Efeu - Die Kulturrundschau

Denken im offenen Raum

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04.07.2016. Die in Berlin lebende Britin Sharon Dodua Otoo hat mit einem Text über ein renitentes Ei den Bachmann-Wettbewerb gewonnen. Hochverdient, finden die Kritiker von Berliner Zeitung bis Welt. Die taz sah die übrigen Ichs in Klagenfurt eher ziellos vor sich hin stromern. Als einen der bedeutendsten europäischen Lyriker des 20. Jahrhunderts würdigt die FR den verstorbenen Yves Bonnefoy. Und alle trauern um Michael Cimino, der mit seinem obsessiven Realismus selbst New Hollywood Jahrzehnte voraus war.

Literatur

Mit ihrem Text "Herr Gröttrup setzt sich hin" (PDF) hat die britische, in Berlin lebende Autorin Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewonnen. Die Kritiker sind mit der Entscheidung (hier die Jurydiskussion) sehr zufrieden. Judith von Sternburg staunt in der Berliner Zeitung "wie vergnüglich und durchtrieben" der prämierte Text geraten ist - und sie philosophiert über das renitente Ei, das sich in dieser Geschichte dem Hartgekocht-Werden verweigert: "Weil ein klassisches Lebendigsein mit seinen Bilderwelten und Empfindungen noch nicht dazugehörte, ist die Ei-Seele auf die schelmisch-melancholische Art der Ungeborenen gleichmütig." Wiebke Porombka sieht bei Zeit Online in dem Text "ein fantastisches Plädoyer für das Aufbrechen starrer Denksysteme". Tilman Spreckelsen von der FAZ amüsiert sich prächtig mit diesem ziemlich irrwitzigen Text. In der NZZ erklärt Roman Bucheli seine Begeisterung für Otoo damit, dass ihr Text "ohne bedeutungsvolles Gehampel, aber mit Witz, Empathie und subversivem Hintersinn" eine Welt aus "Sprache, Poesie und schlichten Bildern" schaffe. In der Welt schwärmt Richard Kämmerlings: "Es war schlicht phänomenal, wie selbstverständlich Sharon Dodua Otoo vom Kleinsten ins Kosmische und zurück wechselte."

"Dass der Wettbewerb so gegenwärtig war wie lange nicht", freut Gerrit Bartels im Tagesspiegel: "Ein Großteil der Texte war nah dran an unserer aufregend fragmentierten Zeit." Dazu gehörte auch Jan Snelas doppelbödiger Text "Araber und Schakale", der die Jury arg in Bedrängnis brachte, wie wir von Kathleen Hildebrand in der SZ erfahren: Die Geschichte "spielt in einem Mitteleuropa, das von Sand verschlungen wird und zu verwüsten droht. Der Klimawandel ist vorangeschritten. Die aus dem arabischen Raum kommen, sind mit ihren Kamelen besser angepasst an die neue Natur ... Dass nur wenige Jurymitglieder die Ironie in diesem gekonnt artifiziellen Text sehen wollten, seinen Sprachwitz erkannten und die Karl-May-Satire gelten lassen wollten, die Snelas Text ist, grenzte an Boshaftigkeit. Gerade in einem Wettbewerb, der sich zugute hält, so genau wie kein anderer auf die Literatur zu schauen, müsste die Jury erkennen, was ihr da an Orientalismuskritik und Spiel mit Identitäten geboten wurde." Und Annabelle Seubert hält in ihrem taz-Resümee fest, dass "die wenigsten Erzählungen oder Romanauszüge von einer Handlung vorangetrieben [wurden], vielmehr verharrten die Ichs in inneren Monologen und stromerten vor sich hin." "Die Juroren sind klüger als der Text" stellt Sieglinde Geisel im tell fest, nachdem sie Sharon Dodua Otoos Gewinner-Text zunächst einem Page-7-Test unterzogen, anschließend die restlichen 1-11 Seiten gelesen und mit dem Urteil der Jury verglichen hat. Sie könne im Gegensatz zur Jury sowie dem Großteil der Feuilletonstimmen Otoos Text nicht viel abgewinnen und wundert sich, was "man in diesem Text [scheinbar] alles entdecken kann", wenn man unbedingt will. Hier alle in Klagenfurt gelesenen Texte im Überblick.

