Efeu - Die Kulturrundschau

Eine schönere Welt für jeden

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04.05.2016. Bei Vulture erklärt die Literatur-Bloggerin Jessa Crispin, warum sie ihr Blog of a Bookslut schließt. Die NZZ erlebt im Kunstmuseum Basel, wie die Skulptur zur Kunstform der Auflösung wurde. Die SZ schwelgt in den üppigen Dekors der Amsterdamer Schule. Der Tagesspiegel feiert die Blüte des deutschen Comics. Die Zeit erlebt im ugandischen Actionkino, wie der amerikanische Jesus vor einem Kürbis flieht. Die taz widmet sich dem türkischen Trivialfilm.

Kunst


"Sculpture on the Move" im Kunstmuseum Basel. Im Vordergrund: Charles Ray, "Male Mannequin", 1990 The Broad Art Foundation. Foto: Gina Folly.

Fast schon zu viele Skulpturen sieht Maria Becker in der NZZ in der Schau "Sculpture on the Move", mit der das Kunstmuseum Basel seinen Neubau eröffnet. Aber alle hochkaratig und hervorragend ausgewählt! "Die Skulptur hat ihre Greifbarkeit in der Moderne aufgegeben. In früheren Zeiten stand sie für Repräsentation und Ritus und war ein handfestes Ding. Heute spielt sie über die Grenzen des Fassbaren in alle Richtungen. Mehr als die Malerei sind ihre Erscheinungsformen ein Indiz der Auflösung."

In der internationalen Ausstellung "Sculpture as Place", die jetzt im Hamburger Bahnhof in Berlin Station macht, lernt Swantje Karich den amerikanischen Künstler Carl Andre noch einmal neu kennen, schwärmt sie in der Welt: "Diese Schau wirkt wie ein großer Entlastungszeuge für die gesamte Konzeptkunst. Immer meinte man, es müsse im Verstand klick machen. Jetzt erleben wir sie wieder mit Augen, Händen und Füßen, bringen den Körper in den Raum, wie es Carl Andre fordert.

Weiteres: Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren wird in Frankreich wieder eine Paul-Klee-Ausstellung gezeigt: "L'ironie à l'oeuvre" im Centre Pompidou. Unfassbar, findet Anne de Coninck auf Slate.fr. War es Arroganz oder Ignoranz? Besprochen wird die Schau "Athen - Triumph der Bilder" im Liebieghaus in Frankfurt (FAZ).
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Literatur

Literatur-Bloggerin Jessa Crispin schließt ihr wegweisendes Blog of a Bookslut. Bei Vulture erklärt sie, warum: "Bookslut war einzig und allein deshalb interessant, weil es kein Geld machte. Als ich aber bemerkte, welche Opfer ich bringen musste, um Geld zu verdienen, war es das nicht wert. Früher konnte man eine Anzeige für einen Monat bekommen, heute steht das in direkter Verbindung mit der Zahl der erreichten Klicks. Man kann nicht mehr über abseitige Literatur schreiben, für die sich nur zehn Leute interessieren und die nur acht Cent einbringt. Man muss über die Bücher schreiben, die alle schon kennen."

Ästhetisch spannende, außergewöhnliche Comics findet man schon lange nicht mehr auf der (in erster Linie aus amerikanischen Genre-Comics bestehenden) Nominiertenliste für die Eisner Awards, sondern - man höre und staune - im anspruchsvollen deutschen Segment, erklärt Silke Merten im Tagesspiegel. Hier sei in den letzten Jahren ein liebevoll gepflegter Garten entstanden: "Graphic Novels sind ein winziges Segment des deutschen Buchmarkts, verglichen mit dem Ausstoß an Romanen, auf deren Verkaufszahlen und vermeintlich hohes Niveau so neidisch geschielt wird. Vergessen wird, wieviel Schrott und Seichtheit monatlich auf den Markt kommt, wie wenig das Format hat, kommende Jahre zu überdauern. Unter deutschen Graphic Novels findet sich viel Gutes bis Großartiges, Mittelmaß selten, Schlechtes so gut wie nie."

