Efeu - Die Kulturrundschau

Die is-ness der Welt

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19.12.2015. Zum hundertsten Geburtstag stimmen NZZ und Welt eine Hymne auf Edith Piaf an und attestieren ihr Pathos ohne Pathetik. Zwischen Pathos und Pathos-Distanzierung verorten die Kritiker Leander Haußmanns Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Berliner Ensemble. Die Konversation über Serien hält die Gesellschaft zusammen, allerdings im Modus des verklemmten Schulhofgesprächs, meint Diedrich Diederichsen in Cargo. Die SZ erinnert an die Zeit, als Thomas Bernhard noch ein schlechter Journalist war.

Film

Alle reden über Serien - also auch Diedrich Diederichsen und Simon Rothöhler in einem ausführlichen, analytischen Gespräch, das wir aus der aktuellen Printausgabe der Filmzeitschrift Cargo übernommen haben. Befindet sich die Serienkultur im "post-kanonischen" Stadium? Folgt der Modernisierung die Konventionalisierung des neu errungenen Qualitätsniveaus? Warum sind Serien das einzige, auf was sich gesellschaftliche Konversation tatsächlich noch einigen kann? Für Diederichsen liegt in dieser Konversationskultur ein Knackpunkt: Es ist "wie auf dem Schulhof, in der Adoleszenz, als man sich eigentlich kaum noch mit jemandem über irgendetwas unterhalten konnte, weil man gerade so stark und peinlich individuierte - außer eben über das, was am Vorabend im Fernsehen gelaufen war. Auch und gerade, wenn man das, was da gelaufen war, nicht gut fand. Dieser Gesprächsstoff ist dicht genug, wie das wirkliche Leben, aber man kann sich bei aller Immersion und Involviertheit noch distanziert genug darüber äußern, kann fanatisch sein, ohne sich eine Blöße zu geben. Heute dienen Seriengespräche einerseits als sozialer Kitt in diesem Sinn (...), andererseits ist die Serienrezeption mit einem Cocoon-artigen Rückzug verbunden. Das korrespondiert mit typischen Adoleszenzkonflikten: zwischen Sozialisierung und Individuation. Man wohnt noch zu Hause, ist aber eigentlich schon woanders."

Weiteres: Für die SZ trifft sich David Steinitz mit Cate Blanchett und Rooney Mara, den beiden Hauptdarstellerinnen aus Todd Haynes' neuem Film "Carol". Im Tages-Anzeiger unterhält sich Matthias Lerf mit dem Schauspieler John Turturro über dessen Rolle in Nanni Morettis "Mia Madre". Besprochen wird der brasilianische Animationsfilm "Der Junge und die Welt" (Tagesspiegel).
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Kunst

Für die Zeit zwischen den Jahren noch nichts vor? Dann auf nach Wien, ruft uns Arno Widmann in der FR zu, denn die Albertina zeigt eine große Schau von Edvard Munchs Druckgrafiken, die einen detallierten Einblick in die Arbeitsweisen des Künstlers gestatten. Sie "zeigt, wie stark für Munch der Reiz der Reduktion war, wie attraktiv die Verwandlung der Wirklichkeit in ein Symbol. Noch packender aber ist es zu beobachten, wie er immer wieder diese Verwandlung durchspielt. Hin und zurück. Wie ein Chemiker eine Substanz zerlegt und wieder neu zusammensetzt. Der Zauber der Verwandlung von dem, das ist, in etwas, das etwas bedeutet. Eine Transsubstantiation."


Kasimir Malewitsch: Das Schwarze Quadrat, 1915.

Heute vor 100 Jahren wurde in der "0,10"-Ausstellung in St. Petersburg Malewitschs "Schwarzes Quadrat" aufgehängt - einer der Begründungsmomente der gegenstandslosen Kunst. Auffallend sei, dass "Würdigungen ausgerechnet in Russland kaum stattfinden, und wenn doch, werden sie wenig beachtet", bemerkt Wladimir Velminski im Freitag. In der taz bringt Sonja Vogel historische Hintergründe und berichtet von neuen, mit moderner Infrarottechnik gewonnenen Forschungsergebnissen: "Gleich zwei Farbgemälde entdeckten die Forscher unter dem Quadrat. Eine kubofuturistische und eine protosuprematistische Komposition", die Schlüsse auf Malewitschs Inspiration zulassen: "Malewitsch hatte also ein Vorbild für sein Quadrat. Ändert das nun seinen revolutionären Einfluss? Wohl kaum."

Besprochen wird Agnès Vardas Fotoausstellung "Varda/Cuba" im Centre Pompidou (online nachgereicht von der FAZ).

