Efeu - Die Kulturrundschau

Das Schattendasein von Blumenkübeln in der Fußgängerzone

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14.05.2016. Die Fassade kehrt zurück, jubelt die Welt und hofft auf ein Ende der gesichtslosen Architektur der Moderne. Aus Cannes dringen erste Euphorie-Eruptionen über Maren Ades "Toni Erdmann". Außerdem liefert Ken Loach Bewährtes und Bruno Dumont absurden Kannibalismus-Slapstick. Beim Berliner Theatertreffen wird über Kunst und Aktivismus diskutiert. Düsseldorf eben, denkt die SZ beim Schlendern durch die experimentell gestalteten Haltestellen der "Wehrhahnlinie". Und James Blakes neues Album ist selbst für James-Blake-Verhältnisse reichlich weinerlich ausgefallen, stöhnen die Kritiker.

Film


And now for something completely the same: Ken Loach bleibt sich treu - Respekt.

In Cannes kommt der Wettbewerb in die Gänge. Zu den Cannes-Veteranen zählt der Gesellschaftskritiker und Altlinke Ken Loach, der in "I, Blake" aufs Neue das britische Arbeitermilieu, dessen Sorgen und Nöte und wiederum deren Verwaltung in den Blick nimmt. Mit seiner Holzhammermethode bringt der Filmemacher allerdings bloß "ein gut gespieltes Pamphlet" zustande, meint Tim Caspar Boehme in der taz. Stimmt schon, schreibt dazu Lukas Stern auf critic.de: "Loachs Perspektive auf den Stellenwert der Menschenwürde in dieser Welt aus grauen Stellwänden [ist] sicher nicht die subtilste - dafür ist sie aber konsequent." Konsequent bis kurz vorm Altersstarrsinn, könnte das Fazit aus Joachim Kurz' Besprechung lauten. Doch der Kritiker wägt ab: "andererseits ist es unendlich wichtig, dass sich Menschen wie Ken Loach und Daniel Blake nicht ändern, nicht anpassen, sondern dass sie sich selbst treu bleiben. Und gerade das verdient unseren ganzen Respekt."

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel lauscht unterdessen allerlei Gerüchten und hat nebenbei auch noch einen Heidenspaß bei Bruno Dumonts "Ma Loute": Der bewege sich "irgendwo zwischen Kulleraugen-Stummfilm und Roy Andersson auf Dope, dazu fett Abgase aus 'Die strunzdumpfen Bullen in ihren knatternden Kisten' (...), abgeschmeckt mit Pfeffer von Molière und köstlich ungenießbarem Runkelrüben-Racine, und das Ganze kannibalistisch angerichtet als Commedia dell'Aristokratenschwarte." Auch Joachim Kurz von Kino-Zeit versichert: "Dumont [zieht] wirklich alle Register des absurden Slapstick." Frédéric Jaeger von critic.de hat "unglaublichen Spaß."


Großer Jubel: Maren Ades "Toni Erdmann" ist Kritikerliebling.

Und dann lief noch Maren Ades Komödie "Toni Erdmann", der erste deutsche Film im Cannes-Wettbewerb seit 2008. Texte sind noch kaum zu finden, doch die ersten Reaktionen auf Twitter sind schier überwältigend in ihrer Euphorie: Hier die Wortmeldungen von Dominik Kamalzadeh, Joachim Kurz, Thomas Abeltshauser und Beatrice Behn. Auch die internationalen Filmkritiker halten den Film für eine Wucht - so etwas hat man wirklich schon lange nicht mehr erlebt. "A humane, hilarious triumph", jubelt bereits Variety - wir sind gespannt auf den 14. Juli, dann läuft der Film in Deutschland an.
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Literatur

