Efeu - Die Kulturrundschau

Traumhaft gleiten die Ideen

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07.06.2016. Die SZ bescheidet dem von Unwettern gebeutelten Süden: Naturkatastrophen sind in Wahrheit architektonische Katastrophen in bevorzugter Hanglage. Der Standard erkundet Dummheit und Dekadenz in den Caprichos Francisco de Goyas. Spex feiert Die Heiterkeit, der es niemals einfiele, Alltagsmist roségold anzustreichen. Der Guardian fragt die Ghibli Studios: Können nicht eigentlich auch Frauen Fantasy?

Kunst




Francisco de Goya: Das Pferd als Frauenräuber.

Die Galerie am Stadtturm in Gmünd zeigt die Grafiken Francisco de Goyas, denen Michael Cerha im Standard aufwühlende Kraft attestiert: "Als Porträtmaler von der Gunst des Hofes abhängig, zog Goya in seinen nicht auf Bestellung gearbeiteten Radierungen desto rabiater nicht nur über die Kirche, sondern ebenso die Dekadenz des Adels, den Dünkel der Gelehrten, die Grausamkeit der Soldaten und nicht zuletzt die Dummheit des einfachen Volkes her. Die Freier der Prostituierten werden zu fliegenden Kindmännchen. Ein Realist mit dem Pinsel, der seiner Nackten Maya die ersten Schamhaare der spanischen Kunstgeschichte gemalt hatte, wurde Goya mit dem Stichel in den Caprichos zum Beschwörer albtraumartiger Phantasmagorien." (Konrad Wolfs Goya-Film "Der arge Weg der Erkenntnis" ist den Sommer über auf arte7 zu sehen.)

Etwas durcheinander findet Anne Katrik Fessler im Standard die Schau "Painting 2.0" im Wiener Mumok, die einige Thesen zur Malerei aufstelle: "Warum gab es gerade in dem Moment, in dem das Internet - und damit das Digitale - dermaßen durchschlug, einen solchen Hype der Malerei, einem eigentlich vormodernen Medium? So die Ausgangsfrage, die Achim Hochdörfer nicht mit der Entschleunigung in einer sich immer schneller drehenden Welt beantwortet wissen will. Eher noch sieht er es als Fetischisierung eines veraltenden Mediums, so wie die Vinylliebhaberei."

Auf nach Paris! Denn die Paul-Klee-Retrospektive im Centre Pompidou ist ein echter Triumph, jubelt Bettina Gockel in der FAZ. Und dies nicht allein auf Grund ihres Umfangs, sondern auch: "Statt die Besucher von dem angeblichen Zauberer Klee füllhornmäßig überwältigen zu lassen, kann hier das Werk Schritt für Schritt verstanden werden, von den frühen satirischen Arbeiten bis zu den letzten im Todesjahr."

Weiteres: "Eine wahre Fundgrube für junge Videokunst": Glänzend gelaunt berichtet Uta M. Reindl in der taz von der Loop, der Videokunstmesse in Barcelona, wo man sich die angebotenen Werke in Hotelzimmern zu Gemüte führen kann.

Besprochen werden June Newtons Retrospektive in der Helmut Newton Stiftung in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Welt am Draht" in den frisch eröffneten Räumen der Sammlung Julia Stoschek in Berlin (FAZ).
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Architektur

In der SZ ärgert sich Gerhard Matzig maßlos über die Blauäugigkeit und Naivität, mit der Wetterkatastrophen wie gerade in Süddeutschland immmer wieder als gottgegebenes Schicksal hingestellt werden - und nicht etwa als Folgen einer verfehlten Siedlungspolitik: "Wie Schwalbennester werden ganze Gemeindeerweiterungen an Berghänge geschraubt, weil so Immobilien in 'bevorzugter Lage' entstehen, wobei der Vorzug manchmal darin besteht, von einer Hangrutschung betroffen zu sein oder diese selbst auszulösen. ... Man kann Flüsse eindämmen, Häuser schwimmen lassen, Fundamente verstärken und sich einen Vorrat an Taschenlampenbatterien oder Trinkwasser zulegen. Man kann das Wetter verfluchen, seine eigene Rolle im Klimawandel ignorieren, die Behörden beschimpfen und auf öffentliches Geld hoffen. Man könnte aber auch die Freiheit des siedelnden Menschen infrage stellen - da sie immer öfter im Zusammenhang steht mit Katastrophen, die sich als Zivilisationskatastrophen erweisen. Hausgemacht."
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Literatur

Ziemlich beeindruckt schreibt Angela Schader in der NZZ über Tom McCarthys neuen Roman "Satin Island", der ein hochreflexives Zeitbild aus Anthropologie, Unternehmenskultur und weltweiter Netzwerkarchitektur: "Der Reiz dieser Reflexionen besteht darin, dass McCarthy sie in keinem Moment zur Welterklärung erhebt oder auf einem moralischen Standpunkt fixiert. Fast traumhaft gleiten die Ideen, die Bilder vorbei, sich langsam drehend, Objekte einer fließenden, den Leser mitziehenden Denkbewegung."