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Musik

Zum hundersten Geburtstag stimmt Tilman Krause in der Welt eine Hymne auf Edith Piaf an: "Als 'Stimme der Pariser Arbeiterklasse' hatte sie begonnen, als 'Spatz von Paris' wurde sie lange vermarktet, aber als Frankreich aus dem Albtraum des Zweiten Weltkriegs erwachte, da verkörperten ihre Lieder das Lebensgefühl von Menschen, für die Freude, Glück und Wohlergehen immer von schlimmen Erinnerungen an andere Zeiten grundiert waren. Die Geste der Selbstbehauptung, aber auch die unendliche Dankbarkeit, noch am Leben zu sein, sie sind den größten musikalischen Erfolgen dieser Frau eingeschrieben. Und das hat man damals auf der ganzen Welt verstanden. Das teilt sich auch uns Nachgeborenen mit. Es verleiht diesen Liedern eine Tiefe und Schwere, die populäre Musik sonst nicht hat."

In der NZZ erinnert Marc Zitzmann an Piafs letzte Jahre, in denen die Sängerin von Rauschmittelsucht und Krankheiten gezeichnet auf der Bühne stand: "Fast ein Wunder, wie die vom Leben verbrauchte Puppe im verschlissenen kleinen Schwarzen, wie die kindliche Greisin vor der Zeit mit der Riesen-Stirn unter dem zerrupften Haar und den zu bleichen, zu großen, aber wie ausdrucksvollen Händen da Abend für Abend auf der Bühne zum Leben erwacht - und sich in eine Welle aus Licht, aus Kraft und Zuversicht verwandelt. Ton- und Filmaufnahmen halten unbezahlbare Momente fest, wo Piaf ihre Gebrechen, die Betäubungskraft des Morphins und häufig auch mediokre Partituren transzendiert, um Phrasierungen, Intonationen und Akzente zu finden, die nur ihr gehörten. Pathos ohne Pathetik, Tragik ohne Tränen."

Hier zu sehen in einem eindrucksvollen Konzert in Nimwegen aus dem Jahr 1962, ein Jahr vor ihrem Tod:



Weiteres: In der Welt berichtet Hannes Stein von Igor Levits Goldberg-Variationen-Performance in der New Yorker Armory-Halle. Besprochen wird das neue Buch "1966 - The Year the Decade exploded" von Pophistoriker Jon Savage (taz).
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Literatur

Karl-Markus Gauss staunt in der SZ nicht schlecht über den letzten Band der großen Thomas-Bernhard-Werkausgabe, der die frühen journalistischen Arbeiten des österreichischen Schriftstellers versammelt. Der spätere sprachmächtige Grantler zeigt sich darin nämlich von einer erstaunlich schwachen Seite. Etwa wenn er von Nazilyrikern schwärmt, in Gerichtsreportagen Partei für die Staatsgewalt ergreift und in seinen impressionistischen Schilderungen zu naheliegenden Klischees greift: "Wie aus diesem unglücklichen Jüngling jener Autor werden konnte, dessen Bücher in aller Welt gelesen werden, und wie es zu jenem glücklichen Punkt des Umschlagens kommen konnte - das ist aus dem frühen journalistischen Werk schlichtweg nicht zu ersehen. Das macht das Ereignis freilich noch rätselhafter, und Wunder sind ja gerade deshalb welche, weil sie nicht zu erklären sind."

2016 wird nicht nur Shakespeare- und Cervantes-, sondern auch Henry-James-Jahr. In der Literarischen Welt referiert Elmar Krekeler das Leben des amerikanischen Schriftstellers, der am 28. Februar 1916 in England gestorben ist: "Henry James sammelte Freunde diesseits und jenseits des Atlantiks und blieb doch ein Fremder, ein Zaungast. Er war der Kosmopolit unter den spätviktorianischen Schriftstellern, ein Meister der Welterfahrung 'on both sides of the sea', so steht es auf seinem Grabstein. Niemand hätte die Vielfahrerkarte einer Schifffahrtsgesellschaft, wenn es sie denn gegeben hätte, derart strapaziert wie Henry James. Im Leben und in der Liebe - so wenig wir darüber wissen - war er ein Zauderer, ein Beziehungsverhinderer. Denn allzu viel Nähe hätte einen argen Einbruch der Welt in seine Kunst bedeutet. Frauen scheiterten gleich reihenweise an seinen Mauern, und zumindest eine starb dabei."

In der NZZ unterhält sich Bernadette Conrad mit dem amerikanischen Autor Richard Ford über seinen neuen Roman "Frank" und die Aufgabe von Literatur: "Romane sind nicht da, um etwas entziffern zu helfen, nein, sie schaffen selbst überhaupt erst das Bedürfnis, für das sie dann auch die Antwort sind! Die Welt ist unlesbar, weil es nichts zu lesen gibt - der frühere US-Präsident Clinton hätte das die 'is-ness' der Welt genannt. Cézanne, so las ich kürzlich über ihn, kam so nahe wie möglich zur 'thereness' der Welt. Ungefähr so sehe ich das auch. Die Welt ist da, ob man will oder nicht. Und wir sind hier, ob wir wollen oder nicht. Und Literatur kann uns im besten Fall auf dem Weg von hier nach da begleiten."

