Efeu - Die Kulturrundschau

Hierarchien der Wahrnehmung

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01.07.2016. Andris Nelsons hat den Bayreuthern ihren Parsifal vor die Füße geschmissen und ist nach Riga abgerauscht. SZ und Welt sind sich einig: Daran ist nur der große Einmischer Christian Thielemann schuld. Die SZ porträtiert die Bloggerin Stefanie Sargnagel nach ihrem Auftritt in Klagenfurt. Slowenien wäre ein gutes Gastland für die Frankfurter Buchmesse, verkündet die FAZ. Müde Männer in der Kunst zeigen Frankfurt (Baselitz), Berlin (Spanische Malerei des 17. Jahrhunderts) und Thun (Eduardo Arroyo). Muntere Frauen in der Musik hört die Jungle World.

Bühne

Vier Wochen vor der Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit dem "Parsifal" hat Dirigent Andris Nelsons Knall auf Fall Bayreuth verlassen und um Auflösung seines Vertrags gebeten. Michael Stallknecht hat sich für die SZ umgehört und erfahren, dass Christian Thielemann, seit 2015 der erste "Musikdirektor" in der Geschichte des Hauses, sich wohl etwas zu viel in die Arbeit Nelsons eingemischt hat: "Tatsächlich zählt Bayreuth nicht zu den leichtesten Aufgaben für Dirigenten. Er kann im verdeckten Orchestergraben nur schwer einschätzen, wie es im Zuschauerraum klingt. Eine akustische Beratung für Neulinge mag da sinnvoll erscheinen, und niemand hat in Bayreuth mehr Erfahrung als Thielemann. Aber Nelsons ist kein Neuling. Thielemann mische sich fortwährend in alle Details der musikalischen Gestaltung ein, sagt der Insider. Robustere Charaktere wie Marek Janowski, der 'Ring'-Dirigent, legten auch mal das Telefon auf, wenn Thielemann im Graben anrufe. Nelsons hat dafür anscheinend nun die Schnur durchgeschnitten."

Auch Manuel Brug sieht in der Welt nur einen Schuldigen am Abgang des lettischen Dirigenten: "Nelsons fand sich so in die Ecke getrieben, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah. Es wird von Chorproben berichtet, in die Thielemann hineinredete, Orchester und Chor schließlich das machten, was Thielemann wollte. Einen solchen Eingriff in die künstlerische Autonomie kann sich ein Dirigent nicht gefallen lassen."

Weiteres: Für die SZ unterhält sich Eva-Elisabeth Fischer mit Igor Zelensky über dessen Pläne als künftiger Intendant des Bayerischen Staatsballetts.

Besprochen werden Marius von Mayenburgs Münchner Inszenierung von Stefano Massinis "Lehmann Brothers" ("eine über weite Strecken wundervolle Theaterbastelei", begeistert sich Egbert Tholl in der SZ), Lucie Tumas Performance "On the Rocks" in Zürich (NZZ) und die Uraufführung von Hauke Berheides "Mauerschau" bei den Opernfestspielen in München (eine "unbestreitbare Zierde", jubelt Max Nyffeler in der FAZ).
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Literatur

In Klagefurt hat das 40. Bachmann-Lesen begonnen: Wie es der Zufall per Los wollte mit dem Auftritt von Stefanie Sargnagel, deren mit ein paar Bachmann-Wettbewerb-Anspielungen versehener Beitrag (hier als Video) bei Kritik und Jury gut ankam. In der SZ porträtiert Alex Rühle die Autorin, die mit Facebook-Postings angefangen hat und nach der sich nun der ganze Betrieb streckt: Gefährlich ist das, meint Rühle, da "jetzt alle Texte von ihr wollen, weshalb sie kaum noch zu ihrer Lieblingsbeschäftigung kommt, dem zweckfreien Amorpheln und gut gelaunten Schlechtgelauntsein. Gleichzeitig wird es schwierig mit den Texten aus dem Anti-Establishment, weil sie ja mittlerweile selbst 'die Sargnagel' ist. ... Abgesehen davon, dass es nicht wirklich der Kracher ist, nach hundert Jahren selbstreflexivem Klagenfurt in Klagenfurt mit einer Klage über Klagenfurter Schreibblockaden anzufangen, wäre es jammerschade, wenn Sargnagel jetzt Betriebsschriftstellerin wird. Weil sie als Bloggerin und En-passant-Autorin tatsächlich eine sehr eigene Stimme hat." (Schade, dass man nur als "Betriebsschriftsteller" - oder Betriebsjournalist - ein Einkommen hat). Anabelle Seubert (taz.de) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel) resümieren den ersten Tag.

