Efeu - Die Kulturrundschau

Überraschend, unangenehm, erfrischend

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.05.2016. Maren Ade versetzt mit ihrer Komödie "Toni Erdmann" die deutschen Kritiker in Cannes in einen Kinoglücksrausch. Die NZZ reist zur Biennale nach Dakar. Die Welt erlebt bei der großen Kölner Fernand-Léger-Schau Natur und Technik in reinster Harmonie. In der FAZ hat Amir Cheheltan einige Fragen an die Funktionäre des Teheraner Literaturbetriebs. Im Tagesspiegel verteidigt Christiane Peitz die Empathie in der Kultur und den Flüchtling auf der Theaterbühne. Und Zeit Online bricht eine Lanze für Ambient.

Film




Hat gut lachen: Peter Simonischek als Festivalfavorit "Toni Erdmann".

Maren Ades Komödie "Toni Erdmann" versetzt die deutschen Kritiker in Cannes in Glücksgefühle. Selbst im internationalen Kritikerspiegel des Branchenblatts Screen bekommt der Film 3,8 Punkte, so viel wie noch nie ein deutscher Film. Nach dieser Komödie um eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung hat das Festival "verrückt gespielt", schreibt Tobias Kniebe in der SZ, und diese Aufregung habe sie "tatsächlich verdient." Der Film ist "überraschend, unangenehm, erfrischend sowie, mitunter, geradezu irrsinnig komisch", schreibt Lee Marshall für ScreenDaily. Tim Caspar Boehme von der taz bezeugt eine anarchische Komödie, "die mit überbordender Freude an Situationskomik völlig ernste Fragen über das Leben im Allgemeinen verhandelt, und zwar so, dass man aus vollem Herzen lachen kann, ohne dass der Erkenntniswert oder anderes darunter leiden müsste." Beatrice Behn von Kino-Zeit lobt schwärmerisch: "Ein Meisterwerk, nicht nur der deutschen, sondern der internationalen Filmkunst."

Ähnlich sehen das FR, critic.de, Tagesspiegel und die FAZ in ihrem Festivalblog. Rüdiger Suchsland von Artechock hält den Film allerdings nicht für so sensationell wie die Reaktionen darauf. Wenke Husmann von ZeitOnline hat mit Maren Ade gesprochen. Susanne Ostwald erlebt auf dem Festival für die NZZ eh einen Höhepunkt nach dem anderen.


Ein Grund zum Aufwachen: Adam Driver und Golshifteh Farahani in Jim Jarmuschs "Paterson".

Im Tagesspiegel ist Jan Schulz-Ojala auch hingerissen von Jim Jarmuschs "Paterson", der von einem Gedichte schreibenden Busfahrer erzählt: "Dieser Film ist zwar eine Liebeserklärung ans Schreiben und erst recht eine ans Lieben, zuallererst aber eine an das Sein. Nichts schöner, als für so etwas morgens zu erwachen ganz von allein. Weitere Besprechungen bei taz, Kino-Zeit, critic.de.

In der Welt ist Hanns-Georg Rodek auch sehr beeindruckt von Mohamed Diabs Film "Eshtebak", der vom Zusammenbruch des solidarischen Grundkonsens in der ägyptischen Gesellschaft erzählt: "Er spielt vor drei Jahren während der gewalttätigen Demonstrationen, die den Muslimbrüder-Präsidenten Mursi zu Fall brachten. In dem engen, stickigen Raum eines Gefängniswagens findet sich ein Querschnitt der ägyptischen Gesellschaft wieder, und zwischen den Lagern gibt es ein paar Akte individueller Hilfe, aber im wesentlichen Abgrenzung, Misstrauen, Hass."

Weiterhin aus Cannes besprochen werden Ken Loachs "I, Blake" (FAZ, FR) und Steven Spielbergs "Big Friendly Giant" (Kino-Zeit). Mehr Besprechungen und Neuigkeiten auf den fleißig aktualisierten Websites von critic.de und Kino-Zeit.

