Efeu - Die Kulturrundschau

Garantiert nicht edel

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.05.2016. Frank Castorf inszeniert an der Volksbühne Bulgakows "Kabale der Scheinheiligen" und provoziert gewohnt konträre Reaktionen: Die SZ sieht hier sehr gelungen den Künstler als Opfer der Macht und schamfreien Gaukler porträtiert, der Tagesspiegel lernt Sterbenslangeweile auszuhalten. Die NZZ erkundet in Schaffhausen die polystilistische Geschmeidigkeit heutiger Jazzmusikerinnen. Die Welt bewundert die Zeichnungen Anthonis van Dycks. Und Critic.de ruft dazu auf, Sohrab Shahids Saless' Filme wiederzuentdecken.

Bühne


Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière. Foto: Thomas Aurin

Wenn Frank Castorf an der Berliner Volksbühne Michail Bulgakows "Die Kabale der Scheinheiligen" mit Molière vermengt und in fast sechs Stunden Spielzeit noch viel aus Fassbinders Meta-Film "Warnung vor einer heiligen Nutte" hinzugibt, dann liegt für die Kritiker auf der Hand, dass es an diesem Abend vor allem auch um Castorfs kulturpolitisch erzwungenen Abschied nach der Spielzeit 2017 geht. Doch in der SZ kann Peter Laudenbach Entwarnung geben, "peinlich" wurde dieser Abend keineswegs, Castorf umgehe jede "Larmoyanz-Falle": "Der Künstler als Opfer der Macht. Aber Castorf hat entschieden keine Lust auf die Opfer-Rolle. Also inszeniert er einen über weite Strecken böse-heiteren Abend, bei dem sich die Melancholie angesichts des nahenden Endes der Volksbühnenparty eher nebenbei einschleicht. Theater ist hier natürlich nicht nur große Kunst, sondern auch und vor allem: offensive Schmiere, schamfreies Gaukler-Gewerbe und garantiert nicht edel."

In der Nachtkritik stellt Christian Rakow allerdings fest, dass Castorf bei allem grandiosen Budenzauber "der zentrale Sprung" nicht gelingt, die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Macht: "Die mächtige Positionierung der Künstlerautorität quer durch die Zeiten bleibt er in allen vagen Anspielungen schuldig." In der Berliner Zeitung denkt Ulrich Seidler schon mal über Castorfs Abgang nach. Auf den Abend kommt er eher nebenbei zu sprechen: "Es gibt viel zu rätseln, zu fiebern und zu lachen in diesen fünfeinhalb Stunden, man muss auch einiges aushalten an Sterbenslangeweile, an illustrativer Corneille- und Racine-Tragödien-Deklamiererei, dann schießen einem wieder Geistesblitze in die Erschöpfung." Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel zählt offenbar schon die letzten Tage des Regie-Titanen und wird dabei sichtlich ungeduldig: "Von der Zeitverdichtung ist dieses Theater in die Zeitvernichtung gegangen. ... Fünfeinhalb Stunden. Breit gelatscht, ohne Rhythmus. Textausstoß bis zur Heiserkeit. Wie gehts der Souffleuse? Lange nichts von ihr gehört." Voll des Lobs wiederum ist Irene Bazinger in der FAZ: "Mit seiner inspiriert polymorphen wie beherzt maßlosen Collage überfordert er die Schauspieler wie das Publikum und bewährt sich dabei als aufgeklärter, absoluter Künstler."

Besprochen werden Moritz Eggers Weltraumoper "Terra Nova" (Standard), eine Aufführung der "Drei Schwestern" unter Schweigen bei den Wiener Festwochen (Standard), Oliver Frljićs Theaterabend "Unsere Gewalt und eure Gewalt" bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik), Claus Guths von Daniel Barenboim dirigierte Inszenierung von Bohuslav Martinus "Juliette" an der Berliner Staatsoper (taz, Tagesspiegel), Leander Haußmanns "Räuber"-Inszenierung am Berliner Ensemble (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Christian Spucks Ballett nach E.T.A. Hoffmanns "Sandmanns" in Zürich (NZZ), Thomas Hengelbrocks in Wiesbaden gezeigte Inszenierung von Henry Purcells "Dido and Aeneas" (FR), eine konzertante Aufführung von Mozarts "La clemenza di Tito" an der Komischen Oper Berlin (Tagesspiegel), der Opernauftakt der Münchner Biennale (SZ) und Damien Jalets in Darmstadt gezeigte Choreografie "Thr(o)ugh" (FAZ).
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Literatur