Besprochen werden Sergej Lebedews "Menschen im August" (FR), Karl-Heinz Otts "Die Auferstehung" (Zeit), Gunnar Ardelius' "Die Liebe zur Freiheit ..." (taz), F. Scott Fitzgeralds "Die Straße der Pfirsiche" (taz), Manfred Mittermayers Biografie über Thomas Bernhard (SZ), Aljoscha Brells "Kress" (FAZ), Malla Nunns "Tal des Schweigens" und Tito Topins "Exodus aus Libyen" (Perlentaucher).
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Bühne


Drei Schwestern: Laura Tratnik, Karla Sengteller, Antonia Bill (Foto: Lucie Jansch)

Am Berliner Ensemble inszeniert Leander Haußmann Tschechows "Drei Schwestern" als "klassischen Historienbreitwandfilm mit Halb- oder manchmal auch nur Viertel-Augenzwinkern", meint Christine Wahl im Tagesspiegel. So recht wollte das aber nicht in Schwung kommen: "Der Abend hängt seltsam - und zumeist eben leider nicht in einem aufschlussreichen Sinne - zwischen Pathos und Pathos-Distanzierung, was über die Dauer von dreieinhalb Stunden ziemlich ermüden kann", stöhnt die Kritikerin auf, die dem Abend einen beträchtlichen Mangel an "Regieeinfällen" attestiert. Auch Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung bleibt spürbar unterkühlt: "Haußmann fürchtet weder Pathos noch Kitsch. Und für Albernheiten ist er sich auch nicht zu schade. Er folgt mit erkennbarem Respekt, vielleicht mit neu entdeckter Liebe, dem Tschechow-Brasch-Text und sortiert seine Regieeinfälle dazu, die mal in diese, mal in jene Richtung ausschlagen − manchmal auch, sei's drum, danebenhauen." Haußmann, schreibt Wolfgang Behrens zur Ehrenrettung auf Nachtkritik.de, "verteidigt den kindlichen Blick des Künstlers. Und für den darf sich auch einfach mal nur eine stille Minute lang ein Brummkreisel drehen, dessen Ton von nichts anderem kündet als von der Sehnsucht nach einer heilen Welt." Er kümmere sich also "nicht um den philosophischen Glutkern des Textes", wirft ihm FAZ-Kritiker Simon Strauss vor.

Weiteres: In der FAZ gratuliert Andreas Rossmann Tankred Dorst zum 90. Geburtstag. Im Standard unterhält sich Andrea Schurian mit Anna Badora über deren erste 100 Tage als Intendantin des Wiener Volkstheaters. Besprochen werden außerdem Martin Laberenz' Inszenierung von Eugène Labiches "Sparschwein" am Theater Basel (Nachtkritik, NZZ) Christopher Rüpings Münchner Inszenierung von Dostojweskis "Der Spieler" ("Kinder an die Macht?", fragt sich K. Erik Franzen in der FR, "die Kinder sind klasse", meint dazu Michael Stadler in der Nachtkritik), Mikael Serres Inszenierung von "Je suis Jeanne d'Arc" am Gorki Theater (taz, Nachtkritik) und Ramin Grays Inszenierung von Aischylos' "Die Töchter des Danaos" in der Übersetzung von Gerhard Meister am Theater Bern (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Design

Für die FAZ bespricht Tilman Spreckelsen die Ausstellung "In Mode - Kleider und Bilder aus Renaissance und Frühbarock" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.
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Architektur


Anlässlich mehrerer Publikationen zur städtebaulichen Geschichte Berlins schildert Marc Reichwein in der Literarischen Welt die explosionsartige Dynamik der Stadt seit dem 19. Jahrhundert: "Noch 1848 liegt die Einwohnerzahl Berlins bei kaum mehr als 400.000. 1871 sind es 800.000 und im Jahr 1905 bereits zwei Millionen Einwohner. Dazwischen liegt das, was man bis heute Gründerzeit nennt. Durch seinen beispiellosen Bauboom und sein rücksichtlos rasantes, damals 'amerikanisch' genanntes Wachstum produzierte Berlin städtebauliche Überbleibsel am laufenden Band. Windmühlen standen neben neuen Wassertürmen, und bedrohlich hoch aufgeschossene Gründerzeitfassaden flankierten einstöckige Dorfgasthäuser, die plötzlich exzentrisch mickrig wirken wie Baracken." (Foto: Ansicht von Prenzlauer Berg, damals noch Windmühlenberg, um 1800)

Die NZZ besucht das nach einem Umbau von Herzog & de Meuron wiedereröffnete Musée Unterlinden in Colmar.
Archiv: Architektur