Efeu - Die Kulturrundschau

Physik ist, wenn es nicht gelingt

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02.05.2016. Die NZZ bewundert die Kunst des Gustave Jossot, mit schiefen Fressen Werbung zu machen. In der FR freut sich Robert MacFarlane, dass jetzt auch Wanderfalken in den Großstädten rund um die Uhr ihren Imbiss bekommen. Die SZ verirrt sich in der wiedereröffneten Hamburger Kunsthalle auf dem Weg zur Abteilung Transparenz. Die Nachtkritik erkundet mit Angela Richter in Köln das Darknet. Die FAZ wiegt sich zu Yehudi Menuhins innig-süßen Portamenti.

Bühne


Yuri Englert und Judith Rosmair in Angela Richters "Silk Road" am Kölner Schauspiel. Foto: David Baltzer

In der nachtkritik hat Martin Krumbholz einige Fragen, nachdem er Angela Richters Kölner Stück "Silk Road" gesehen hat, für das sie bei Edward Snowden persönlich recherchiert hat: "In der mit Abstand bedrückendsten Episode des Abends spielt die auf einmal gar nicht mehr so sirenenhafte, sondern bis zur Unkenntlichkeit verpuppte Judith Rosmair (virtuos) die Verwandlung eines Menschen in ein 'slave toy', ein Sexspielzeug, das man angeblich für eine größere Summe kaufen kann. Ist so etwas (noch) fiktiv, oder gibt es das wirklich? Und ist es wahr, dass man im Darknet Morde in Auftrag geben kann? Snowden bestreitet das. Aber denkbar ist vieles, und bekanntlich bleibt keine Niedertracht, die ein Hirn sich ausdenken kann, ungeschehen. Schicksal?"


"Morgen und Abend" in mehlig Grau an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Marcus Lieberenz.

An der Deutschen Oper Berlin hat Graham Vick Georg Friedrich Haas' Oper "Morgen und Abend" auf die Bühne gebracht, nach der gleichnamigen Erzählung von Jon Fosse und mit einem fragilen Klaus Maria Brandauer. Der schwere Themen wie Leben und Tod verhandelnde Abend konnte die Kritik allerdings nicht begeistern. Wer das Haus nicht mit guter Laune betritt, dürfte an der Produktion schwer tragen, warnt Udo Badelt im Tagesspiegel. Und: "Was die Partitur von Georg Friedrich Haas betrifft, wirken die musikalischen Mittel an diesem Abend begrenzt, erschöpfen sich in leerer Wiederholung." Jan Brachmann von der FAZ kann dem nur beipflichten: "Nach dem fünften Mal ödet der Effekt nur noch an. Im Parkett links, Reihe dreizehn, wird laut geschnarcht." Niklaus Hablützel ärgert sich in der taz unterdessen über Vicks "schrecklich biedere" Inszenierung.

Weiteres: Beim Wolfsburger Tanzfestival "Movimentos" hat Alexandra Albrecht in der FAZ besonders der Choreograf Russell Maliphant imponiert - "einer der spannendsten Erneuerer des klassischen Balletts" -, allerdings sorgt sie sich jetzt um die Zukunft des Festivals: Denn "dieses Mal fiel der Etat von Movimentos 20 Prozent niedriger aus als gewöhnlich." Eine "große Skepsis gegenüber dem traditionellen Repräsentationstheater" konnte Egbert Tholl in der SZ beim Münchner Festival "Radikal Jung" beobachten.

Besprochen werden Amélie Niermeyers bei den Schwetzinger Festspielen gezeigte Inszenierung von Francesco Cavallis Oper "Veremonda, die Amazone von Aragón" (SZ), Lukas Linders beim Heidelberger Stückemarkt gezeigter "Mann aus Oklahoma" ("ein kleines, verträumtes, nicht ungewitztes Stück", bescheinigt Judith von Sternburg in der FR), Dominique Dumais' Tanzabend "Naked" in Mannheim (FR) und Bernd Alois Zimmermanns in Wiesbaden gespielte "Soldaten" (FAZ), Georg Bütows "Cult" im Performance Art Depot in Mainz (Nachtkritik) und Kleists "Familie Schroffenstein" in Bremen (Nachtkritik).
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Architektur