Sehr dankbar ist in der SZ Christoph Haas dem Comic Salon Erlangen für die Ausstellungen über Comics aus der Türkei und Indien: Hier in Franken halte man "daran fest, dass Comics eine künstlerische und intellektuelle Herausforderung sein können. Mehr als je zeigten die diversen Ausstellungen - eine weitere große war dem Manga-Meister Jiro Taniguchi gewidmet - zudem, dass der Comic sich inzwischen, wie vor ihm die Literatur der Moderne und der Film, zu einem künstlerischen Ausdrucksmittel entwickelt hat, das global verstanden wird und zugleich regional akzentuiert werden kann."

In der Welt schwärmt Timur Vermes von der speziellen Mischung aus Professionalität, Leidenschaft und Improvisation in Erlangen: "Die hier versammelten Comicansprüche unterscheiden sich mitunter extrem. Der Salon vereint die Avantgarde mit der Nostalgie, gewitzte Krakler mit konservativsten fränkischen Realismusanforderungen."

Weiteres: Tell Review bringt den zweiten von insgesamt vier Texten des Sinologen Raffael Keller über den chinesischen Dichter Li Shangyin. Beim WDR gibt es Helgard Haugs und Thilo Guschas' Radiofeature "Munition Gedicht: Lyrik mit politischer Sprengkraft" zum Nachhören. Die einst vom Verlag vollmundig angepriesene (und besprochene) Kleist-Ausgabe des Hanser Verlags wird nun, nachdem 2012 empfindliche Fehler festgestellt wurden, vom Verlag ersatzlos gestrichen, berichtet der Germanist Klaus Müller-Salget in der SZ. In Paris versteigert Sotheby's morgen neben einem neu aufgetauchten Fahnenabzug von Prousts "Recherche" auch weitere Artefakte aus dem Familienbestand der Prousts, berichtet Andreas Platthaus in der FAZ. In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Volker Röhnert über Karl Mickels "Elegie (1)". Außerdem jetzt online nachgereicht von der Zeit: Susanne Mayes Bericht von ihrem Besuch bei der Schriftstellerin Jane Gardam.

Besprochen werden u.a. Judith Hermanns Erzählungsband "Lettipark" (SZ) sowie Peter Finns und Petra Couvées Blick auf "Die Affäre Schiwago" (Welt).
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Musik

Im Jazz geben oft genug selbstverliebte Männer den Ton, schreibt Ueli Bernays in der NZZ, deswegen wurde bei den diesjährigen Schaffhauser Jazzfestival die Bühne Musikerinnen übrlassen. Auftritte von Lucia Cadotsch, Lisette Spinnler, Sarah Buechi und Luzia von Wyl haben Bernays njedoch nur halb überzeugt: "Wenn man einen allgemeinen Trend aus dem Konzertgeschehen des 27. Jazzfestivals von Schaffhausen filtern möchte, dann ist es tatsächlich der Hang zu amorpher Stilistik. Dass dies etwas typisch Feminines sei, kann man kaum behaupten. Polystilistik ist zunächst typisch für eine Generation, die Jazz kaum mehr verinnerlicht hat als Rock, Pop, Folk, Hip-Hop oder Klassik. Gewohnt an Rollenspiele und Inszenierungen, erweisen sich Sängerinnen aber als besonders geschmeidig in polystilistischen Winkelzügen."

Weitere Artikel: Für die Jungle World unterhält sich Annette Walter mit Pophistoriker Jon Savage über 40 Jahre Punk und dessen Vermächtnis. Die Zeit hat Christoph Dallachs Gespräch mit Brian Eno online nachgereicht.
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Architektur

Die Feuilletons berichten weiter von der Architekturbiennale in Venedig (mehr dazu in unseren letzten Kulturrundschauen). Besonders interessant findet Woicech Czaja im Standard den Beitrag des Kanadiers Pierre Bélanger, der die Bodenausbeutung thematisiert und deswegen nicht den offziellen kanadischen Pavillon nutzen durfte: "Aus diesem Grund sei man nun draußen in der freien Natur. 'Offiziell heißt es, dass man den Pavillon nun dringend renoviere', sagt Bélanger, der das Projekt zur Gänze mit privaten Spenden finanzieren musste. 29 Säcke mit je einer Tonne Golderz stehen nun wie eine mahnende Mauer vor dem leeren Pavillon. Das Material stammt von einer kontaminierten Goldmine in Sardinien, die von einem kanadischen Förderunternehmen betrieben und nach der globalen Finanzkrise aufgelassen wurde."

