Efeu - Die Kulturrundschau

Irres Potenzial zur Freiheit

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26.02.2016. Die Stadt Leverkusen plant, das renommierte Museum Schloss Morsbroich zu schließen, um ihren Haushalt zu sanieren. In einem Offenen Brief protestiert Gerhard Richter, meldet die Welt. Braucht es eine Quote für Diversität im Kino? Ein pro und contra in Zeit online. Statt Blackfacing Whitefacing: Die SZ bewundert Christian Weises "Othello"-Inszenierung am Maxim Gorki Theater. Claus Peymann wird an der Burg die Uraufführung von Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" inszenieren, freut sich jetzt schon die FR.

Kunst

Gerhard Richter hat in einem offenen Brief gegen Pläne in Leverkusen zur Schließung des Museums für Gegenwartskunst Schloss Morsbroich protestiert, meldet Swantje Karich in der Welt. Die selben Politiker, die zehn Jahre lang Schulden aufgehäuft haben, wollen jetzt offenbar das hochrenommierte Museum schließen und die Bestände verkaufen, um ihren Haushalt zu sanieren (mehr im Kölner Stadanzeiger): "In den vergangenen Monaten stand der Direktor des Hauses Markus Heinzelmann mächtig in der Kritik, sein Haus wurde von der Politik als 'elitärer Schuppen' beschimpft. Man forderte außerdem den Verkauf eines Gemäldes von Gerhard Richter, um den Haushalt auszugleichen. Heinzelmann wehrte sich. Nun aber macht die Stadt ernst. Wie es aussieht, wird sogar in Erwägung gezogen, die Bestände ganz aufzulösen. Und nicht nur Gerhard Richter tobt."

Wie sehr sich Rom verändert hat, kann man jetzt in einer Fotoausstellung im Museo Vela in Ligornetto, erzählt Roman Hollenstein in der NZZ: "An den Tiber-Veduten allein könnte man die Geschichte der frühen römischen Fotografie abhandeln, die sich nachfragebedingt vor allem um Stadtansichten drehte. Stellten doch fast alle namhaften Fotografen, die seit den frühen 1840er Jahren das moderne Rom in ihren Bildern festzuhalten suchten, ihre sperrigen Kameras an jener Uferböschung auf, wo heute die Umberto-Brücke steht. Mit dem Tiber-Sujet konnten sie nämlich schon früh Terrain auf dem bis über die Jahrhundertmitte hinaus von traditionellen Stichen beherrschten Souvenirmarkt gutmachen."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung Die Ausstellung "Dada anders" mit Dada-Kunst von Künstlerinnen im Zürcher Museum Haus Konstruktiv (NZZ), eine Pipilotti-Rist-Ausstellung im Kunsthaus Zürich (NZZ), die Stephen-Shore-Retrospektive im C/O Berlin (FAZ), Ben Willikens' Bildband "Leipziger Firmament" (SZ) und Joan Mirós Schau "Wandbilder - Weltenbilder" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn (FAZ).
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Film

Am Wochenende werden die Oscars verliehen. In den vergangenen Wochen ist neuerlich eine Debatte darüber entbrannt, ob es den Academy Awards an Diversität mangelt. ZeitOnline lässt diskutieren: Braucht es eine Quote für das Kino? Ja, meint Marie Schmidt. "Wenn es je die Möglichkeit gibt, dass wir die Perspektiven anderer übernehmen, uns selbst vergessen, radikal den Horizont wechseln und die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Welt auch ganz anders aussehen könnte, dann, wenn wir uns Kunst ansehen, Bücher lesen und Filme gucken. Da liegt ein irres Potenzial zur Freiheit, Empathie und zum Fortschritt." Eine Gegenposition macht Wiebke Porombka stark: "Wenn uns durch eine Quote in Filmen oder in der Literatur eine ideale, weil diskriminierungsfreie Gesellschaft vorgeführt wird, dann können wir uns problemlos und beruhigt zurücklehnen, weil die Kunst uns vorgeführt hat, dass die Wirklichkeit keinen Verbesserungsbedarf hat. Die Quote trübt also den Blick auf die tatsächlichen gesellschaftlichen Zustände."

