Liliana Corobca

Der erste Horizont meines Lebens

Roman
Cover: Der erste Horizont meines Lebens
Zsolnay Verlag, Wien 2015
ISBN 9783552057326
Gebunden, 192 Seiten, 18,9 EUR

Klappentext

Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Die zwölfjährige Cristina kümmert sich um alles: Sie kocht, putzt, füttert die Hühner und Schweine und ist Elternersatz für ihre jüngeren Brüder. Die Geschwister leben in einem Dorf in Moldawien, während die Mutter in Italien fremde Kinder hüten muss und der Vater in Sibirien arbeitet. Dabei ist Cristina eigentlich in Cousin Lucian verliebt, träumt vom ersten Kuss und einer besseren Zukunft. "Das Warten ist wie ein kleines Tier, weder ein Haustier noch ein wildes Tier, mal brav und schläfrig, mal böse und entfesselt." Eine einprägsame Geschichte, geschildert aus der Sicht von Kindern, die am Rande von Mitteleuropa alleine zurückbleiben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2015

Sabine Berking weiß um die reale Existenz der sogenannten Sozialwaisen in Moldawien, über die Liliana Corobca in ihrem Roman schreibt. Die traurige Geschichte eines von der Not zusammengeschweißten Geschwisterkollektivs liest sie daher mit Beklemmung. Wie die Kinder in Corobcas Text sich mit der Abwesenheit der Eltern, die irgendwo im reichen Teil Europas Geld verdienen, und mit Armut und Gewalt arrangieren, zerreißt Berking das Herz. Als Update der lustigen Pippi Langstrumpf, die sich in eine mythische Welt flüchtet, vermag sie die kleine Heldin im Buch daher nur teilweise zu sehen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.09.2015

Andreas Breitenstein erfährt Liliana Corobas Roman über alleinlebende Kinder in der Moldau als bewegenden Text über Sehnsucht und Verzweiflung, Hoffnung und Ironie, Wut und Melancholie, Mystik und Rationalität. Dass die Autorin ihren kleinen Protagonisten mit einem überdimensionierten Reflexionsvermögen, Fähigkeit zu psychologischer Analyse, philosophischer, moralischer und poetischer Betrachtung etwas zu viel aufbürdet, kann der Rezensent verzeihen. Von einem bis an die Schmerzgrenze präzisen Beschreibungsrealismus bekommt Breitenstein im Buch ohnehin genug. Von Pippi Langstrumpf ist in dieser Schreckensvision von einer Kinderwelt laut Breitenstein nichts zu entdecken. Stattdessen findet er jede Menge Dramen vor, die von der Autorin in einer Mischung aus auktorialer und personaler Perspektive mitgeteilt werden, sowie eine gekonnte Nachzeichnung des Zerfalls bäuerlicher Milieus.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.09.2015

Cathrin Kahlweit scheint tief berührt von Liliana Corobcas Roman über die elternlose, kollabierende Gesellschaft in Moldawien. Für sie strahlt der Text um das vorzeitige Erwachsenseinmüssen einiger Geschwister eine kühne Verlorenheit aus. Eine Kindheit, die nicht heiter sein kann, in der dauernd rationalisiert und geweint wird, weil sie schon die Jüngsten mit moralischen Dilemmata konfrontiert, lernt Kahlweit bei Corobca kennen. Auch die poetisch-mystische Ebene des Textes, die sich zu dem knallharten, verständnisvoll tönenden Realismus gesellt, vermag die Beklemmung für die Rezensentin kaum zu lindern.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 22.08.2015

Dirk Schümer scheint erschüttert von Liliana Corobcas Erzählung aus einem Land nicht weit von hier, in dem so vollkommen andere Verhältnisse herrschen als bei uns. Corobca lässt ihre kindliche Erzählerin berichten vom Elend und von der Sehnsucht zurückgelassener moldawischer Kinder, die ihr Leben selbst in die Hände nehmen müssen, weil die Eltern irgendwo in den reichen Industrienationen schuften. Die Unerbittlichkeit des Textes geht Schümer an die Nieren, auch wenn mitunter die Autorin zu sprechen scheint, ihre eigene Wut und Fassungslosigkeit angesichts der Verhältnisse in ihrer Heimat. Wie Corobca allerdings die Dramen des Dorfalltags fasst, genau und glaubwürdig, macht für den Rezensenten den tief berührenden Reiz des Buches aus.
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