Efeu - Die Kulturrundschau

Eine Art Simulation von Leben

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2015. In einer Munch-Ausstellung träumt die Welt mit drei Mädchen auf einer Brücke. In der NZZ erklärt Karl Ove Knausgard, warum er keine Fiktion schreiben wollte. Die SZ vermisst Visionen in den Entwürfen für die Bauhaus-Erweiterungen. Die nachtkritik steht ratlos vor den rechtsextreme Delirien der intellektuellen Boheme in Jan Bosses "Wintersonnenwende" am Deutschen Theater.

Kunst


Edvard Munch, Zwei Menschen. Die Einsamen, 1899. Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo

"Heiter ist anders", muss Hans-Joachim Müller vor den Zeichnungen und Grafiken von Edvard Munchs in der Wiener Albertina zugeben. Aber faszinierend sind sie allemal, schreibt er in der Welt: "Die über hundert Blätter sind zu einem Lebensfries verbunden, der die Schicksalsstrecke zwischen Geburt und Tod in lauter Akte einer einzigen Tragödie aufteilt. Was da an einem vorbeizieht, ist ein faszinierendes Kammerspiel, in dem Begegnung Verfehlung heißt, Geborgenheit Fremdheit meint, Anziehung schon Abstoßung ist und Liebe nur ein anderes Wort für Liebesverlust. Da stehen sie, die drei Mädchen auf der Brücke, und träumen vom Leben und ahnen noch nicht, dass es der Beginn ihrer Krankheit zum Tode ist."

Wenn die Fondation Beyeler in Basel verspricht, mit der Ausstellung "Auf der Suce nach 0,10" Malewitschs "Schwarzes Quadrat" von 1915 im historischen Kontext zu zeigen, so werde sie dem allenfalls halb gerecht, kritisiert Margarete Vöhringer in der FAZ. Von der existenziellen Dringlichkeit, im Russland des Jahres 1915 eine wirklich zeitlose Kunst zu schaffen, vermittle sich nichts: "Statt die konkreten historischen Umstände der Entstehung des Suprematismus in die Kunstpräsentation einzubinden, setzt der Gastkurator Matthew Drutt auf ihre totale Ästhetisierung. Die russische Avantgarde in ihrem Kontext zu betrachten meint hier lediglich: im Kontext der anderen Arbeiten derselben Künstler zur gleichen Zeit."

Zeit online skizziert den Streit um die Lego-Steine, die Ai Weiwei für ein neues Kunstprojekt bestellt hatte. Lego lehnte ab, mit der Begründung, man unterstütze keine politische Kunst: "Ai Weiwei reagierte auf Twitter mit Kritik auf die Entscheidung des Spielzeugherstellers. Er vermutet hinter der Absage eine Wahrung der Geschäftsinteressen in China. Das Unternehmen will in naher Zukunft einen Freizeitpark in Shanghai errichten."

Besprochen werden die Zurbarán-Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (taz) und eine Ausstellung im Berliner Museum für islamische Kunst zu Ehren von dessen Gründer Friedrich Sarre (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Film

Georg Seeßlen hat für Zeit online einen mäandernden Essay über den Gegenwarts-Horrorfilm verfasst - mit voraussehbarer These: "Das Genre schreibt eine negative Sozialgeschichte des Neoliberalismus. Schlimmer kann es nicht mehr werden, das ist der Stoßseufzer des kapitalistischen Realismus. Doch, sagt der moderne Horrorfilm. Es wird noch viel schlimmer."

Weitere Artikel: Auf Artechock präsentiert Rüdiger Suchsland die Ergebnisse seiner Nachfragen und Recherchen zum jüngsten Trubel um die Besetzung des seit geraumer Zeit vakanten Direktorenpostens an der dffb: "Mit je mehr Dozenten und Mitar­bei­tern man spricht - immer nur nach Zusage für Vertrau­lich­keit -, um so deut­li­cher werden die Verwer­fungen innerhalb der DFFB." Katja Nicodemus besucht für die Zeit die Dreharbeiten zum neuen James-Bond-Film "Spectre". Besprochen wird Małgorzata Szumowskas "Body" (Zeit, unsere Berlinale-Kritik hier).

Alle trauern um Technicolor-Queen Maureen O'Hara: Nachrufe schreiben Marion Löhndorf (NZZ), Daniel Kothenschulte (FR), Verena Lueken (FAZ), Michael Kohler (Berliner Zeitung) und Willi Winkler (SZ).

In dieser kurzen Szene mit John Wayne sieht man sie in ihrer ganzen Pracht - vom Kuss bis zur Ohrfeige und wieder zurück:


Archiv: Film

Literatur

In Amerika erheben immer mehr Literaturzeitschriften eine Gebühr für die Lektüre unaufgefordert eingesandter Manuskripte. Joy Lanzendorfer schildert diese Strategie in The Atlantic sehr kritisch, aber sie versteht auch das Problem der Zeitschriften, die oft Monate brauchen, sich durch Manuskriptberge zu arbeiten. "Most writers can't wait that long for a single response, so they send their work to more journals. The whole thing snowballs and soon these tiny publications are receiving hundreds, if not thousands, of submissions a month. In some sense, then, writers are to blame for blanketing journals they haven't even read with their work. The Internet has made this process easy: Do a search for 'literary journals,' click on the websites, and fire away, submitting to one after another."

