Efeu - Die Kulturrundschau
Sprengung als Erlösung
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.07.2026. In der FAZ schlägt der Filmhistoriker Rainer Rother Alarm: Zu wenig Geld wird für die Sicherung des Filmerbes locker gemacht. Früher oder später wird KI das Niveau von Midcult-Literatur erreichen, ist sich die Jungle World sicher. Die Kritiker geben sich die Klinke in die Hand, um dem toten Wal Timmy im Hamburger Ernst Deutsch Theater die letzte Ehre zu erweisen. Die FAZ lässt sich von den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša mitreißen. Und sie bestaunt im Prado die gülden leuchtende Kunst des Spätmittelalters.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.07.2026
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Bühne
Das quasi-religiöse Verhältnis der Deutschen zu einem toten Wal bringt Alexander Klessinger mit "Timmy - Die Hope stirbt zuletzt" auf die Bühne des Ernst Deutsch Theaters in Hamburg. Für weniger walaffine Menschen liest sich Pia Wieners' Schilderung in der FAZ einigermaßen grotesk: "Die Gottesdienstanalogie ist so naheliegend wie stimmig, was im Anschluss sogar ein Pfarrer aus dem Publikum bekräftigt - ihm gefalle die spirituelle Dimension des Ganzen. Orgelmusik, Weihrauch und Schauspieler in liturgischer Kleidung setzen den Ton. Der Wal wird auf einer Altarattrappe aufgebahrt. Dann heißt es: 'Wo zwei oder drei versammelt sind, da ist er mitten unter uns. Um uns das Fühlen zu lehren.' Just als es droht, ins Überhebliche zu kippen, folgt die herzzerreißende Ansprache einer Frauenstimme, entnommen einem der zahlreichen Netz-Videos: Dieser Wal sei so allein, schluchzt sie, und es dämmert einem, dass damit wohl nicht nur das Tier gemeint gewesen ist."
Christiane Lutz ist in der SZ etwas irritiert von der moralischen Aufladung durch Aktivisten, die in einer Diskussionsrunde nach dem Stück noch Videos geschlachteter Schweine zeigen wollen: "Da kippt die Kunst ins Moralische, vermischt sich mit Aktivismus. Was schade ist, weil man die beiden Dinge unbedingt getrennt halten sollte. Und insofern auch ungenügend, als der Fall Timmy wirklich mehr war als 'nur' ein Thema für den Tierschutz. ... Theater ist nie gut, wenn es den Eindruck erweckt, sich sicherheitshalber nach der Show noch auf die politisch korrekte Seite stellen zu müssen."
Nachtkritikerin Daniela Barth ist hingegen insgesamt ganz positiv gestimmt: "Zum Schluss betritt die Berliner Band Tulpe die Bühne: 'Sprengt den Wal, holt ihn hier raus' singen sie. Ihr viraler Hit ist ebenfalls eine Totenmesse in Indierock-Manier. Sprengung als Erlösung. Die Entscheidung, drei so verschiedene Formate hintereinanderzustellen, ist mutig - und sie gelingt, weil der erste Teil stark genug ist, um den Schwung weiterzutragen. Und weil das großteils recht junge, dynamische Publikum sehr aufnahmebereit und zugänglich ist. Es ist ein Abend, der mehr wagt, als er am Ende einlöst - aber genug wagt, um sichtbar zu machen, was wochenlang eine ganze Gesellschaft ergriffen hatte: Ist es das, was Aristoteles in Tragödien 'Katharsis' nannte? Die Hoffnung ist zuletzt gestorben, zusammen mit dem Buckelwal-Weibchen. Immerhin nicht in deutschen Gewässern, falls das jemanden tröstet." Anja Rützel bespricht den Abend bei SpOn.
Weiteres: Manuel Burg berichtet in der Welt davon, wieso es sich lohnt, die Tiroler Festspiele zu besuchen. Greta Haberer ist für die taz auf dem Berliner Festival b12 unterwegs. Besprochen werden Christian Weises "Kampf der Titanen" am Nationaltheater Mannheim (Nachtkritik), die Rossini-Oper "Gelegenheit macht Diebe" in der Frankfurter Kammeroper (FR) und das Choreografen-Duo Billinger & Schulz mit seiner Inszenierung "Love" im Frankfurter Produktionshaus Naxos (FR).
