Efeu - Die Kulturrundschau

Deutschland schreibt sich schön

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28.09.2015. München streitet über die geplante "Internationale Schlepper- und Schleusertagung" der Münchner Kammerspiele. Zeit online sucht Bücher für den Biomarkt. The Quietus liest Morrisseys Debütroman. David Böschs Münchner Inszenierung des "Prinzen von Homburg" zeigt ein Preußen, bevor es eine knallharte Staatsmacht wurde.

Bühne

Mitte Oktober findet in München eine von der EU mitfinanzierte "Internationale Schlepper- und Schleusertagung" statt. Veranstaltet wird sie von den Münchner Kammerspielen (mehr). Alles Satire also? Bayerische Politiker sehen das nicht so, meldet die SZ: "Hans-Peter Uhl hat an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschrieben mit der Bitte zu prüfen, "ob das mit den Gesetzen in Einklang zu bringen ist". Denn das Einschleusen von Ausländern sei eine Straftat, und ihm sei nicht klar, was genau die Schleusertagung bezwecke." Kammerspielchef Matthias Lilienthal dagegen verteidigt sein Projekt und spricht "von "Bigotterie", denn im geteilten Deutschland seien Fluchthelfer durchaus angesehen gewesen". Laut einer Meldung in der Welt erklärte er außerdem, "man wolle "eine ernsthafte politische Diskussion" anregen, Schlepper und Schleuser würden pauschal kriminalisiert, obwohl Flüchtlinge ohne ihre Hilfe kaum nach Europa gelangen könnten." (Diese Flüchtlinge sind ihren Schleppern bestimmt sehr dankbar.)


Bild: v.l. Johannes Zirner (Graf Hohenzollern), Shenja Lacher (Prinz Friedrich Arthur von Homburg), Ulrike Willenbacher (Die Kurfürstin), Simon Werdelis (Graf Reuß), Franz Pätzold (Rittmeister von der Golz). Foto: Andreas Pohlmann

Mit David Böschs Inszenierung von Kleists "Prinz von Homburg" beginnt das Münchner Residenztheater seine neue Spielzeit. In der nachtkritik applaudiert Sabine Leucht: Bösch zeige ein Preußen, das sich gerade vom Absolutismus verabschiedet und damit auch von den - ja willkürlichen - Gnadenakten seiner Fürsten. "Dass das zu Kleist Zeiten ein Fortschritt war, muss man sich heute erst (wieder) vergegenwärtigen, wo einem Worte wie "das heiliges Gesetz des Krieges" sauer aufstoßen - und allerlei aktuelle Assoziationen wecken, die die Regie gottlob nicht bedient. Nägeles Fürst muss sich in dieser Welt scheinbar auch erst zurechtfinden. Er ist butterweich vor Liebe zu seiner Nichte Natalie und lässt sich von der Begnadigungsrhetorik des Obristen Kottwitz und Konsorten allzu gerne aus der Fassung bringen. Da hat sich noch keine stahlharte Staatsmacht etabliert, alles ist noch im Fluss."

Auch Jürgen Kaube hält in der FAZ die Inszenierung für wunderbar gelungen, weil hier alle genau so widersprüchlich sind, wie Kleist sie gezeichnet hat: "Das berühmte Schlussgeschrei, mit dem sich alle wieder in die Schlacht stürzen, macht deutlich, dass der Grundkonflikt nicht zwischen Gesetz und Individuum verläuft, sondern quer durch alle Ordnungen hindurch." In der SZ ist die Kritikerin (den Namen hat man im Print vergessen) hingegen entsetzt: Regisseur Bösch lässt jede Haltung vermissen, klagt sie, und macht reines Stadttheater, "in dem es dem Zuschauer schon genügen soll, wenn der Klassiker nicht entstellt und der Text schön und klar gesprochen wird (das wird er hier), und es bitte nicht zu lange dauert"-

Weitere Artikel: Elisabeth Wagner trifft sich für den Tagesspiegel mit der Schauspielerin Dagmar Manzel. Im online nachgereichten Zeit-Essay erklärt Peter Kümmel, warum er auf modernen deutschen Bühnen keine Zombie-Schauspieler mehr sehen will.

Besprochen werden Schillers "Jungfrau von Orléans" im Schauspielhaus Zürich (NZZ, nachtkritik), Sewan Latchinians Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Volkstheater Rostock (nachtkritik), Amélie Niermeyers Inszenierung von Jennifer Haleys Stück "Die Netzwelt" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" in Graz (Presse, Standard) und ein "Fliegender Holländer" in Wiesbaden (FR).
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Kunst

In der Welt porträtiert Hans-Joachim Müller den Künstler Gustav Metzger, aus dessen "Mass Media"-Installation man sich derzeit auf der Art Week in Berlin bedienen kann. Krieg und Flucht sind derzeit Thema in vielen Berliner Galerien, berichtet Claudia Wahjudi im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Selfie-Ausstellung "Ego Update" im NRW-Forum Düsseldorf (FAZ), die beiden aktuellen Ausstellungen im Kunstverein Frankfurt (FR), eine Ausstellung zu Ehren des Illustrators Wilhelm Kunert in der Alten Nationalgalerie in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Der Versunkene Schatz" im Antikenmuseum Basel (FAZ). Die Zeit hat die Botticelli-Besprechung online nachgereicht.
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Film

Bei der SZ ist jetzt auch David Steinitz" Bericht über den erstaunlich tatkräftige Mithilfe der CIA bei der Produktion von Kathryn Bigelows Oscarfilm "Zero Dark Thiry" online zu finden. In Film und Fernsehen haben beschwingt-skurille Senioren Konjunktur, was Ursula März von der Zeit einigermaßen suspekt findet.