Für die FAZ war Paul Ingendaay in Slowenien, das sich als ein künftiges Gastland der Frankfurter Buchmesse empfiehlt. Insbesondere die Lyrik des Landes ist beeindruckend, bemerkt er dort: "150 Romane in der Landessprache, so die slowenische Buchagentur, werden jährlich veröffentlicht, aber noch mehr Gedichtbände. Bücher in gebundener Sprache können in dem Zweimillionen-Land zu Bestsellern werden, Lyriker zu Stars, deren Meinung in der Öffentlichkeit zählt."

Weiteres: Für die SZ berichtet Franziska Wolffheim von dem Projekt "Hausbesuch" des Goethe-Instituts, für das Autoren in Privatwohnungen Lesungen abhalten und dann darüber Texte verfassen. In der FAZ berichtet die Schriftstellerin Ulla Lenze von den Herausforderungen, die sie auf ihren Lesereisen unter anderem durch Indien und Iran im Hinblick auf die Wahrnehmung ihrer Person als Repräsentantin Deutschlands gegenüber der lokalen Bevölkerung zu meistern hatte. In der Jungle World schreibt Michael Watzka zum Tod des Popjournalisten und Schriftstellers Wolfgang Welt.
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Design

Für die taz bespricht Elisabeth Wagner ein von Gina Bucher herausgegebenes Buch über die Geschichte der Zürcher Modeboutique Thema Selection.
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Film

Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler (SZ) sowie Verena Lueken (FAZ) gratulieren der Schauspielerin Olivia de Havilland zum 100. Geburtstag: Hier kann man sie 1941 an der Seite von Charles Boyer in einer frühen Rolle in "Hold back the dawn" bewundern.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Geschichte des Science-Fiction-Films in der Deutschen Kinemathek in Berlin (taz, FR, Tagesspiegel), Ben Wheatleys Ballard-Verfilmung "High-Rise" (FR, mehr im gestrigen Efeu), Cordula Kablitz-Posts Biopic "Lou Andreas-Salomé" (Tagesspiegel), Julio Medems "Ma Ma" mit Penélope Cruz (Tagesspiegel), die neue Serie "Outcast" des Comicautors Robert Kirkman (Welt) und eine arte-Doku über die Geschichte wahrer Verbrechen im Kino (FR, hier in der Mediathek).
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Stichwörter: Biopic, Salome, Mediatheken

Kunst


Georg Baselitz, Die großen Freunde, 1965. Museum Ludwig, Köln. © Georg Baselitz 2016. Foto: Frank Oleski, Köln

Mit einer großen Schau zu Georg Baselitz' Frühwerk verabschiedet sich Max Hollein vom Städel-Museum und von Frankfurt. Für die FR hat sich Christian Thomas die Ausstellung angesehen und dabei unter anderem beobachtet, dass die robusten Nachkriegshelden, die Baselitz in seinen Bildern zeigt, in diesen Bildern so robust nicht wirken: "Bei aller Grimmigkeit erscheinen die Baselitz-Helden zu sehr verunsichert, bei aller Verhärtung und Verkapselung sind sie verletzbar, in ihrer Panzerung durch Uniformen und Muskelpakete dünnhäutig. Der robuste Mensch ist eher porös, Membran. Monumental stehen die Baselitz-Kreaturen, der Künstler ebenso wie der Krieger, in immer wieder menschenleeren Landschaften, in zerstörten Trümmerfeldern. Was der Hirte hütet, ist eine Donald-Duck-Ente." Julia Voss bespricht die Ausstellung in der FAZ.

Eduardo Arroyo: Saint Bernard de Tonnelet, 1965. © Eduardo Arroyo. Foto: Pro Litteris, ZürichEduardo Arroyo: Saint Bernard de Tonnelet, 1965. © Eduardo Arroyo. Foto: Pro Litteris, Zürich
Männerbilder sieht auch Caroline Kesser, die im Kunstmuseum Thun die Ausstellung des spanischen Malers Eduardo Arroyo besucht hat. Napoleon zum Beispiel, dessen Überquerung der Alpen im Mai 1800 Jacques-Louis David heldenhaft und elegant in Szene gesetzt hatte. Ganz anders Arroyo Mitte der 60er Jahre: "Es war die Zeit, da er in Paris zu den Vorkämpfern der 'Figuration narrative' gehörte, einer politisch engagierten Bewegung, die sich gegen die amerikanische Pop-Art und deren Glorifizierung der Konsumgesellschaft wandte, sich wie diese aber populärer Medien wie Film und Werbung bediente. Bei Arroyo ist Napoleon gestürzt und hat nur eine Hülle zurückgelassen, vor allem seinen Mantel, der sich nun als rote Draperie mächtig vor einem blauen Hintergrund bauscht. An die Stelle des Pferdes ist ein Bernhardinerhund mit dem legendären Schnapsfass getreten."