Besprochen werden unter anderem David Grossmans "Kommt ein Pferd in die Bar" (taz), Julia Kissinas "Elephantinas Moskauer Jahre" (FR), Tendai Huchus "Maestro, Magistrat und Mathematiker" (Tagesspiegel), Gabi Beltráns und Bartolomé Seguís Comic "Wege aus dem Viertel" (Tagesspiegel), Friedrich Anis "Der einsame Engel" (SZ), Nikolaus Stingls Übersetzung von Graham Greenes "Der dritte Mann" (FAZ) und neue Bücher von Jon Fosse (SZ).
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Musik

Für die Spex war Anja Ruetzel bei den Studioaufnahmen zum neuen Album "Pop & Tod I+II" von Die Heiterkeit. Angesichts der behaglichen Befindlichkeit vieler gegenwärtiger Indie-Bands findet sie die poetische Position des Quartetts sehr reizvoll: Es sticht hervor "aus all der kleinkrämerischen Bauchnabelpulerei und den komischen Versuchen, Alltagsmist einfach roségold anzustreichen. Statt das Alltägliche künstlich mit Bedeutung aufzuladen, wie es die Posen-Euphoriker tun, banalisiert ihre Musik das Hohe, Übergroße, ohne es dabei zu trivialisieren. Die Heiterkeit stochert nie im WG-Duschen-Abflusssieb nach brauchbarem Bilderfluff, sie zieht stattdessen die großen Dinge hinab ins Verstaubare. Liebe wird nicht verhandelt, sondern verhandlicht."

Weitere Artikel: Für die taz plaudert Stefan Hochgesand mit Adam Green über dessen neues Album "Aladdin", für das Green einen ganzen Low-Budget-Film selbst gebastelt hat. Im taz-Jazzblog präsentiert Franziska Buhre ihre reiche Audio-Ausbeute aus den Clubs von New Orleans, wo sie während des Jazz & Heritage Festival war. Für die SZ porträtiert Jürgen Schmieder das sich aus den Bands Rage Against the Machine, Public Enemy und Cypress Hill rekrutierende Rap-Rock-Crossoverprojekt Prophets of Rage, das Donald Trump und Co. den Kampf ansagt. Josef Oehrlein hat für die FAS die Dresdner Musikfestspiele besucht. Für die SZ hat sich Michael Stallknecht mit Steve Reich getroffen.

Besprochen werden das neue Album der Melvins (Pitchfork) und Iggy Pops Auftritt in Wien (Skug).
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Bühne

Katrin Bettina Müller porträtiert in der taz den Regisseur Toshiki Okada, dessen Stück "God Bless Baseball" das Braunschweiger "Theaterformen"-Festival eröffnet. Im Tagesspiegel empfiehlt Sandra Luzina das Festival "Projeto Brazil" im Berliner Hebbel am Ufer.

Besprochen werden die Deutschlandpremiere von Kornél Mundruczós "Látszatélet" in Oberhausen (SZ, mehr dazu hier), die in Mainz gezeigte Choreografie "Objekt" von Garry Stewart (FR), Rainald Grebes Frankfurter "Struwwelpeter" (FR) und die Frankfurter und Darmstädter Inszenierungen von George Bizets "Carmen"-Oper von Barrie Kosky, bzw. Sandra Leupold (FAZ).
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Film


Frauen managen den Alltag sehr gut. Still aus "Chihiros Reise ins Zauberland" von Hayao Miyazaki.

Chris Michael trifft für den Guardian Hiromasa Yonebayashi und Yoshiaki Nishimura, die neuen Chefs der Ghibli-Studios. Warum gibt es eigentlich so viele weibliche Heldinnen in ihren Animes, aber keine Regisseurinnen, erklären sie ihm so: "Es kommt auf die Art von Film an. Anders als in echter Handlung, muss man in der Animation die reale Welt vereinfachen. Frauen sind oft realistischer und managen den Alltag sehr gut. Männer sind oft idealistischer - Fantasy-Filme brauchen einen idealistischen Zugang."

Weitere Artikel: Im Interview mit Zeit online spricht Maria Schrader anlässlich ihres neuen Films über den Unterschied zwischen Thomas Mann und Stefan Zweig im Exil, Flucht und Verfolgung. Im Blog von epdFilm schreibt Gerhard Midding zum Tod von Sieghardt Rupp, der von der Öffentlichkeit unbemerkt bereits im vergangenen Jahr gestorben ist. In der Presse unterhält sich Andrey Arnold mit dem dänischen Regisseur Nicolas Winding Refn über seine "stylish-brutalen" Filme.

Besprochen werden Cyril Dions und Mélanie Laurents "Tomorrow" (SZ) und die neue Episode von "Game of Thrones" (ZeitOnline).
Archiv: Film