Thomas David stellt Karl Ove Knausgard einige interessante Fragen, was dieses NZZ-Interview lesenswert macht - auch wenn es das gefühlte tausendste mit Knausgard ist. So fragt er ihn, ob die "Schöpfung einer vollkommen imaginären Welt", wie etwa in Kazuo Ishiguros neuem Roman, "nicht die weitaus substanziellere literarische Replik auf eine Gegenwart [ist], in der jeder auf Facebook die privatesten Details seines Lebens preiszugeben scheint". Darauf Knausgard: "Das kann man durchaus so sehen, aber meines Erachtens leben wir in einer vollständig fiktionalisierten Welt, in der alles in Erzählung verwandelt wird. In einer derartigen Umgebung ist es nicht länger Aufgabe des Schriftstellers, weitere Geschichten zu erfinden. .... Ich betreibe in den Büchern eine Art Simulation von Leben, weil mich Realismus interessierte."

Weitere Artikel: In der FAZ beklagt Georges-Arthur Goldschmidt das endgültige Ende der Quinzaine littéraire, der von Maurica Nadeau herausgegebenen Literaturzeitschrift, die unter vielen anderen auch als erste Michel Houellebecq entdeckte. Im Tagesspiegel stellt Gregor Dotzauer die neue, auf chinesische Literatur spezialisierte Zeitschrift Leuchtspur vor. Besprochen werden Heinz Helles "Eigentlich müssten wir tanzen" (Zeit), Bora Ćosićs "Die Tutoren" (taz) und Norman Maneas Essaysammlung "Wir sind alle im Exil" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Jan Volker Röhnert über Gary Snyders "Vögel bestimmen".

"Der Ort, an dem du bist
Die Jahreszeit
..."
Anzeige
Archiv: Literatur

Architektur

Reichlich visionslos findet SZ-Architekturkritikerin Laura Weißmüller die Entwürfe für die neuen Museumserweiterungen, die sich das Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin gönnt: Einst "tüftelten hier Meister und Schüler gemeinsam an einer neuen Art zu denken. Genau das bräuchten wir heute. Dringender denn je. Die Frage, wie unsere Gesellschaft aussieht, wenn alle drei Museen fertig sein werden, hat sich offenbar niemand gestellt. ... Die Museen könnten überall stehen und alles zeigen. Genau das macht sie so einfallslos und ja, bauhausuntypisch."

Für den Tagesspiegel bespricht Bernhard Schulz die Ausstellung "Wohnungsfrage" im Beriner Haus der Kulturen der Welt. In Rom ist die Kaiserrampe wieder zugänglich, berichtet Simon Strauß in der FAZ.
Archiv: Architektur

Bühne


Szene aus Roland Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende". Inszenierung: Jan Bosse, Deutsches Theater Berlin. Foto: Arno Declair

Am Deutschen Theater Berlin hatte "Wintersonnenwende", das neue Stück von Roland Schimmelpfennig, in einer Inszenierung von Jan Bosse Deutschlandpremiere. In dem Weihnachts-Konversationsstück gehe es vor allem darum, wie gefeit die intellektuelle Bohème des Landes vor rechtsextremem Denken sei, lesen wir. Dabei kratzt es über weite Strecken auf gelungene Weise an den Oberflächen, meint Simone Kaempf auf nachtkritik.de. Doch wenn es sich gegen Ende zusehends in rechtsextreme Delirien verschwurbelt, gehe die erreichte Qualität verlore: "Deuten kann man das alles nicht mehr: Ist das jetzt ein schlechter Traum von Albert, der schon zuviele Bücher über Diktaturen geschrieben hat? Oder nistet sich das rechtskonservative Böse real in die neue Bürgerlichkeit ein? Da kann Bosse nicht mehr überzeugen." In der taz findet Katrin Bettina Müller die Geschichte "einfach zu dünn."

Besprochen werden Frank Castorfs Stuttgarter Bühnenadaption von Andrej Platonows Roman "Tschewengur" (taz, FAZ, mehr dazu hier), Nurkan Erpulats am Berliner Gorki-Theater aufgeführte Bühnenfassung von Olga Grjasnowas Roman "Die juristische Unschärfe einer Ehe" (Nachtkritik, Welt, Tagesspiegel), Jörg Buttgereits "Besessen" am Theater Dortmund (Welt, nachtkritik), Arrigo Boitos Oper "Mefistofele" in München mit René Pape in der Titelrolle (Welt) und die Eröffnung der Schauspielsaison am Theater Basel mit Tony Kushners "Engel in Amerika" und der Uraufführung von Dorothee Elmigers "Schlafgänger" (NZZ, Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Jean-Michel Jarre spricht im Interview mit der Welt über sein neues Album, Bob Dylan, Lang Lang und Pierre Schaeffer.

Besprochen werden ein Konzert des Bratschers Antoine Tamestit mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester unter Tomáš Netopil (NZZ), ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Giovanni Antonini und Piotr Anderszewski (Tagesspiegel), das neue Album der Battles (Jungle World), ein Konzert von Tocotronic (Tagesspiegel), eine Arte-Doku über Rammstein (ZeitOnline) und Josh Ritters "Sermon on the Rocks" (FAZ).
Archiv: Musik