Der Lyriker Yves Bonnefoy ist gestorben und damit einer der "bedeutendsten europäischen Lyriker des vergangenen Jahrhunderts", wie Jörg Aufenanger in seinem Nachruf für die FR schreibt. Der Verstorbene hinterlässt "ein Werk ersten Ranges, in dem Bildung und Schöpferkraft, Reflexion und Sprachgewalt glücklich zueinanderfinden", bestätigt auch Niklas Bender in der FAZ. "Nichts in seinen Gedichten raunt, nichts ist per se hermetisch", erklärt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel: "Dennoch erschließen sie sich nur einer geduldigen Lektüre, die sich nicht von Bonnefoys feierlicher Anrufung der Dinge abschrecken lässt." In der NZZ verabschiedet Jürgen Ritte den poetus ductus. Hier liest Bonnefoy sein Gedicht "La Maison Natale":




Weiteres: Beim WDR kann man ein ausführliches Gespräch mit dem Schriftsteller Saša Stanišić nachhören. Für den Tagesspiegel hat Gregor Dotzauer Slowenien bereist, das sich derzeit als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse empfiehlt. Die FAZ dokumentiert Hannes Hintermeiers Laudatio auf den Verlag Schöffling & Co anlässlich der Verleihung des Binding-Kulturpreises.

Besprochen werden unter anderem Nils Oskamps autobiografischer Comic "Drei Steine" (Tagesspiegel) und Daniela Strigls Biografie über die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (SZ). Mehr aus dem literarischen Leben im Netz auf unserem Metablog Lit21.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über das anonym verfasste, mittelalterliche Gedicht "Fatrasie 23":

"Der Furz einer Käsemade
wollte in seinem Käppchen
Rom davontragen.
..."
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Film

Der Regisseur Michael Cimino ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Mit Filmen wie "The Deer Hunter" machte er sich zum Wunderkind New Hollywoods, sein jedes Budget sprengendes, an den Kassen legendär geflopptes Westernepos "Heaven's Gate" trieb unterdessen ein ganzes Studio in den Konkurs und beendete de facto Ciminos Karriere. In der FR verneigt sich Daniel Kothenschulte tief vor diesem ausufernden Film, der seinesgleichen nicht kenne: "Cimino verbindet den ekstatischen Realismus von Sam Peckinpahs 'The Wild Bunch' mit dem Ästhetizismus eines Luchino Visconti. Nicht nur dem Westerngenre war dieser Film Abgesang und Neuanfang zugleich. Auch Hollywood wies er den Weg zu einer neuen künstlerischen Selbstverortung."

Cimino war seiner Zeit Jahrzehnte voraus, seufzt Bert Rebhandl im Standard: "Der epische Atem und der obsessive Detailrealismus, durch den sich diese Geschichte von Auseinandersetzungen zwischen Großgrundbesitzern und armen Einwanderern in Wyoming auszeichnet, gilt inzwischen als Qualitätsmerkmal von Fernsehserien." In der Berliner Zeitung erinnert Anke Westphal an den Eklat, den der Vietnamkriegsfilm "The Deer Hunter" 1979 bei seiner Berlinale-Aufführung auslöste. Weitere Nachrufe schreiben Dietmar Dath (FAZ) und Fritz Göttler (SZ). David Hudson sammelt internationale Stimmen. Außerdem hat die SZ ein 2015 mit dem Regisseur geführtes Interview online gestellt.

Ciminos Tanzszenen waren besonders grandios:



Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Jenni Zylka über Ida Lupino, der das Kino Arsenal in Berlin eine Retrospektive widmet. Besprochen wird Cordula Kablitz-Posts Biopic über Lou Andreas-Salomé (critic.de, FAZ).
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Bühne







Foto: Conny Mirbach

Mit seinem neuen Stück "Stadion der Weltjugend" führt René Pollesch das Publikum des Schauspiels Stuttgart vor die Tore der Stadt, wo das Autokino Kornwestheim liegt. Dort projiziert er die Feeds seiner Livekameras auf die große Leinwand und montiert das Material mit Klassikern der Filmgeschichte, verraten die Theaterkritiker. Legendäre Filmszenen werden "im klassischen Rückpro-Verfahren eingeblendet", erklärt Hubert Spiegel in der FAZ, und dabei kann es zu interessanten Ebenenverwicklungen kommen: "Zuschauer, die im Auto sitzen, sehen auf einer Leinwand im Auto sitzende Schauspieler, die vor einer Leinwand stehen und so tun, als wären sie Teil der Autoverfolgungjagd, die sich auf der Leinwand vor ihnen abspielt. Alice im Spiegelland hat endlich den Führerschein gemacht."

Ins Autokino fuhr man früher zum Knutschen fernab der Autorität der Eltern, weiß Adrienne Braun von der SZ. Doch Polleschs "Gewitter an soziologischen und philosophischen Gedankenfetzen" regt nicht gerade zu solchen Betätigungen an, schreibt sie sacht enttäuscht: "Gibt es überhaupt ein homogenes Ich?", lautet die zentrale Frage des Abends, der doch arg textlastig geraten sei. In der Welt glaubt Jan Küveler, dass Polleschs Textmaschine nicht mehr rund laufe: "Palavern die üblichen Pollesch-Themen: Liebe, Identität,
Genderkram etc."

