Efeu - Die Kulturrundschau

Land des Morbiden und Makabren

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27.10.2015. Wie können wir Flüchtlingen angemessen begegnen, wenn wir immer noch unsere eigenen Fluchtgeschichten verdrängen, fragt Barbara Lehmann in der NZZ. Zensur und Kommunistenhatz nehmen wieder zu in Indonesien, erzählt Laksmi Pamuntjak im Guardian. Das Börsenblatt meldet zufrieden: Niemand will mehr Akif Pirinçcis Bücher verkaufen. Die Presse rechnet mit den Anstandsdamen ab und singt ein Loblied auf den österreichischen Horrorfilm.

Literatur

Wir haben nichts dazugelernt, meint die Schriftstellerin Barbara Lehmann, Tochter von Flüchtlingen aus Ostpreußen, in einem sehr persönlichen Text in der NZZ zur Flüchtlingskrise. "Die gleichen Reflexe, die gleichen Muster, die ich aus meiner Nachkriegskindheit kenne, begegnen einem auch heute, in der Flüchtlingsdebatte. Die gleiche Betriebsamkeit, der gleiche Aktionismus. Wir schaffen das. Augen zu und durch! Wir packen es. Es geht nach vorne. Weiter. Der ganzen Welt ein Beispiel. Diese Durchhalteparolen klingen zwanghaft. Sie wiederholen jene Muster, die schon die bundesrepublikanische Aufbauanstrengung begleiteten. Aber diesmal, so meine Sorge, werden sie die Menschen in Deutschland nicht erreichen. ... Erschwerend kommt hinzu, dass wir Deutschen mit den Flüchtlingen auch jenem Teil unserer Historie begegnen, den wir emotional, in den Tiefenschichten unserer Gefühle, nie als Teil von uns begriffen, sondern stets abgewehrt haben."

Indonesien hat dem Literaturfestival Bali die Programmschwerpunkte über das Massaker im Jahr 1965 verboten, berichtet Arne Perras in der SZ. Ja, die Zensur ist nach Indonesien zurückgekehrt, bestätigt im Guardian die Autorin Laksmi Pamuntjak: Ein 77-Jähriger wurde verhaftet, weil er ein Massengrab der Opfer von 1965 besuchte, ein Studentenmagazin aus dem Verkehr gezogen, dass an die Ereignisse von damals erinnerte. Und an dem Morgen, als Pamuntjak in Frankfurt ankam, informierte sie ein indonesischer Offizieller, "that some Muslim groups had been demonstrating against me and a fellow author in front of one of the ministries in Jakarta. When I asked whatever for, he replied: 'For being at the forefront of the national committee's alleged active promotion of Communism at the fair.'"

Wenn die Deutschen mit jemandem abrechnen dann aber gründlich. Akif Pirinçci wurde zu Recht für seinen unsäglichen Pegida-Auftritt kritisiert. Aber muss man ihn gleich beruflich vernichten? Nachdem sein Verlag Random House die Zusammenarbeit mit ihm aufgekündigt hat, sind jetzt auch seine Bücher, Katzenkrimis inklusive, praktisch nicht mehr lieferbar, meldet das Börsenblatt mit Genugtuung. Amazon, Thalia.de, hugendubel.de, weltbild.de, buecher.de, ebook.de - alle haben seine Titel ausgelistet: "Auch in den Filialen der Buchhandelsketten werden die Titel nicht mehr bestellt, sofern überhaupt eine Kundennachfrage besteht. Im inhabergeführten Buchhandel zumindest gab es kein Sortiment, das Interesse für die Titel bei den eigenen Kunden sieht. Dennoch erklärten mehrere Buchhandlungen, selbst im Falle eines Kundenwunsches diese Titel nicht bestellen zu wollen - dies erhärten auch ähnliche Umfragen verschiedener Tageszeitungen, etwa im Westfälischen Anzeiger."

