Efeu - Die Kulturrundschau

Hingabe an den Moment

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20.05.2016. Im New Yorker erklärt Elena Ferrante, warum sie nicht an Gott glaubt, aber an die Theologie. Das Art Magazin lernt von Fürst Hermann von Pückler-Muskau die  Wichtigkeit der Planung, der Auswahl der Pflanzen und der Blickachsen für die Gartenbaukunst. In Cannes streiten die Filmkritiker um Xavier Dolans Film "Juste la fin du monde". Die Musikkritiker scharen sich um Bob Dylan.

Film


Szene aus Xavier Dolans "Juste la fin du monde". Foto © Shayne Laverdière, courtesy of Sons of Manual

Endspurt in Cannes: Das hier vor zwei Jahren noch frenetisch gefeierte Indie-Wunderkind Xavier Dolan erzielte mit seinem neuen Film "Juste la fin du monde" bloß "sekundenkurzen Plätscherapplaus", erfahren wir von Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel: Der Film sei eine "schrille Stilübung, die von Anfang an heftig auf der Stelle tritt". Joachim Kurz von Kino-Zeit kommt zu einem ähnlichen Schluss, doch gibt es auch andere Stimmen: Frédéric Jaeger von critic.de hängt der Melancholie dieses "zerbrechlichen, kleinen, unvollkommenen, beschränkten und gerade deshalb großartigen Films" nach, wenn er schreibt, dass dieser am besten funktioniere "als Hingabe an den Moment, den der Film hinauszögert und der kaum zu erwarten ist. Gleich ist es so weit, gleich. Wenn die Versprechen nicht eingelöst werden, die Gesten wieder größer werden, die Hoffnung sich in Metaphern auflöst, dann will ich ganz dicht an diesen Bildern sein." Tim Caspar Boehme von der taz erlebte sogar einen Höhepunkt des Festivals: Dieser Film ist "eine Lehrstunde darin, dass sich echte Kommunikation stets da ereignet, wo sie misslingt", und "eine melancholische Allegorie auf das Gefängnis Familie".

In Cannes werde dieses Jahr bemerkenswert viel gelacht, stellt zudem Wiebke Husmann von ZeitOnline fest. Viele weitere Besprechungen vom Festival finden sich auf den fortlaufend aktualisierten Websites von Kino-Zeit und critic.de und bei der NZZ.

Besprochen werden die Komödie "Monsieur Chocolat" mit Omar Sy (SZ, FAZ), Robert Eggers' "The Witch" (FAZ, Perlentaucher), Bryan Singers neuer "X-Men"-Film (FR, Perlentaucher) und Bruno Podalydès Sommerkomödie "Nur Fliegen ist schöner" (Tagesspiegel).
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Literatur

So abgeschieden lebt Elena Ferrante gar nicht, auch wenn niemand weiß, wer sie ist. Im November erscheint in Amerika ein Buch von ihr mit Interviews, Briefen und Gelegenheitstexten. Der New Yorker bringt einen Auszug aus einem Gespräch der Autorin mit der jungen Kollegin Nicola Lagioia. Ferrante bekennt darin: "Seit ich fünfzehn bin, kann ich an keinen Gott im Himmel oder auf Erden mehr glauben. Wo immer sie ihn platzieren, er scheint mir gefährlich. Andererseits teile ich die Meinung, das die meisten unserer Begriffe aus der Theologie stammen. Theologie hilft uns zu verstehen, in welchen Untiefen wir bis heute Zuflucht nehmen. Und der Rest, da weiß ich nicht, was ich Ihnen erzählen soll. Ich fühle mich von Geschichten getröstet, die durch den Schrecken zu einem Wendepunkt gelangen, Geschichten, in denen jemand verschont wird als Bestätigung, dass Friede und Glück möglich sind."

Besprochen werden Reinhard Jirgls "Oben das Feuer, unten der Berg" (Tagesspiegel), James Rebanks: Mein Leben als Schäfer (Welt) und Selva Almadas Debüt "Sengender Wind" (FR).
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Kunst


Muskau, Pleasureground am Bad (Ausschnitt), aus: Hermann Fürst von Pückler-Muskau, Andeutungen über Landschaftsgärtnerei 1834 © Stiftung "Fürst-Pückler-Park Bad Muskau"

Die Bundeskunsthalle in Bonn verneigt sich derzeit mit einer großen Ausstellung vor dem preußischen Gartenkunst-Pionier Fürst Hermann von Pückler-Muskau, der sich für seine Kunst ruinierte. Alexandra Wach liefert im Art Magazin das Porträt dazu: "Die enormen Einnahmen aus seinen Reise-Bestsellern reichten irgendwann nicht aus, um den Verkauf der viel größeren Anlage von Schloss Muskau in der Oberlausitz abzuwenden. Seine Gartenbücher, allen voran die 'Andeutungen zur Landschaftsgärtnerei' von 1834, schöpften aus den Erfahrungen dieser 30 Jahre lang betriebenen idealen Schöpfung. Der Gartenfanatiker, der hier geboren worden ist, betont darin die Wichtigkeit der Planung, der Auswahl der Pflanzen und der Blickachsen. Für die Einsiedelei wurde in Muskau eigens ein Eremit per Zeitungsannonce engagiert. Der 'Pleasure-ground', die Rasenfläche direkt am Schloss, stand der Öffentlichkeit nicht zu. Den Rest teilte der Aristokrat aber mit Besuchern aus allen Schichten." Eine Besprechung der Ausstellung gibt's in der FR.