Abseits von Cannes: Für den Tagesspiegel spricht Carolin Haentjes mit Micah Magee über ihren Film "Petting Zoo". Besprochen werden Adolf Winkelmanns Verfilmung von Ralf Rothmanns Ruhrpottroman "Junges Licht" (FAZ, Intellectures), Matt Browns Biopic "Die Poesie des Unendlichen" über den Mathematiker S. Ramanujan (Tagesspiegel), Omar Fests "Remainder" (Das Filter), Christophe Honorés Verfilmung des französischen Kinderbuchklassikers "Les Malheurs de Sophie" (NZZ) und die neue "Game of Thrones"-Episode (ZeitOnline).
Archiv: Film

Kunst

Die Biennale von Dakar hat ihr künstlerischer Leiter Simon Njami unter den Titel der "Wiederverzauberung" gestellt. "Seien wir die Wilden, die zurückkommen an die Quelle der Dinge", schreibt er im Katalog. In der NZZ ist David Signer erleichtert, dass sich Afrikas Künstler nicht wirklich auf diese Form der kontinentalen Selbstexotisierung eingelassen haben. Er hat nämlich sehr eindückliche Aktionen und Performances erlebt: "Wie die Ägypterin Amira Parree, in unzählige Streifen schwarzen Papiers gehüllt, langsam über den Boden robbt, fast nicht mehr als Mensch erkennbar, ist unheimlich. In der Performance 'Chant des Couleurs' des Kameruners Bartélémy Toguo kontrastiert die Wut und Energie, mit der Hindernisse und alte Modelle zerschlagen werden, mit der Trauer des Sterbens. Somnath Mukherjee wirbelt kulturelle Zuschreibungen durcheinander, wenn er senegalesische Tänzerinnen makellose indische Tänze aufführen lässt. In Alexis Peskines Installation 'Raft of Medusa' stillt eine afrikanische Migrantin in Paris ein weißes Baby. Akirash Akindiya sorgt in den Straßen von Dakar für Aufruhr mit der Parade seiner halbnackten Lehmmenschen."


Fernand Léger und seine Studenten bei der Ausführung von Le Transport des Forces für das Palais de la Découverte, Exposition Internationale des Arts et Techniques, Paris, 1937, Foto: Therèse Bonney / The Bancroft Library, University of California, Berkeley


Diese Kunst braucht Größe, stellt Hans-Joachim Müller in der Welt im Kölner Museum Ludwig fest, die Fernand Légers Glauben an die Moderne sehr bildgewaltig in Szene setzen: "Es bündelt die Eindrücke, wenn man gleichsam ertrinkt in den 50 Quadratmetern Leinwand, die der Maler für die Weltausstellung in Paris 1937, also am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, mit welligen und gerüstähnlichen Bildzeichen füllt, um die überwältigten Sinne an 'Le Transport des Forces' (Kraftübertragung) zu erinnern. Was er sagen möchte, ist nichts weniger, als dass es um den harmonischen Austausch zwischen Natur und Technik ums Beste bestellt ist. Und nichts hat Fernand Léger von seinem lebenslangen Programm abbringen können, 'für die Schönheit des modernen Zeitalters Äquivalente zu finden'."

Georg Imdahl schreibt in der FAZ zum Tode des Künstlers François Morellet. Zeit Online bringt eine Strecke mit Fotografien von Nick Brandt.

Besprochen wird die Filminstallation "7 Tage" des Künstlerduos M+M im Museum für Fotografie in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Bühne


Szene aus Karin Beiers "Schiff der Träume" am Hamburger Schauspielhaus. Foto: Matthias Horn.