Weltweit (nur noch nicht in Deutschland, da die betreffenden Romane erst im Herbst erscheinen) rätselt man über die Identität der Autorin hinter dem Pseudonym Elena Ferrante, deren seit 2011 erschienenes Hauptwerk, vier zusammenhängend konzipierte Neapel-Romane, derzeit Heerscharen von Lesern in ihren Bann schlagen. In der FAZ bringt Ursula Scheer dazu Hintergründe - und versichert dem deutschen Lesepublikum in spe zugleich, dass "das Geheimnis der Tetralogie (...) ohnehin nicht im Drumherum, in der Verpackung oder dem atemlosen 'Whodunit' um die Autorin [liegt], sondern in ihren Büchern selbst. Elena Ferrante versteht es, mit großem handwerklichem Geschick eine Geschichte in die nächste zu flechten, bis sie nicht nur das Innenleben einer Frauenfreundschaft charakterisiert, sondern ein großes Thema nach dem anderen eingewoben hat." Mehr zum Phantom Ferrante brachte die NZZ im April.

Weiteres: Martin Gehlen bringt in der FR Hintergründe zur Inhaftierung des ägyptischen Schriftstellers Ahmed Naji, der am Montag vom PEN-Club mit dem "Freedom to write"-Preis ausgezeichnet wird. In der taz setzt Ulrich Gutmair die Lektürechronik zu Maxim Billers Roman "Biografie" fort (hier alle Lieferungen im Überblick). In der Literarischen Welt geht Wieland Freund mit dem englischen nature writer Robert Macfarlane im Berliner Mauerpark spazieren. In der FR schreibt Oleg Jurjew zum 100. Todestag von Scholem Alejchem.

Besprochen werden Saša Stanišićs "Fallensteller" (taz), ein Hörbuch von Charlotte Brontës "Jane Eyre" (taz), André Hellers "Das Buch vom Süden" (Zeit), Erwin Berners "Erinnerungen an Schulzenhof" (FR), Peter Handkes "Von der Baumschattenwand nachts" (FAZ) und das von Claudia Ott ins Deutsche übertragene "glückliche Ende" von "Tausendundeiner Nacht" (SZ).
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Kunst

Im Gespräch mit Andreas Hartmann und Karsten Thielker von der taz erzählt der kürzlich aus New York in seine Heimatstadt Berlin zurückgekehrte Künstler Jim Avignon von seinem zwischenzeitlichen Ausverkauf: "In den 90ern habe ich viel in Technoclubs gemalt. Techno war das neue heiße Ding, aber Clubs waren dunkel und voller Nebel, und so waren Bilder von mir in den Clubs dankbare Bildmotive für die Trendmagazine. Ich konnte mich bald vor Anfragen, Werbung für Zigaretten oder was weiß ich zu machen, kaum retten, und ein paar der lukrativsten Angebote habe ich angenommen. Aber nach zwei Jahren war ich völlig ausgebrannt. Ich schwamm in Geld, hatte aber überhaupt keinen Plan, was ich mit all dem Geld machen sollte. Gegenüber meiner Szene hatte ich ein schlechtes Gewissen, ich fühlte mich wie ein Verräter meiner eigenen Philosophie. Ich habe dann ständig Freunde eingeladen und geschaut, dass ich die 100.000 Mark schnell wieder loswurde."

Besprochen werden die Ausstellung "Die Vermessung des Unmenschen" im Lipsiusbau in Dresden (SZ) und "Gärten der Welt" im Museum Rietberg in Zürich (NZZ). Die Zeit hat Hanno Rauterbergs Bericht von der Wiedereröffnung der Hamburger Kunsthalle online nachgereicht.
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Bühne


Spannung zwischen Retro und Science Fiction: Henrik Ibsens "Volksfeind" (Foto: Tanja Dorendorf)

Beim Berliner Theatertreffen stand Stefan Puchers Ibsen-Inszenierung "Volksfeind" auf Grundlage einer Umschreibung von Dietmar Dath auf dem Programm. Christine Wahl vom Tagesspiegel war von der Vorführung eher befremdet: "Das abendfüllende Online-Medienbashing und Doktor Stockmanns Demokratie-Ressentiments (...) klingen hier seltsam vorgestrig, älter fast als in Ibsens Original. Auch macht sich gediegener Konservatismus unter der hippen Inszenierungsoberfläche breit." Zwar spiele die Inszenierung "bewusst mit der Spannung zwischen Retro und Science Fiction. Trotzdem wird man den Verdacht nicht los, dass dem Abend ein Großteil seiner ältlichen Wirkung eher unfreiwillig unterläuft."