Weiteres: Christiane Peitz spricht im Tagesspiegel mit Michael Moore über die Vorzüge Europas. Matthias Heine stellt in der Welt das Computerspiel "Far Cry Primal" vor, für das Linguisten unsere Ursprache Proto-Indoeuropäisch rekonstruiert haben.

Besprochen werden Tom McCarthys Journalistendrama "Spotlight" (Jungle World, NZZ, mehr im gestrigen Efeu), Deniz Gamze Ergüvens "Mustang" (Welt), Ben Stillers neuer "Zoolander"-Film (SZ) und Andreas Maus' Dokumentarfilm "Der Kuaför der Keupstraße" (Tagesspiegel, taz).
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Literatur

In der taz erinnert Ulrich Rüdenauer an den vor hundert Jahren gestorbenen Schriftsteller Henry James. In der FAZ schreibt Jürg Altwegg zum 60. Geburtstag von Michel Houellebecq, der heute auch das Erscheinen des ersten Bandes seiner Gesamtausgabe bei Flammarion feiern kann.

Besprochen werden Jiří Kratochvils Roman "Gute Nacht, liebe Träume" (NZZ), Ta-Nehisi Coates' "Zwischen mir und der Welt" (Freitag), Catalin Dorian Florescus "Der Mann, der das Glück bringt" (Tagesspiegel) und Nicholson Bakers "Das Regenmobil" (SZ).
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Musik

Knut Henkel stellt in der NZZ das israelische Pop-Duo Echo & Tito vor.

Besprochen werden neue Alben von Moodymann und MM Studio (taz), das Album "Painting With" der amerikanischen Hipster-Band Animal Collective (NZZ) und ein neues, von den br-Symphonikern aufgeführtes Akkordeon-Konzert von Georges Aperghis (SZ).
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Bühne


Szene aus "Othello" in der Inszenierung von Christian Weise am Maxim Gorki Theater. Bild: Ute Langkafel

Vor dem Hintergrund der Debatten um Blackfacing und dem Rigorismus, mit dem etwa Matthias Lilienthal sich dagegen ausspricht, findet SZ-Kritiker Peter Laudenbach die aktuelle "Othello"-Inszenierung am Berliner Maxim Gorki durch Christian Weise mit Taner Șahintürk in der Titelrolle von einigem Interesse: Fragen nach Diversität, Identitätskonstruktionen und Repräsentanz von Minderheiten würden hier "in aller Widersprüchlichkeit, Doppelbödigkeit und Ambivalenz durchgespielt. Șahintürks Othello ist weiß, ein Fremdkörper ist er trotzdem. Denn die übrigen Figuren sind clownesk weiß geschminkt, es sind hochtourig laufende Virtuosen des Grimassierens. ... Wir sehen all die Vertreter der weißen Mehrheitsgesellschaft wie durch einen Zerrspiegel von Othellos Wahrnehmung - lauter grinsende, aufgekratzte, mitleidlose, seltsam eindimensionale Monster." (Mehr zum Stück in der nachtkritik mit Hinweisen zu weiteren Kritiken)

Claus Peymann kehrt für die Inszenierung der Uraufführung von Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" ans Wiener Burgheater zurück - "das ist das Theaterereignis des Jahres", freut sich Dirk Pilz jetzt schon in der FR und erinnert sich wehmütig an die wilden Zeiten, als Peymann das Kulturleben Wiens aufmischte. "Peter Handke hat eine Welttheaterkomödie geschrieben. Ein gewagtes, verrücktes Drama, ein 'Landstraßenstück', wie er sagt, und es sind die aberwitzigsten Länder, durch die es führt. Handlung hat es im herkömmlichen Sinne keine, Figuren oder Konflikte auch nicht. Das also darf Claus Peymann inszenieren."

Besprochen werden Ted Brandsens Mata-Hari-Choreografie "Die Frau, die Diva, das Mysterium" am Amsterdamer Musiktheater (Welt) und eine mit gerade einmal vier Schauspielern bestrittene Inszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" in Paris (SZ).
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