Film
Filmerbe erneut in Gefahr, schlägt der Filmhistoriker Rainer Rother in der FAZ Alarm. Zwar läuft seit 2019 ein breites, im Vorfeld hitzig diskutiertes Digitalisierungsprogramm, um zumindest ausgewählte analoge Schätze der Filmarchive für digitale Ausspielwege zukunftsfähig zu machen - doch der Umfang des ohnehin nur auf zehn Jahre angelegten Programms ist "seit dem vergangenen Jahr um die Hälfte geschrumpft", da die Einnahmen der Filmförderungsanstalt sinken und sich manche Bundesländer aus der Finanzierung verabschiedet haben. Eine fatale Entwicklung, denn "jede Entscheidung für die Digitalisierung eines Films bedeutet zugleich eine gegen etliche andere. ... Es erscheint unwahrscheinlich, dass alle analogen Filme für die Zukunft gerettet werden können: Die Kapazitäten und die finanziellen Ressourcen reichen dafür absehbar nicht aus. Jetzt kommt es darauf an, über die Laufzeit des reduzierten Förderprogramms Filmerbe hinaus eine neue Perspektive zu finden. Das sollte als Gemeinschaftsaufgabe der drei ursprünglichen Partner Bund, Länder und FFA angegangen werden." Weitere Hintergründe, Pressestimmen und Positionen zur Lage des Filmerbes finden sich auf dieser Website.
Weitere Artikel: Vielleicht ist Christopher Nolan tatsächllich der beste Regisseur für eine "Odyssee"-Verfilmung, schreibt Rüdiger Suchsland in seiner großen Würdigung des Regisseurs im Filmdienst, denn so, wie das antike Epos "das Erzählen schon lange reflektiert, bevor eine Literaturtheorie existierte", baue auch Nolan "filmische Labyrinthe, in denen sich der Zuschauer zunächst verirrt, um am Ende den Faden wiederzufinden". Josef Schnelle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den langjährigen Berlinaleleiter Moritz de Hadeln. Und eine traurige Nachricht: Der aus Andrzej Żuławskis Westberlin-Klassiker "Possession" (fernerhin aber auch aus Steven Spielbergs "Jurassic Park") bekannte Schauspieler Sam Neill ist im Alter von 78 Jahren gestorben, melden die Agenturen.
Besprochen werden Tina Gharavis Virginia-Woolf-Adaption "Night & Day" (Welt) und die auf ZDFNeo gezeigte Serie "The Forsytes" (Tsp).
Weitere Artikel: Vielleicht ist Christopher Nolan tatsächllich der beste Regisseur für eine "Odyssee"-Verfilmung, schreibt Rüdiger Suchsland in seiner großen Würdigung des Regisseurs im Filmdienst, denn so, wie das antike Epos "das Erzählen schon lange reflektiert, bevor eine Literaturtheorie existierte", baue auch Nolan "filmische Labyrinthe, in denen sich der Zuschauer zunächst verirrt, um am Ende den Faden wiederzufinden". Josef Schnelle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den langjährigen Berlinaleleiter Moritz de Hadeln. Und eine traurige Nachricht: Der aus Andrzej Żuławskis Westberlin-Klassiker "Possession" (fernerhin aber auch aus Steven Spielbergs "Jurassic Park") bekannte Schauspieler Sam Neill ist im Alter von 78 Jahren gestorben, melden die Agenturen.
Besprochen werden Tina Gharavis Virginia-Woolf-Adaption "Night & Day" (Welt) und die auf ZDFNeo gezeigte Serie "The Forsytes" (Tsp).
Literatur
Nichts als alte Hüte sieht der Schriftsteller Enno Stahl (Jungle World) in der Debatte um KI in der Literatur und die Fragen um Autorenschaft und Urheberrecht - genau daran hatten sich ja bereits Poststrukturalismus und Co. abgearbeitet. Für die Autoren und Verwerter von Gebrauchsliteratur und Midcult-Ware sieht er düstere Zeiten heraufdämmern: "Die angebotene Dutzendware wird sich jeder selbst schreiben lassen können, wenn die KI in zwei oder drei Jahren gelernt haben wird, das Midcult-Niveau problemlos zu erreichen, woran kein Zweifel bestehen kann. Literarisch schreiben kann man weiterhin, auch wenn es nicht sicher ist, ob ein allzu großes Publikum dafür bleibt. Geld verdienen kann man damit kaum. Doch der Zusammenbruch des Literaturbetriebs, wie man ihn heutzutage kennt, könnte solchen ambitionierten Autorinnen und Autoren auch neue Möglichkeiten eröffnen. ... KI mag kommen und vielleicht sogar das Feld übernehmen, aber Literatur, die echte, ernstgemeinte, engagierte, kompromisslose, radikale, ästhetisch gewagte - sie wird immer bleiben."