Ist das denn noch Kunst? Über diese Frage angesichts des an vielen Orten zusehends in Sozialarbeit und Aktivismus diffundierenden Betriebs diskutierten beim Theatertreffen die Juroren Barbara Burckhardt und Peter Laudenbach, dessen Antwort auf erstere die taz in einer gekürzten Version bringt (im Blog der Berliner Festspiele gibt es die lange Fassung zum Lesen und Nachhören). Dem vorangegangen war eine Erklärung von Barbara Burckhardt, warum die Jury eine Dresdner, "hochemotionale" Anti-Pegida-Aufführung nicht nach Berlin geladen hat: Denn "am Ende stand das Publikum auf und hörte nicht auf, zu applaudieren. Das war der stärkste Moment des Abends, ein Akt der Selbstvergewisserung der anderen Dresdner. Bühne und Zuschauer formierten sich gemeinsam zur Gegenstimme. ... Wir hätten ja das Publikum mit einladen müssen. Und die Mehrheit der Jury entschied: Die Kunst sollte nicht kapitulieren vor dem Engagement, auch nicht auf Zeit. Wir hielten weiter Ausschau nach Arbeiten, die die Gegenwart und unsere Verunsicherung in ihr benennen, dafür aber auch nach einer künstlerischen Form suchen." Dem hält Laudenbach entgegen: "Auch politisches Theater als Feier der Gesinnungsgemeinschaft (...) ersetzt keine echte Demonstration zum Beispiel gegen die AfD. Selbst die klügsten und radikalsten Aktionen des politischen Theaters der letzten Jahre - 'Die Toten kommen' und die Mauerkreuze des Zentrums für politische Schönheit - waren so wichtig und wirkungsvoll, weil sie Konflikte symbolisch verdichteten - und nicht etwa, weil vor dem Kanzleramt der Rasen beschädigt wurde." Beim SWR diskutierten Barbara Burckhardt, Matthias Lilienthal und Peter Spuhler über diese Frage.

Besprochen werden Sebastian Hartmanns "Berlin Alexanderplatz"-Adaption am Deutschen Theater Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Stefan Puchers Adaption von T.C. Boyles "América" an den Münchner Kammerspielen (SZ), "Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz in Bern (NZZ), Dimitri Tscherniakows Inszenierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" am Zürcher Opernhaus (Welt) und Mariame Cléments Straßburger Inszenierung von Richard Wagners früher komischer Oper "Das Liebesverbot" (FAZ).
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Musik

Das neue Album "The Colour in Anything" von James Blake ringt Jens Balzer von der Berliner Zeitung und Julian Weber von der taz einiges ab. Hier liegt "ein in seinem ausweglosen Narzissmus tief berührendes und deprimierendes Werk" vor, schreibt Balzer. Blake, mit seinem Debüt vor einigen Jahren noch Impulsgeber, was die Dialekik von Melancholie, Narzissmus und Technologie betrifft, wirke wie "von seiner Kunst überholt", schreibt er weiter: "In der lässigen Anverwandlung der neuesten Technik für die ältesten romantischen Klagestimmungen wirkt seine Kunst heute ebenso prometheisch wie pueril, ebenso größenwahnsinnig wie kleinlaut verwinselt." Weber ist da weit weniger um klare Worte verlegen: "Weniger wäre mehr gewesen", stöhnt er angesichts einer Spieldauer von nahezu 75 Minuten. Das Album sei ein "Showcase für seine Falsettstimme", meint er weiter: "Das ist betrüblich, denn selbst geschmackvoll ausgewählte Zitate aus Trapbeat und Glitch-Techno führen bei ihm das Schattendasein von Blumenkübeln in der Fußgängerzone: nett gemeint, aber voll öde." Und in der Welt stellt Ivo Ligeti fest: "Es ist Blake noch nie so gut gelungen, seinen Gemütszustand in Worte zu fassen - doch er ist auch noch nie so sehr daran gescheitert, ihn zu vertonen."