Von Stuttgart nach Berlin: Dass eine Runde internationaler Künstler und Kulturschaffender Chris Dercon in einem offenen Brief verteidigen, findet Jens Bisky von der SZ menschlich durchaus lobenswert, doch in der Sache selbst ziemlich substanzlos: Auch die Unterzeichner des Briefs können seiner Ansicht nach nicht aufweisen, "worin der Gewinn für das Theater bestehen könnte, wenn ein Museumsdirektor gegen Ende seiner Karriere Theaterintendant wird. Auf diese Frage gibt es gewiss überzeugende Antworten, nur hat man sie bisher nicht gehört. Der Pro-Dercon-Brief schweigt zu allem Theaterspezifischem."

Christian Kolonovits' Oper "El Juez" erzählt von der Entführung zehntausender Babys regimekritischer Eltern unter Franco. Doch wie Stefan Ender im Standard meint, kann José Carreras die Produktion im Theater an der Wien schon gar nicht retten: "Mit seiner etwas hölzernen Bühnenpräsenz wirkt José Carreras ein wenig wie ein Geist seiner selbst; immerhin: Wenn er in der Mittellage attackiert, ist da etwas von den vokalen Kräften, von der alten Magie spürbar, sonst eher nicht."

Weiteres: Beim WDR kann man die Hörspielfassung von Rimini Protokolls Theaterabend "Adolf Hitler: Mein Kampf Band 1 & 2" (hier unser Resümee) online nachhören.

Besprochen werden Milo Raus in den Berliner Sophiensälen gezeigtes Stück "Five Easy Pieces" über Marc Dutroux (taz), Christian Kolonovits' in Wien gezeigte Oper "El Juez" (FAZ) und Christian Stückls Inszenierung von Ibsens "Kaiser und Galiläer" im Oberammergauer Passionsspielhaus (SZ).
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Archiv: Bühne

Musik

In der taz berichtet Jan Paersch vom Roskilde Festival. Für den Standard war Ljubisa Tosic beim Jazzfest Wien, das auch der 88-jährige Burt Bacharach beehrte. In der Welt hört Felix Zwinzscher mit mäßiger Begeisterung Snoop Doggs neues Album "Coolaid".
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Kunst

Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist als Dauerleihgabe aus der Sammlung Erich Marx fortan Joseph Beuys' "Das Kapital Raum 1970 - 1977" zu sehen. Dem Haus ist dies eine Sonderausstellung mit zahlreichen um Beuys' Werk kreisenden Arbeiten wert, was in den Augen von Tagesspiegel-Autorin Nicola Kuhn ziemlich geglückt ist: Die Zusammenstellung zeige, wie ein Museum ein von Beuys inspiriertes "Denken im offenen Raum ... mit seinen Mitteln leisten kann. Der Hamburger Bahnhof spielt Humboldt-Forum, Raum freier Assoziation, Debattierclub, Denkerstube in einem. Die Ausstellung ist ein Abenteuer, sie bringt die verschiedenen Medien zusammen, dazu Spielzeug, Dampfmaschinen, Messgeräte, außerdem Bücher, Gedichte, Instrumente, Präparate, sie springt in den Techniken, Kulturräumen, Zeiten. So hat man Kapitalismuskritik noch nicht erlebt." (Jan Sanders van Hemessen: Die Goldwägerin, um 1530. Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie. Foto: Christoph Schmidt)

Doch "landen die Werke, wenn sie derart aus ihren ursprünglichen Bezügen herausgelöst werden, nicht in der Beliebigkeit eines Sammelsuriums oder an der Gängelleine von Thesen, die ihnen übergestülpt werden", fragt sich Mark Siemons in der FAZ. Prompte Antwort: Mitnichten! "Ein paar der Ausstellungsstücke scheinen zwar tatsächlich bloß Konzepte zu illustrieren ... Doch die meisten sind keineswegs Krücken für Ideen, sondern stehen in all ihrem Eigensinn für etwas, das sich in der gedanklichen Abstraktion gar nicht fassen lässt. Und erst recht entfalten sie in ihrem Zusammenspiel eine eigene Lebendigkeit, die schon für sich genommen ein Gegenentwurf zur Beklommenheit der beargwöhnten Selbstvermarktung ist."

In der NZZ beleuchtet der Kunsthistoriker Axel Christoph Gampp das Verhältnis zwischen Original und Kopie und schreibt unter anderem: "Gemälde werden in der Moderne ... unter den Prämissen eines beschleunigten Sehens wahrgenommen. Damit verändert sich natürlich der Zugang zum Original. Aber es verändert sich auch der Zugang zur Kopie. Was wahr und was falsch ist, lässt sich nicht aufgrund eigener Seherfahrungen, geschweige denn der Aura beurteilen, sondern aufgrund der mit dem Werk verbundenen Etiketten, seien es Künstlernamen oder Preis."
Archiv: Kunst