Efeu - Die Kulturrundschau

Lemuren, Gespenster, Übeltäter

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11.09.2015. Luk Percevals "Liebe" auf der Ruhrtriennale ist noch pessimistischer als Emile Zolas als Vorlage dienender Romanzyklus über die Rougon-Maquarts, klagt die nachtkritik. Die Welt lernt in einer Ausstellung, wie düster die zwanziger Jahre in Berlin eigentlich waren. Artechock sah in Venedig mit Jerzy Skolimowskis "11 Minutes" den ultimativen unlinearen Film. In der NZZ erklärt der Arzt und Bariton Christian Gerhaher die medizinischen Experimente an Wozzeck.

Bühne


"Liebe. Trilogie meiner Familie 1". Inszenierung Luk Perceval, Ruhrtriennale 2015. Foto: Armin Smailovic

Bei der Ruhrtriennale hatte Luk Percevals "Liebe", der erste Teil seines überaus ambitionierten Zola-Mammutprojekts, mit dem er über drei Jahren hinweg in Hamburg Zolas 20bändigen Romanzyklus der "Rougon-Maquart - Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich" für die Bühne bringen will. Das ist in diesem ersten Teil konzeptionell ganz schön gemacht, aber warum, fragt meint Dorothea Marcus in der nachtkritik, ist das alles so unpolitisch? Und warum hat Perceval die deterministische Aussage Zolas noch verschärft? "Im Roman ist es immerhin so, dass Clotildes Kind, gezeugt mit ihrem Onkel Pascal, zum neuen, vitalen Menschen wird. In Duisburg endet der Abend hingegen mit der kinderlosen Trennung der beiden. Die zentrale Frage, was man am eigenen Leben beeinflussen kann und wie viel der Zufall der eigenen Geburt bedeutet, beantwortet Perceval in aller Pracht, Schönheit und Anmut letztlich pessimistischer als Zola selbst."

In der Welt ist Stefan Keim voll des Lobs für Percevals Inszenierung, die sich nicht an die Gegenwart anbiedert, sogar in historischen Kostümen spielt: "Die Uraufführung bei der Ruhrtriennale schmeißt sich nicht ran an die Zuschauer, die Inszenierung bleibt zunächst auf Distanz. Um einem am Ende umso näher zu kommen."

Die medizinischen Experimente, die am Wozzeck exerziert werden, gab es tatsächlich, erklärt der Bariton Christian Gerhaher, der den Wozzeck demnächst singen wird, im Interview mit der NZZ. Als promovierter Arzt weiß er darüber Bescheid: "Georg Büchner, der Autor des "Woyzeck"-Fragments, hat unter anderem in Gießen Medizin studiert, wo damals der Chemiker Justus Liebig lehrte. Dieser machte im Auftrag des Militärs Experimente, um herauszufinden, ob man die teure Fleisch-Ernährung der Soldaten durch billigere eiweißreiche Ernährung ersetzen könne. Da kam er auf Hülsenfrüchte. Das klingt an in der Frage des Doktors: "Hat Er schon seine Bohnen gegessen?" Die Hülsenfrüchte verursachten bei den Probanden wohl partielle Unterernährung, vielleicht im Sinn eines Vitaminmangels, und eine Vergiftung durch Aminosäuren, die nicht zur direkten Genese von Eiweiss verwertet werden konnten. Diese führte zu teilweiser Inkontinenz, die im Stück ebenfalls thematisiert wird."

Weiteres: Sandra Luzina beleuchtet im Tagesspiegel die Hintergründe zum heute Abend im Heimathafen Neukölln aufgeführten Recherchestück "Aktion N!", das sich mit der Enteignungsgeschichte des vom Heimathafen-Kollektiv bespielten Saalbaus befasst. Besprochen wird Yael Ronens "Hakoah Wien" am Volkstheater Wien (Presse).
Archiv: Bühne

Kunst


Hans Baluschek: Großstadtlichter, 1931, Öl auf Leinwand © Stadtmuseum Berlin | Foto: Michael Setzpfandt

Wie düster die zwanziger Jahre eigentlich waren, lernt ein beeindruckter Tilman Krause in einer Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin im Ephraim-Palais. Golden war diese Zeit nur für eine hauchdünne Oberschicht, die anderen litten an den Folgen von Krieg, Verstümmelung und dem Verlust ihrer Werte, schreibt Krause in der Welt: "Mögen ihre Schöpfer nun klingende Namen wie Otto Dix, George Grosz und Käthe Kollwitz tragen oder mögen sie eher unbekannte Größen sein, wie beispielsweise der Werbegrafiker Bruno Böttiger-Steglitz, eine echte Entdeckung dieser Schau: Überall erscheint Berlin als albtraumhafte Schattenwelt, bevölkert von Lemuren, Gespenstern, Übeltätern - stärker lässt sich das Klischee von Berlin als Stadt des Lichts wohl kaum ad absurdum führen. Gruselige Stadtveduten gelingen ganz besonders Böttiger-Steglitz, von dem man nicht einmal mehr die Lebensdaten kennt."

