schmerzt. Auf Armut und Epidemien wie der Pest reagieren sie ganz profan mit wunderbaren Genrebildern, zeigen Bettler, Säufer, Bauern, prall gefüllte Teller und hungrige Kinder."

Auch Jürgen Kaube (FAZ) fühlt sich in "eine maximal fremde Welt" versetzt, zum Beispiel vor einem Bild Francisco Ribaltas: Hier umfängt "der Gekreuzigte mit einem vom Balken gelösten Arm den Mönch, der sich geradezu in die Seitenwunde Jesu Christi schmiegt, während er mit den Zehenspitzen auf dem bekrönten Kopf eines leopardenfelligen Monsters steht, begleitet von einem Gambe spielenden Engel. ... Wir haben es mit einer Welt zu tun, die zugleich todernst und exaltiert war. Ihre Bildwerke fordern uns auf, das nicht als Widerspruch zu sehen."

Weiteres: In der NZZ schreibt Samuel Herzog über Kunst in der Zeitung. Für die taz besucht Jan Feddersen die von Edward Steichen als Reaktion auf die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs gegründete, in einem neuen Bau präsentierte Foto-Kollektion "The Family of Man" im Luxemburgischen Clervaux. Der britische Kunstmarkt sieht dem Brexit eher gelassen entgegen, fällt Alexander Menden (SZ) beim Besuch der Masterpiece-Messe in London auf.

Besprochen wird Michel Houellebecqs Ausstellung "Rester Vivant" im Palais de Tokyo in Paris (FR).
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