Besprochen werden Annette Hugs "Wilhelm Tell in Manila" (SZ), Boualem Sansals "2084 - Das Ende der Welt" (FAZ) und Gerald Kershs Noir über Lidice "Die Toten schauen zu" von 1942 (Welt). Außerdem gibt es die KrimiZeit-Bestenliste für Mai.
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Musik

In Jordanien war ihnen der Auftritt kürzlich untersagt worden, nun tritt die libanesische Band Mashrou' Laila in Berlin auf. Im Tagesspiegel bringt Caroline Wölfle Hintergründe zu den Vorkommnissen in Jordanien. Den Behörden dürften wohl die Ansichten der Band zu heiß sein, denn sie ist in ihrer Heimat "auch deshalb so beliebt, weil sie von religiöser und politischer Freiheit singt, von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Weil sie sich mit ihren Songs für Bürgerrechte starkmacht und gegen Homophobie. ... In Jordanien hatten Politiker und Religionsvertreter für die Absage des Konzerts gesorgt, muslimische wie christliche, vorneweg die katholische Kirche. Sie werfen der Band unter anderem vor, zur Revolution aufzurufen und den Teufel anzubeten."

Weiteres: Gregor Dotzauer porträtiert im Tagesspiegel die Pianistin und Sängerin Clara Haberkamp. Außerdem lässt der SWR Eleonore Büning, Malte Hemmerich und Igor Levit darüber diskutieren, ob es heute noch Musikkritik braucht.

Besprochen wird das Geburtstagskonzert der Berliner Bach Akademie (Tagesspiegel) und das neue Album von Anohni, die zuvor Antony Hegarty hieß (Tagesspiegel).
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Bühne


Hindemiths Oper "Mathis der Maler" an der Dresdner Semperoper.

Lange hat es gedauert: Sowohl unter den Nazis, als auch unter der DDR-Führung konnte Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler" in Dresden nicht aufgeführt werden. In der Regie von Jochen Biganzoli und unter dem aufpeitschenden Dirigat von Simone Young (sie "knipst das Licht der Kapelle an") hatte das Stück nun an der Semperoper Premiere. In der FAZ kann Eleonore Büning der Botschaft "Geld regiert die Welt" zwar keinen Neuigkeitswert entnehmen, schwelgt dafür aber umso mehr in den musikalischen Darbietungen: "Kammermusikalisch klar konturiert ist die sich auseinanderfaltende Polyphonie, wie tonale Inseln schwimmen dazwischen die Klauseln und Kadenzen, und das kirchentonale Choralzitat von den drei Engeln, tonmalerisches Abbild der Tafel des Isenheimer Altars, dröhnt aus dem Graben, wie vom Himmel. Auch für die Sängerbegleitung kann man sich an diesem Abend keinen besseren Dirigenten denken als Young."

Weiteres: In der taz porträtiert Robert Matthies den Regisseur Simone Stone, dessen Ibsen-Inszenierung "John Gabriel Borkman" beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein wird: In dieser hat er das Stück "ins Internetzeitalter entführt und lässt lauter im Gestern stecken gebliebene Gespenster in einer surrealen Schneelandschaft herumschreien." Für die FR spricht Barbara Klimke mit der Renaissance-Forscherin Dora Thornton über die historischen Rahmenbedingungen zur Entstehungszeit von Shakespeares Stücken.

Besprochen werden Rosamund Gilmores Leipziger "Ring" (NMZ, Tagesspiegel) und Ingo Kerkhofs von René Jacobs dirigierte Inszenierung von Agostino Steffanis Oper "Amor fällt vom Himmel" an der Berliner Staatsoper ("eine Fundgrube musikalischer Volten und Überraschungen", entzückt sich in der SZ Wolfgang Schreiber über diese "Entdeckung").
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Design


Michel de Klerk, Anrichte, 1916-1917, Stedelijk Museum.

Die Architektur der Amsterdamer Schule ist bestens bekannt, ihr Wohndesign weit weniger. Schon deswegen leistet das Stedelijk Museum "Pionierarbeit" mit seiner Schau "Wohnen in der Amsterdamer Schule - Entwürfe für das Interieur 1910 - 1930", meint in der SZ Laura Weißmüller: "Die Gestalter wollten eine schönere Welt für jeden entwerfen, für den Bankdirektor wie für den Werftarbeiter. Dass ihnen das in der Architektur tatsächlich gelang - viele der Backsteinhäuser entstanden als sozialer Wohnungsbau - hatte mehr mit der Stadt als mit den Schöpfern zu tun. Denn der aufwendige Dekor, die geschwungenen Fassaden, Metallgitter und Schnitzereien kosteten. Amsterdam zahlte - und verbot gleichzeitig, dass sich die Architekten mit der Innengestaltung beschäftigten. Vermutlich aus pragmatischen Gründen."
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Film