Wenn Flüchtlinge auf der Bühne stehen und dem Publikum für Kolonialismus und Kapitalismus die Leviten lesen, erteilt sich das bußwillige juste milieu im Theater selbst die Absolution? Solchen sarkastischen Einschätzungen erteilt Christiane Peitz in einem Essay über den Flüchtling auf der Bühne im Tagesspiegel eine klare Absage: "Empathie ist das Privileg der Kultur. Ohne Teilhabe, den Clash des Eigenen mit dem Anderen und die Vision einer offenen Gesellschaft wäre sie armselig. Es ist gut, wenn auch staatliche Bühnen ganz praktisch helfen." Wobei sie eindeutig für Werke plädiert, die sich nicht schon in der Stilisierung des eigenen Mitgefühls erschöpfen: Denn "was bitte erhellen die überwiegend plakativen Aktionen des chinesischen Konzeptkunst-Stars Ai Weiwei?"

Weiteres: Die FAZ hat Hubert Spiegels Gespräch mit der Schauspielerin Bettina Hoppe über Shakespeare, Frauenrollen und patriarchale Intendantenkultur online nachgereicht. Die AfD will die Potsdamer Aufführung des Stücks "Illegale Helfer" verbieten lassen, meldet Katrin Bettina Müller in der taz. Peter von Becker begibt sich auf die Suche nach dem bedeutendsten Theaterkritiker Berlins. Gerhard Stadelmaier schreibt in der FAZ zum Tod der Kostümbildnerin Moidele Bickel: "Das Theater wird ärmer." Einen weiteren Nachruf schreibt Peter von Becker im Tagesspiegel.

Besprochen werden ein Theaterprojekt über Migranten von Matteo Marsan, Dania Hohmann, Ulrich Waller bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (nachtkritik), Milo Raus "Five Easy Pieces" in Brüssel (nachtkritik), die Deutschlandpremiere von Joshua Harmons "Bad Jews" am English Theatre Frankfurt (FR) und Sebastian Hartmanns Adaption von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" am Deutschen Theater Berlin (taz), Daniela Löffners Inszenierung von "Mephisto" nach Klaus Mann am Schauspiel Bochum (nachtkritik, FAZ), Nuran David Calis' Münchner Bühnenadaption von Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" über den Genozid an den Armeniern (nachtkritik, SZ, FAZ) sowie Ives Thuwis' und Sebastian Nüblings Musik- und Tanztheaterabend "Melancholia" am Theater Basel (nachtkritik, SZ).
Anzeige
Archiv: Bühne

Literatur

Als ziemlichen Hohn empfindet der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan, dessen Roman "Der Kalligraf von Isfahan" in seiner Heimat nicht gedruckt werden durfte, die blumigen Sentenzen, die Funktionäre aus Politik und Kultur zu Beginn der Teheraner Buchmesse von sich gaben. In der FAZ schreibt er: "Der Direktor der iranischen Nationalbibliothek verliert kein Wort darüber, warum die Werke der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller des Landes, in einem Racheakt sämtlich der Opposition zugerechnet, in der iranischen Nationalbibliothek, der wichtigsten und größten Bibliothek des Landes, nicht existieren. Der Direktor dieser Bibliothek erklärt in seinem Zeitungsbeitrag übrigens auch: 'Das Lesen fördert die kulturelle Widerstandsfähigkeit!' Das Lesen welcher Bücher?"

In höchsten Tönen preist Ludger Lütkehaus in der NZZ Yan Liankes Roman "Lenins Küsse", als Buch von außerordentlichem Rang, vergleichbar nur noch mit Yu Huas "Brüder": "Es ist vielschichtig. Es verbindet abgrundtief wechselnde Stimmungslagen - tiefernste, bestürzende, bittere, zynische - mit komischen, heiteren, humoristischen, grotesken. Man liest es mit Spannung und Empathie."

Iris Radisch schreibt in einem online nachgereichten Zeit-Artikel über zwei der Öffentlichkeit bislang nicht bekannte Liebesbriefe zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann. Im bislang bekannten Briefwechsel stellen diese Blätter "ein Missing Link" dar: "Es sind Ausnahmebriefe, deren biografische und literaturgeschichtliche Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. 'Die Briefe zeigen', sagt (Herausgeberin) Barbara Wiedemann, 'dass es ganz viele Möglichkeiten gab, wie die Beziehung hätte werden können. Für Celan war es offensichtlich denkbar, seine Familie zu verlassen. Sie haben aber auch eine wichtige Bedeutung für manche Gedichte, die man vor diesem Hintergrund neu lesen muss.'"