Weiteres: In der FR denkt Christian Thomas über das Motto "Making Heimat" des deutschen Pavillons nach und stört sich daran, dass ausgerechnet Offenbach als "humane Boomtown" verkauft wird. Bernhard Schulz vom Tagesspiegel erlebt "eine Feier des Pragmatismus". Und Niklas Maaks Biennale-Artikel aus der FAZ steht jetzt online.
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Film

Dass Lars Kraumes "Der Staat gegen Fritz Bauer" sich bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises sechs Lolas abholen konnte, war für FAZ-Kommentator Andreas Kilb im Grunde schon im Vorfeld ausgemachte Sache: "Nicht nur der Held und die Geschichte des Films, auch sein Stil und seine Haltung sind ganz so, wie man es sich vom Träger eines Preises wünscht, der in Wahrheit immer noch Bundesfilmpreis heißen müsste: gediegen, anständig, offiziös."

In der Welt sorgt sich Hanns-Georg Rodek allerdings um die filmische Mittelklasse: "Die Reichen werden noch reicher, und die Mittelklasse rutscht Richtung Prekariat. 'Fack Ju Göhte' - ein einziger Film - hat zehnmal so viel verdient wie alle alle anderen Lola-Gewinnerfilme vom Freitagabend zusammengenommen."







Die besten deutschen Filme hat aber ohnehin ein in Vergessenheit geratener Exiliraner gedreht, erklärt Michael Kienzl auf critic.de, nur bekomme man die Filme von Sohrab Shahid Saless mangels DVDs kaum zu Gesicht. Eine Reihe im Berliner Zeughaus lädt nun zur Wiederentdeckung: "Im Gegensatz zu Fassbinder, der die soziale Wirklichkeit zu einem klassischen Melodram formt, setzt Saless auf Reduktion und eine freiere Dramaturgie. In ruhigen Alltagsbeobachtungen, in denen die Zeit still zu stehen scheint, offenbart sich dabei die Essenz der Dinge." Verbunden ist der Text mit dem Versprechen, die Reihe mit Filmkritiken flankierend zu begleten. Bereits online: Fabian Tietkes Besprechung von Saless' 1974 noch im Iran entstandenem "A Simple Event".

Besprochen werden eine auf DVD veröffentlichte Doku über Russell Brand (SZ) und der neue "Alice im Wunderland"-Film mit Johnny Depp (SZ).
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Kunst

Anthonis van Dyck: Selbstporträt, 1615

Manuel Brug ist in der Welt ganz hingerissen von den Porträts des Anthonis van Dyck, die in der New Yorker Frick Collection gezeigt werden: "Wie wird die Pupille rund? Wie bekommt die Charakternase des hochberühmten Künstlerkollegen ihrer fein schattierte Ausdruckskraft? Warum leuchtet die Perle am Ohr der hochadeligen Dame so schimmernd schön - obwohl sie doch nur aus ein paar Grafitstrichen besteht? Hier wird alles alles enthüllt, man erlaubt einen wirklich intimen Blick in die Malerwerkstatt."

Weitere Artikel: Für den Hessischen Rundfunk spricht Daniella Baumeister mit dem Archäologen Vinzenz Brinkmann über die von ihm kuratierte Ausstellung "Athen - Die Geburt der Bilder" im Frankfurter Liebieghaus. Für The Quietus unterhält sich Sean Kitching mit Joe Coleman. Mit Cory Arcangel hat Robert Barry ein Gespräch geführt.

Besprochen wird die Ausstellung "Campo cerrado: Kunst und Macht in der spanischen Nachkriegszeit 1939-1953" im Reina-Sofía-Museum in Madrid (FAZ).
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