Weitere Artikel: Bei ihrem Literaturfestival "Góry Literatury" im Südwesten Polens hat die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk aus ihrem kommenden und wohl letzten Roman "Świat jest za dużo" gelesen, berichtet Viktoria Großmann in der FAZ. Jette Wiese war für die taz bei einer Tagung im Berliner Brecht-Haus, bei der über antifaschistische Literatur diskutiert wurde. Rahel Bueb resümiert in der taz die Lesung "Die Zeit heilt alle Hündchen", bei der im Literarischen Colloquium Berlin der literarische Nachwuchs Texte präsentierte. Die Schriftstellerin Sabine Scholl denkt in einem unter den Eindrücken einer Italienreise entstandenen Standard-Essay über das Leben auf dem Land nach. Der Schriftsteller Tex Rubinowitz berichtet im Standard derweil von seinen Verzweiflungen über die trostlose Stasis in der tschechischen Provinz, wo er für einen Schreibaufenthalt weilte. In der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur widmet sich heute Elmar Schenkel Ezra Pounds "Die Cantos".
Besprochen werden unter anderem Szczepan Twardochs "Sehnsucht" (FR), Devika Reges "Die rastlosen Jahre" (FR), Sara Pütters "Wasser, Felsen, Wut" (Standard), Matthias Nawrats "Das glückliche Schicksal" (SZ) und der von Friederike Schilbach herausgegebene Band "Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen" (NZZ).
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Besprochen werden unter anderem Szczepan Twardochs "Sehnsucht" (FR), Devika Reges "Die rastlosen Jahre" (FR), Sara Pütters "Wasser, Felsen, Wut" (Standard), Matthias Nawrats "Das glückliche Schicksal" (SZ) und der von Friederike Schilbach herausgegebene Band "Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen" (NZZ).
Kunst

Weiteres: Stefan Trinks gratuliert der Videokünstlerin Joan Jonas in der FAZ zum neunzigsten Geburtstag. Ingo Arend ist für die taz auf der Documenta-Konferenz "Critical Fabulations of Documenta" im Kasseler Documenta-Institut unterwegs. Besprochen wird die Arte-Doku "Der Oligarch und der Kunsthändler" (Standard).
Musik
Die Gesamteinspielung aller Sinfonien von Bohuslav Martinů durch die von Jakub Hrůša geleiteten Bamberger Symphoniker beeindruckt FAZ-Kritiker Gerald Felber sehr. Zu erleben sind "faszinierend ausgefächerte Spannungsbögen, die oft sogar gegensätzliche Stimmungsfelder überbrücken, ebenso wie behutsam-unerbittliche, einen suggestiven Sog entfaltende Crescendi, die erweckend und manchmal gleichzeitig verstörend wirken können. Stellen abwesenden Versinkens ins Leiseste stehen neben unrastig pulsierenden Gegenströmungen. ... Martinů war ein optimistischer und freundlicher, aber auch den Leiden seiner Zeit intensiv ausgesetzter Künstler, und ein Satz wie das Finale der 5. Symphonie reißt enorme Kontraste zwischen verstörten Sehnsüchten und einer apotheotisch-enthusiastischen Weltumarmung auf."
Weiteres: Ueli Bernays resümiert in der NZZ das 60. Montreux Jazz Festival. Besprochen werden Barbara Hannigans Album "An American Dream?" (NZZ), sowie zahlreiche Konzerte, nämlich in Berlin von The Cure (Zeit Online), den Pet Shop Boys (Welt) und den Toten Hosen, bei den auch Farin Urlaub und Sven Regener vorbeischauten (Tsp) sowie in München von der K-Popband BTS (taz, FAZ, SZ) und in Wien Helene Fischer (Standard).
Weiteres: Ueli Bernays resümiert in der NZZ das 60. Montreux Jazz Festival. Besprochen werden Barbara Hannigans Album "An American Dream?" (NZZ), sowie zahlreiche Konzerte, nämlich in Berlin von The Cure (Zeit Online), den Pet Shop Boys (Welt) und den Toten Hosen, bei den auch Farin Urlaub und Sven Regener vorbeischauten (Tsp) sowie in München von der K-Popband BTS (taz, FAZ, SZ) und in Wien Helene Fischer (Standard).
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