Bastian Berbner porträtiert im Zeit-Dossier den amerikanischen Filmemacher Alan Hofmanis und seinen Kollegen Isaac Nabwana, die zusammen in Uganda No-Budget-Actionfilme drehen. Zum Star wurde Hofmanis, als er in Lederlatschen und weißer Kutte Jesus spielte: "Die Verehrung hat solche Ausmaße angenommen, dass Nabwana ihm eine Nebenrolle als Heiland in einem neuen, gerade erschienenen Film gegeben hat. Er handelt von einem Amok laufenden Kürbisgewächs - angeblich angelehnt an eine alte Sage, die von Nabwana zum ersten Mal verfilmt wurde. Wenn man mit 50 Menschen in einer video hall sitzt und diesen Film sieht, dann erlebt man das ganze Ausmaß der Kinobegeisterung: Der amerikanische Jesus flüchtet schreiend vor dem verrückten Kürbis, und das hat auf das Publikum ungefähr den gleichen Effekt wie ein Endspielsieg auf deutsche Fußballfans."

Und hier Nabwanas erster Actionfilm "Who killed Captain Alex?"




In Cem Kayas Essayfilm "Remake, Remix, RipOff" kann man einen Blick in die abenteuerliche Geschichte des türkischen Trivialfilms werfen, der sein niedriges Budget mit Einfallsreichtum und beherztem Umgang mit dem Urheberrecht ausglich, schreibt Thomas Groh in der taz: "Das hohe Produktionstempo, die defizitäre Technik und die erschwerten Bedingungen - Filmmaterial war selten, zweite Takes nicht möglich - führten zu einem ruppig-ungestümen, abenteuerlich unbeschlagenen Erscheinungsbild, das heute eher an Experimental- und Undergroundfilme als an dröges Formelkino denken lässt. In diesem wunderbar dreisten Zugriff auf Stoff und Material liegt der immense Reiz, den der türkische Trivialfilm auf Filmwissenschaftler und Exploitationkino-Archäologen ausübt." Der Film ist ab morgen auf Kinotour. Und arte hat ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur geführt:



1969 drehte Jacques Deray "Der Swimmingpool" mit Romy Schneider und Alain Delon. Mit "A Bigger Splash" hat Luca Guadagnino nun ein Quasi-Remake vorgelegt, mit Tilda Swinton und Ralph Fiennes in den Hauptrollen. In der Berliner Zeitung lobt Anke Westphal immerhin die "schöne Inszenierung" und Swintons "ausschließlich schwarz-weiße Kostüme - Stoffbahnen, die wie verwundete Vögel durch die Gassen des Inselzentrums flattern." Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel kriegt das Original nicht recht aus dem Kopf, der vorliegende Film wirkt auf ihn aber "bald ziemlich laut und lang und hässlich". Kevin Neuroth von critic.de sieht in dem Film unterdessen "eine rauschhafte Feier der Sechziger und zugleich ein bitterer Nachruf." Für die FAZ bespricht Andreas Kilb: Der Film habe "etwas gelernt", stellt er im Vergleich zum Original von 1969 fest.

Besprochen werden John Hillcoats Polizeithriller "Triple 9" (taz, critic.de), Karyn Kusamas auf DVD erschienener Film "The Invitation" (taz) und Moritz Siebert und Estephan Wagners beim Münchner Dokfilm-Festival gezeigter "Les Sauteurs" (SZ).
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Architektur


Renzo Pianos parlamentsgebäude in Valetta. Foto: RPBW

Wunderschön findet Roman Hollenstein in der NZZ Maltas Hauptstadt Valetta, und mit dem neuen Parlamentsgebäude hat Renzo Piano die Stadt auch in die Gegenwart katapultiert: "Die kariöse Gebäudehülle ist das Resultat neuster Computertechnik. Die massiven, einer Stahlkonstruktion vorgehängten Kalksteinplatten wurden auf der Nachbarinsel Gozo gebrochen und in Italien so zugeschnitten, dass sie eine Vielzahl verschatteter Fensteröffnungen aufweisen. Da Baulinien und Grundrisse nur eine beschränkte Geschossfläche erlaubten, enthält der Parlamentskubus neben dem Plenarsaal nur Servicezonen und Ruheräume, in denen man einen Kaffee trinken kann. Zum Essen aber müssen die Abgeordneten das Haus verlassen, was der Volksnähe ebenso dienlich sein soll wie der transparente Eingangsbereich. Dennoch fragt man sich, ob ein geerdetes Gebäude mit harmonisch strukturierten Fassaden in der Art von Rafael Moneos vielgelobtem Rathaus von Murcia an dieser Stelle nicht passender gewesen wäre."
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Stichwörter: Renzo Piano, Valetta, Malta