Hamburg hat seine alte Kunsthalle wieder. Möglich machte dies eine großzügige Zuwendung des Unternehmers Alexander Otto. Einen Wettbewerb gab es nicht, Museumsdirektor Hubertus Gaßner hatte weitgehend freie Hand. Nach anfänglicher Skepsis gibt Kia Vahland in der SZ zumindest vorsichtige Entwarnung: Zu einer Einkaufspassage sei das Museum zwar nicht geraten, dafür kapsle es sich nun aber von der Stadt ab, der Eingang auf der Seite zum Hauptbahnhof wurde geschlossen: "Es gibt eine wunderbar aufbereitete Abteilung namens 'Transparentes Museum', die von Zuschreibungsfragen, Herkunftsgeschichten, Sammlergeschmack berichtet." Nur leider finde man sie kaum, weil sie "in den Gängen liegt, die zum früheren Ausgang Richtung Hauptbahnhof führen - und damit nun in die Sackgasse. Überhaupt wirkt der alte Eingang, eine hohe Säulenhalle, jetzt gespenstisch halb tot. Das gleiche Problem hat die Galerie der Gegenwart - die Menschen bleiben fern, weil sie für die neu gewonnenen Schauräume Umwege nehmen müssten."
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Stichwörter: Hamburger Kunsthalle

Kunst


Henri-Gustave Jossot: Sales Gueules, 1896. Leonetto Cappiello: Remington, 1910. Bilder: Les Arts Décoratifs

Marc Zitzmann besucht für die NZZ eine Ausstellung historischer Werbeplakate im Pariser Musée des arts décoratifs . Besonders beeidnruckt hat ihn Gustave Jossot: "'Das Plakat muss an der Wand gellen, dem Blick der Passanten Gewalt antun', proklamierte der Künstler. Mit schiefen Fressen in schreienden Farben macht Jossot Reklame für Likör und Sardinenbüchsen - und schafft eine ureigene Synthese aus mittelalterlicher Buchmalerei, japanischer Druckgrafik und der Kunst der Nabis."

Weiteres: Bei The Quietus philosphiert Bryony White ausgiebig darüber, was es bedeutet, dass sich Ai Weiwei im Lager von Idomeni von einem Flüchtling die Haare hat scheren lassen. Besprochen wird die Werkschau des Bildhauers Claus Bury im Schloss Philippsruhe in Hanau (FR).
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Literatur

In der FR unterhält sich Sylvia Staude mit dem britischen Schriftsteller Robert MacFarlane über nicht-nostalgisches Nature Writing und sein Buch "Alte Wege": "Ich bin zunehmend fasziniert davon, wie das, was wir Wildnis nennen und das Menschliche untrennbar werden. Wanderfalken lassen sich überall in Großbritannien in Städten nieder, die Wölfe verbreiten sich wieder über Europa. Wanderfalken kommen in Städten so gut zurecht, weil sie beim Licht der Straßenlaternen jagen können. Sie können 24 Stunden am Tag jagen, sie leben sozusagen neben einem Imbiss, der die ganze Nacht geöffnet hat, neben einem Laden voller Tauben. Sie sind eine schöne wilde Spezies, die wegen unserer Aktivitäten gedeiht."

Wieland Freund staunt in der Welt über die jetzt entdeckte Fitness-Serie, die Walt Whitmann himself unter dem Pseudonym Mose Velsor für den New York Atlas verfasst hat. Dichtung ist doch ungesund! "Denken Sie an Laudanum, die Schwindsucht, frühe Vollendung und letzte Sonette."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel lädt der Schriftsteller Tilman Spengler zur Europäischen Schriftstellerkonferenz nach Berlin, die er mitangeschoben hat. Zum hundertsten Geburtstag von Peter Weiss gab es in der Berliner Akademie der Künste eine "lange Nacht", berichtet Helmut Böttiger in der SZ.