Pedro Mena: CristusPedro de Mena: Christus
Auch im El Siglo de Oro, dem Goldenen Zeitalter der spanischen Malerei, sahen Männer nicht immer heroisch aus, stellt Barbara Möller in einer Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie fest. Müde Krieger und gefolterte Heilige, wo man hinguckt: "Das Originellste in der Berliner Schau sind zweifellos die polychrom gefassten Skulpturen. Sie sind von einem so ergreifenden Verismus, dass man sich der Wirkung, die sie damals auf die andächtigen - überseeischen - Gemeinden gehabt haben müssen, noch heute nicht entziehen kann. So realistisch blau sind die Blutergüsse auf dem Rücken des gegeißelten Christus von Pedro de Mena, dass man die Wundcreme herausholen möchte; so realistisch schimmern die Glastränen auf dem Mariengesicht von Pedro Roldán, dass man sie gern tröstend abwischen würde." Nicola Kuhn bespricht die Ausstellung für die Zeit.

Weiteres: Frank Pergande bringt in der FAZ Hintergründe zu einer neuen Ausgabe der Briefe Ernst Barlachs.

Besprochen wird die Ausstellung "Parkomanie: Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler" in der Bundeskunsthalle in Bonn (FAZ).
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Architektur

Von einem "Amsterdamse Revival" möchte Paul Andreas nicht sprechen, aber ohne Zweifel beeinflusse das expressive Kulturerbe der Architekten und Designer der Amsterdamse School immer noch die Architektur. Dieses Erbe sei nun in den Ausstellungen "Living in the Amsterdamse School" und "100 Years of Inspiration" zu begutachten. "Wie sehr die architektonische Salon-Avantgarde ... auch in den Mainstream hineinwirken sollte, zeigt sich jedoch vor allem in den Stadterweiterungen Amsterdams, die an den Grachtengürtel anschließen... Sie beantworteten die Wohnungsnot der Zeit mit dem gleichen Stil- und Schönheitsbewusstsein, mit dem sie vorher die Juwelen des Hafenunternehmertums und auch einige bürgerliche Stadtvillen geschaffen hatten."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Amsterdamer Schule

Musik

Klaus Walter untersucht in der Jungle World die Sounds in der Ambient- und Field-Recording-Musik von Klara Lewis, die gerade ihr zweites Album "Too" veröffentlicht hat. Die Künstlerin nutzt "die Atemporalität des Internet", schreibt er. Ihrer Musik sei "die Gleichzeitigkeit im Ungleichzeitigen eingeschrieben: der jederzeitige Zugriff auf jede Musik, lösgelöst vom zeitlichen Kontinuum, respektive von allen Brüchen. Mit dem Zeitkontinuum lösen sich im Sinne Enos auch die Hierarchien der Wahrnehmung auf. Künstler­innen und Künstler müssen über eine immer wichtiger werdende Fähigkeit verfügen. Sie müssen Kontingenz ertragen und zulassen können. Vielleicht, das wäre die steile These, können Frauen das besser, vielleicht ist der reflektierte Umgang mit Kontingenz eine dieser Fähigkeiten, die gerade dabei sind, von der Sekundärtugend zur Kernkompetenz zu ­werden. Das würde erklären, warum der neue Produzententyp, vernetzt und mit akademischem Background, vor allem ein Produzentinnentyp ist. Nomadisch und globalisiert." Hier gibt es einige Hörproben.

Für die taz plaudert Du Pham mit den Postpunk-Artrockern von Deerhoof, deren neues Album "The Magic" sie sichtlich mitreißt: "Das musikalische Material wird während einer Tour de Force durch sämtliche Popgenres geschreddert, verschraddelt und geschiggert. ... [Es] vertraut dem Spontanen und lässt Innenwelten frei." Hier das aktuelle Video der Band:



Weitere Artikel: In der Jungle World schreibt Annette Walter über die Wohltätigkeitsprojekte von Blur-Sänger Damon Albarn. Andreas Hartmann porträtiert im Tagesspiegel das House-Duo Dont Crack.

Besprochen werden Haydns "Jahreszeiten" mit Rene Jacob am Pult in der Tonhalle Zürich (NZZ), das neue Album von Chance The Rapper (SZ), das neue Album der Swans ("sehr vorhersehbar", meint Christian Werthschulte in der taz) und das neue Album von Umberto (The Quietus).
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