Weiteres: In der FAS erklärt Michael Martens, warum der Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić auf das späte Kontaktgesuch Ernst Jüngers nie reagiert hat. Für die Tell Review berichtet Sieglinde Geisel vom Neuruppiner Reiseliteraturfestival "Neue Spur", das zwar "locker und entspannt" etwas "abseits des Literaturbetriebs" stattfinde, für diesen aber von "überraschender Relevanz" sei. Die FAZ hat Ursula Scheers Feature über die Autorin Elena Ferrante online gestellt. Lothar Müller empfiehlt in der SZ Düsseldorf, sich besser als "dritte Goethe-Stadt" zu positionieren. Außerdem eine sehr unterhaltsame Lektüre: Thomas Davids online nachgereichtes Gespräch mit Autor Feridun Zaimoglu über Schmuck, Stilfragen, Männer und Machogehabe aus der Aprilausgabe des Frankfurter Allgemeinen Magazins.

Besprochen werden Garry Dishers Krimi "Bitter Wash Road" (SZ, unsere Besprechung hier), Katharina Winklers "Blauschmuck" (FAZ), Kristina Schilkes Debüt "Elefanten treffen" (Tagesspiegel), Sarah Kuttners "180° Meer" (Zeit) und neue Hörbücher, darunter das zu John Dos Passos' "Manhattan Transfer" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Lars Gustafssons Gedicht "Es soll ein Tag sein":

"Es soll ein Tag Anfang August sein
die Schwalben fort, doch eine Hummel
noch irgendwo, die im Himbeerschatten
..."
Archiv: Literatur

Musik

Die alte Streitfrage: Ist Ambient bloße Wattierungs- und Tapetenmusik und damit des ideologiekritischen Generalverdachts würdig? Mitnichten, meint Nicklas Baschek auf Zeit Online und sieht sich mit den neuen Veröffentlichungen von Tim Hecker und Brian Eno als Kronzeugen auf der sicheren Seite: "Geht es nicht eigentlich darum, den Entdeckergeist zu wecken? Wie das Kind, das mit der Lupe den Käfer betrachtet, so ist es mit der Ambient Music unter Kopfhörern. Was höre ich da? Field Recordings wollen akustisch entschlüsselt werden. Lowercase, eine radikalisierte Form des Ambient, in dem leise und unhörbare Sounds extrem verstärkt werden, verführt dazu, in diese Stille genau hineinzuhorchen."

Weiteres: Udo Lindenberg wird 70 - für die SZ hat Torsten Groß ein langes Gespräch mit dem Panikrocker geführt, MDR (hier) und WDR (dort) ehren ihn mit Dokumentarfilmen und Porträts. Die taz-ler steuern zu Ehren des Geburtstagskindes kleine Erinnerungsnotizen bei: Es schreiben Julian Weber, Katrin Gottschalk, Jens Uthoff, Jenni Zylka, René Martens und Peggy Parnass. Matt Grosing porträtiert für Pitchfork den Outsider-Jazzer Sam Gendel und dessen Band Inga. Für die FR spricht Stefan Schickhaus mit Pianist Steffen Schleiermacher über den Komponisten Erik Satie. In der Royal Albert Hall hat Iggy Pop einen großen Auftritt hingelegt, berichtet Julian Marszalek auf The Quietus - und du liebe Güte, was für eine Power der gute Mann mit 69 Jahren noch hat. Hier umarmt er mal eben das ganze Publikum:



Besprochen werden neue Platten von James Blake und Christian Naujoks (Kaput), Ash Kooshas "I Aka I" (Jungle World), Miles Davis' "The Complete Prestige 10-Inch LP Collection" (Pitchfork) und ein Konzert von Gregory Porter (FR).
Archiv: Musik