Besprochen werden Boualem Sansals "2084 - Das Ende der Welt" (taz), Laurie Pennys Kurzgeschichtenband "Babys machen" (Tagesspiegel), ein Band mit Reinhard Kleists gesammelten Comics der Serie "Berliner Mythen" (Tagesspiegel), Bernd Cailloux' "Surabaya Gold - Haschischgeschichten" (Tagesspiegel) und Jaroslav Rudišs "Nationalstraße" (SZ). Mehr aus dem literarischen Leben erfahren Sie in Lit21, unserem Aggregator zur literarischen Blogosphäre.
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Film

Claudia Schwartz lobt in der NZZ überschwänglich die Netflix-Serie "Marseille Connection": "Das Ganze ist unvergleichlich viel besser als das, was Frankreich bisher in diesem Bereich produziert hat." In der FAZ porträtiert Astrid Kaminski den marokkanischen Dokumentarfilmer Ali Essafi.
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Stichwörter: Netflix, Marseille

Musik

Die zu Yehudi Menuhins hundertstem Geburtstag erschienene, fürstlich ausgestattete, auch manchen Patzer im Spiel nicht verbergende CD/DVD-Box lässt Eleonore Büning in der FAZ von alten Zeiten schwärmen, als es den Geigern noch um mehr ging, als bloß das Klassenziel "fehlerfrei" zu erreichen: Menuhin spielte noch "mit seelenvollem Legato, innig-süßen Portamenti, einem variantenreichen, scharf geschneiderten Détaché, einem unbändigen Temperament sowie mit ungezählten Farbmodifikationen, wechselnd je nach Ausdruck, von Ton zu Ton. Seine Kunst des Geigenspiels ist von jener, der man heutzutage in den Konzertsälen begegnet, so weit entfernt, dass man mit fast jeder der Aufnahmen aus 'The Menuhin Century' eine Zeitreise machen kann. ... Viele großartige und hochvirtuose Geiger heutzutage sind 'Geiger ohne Ton', deren charakteristisch durchgestaltete Phrasierung an die Grenzen des Verlöschens führen."

Der am Laptop im heimischen Schlafzimmer entstandenen elektronischen Musik mangelt es erheblich an performativen Reizen, sobald sie vor Publikum dargeboten wird. Das von Jens Balzer und Martin Hossbach an der Berliner Volksbühne kuratierte Festival Decession versuchte, dem mit einer Vielzahl von Sinnesreizen zu begegnen, berichtet Laura Aha in der taz. Dabei gab es auch viel Quatsch zu sehen, ist dem zu entnehmen. Etwa eine Performance von Lars Holdhus: "Die sechs 3D-gedruckten Reproduktionen seines eigenen Rachens quäken elektronisch, während er selbst als tanzende Animationsfigur in Boxershorts auf einem Screen zu sehen ist." Von Markus Schneider in der Berliner Zeitung erfahren wir unterdessen, dass dieses besondere Spektakel eigentlich eine einzige Panne darstellte: "Physik ist, wenn es nicht gelingt."

Weitere Artikel: Trotz Erdoğans Interventionen (mehr dazu hier) wurde Marc Sinans Projekt "Aghet", das sich mit dem Genozid an den Armeniern befasst, in Dresden vor begeistertem Publikum aufgeführt, berichtet Michael Bartsch in der taz. Radiohead sind komplett (aus dem Netz) verschwunden, meldet René Walter auf Nerdcore.

Christian Wildhagen befürwortet in der NZZ sehr, wie sich die Wittener Tage für neue Kammermusik um eine Öffnung bemühen: "Zum Glück hat man in Witten bereits seit längerem die Gefahr erkannt, die in dem Raumschiff-Charakter solch elitärer Festivals liegen kann." Außerdem kann man bei br Klassik das Europakonzert der Berliner Philharmoniker im norwegischen Roros nachhören.

Besprochen werden Roky Ericksons Auftritt in Berlin (taz, Tagesspiegel), der Frankfurter Auftritt von Lang Lang (FR) und Heinos Fußballalbum "Arschkarte" (der Sänger "richtet gnadenlos alles zugrunde, was seinem Label vor die Vermarktungs-Flinte läuft", stöhnt Axel Weidemann in der FAZ).
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