Weiteres: Erst Kendrick Lamar, dann David Bowie und jetzt PJ Harvey - das Saxofon kehrt in die Popmusik zurück, bemerkt Torsten Groß in der SZ. FAZlerin Eleonore Büning spricht mit Iván Fischer über dessen Budapest Festival Orchestra, das in seiner Heimat derzeit enormen, von Etatkürzungen bis zu öffentich bekundeten Schmähungen reichenden Anfeindungen durch die Politik ausgesetzt ist. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Jürgen Kaube dem Gitarristen Robert Fripp von King Crimson zum 70. Geburtstag. Brigitte Schokarth unterhält sich im Kurier mit dem österreichischen Rapper Nazar. Holger Kreitling berichtet für die Welt aus Stockholm von den Vorbereitungen zum ESC.

Besprochen werden ein Konzert von Grigory Sokolov (Tagesspiegel), das neue Radiohead-Album (The Quietus), das neue Album von Mark Pritchard (Das Filter), Anohnis neues Album "Hopelessness" (taz, mehr dazu hier und hier), das Debüt von Oum Shatt (taz), ein Konzert von Tim Hecker (taz) und neue Punk- und Hardcore-Veröffentlichungen (The Quietus).
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Architektur

In Lübeck, Frankfurt und Berlin entstehen Gebäude, die benachbarten Altbauten nachempfunden sind, berichtet Rainer Haubrich in der Welt und schöpft Hoffnung, dass dieser Trend die gesichtslose Architektur der Moderne endlich ablösen könnte. Von Architekten und Kritikern werde diese Wende allerdings mit Protest begleitet: "Für gläubige Modernisten ist das alles ein einziger Albtraum... [Sie] führen einen erbitterten Abwehrkampf gegen die 'Ketzer', gegen den in ihren Augen 'restaurativen' Trend in der Architektur unserer Zeit. Sie können nicht anders, als ihn politisch zu lesen. Dabei geht es vor allem um die Restauration von handwerklicher Qualität, von sprechenden Details, von Alterungsfähigkeit, es geht um die Anbindung heutiger Architektur an eine jahrhundertealte Bautradition, die von der Moderne entsorgt worden war. Die neue klassische Fassadenkunst hierzulande ist eine Antwort auf das Elend aktuellen Bauens, das hochmütig allein für sich in Anspruch nimmt, 'zeitgenössisch' zu sein."


Düsseldorf eben: Der von Heike Klussmann gestaltete U-Bahnhof Pempelforter Straße (Foto: GodeNehler)

Seit Februar haben die Düsseldorfer die werbefreie und gezielt auf ästhetischen Wert hin konzipierte "Wehrhahnlinie" im U-Bahnnetz. In der SZ fragt sich Gerhard Matzig, wie die Bevölkerung ihre experimentell gestaltete "Kunst-U-Bahn" auffasst. Die Reaktionen fallen von perplex bis staunend, in jedem Fall aber eher positiv aus - ganz im Gegensatz zu München, wo auf ästhetische Eingriffe in U-Bahnhöfen meist erbitterte Debatten folgen, erklärt Matzig: "In Düsseldorf sagt man angesichts einer U-Bahnlinie, die sich der Kunst verschrieben hat, im schlimmsten Fall: pffffft. Und oft zuckt man mit den Schultern, sagt 'toll, ganz toll' und denkt sich: Düsseldorf eben. Kunststadt halt. Keine Werbung. Kein Kiosk. Dafür Weltraum, Poesierätsel und ein Sound, der Nadine die Kopfhörer aus den Ohren klingelt. Eine U-Bahn in Auftrag geben und eine Kunstareal geliefert bekommen. Düsseldorf eben. Herrlich."
Archiv: Architektur