Weiteres: In der NZZ unterhält sich Katrin Schregenberger mit dem australischen Fotografen Warren Richardson, dessen Foto von zwei Flüchtlingen mit einem Baby zum World Press Photo des Jahres gekürt wurde.
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Bühne

Ein Festival der Unsicherheit erlebte Michael Isenberg (nachtkritik) in diesem Jahr beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens: "Projekte und Stücke halten sich wie im Vorjahr die Waage - harrend im Ungewissen des Umbruchs, den allzu direkten tagespolitischen Bezug scheuend. In seinem eröffnenden Impulsvortrag mahnte Milo Rau, Jury-Mitglied des letzten Jahrgangs, zu einer gewissen Gelassenheit, auch wenn sie der Ruhe vor einem möglichen Sturm gleichkomme: 'Natürlich, am Ende des Tages muss man Haltung beziehen, am Ende des Tages mag man gezwungen sein, ein Manifest zu unterzeichnen, in den Untergrund zu gehen oder jene zu unterdrücken, die der eigenen Meinung entgegenstehen', doch noch solle sich das Theater seine 'Unvoreingenommenheit', seine 'blanke Kindlichkeit' bewahren."

In der SZ resümiert Mounia Meiborg das Berliner Theatertreffen insgesamt: "Wenn man aus den zehn 'bemerkenswertesten' Inszenierungen einen Trend ableiten will, dann den: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Selten waren die Themen und Formen so divers."
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Stichwörter: Milo Rau, Theatertreffen

Musik

Bob Dylan wird dieser Tage 75 und ein neues Album hat er mit "Fallen Angels" auch herausgebracht, mit Liedern aus dem Great American Song Book, die man heute vor allem in der Interpretation von Frank Sinatra kennt. Da blasen die alten Herren des Musikjournalismus mächtig die Backen auf. In der SZ liefert uns Diedrich Diederichsen den pophistorischen Hintergrund: Dylan, Erfinder der souveränen Singersongwriter-Position, entdecke hier eine Songkultur wieder, die nicht auf die Identität zwischen Song und Interpret setzte: "Fast masochistisch Ton für Ton [lässt er sich] bis an die Grenzen der 75-jährigen Stimme genau vorgeben, was er zu tun hat - und triumphiert schließlich auch wieder fast mehr als Konzeptualist denn als Musiker oder Sänger, weil er auch mit diesen Exerzitien etwas Spezielles anzufangen weiß."

In der Berliner Zeitung lobt Frank Junghänel: "Bei seinen Ausgrabungen geht er achtsam wie ein Archäologe vor, mit Spatel und Pinsel befreit er die Songs von Geigen und Bläsern und Orchestern, er räumt Schicht um Schicht die Geschmäcker der Vergangenheit beiseite, bis das Skelett aus Melodie und Text bloßliegt." In der NZZ verneigt sich Martin Schäfer: "Bob Dylan als souveräner, alter Crooner - wer hätte das je erwartet? Aber er singt (und seine Band spielt) diesmal tatsächlich noch lockerer und eleganter als auf 'Shadows'." Alles Unsinn, diese "Pleitepolonaise" von einem Album soll der Teufel holen, schimpft Dietmar Dath in der FAZ: "'Fallen Angels' ist ein opportunistisch zusammengeraffter Radionachmittag, aufgenommen mit Ärmelschonern und in langen Unterhosen."

Weiteres: Diviam Hoffmann von der taz schwoft zu den entspannten Neokrautrock-Disco-Sounds des Schweizer Duos Klaus Johann Grobe. Edo Reents (FAZ) und Nadine Lange (Tsp) gratulieren Cher zum Siebzigsten.

Besprochen werden ein Konzert von Viviana Sofronitsky an der ETH Zürich (NZZ), David Böschs Inszenierung der "Meistersinger" in München (NZZ), Chris Cohens "As If Apart" (taz), Marissa Nadlers "Strangers" (Spex, The Quietus), sowie Konzerte von Gregory Porter (Tagesspiegel), Max Romeo (Tagesspiegel) und Nikolai Lugansky (Tagesspiegel).
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