Weitere Artikel: Uwe Mattheiss beleuchtet in der taz die Hintergründe der Streitigkeiten um das Thomas-Bernhard-Archiv. Für den Tagesspiegel vergleicht Christian Schröder Jean Raspails in rechten Kreise beliebten, im Original 1973 erschienen Roman "Das Heerlager der Heiligen" mit den Positionen von Pegida und anderen Neu-Rechten. Anlässlich des 100. Geburtstags von Roland Barthes im November bringt der SWR einen Radioessay von Christian Schärf über den französischen Kulturphilosophen. Beim Schauen von Doku-Soaps kommt in Benedikt Erenz von der Zeit die Erinnerung an Christian Reuters im 17. Jahrhundert entstandenem Roman "Schelmuffsky" hoch. Anna-Maria Wallner besucht für die Presse eine Ausstellung mit Erstausgaben, Notizbüchern und Briefen von Ernest Hemingway in der New Yorker Morgan Library. Und Kerstin Holm schreibt in der FAZ zum Tod des russischen Schriftstellers Juri Mamlejew.

Besprochen werden unter anderem Bora Ćosićs "Die Tutoren" (Tagesspiegel), Steve Sem-Sandbergs "Die Erwählten" (taz), Clemens Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" (NZZ) und Jan Koneffkes Roman "Ein Sonntagskind" (NZZ).
Archiv: Literatur

Musik

Marco Frei resümiert in der NZZ enttäuscht das Stockhausen-Festival in München: Wieder keine Auseinandersetzung mit dem späten, auf die "Klischees der Avantgarde" reagierenden Stockhausen. In der Presse singt Thomas Kramar ein kleines Loblied auf den Austropop.

Besprochen werden ein Beethovenkonzert mit den Wiener Philharmonikern und einem "ungemein vitalen 88-jährigen Herbert Blomstedt" am Pult (Presse) und ein Konzert von Tocotronic (taz).
Archiv: Musik

Kunst


William Forsythe, The Matter of Fact, 2009

Ausstellungen, die zwischen Kunst, Design, Mode, Handwerk, Musik vermitteln, sind selten und gehen auch gern mal schief, meint Swantje Karich in der Welt. Frankfurt ist das jetzt, nach der Murkudis-Ausstellung, mit einer Würdigung des Choreografen William Forsythe im MMK 2 zum zweiten Mal gelungen, lobt sie. "Was ist hier geglückt? Die Ausweitung der Kunst gelingt dann, wenn nicht nur plakativ behauptet wird, dieser oder jener Musiker, Tänzer, Sänger mache doch auch 'Kunst' (die Anführungszeichen als letzter Widerstand gegen den Beuys-Satz, jeder sei ein Künstler). Statt Behauptungen müssen Evidenzen her: Wo findet hier ein Gespräch mit derjenigen Kunst statt, die ästhetische Maßstäbe setzt, hinter die Kunst per se nicht mehr zurück kann? Forsythe hat in Frankfurt Klassiker des 20. Jahrhunderts von seinen eigenen Arbeiten zum Tanz bitten lassen - und sie bewegen einander wirklich."

Die FAZ bringt Auszüge aus dem Tagebuch Werner Tübkes, der für die DDR das berühmte Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen erstellt hat.
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Archiv: Kunst

Film


Szene aus "Ich seh, ich seh" von Severin Fiala und Veronika Franz

In der Presse nutzt Markus Keuschnigg die Retrospektive "Von Fleisch und Blut" im Filmarchiv Wien zur Abrechnung mit den "Moralwächtern, Anstandsdamen und Oberschullehrern", die den Österreichern seit Jahren den heimischen Horrorfilm vermiesen. Dabei passt der so gut zum Image der Österreicher: "Denn so sehr die Tourismusindustrie auch Bilder von saftigen Weiden und einem Riesenrad im Sonnenlicht in die Welt hinauspumpt, so wenig kann das falsche Idyll gegen den Ruf ausrichten, den Österreich vor allem im nicht europäischen Ausland hat. Demnach leben wir im Land des Morbiden und Makabren, sind umweht von Todessehnsucht und untergraben von Kellern, in denen Monster hausen, die sogar den schwer zu schockierenden Amerikanern zusetzen. Vom österreichischen Film wird erwartet, dass er wehtut und verstört." Immerhin wurde das vielgelobte österreichische Psychohorrordrama "Ich seh, ich seh" für den Auslands-Oscar eingereicht.