Besprochen wird die neue ZDF-Serie "Blochin" mit Jürgen Vogel (FR, hier alle Folgen in der Mediathek).
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Literatur

Bemerkenswert viele populäre deutsche Romane der zurückliegenden Sommermonate haben ein provinzielles Biedermeier zwischen Landleben, Marmeladenglas und trautem Glück am Herd heraufbeschworen, bemerkt Stefan Mesch auf ZeitOnline: "Diese Land-, Dorf-, und Kochlust-Bücher wären sofort als brave TV-Filme denkbar, zwischen Aufschnitt- und Biobutter-Werbung. Nichts ginge verloren. ... Deutschland schreibt sich schön. Literatur hieß diesen Sommer viel zu oft: im Garten sitzen und davon lesen, wie kluge Frauen nicht-sehr-kluge Frauen beschreiben, die überwältigt in einem Garten stehen. Legt solche Bücher in den Biomarkt. Klebt kleine Deutschlandflaggen aufs Cover. Lokal. Banal." (Nicht nur das schön schreiben, sondern auch das Schönschreiben erlebt eine Renaissance, meldet Sabine Mezler-Andelberg in der Presse.)

Weitere Artikel: Claus-Jürgen Göpfert besucht für die FR Frank Witzel, der noch gar nicht glauben kann, dass sein monumentaler RAF-Roman mit dem längsten Titel der Saison für den Buchpreis nominiert ist. In Frankfurt haben sich die für den Deutschen Buchpreis nominierten Autorinnen und Autoren vorgestellt, berichtet Judith von Sternburg in der FR. In der NZZ denkt Daniel Ammann über imaginäre Freunde in der Literatur und im Film nach. Paul Verlautenheide erinnert in der Jungle World an den vor 30 Jahren gestorbenen Italo Calvino. Außerdem hat die FAZ ihr Gespräch mit Henning Mankell online nachgereicht. Bei der Zeit jetzt ebenfalls online zu finden: Iris Radischs Bericht von ihrem Besuch bei der israelischen Autorin Zeruya Shalev. Und eine Leseprobe aus Leslie Jamisons Buch "Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer" zum Drogenkrieg in Mexiko.

Besprochen werden Vladimir Sorokins "Telluria" (Jungle World), Astrid Lindgrens "Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 - 1945" (Tagesspiegel), Frederick Forsyths Autobiografie (online nachgereicht bei der FAZ), Rolf Lapperts "Über den Winter" (FAZ), Meg Wollitzers "Die Stellung" (FAZ) und Michael Rutschkys "Mitgeschrieben" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Tobias Döring über John Donnes Gedicht "Der Floh".

"Sieh diesen Floh! und sieh zugleich
Wie wenig das, was du mir weigerst, heißt.
Mich biß er erst, nun beißt er dich,
..."
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Architektur

Bernhard Schulz staunt im Tagesspiegel über die zu einem Architekturwettberb im Jahr 1883 eingereichten Entwürfe für die Berliner Museumsinsel: "Bewundernswert ist die Könnerschaft der Zeichnungen, die alle Facetten des in Hochblüte stehenden Historismus zeigen: riesige Kuppeln, weit gespannte Säle, Treppen, Säulen, Giebel."
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Musik

Karl Smith von The Quietus hat nicht die allergeringste Freude am Debütroman von Morrissey und schwört nach der Lektüre: "I"ll never visit a zoo again because I don"t think I"ll ever see a penguin without wanting to punch it in the face." Christian König von Skug porträtiert das Wiener Label Editions Mego. Für die FAS haben sich Andreas Bernard und Tobias Rüther mit den österreichischen Knutsch-Poppern von Wanda unterhalten.

Besprochen werden das neue Album von Prince (Presse), ein Buch über 10 Jahre Berghain (taz), ein von Zubin Mehta dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), ein von Andrey Boreyko dirigiertes Mahler-Konzert des Berliner Konzerthausorchesters (Tagesspiegel), der Dokumentarfilm "The Reflektor Tapes" über Arcade Fire (SZ), eine BluRay-Box mit der von Valery Gergiev dirigierten Schostakowitsch-Gesamtaufnahme (FAZ) und der Berliner Auftritt von Bryan Ferry, bei dem es laut René Hamann (taz) offenbar zum Äußersten kam: "Das eh etwas gesetzte Publikum in der bestuhlten "Manege" riss es von den Sitzen - so sehr, dass entrüstete Ordner alle wieder zum Platznehmen ermahnten." (eine weitere Besprechung im Tagesspiegel).
Archiv: Musik