Weitere Artikel: Andrey Arnold schreibt in der Presse über die Viennale-Retrospektive "Animals". Der uruguayische Filmemacher Federico Veiroj, spricht im Interview mit dem Standard über katholische Doppelbilder und seinen neuen Film "El Apóstata". Auf ZeitOnline verteidigt Christina Rietz die Netflix-Serie "Hemlock Grove" gegen den Vorwurf mangelnder Plausibilität. Nicholas Potter von der taz hält das James-Bond-Franchise für den Ausdruck eines "geopolitischen Minderwertigkeitskomplex" Großbritanniens.

Besprochen werden Dominik Hartls Debütfilm "Beautiful Girl" (Presse) und Samirs "Iraqi Odyssey" (Standard).
Archiv: Film

Bühne


Szene aus Falk Richters Stück "Fear". Foto: Arno Declair

"Zombies! Untote Nazis! Argh!", ruft Ulrich Siedler in der FR: Mit seinem neuem Stück "Fear" schießt Falk Richter an der Berliner Schaubühne aus allen Rohren in Richtung Pegida und "Asylkritiker". Das ist politisch zwar gut gemeint, stellt aber auch sichtlich einen Schulterschluss mit dem Publikum dar, meint der Kritiker: Denn "das meistenteils bürgerliche, aufgeklärte, politisch interessierte, abwägende, gut situierte Publikum, das sich zu Richter-Stücken einfindet, kann einerseits dem unter der eigenen Zivilisiertheit und Demokratiefreudigkeit angestauten Hass auf die minderbemittelten, fetten, hässlichen Nazi-Trottel freien Lauf lassen, sich sodann über diesen Hass erschrecken, um sich zuletzt der eigenen Rat- und Hilflosigkeit zu versichern. Das ist bei aller Unterhaltsamkeit ganz schön viel Seelenhygiene, die einem an einem Theaterabend zugemutet wird."

Im Tagesspiegel hält Peter von Becker das Stück stellenweise für "richtig frech. Und ziemlich komisch." Irene Bazinger von der FAZ befindet sich unterdessen im Abwehrmodus: Was Roland Schimmelpfennig in der "Wintersonnenwende" am Deutschen Theater Berlin (mehr dazu hier) noch dezent verhandelt, wird bei Richter "quasi mit dem Holzhammer über die Rampe geprügelt. In Richters eigener Regie scheitert die Uraufführung an der Berliner Schaubühne als ziemlich platter Agitprop-Abend voller Stammtisch-Attitüden."

Besprochen werden außerdem "Eugen Onegin" mit Anna Netrebko in Wien (Presse, Standard), zwei Tanzabende in Bern mit Estefania Mirandas "Das Schloss" und Jefta van Dinthers "Plateau Effect" (NZZ), Albert Camus' Drama "Das Missverständnis", von Nikolaus Habjans als Puppenspiel inszeniert (Standard) sowie Jossi Wielers und Sergio Morabitos Stuttgarter "Fidelio"-Inszenierung (FR) sowie "Die Bassariden" am Nationaltheater Mannheim und "Iwan Sussanin" an der Oper Frankfurt, die damit laut einer ziemlich begeisterten Eleonore Büning in der FAZ "triumphal und exemplarisch das eigne Ensemble ins Schaufenster" stellen.
Archiv: Bühne