Auffällig kurz und in einer hinteren Ecke des FAZ-Feuilletons bespricht Julia Voss die Ausstellung der Sammlung von Unternehmer Reinhold Würth, die im Berliner Gropiusbau einen repräsentativen Auftritt hat - inklusive Werbevideos für das Unternehmen des Sammlers, eine "Zurschaustellung von Kunstwerken als Besitztümern", so Voss. Gezeigt wird auch Holbeins berühmte "Darmstädter Madonna", die Würth der Öffentlichkeit für angeblich 53 Millionen Euro weggeschnappt hat: "Das Frankfurter Städel, wo das Werk seit 2004 bewahrt war, hatte bis zuletzt gehofft, das Andachtsbild von 1526/28 erwerben zu können. Das Museum hatte vierzig Millionen Euro aus öffentlichen und privaten Geldern zusammen; die Summe reichte den Vorbesitzern nicht. Seither hängt die herrliche Muttergottes in Schwäbisch Hall. Jetzt ist sie auf Tournee in Berlin." Verkäufer war die Familie Hessen. (Eine weitere Besprechung gibts in der Berliner Zeitung)

Weiteres : Stefan Hochgesand porträtiert in der taz den gerade mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichneten Künstler Bernard Frize. Roman Gerold stellt im Standard kurz das Wiener Paraflows-Festival vor, das dem Thema "Digital Migration" gewidmet ist. In der NZZ schreibt Philipp Meier zum Tod des Kunstsammlers Oskar Reinhart vor fünfzig Jahren.

Besprochen werden eine kleine Neo-Rauch-Ausstellung in Berlin (Berliner Zeitung) und eine Ausstellung des amerikanischen Künstlers Joseph Cornell in der Royal Academy of Arts in London (NZZ).
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Film


Szene aus Jerzy Skolimowskis "11 Minutes"

Das Filmfestival in Venedig neigt sich seinem Ende zu. Rüdiger Suchsland hat für artechock einen "unlinearen Film par excellence" gesehen: Jerzy Skolimowskis "11 Minutes" erzählt elf Minuten aus dem Leben seiner Protagonisten - das läuft parallel oder kreuzt sich und eskaliert. ""11 Minutes" ist reines Hyste­rie­kino, und die Männer sind hier noch hyste­ri­scher als die Frauen. Alles ist ein bisschen over the top, alles bleibt zugleich fast realis­tisch, wobei es natürlich ungemein konstru­iert ist." Und noch etwas fällt ihm auf: "Die Tonspur ist großartig. Auffal­lend, wie viele Filme in Venedig dieses Jahr den Ton als Mittel wieder­ent­de­cken und aufwerten."

Mehr vom Lido: Im Standard ist Dominik Kamalzadeh hin und weg vom "ersten vorsichtigen Liebesakt" zweier Puppen in Charlie Kaufmans und Duke Johnsons Animationsfilm "Anomalisa". tazlerin Cristina Nord sah mit Filmen über Brian De Palma und Helmut Berger interessante Dokumentationen über Filmschaffende. Christiane Peitz sah für den Tagesspiegel neue Filme von Laurie Anderson und Atom Egoyan, dessen einstigen Qualitäten Susan Vahabzadeh in der SZ bittere Tränen nachweint: Der einst "interessanteste kanadische Filmemacher" habe sich "derart in die Idee verrannt, alles als Vexierspiel zu erzählen, dass er selbst nicht mehr weiß, wo oben und unten ist".

Weitere Artikel: Die Zeit hat Ronald Dükers Bericht von seinem Treffen mit Werner Herzog in Las Vegas online nachgereicht.

Besprochen werden Terrence Malicks "Knight of Cups" (Perlentaucher, Standard, mehr hier), Michael Cuestas Politthriller "Kill the Messenger" (Perlentaucher) und Andrew Haighs "45 Years" mit Charlotte Rampling (FAZ, Perlentaucher, Welt, SZ).
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Archiv: Film

Literatur

Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Sabine Vogel (Berliner Zeitung) und Andreas Kilb (FAZ) berichten vom Auftakt des Literaturfestivals Berlin mit Javier Marias und Navid Kermani, die, wie Katharina Granzin in der taz seufzt, einiges an "Anschauungsmaterial in puncto männliche Eitelkeit" boten. Katharina Teutsch trifft sich für die Zeit mit Rafik Schami. Für das Logbuch Suhrkamp liest Raimund Fellinger in den Notizbüchern Peter Handkes. "Wer seine fünf Märchen nicht beisammenhat, ist hier verloren", schreibt Tilman Spreckelsen in der FAZ über die in Kassel eröffnete Grimmwelt.

Und dann noch diese Frage, gestellt von Art Winslow im Blog von Harper"s: "Did Thomas Pynchon publish a novel under the pseudonym Adrian Jones Pearson?"

Besprochen werden der zweite Teil der Comic-Autobiografie "Der Araber von morgen" von Riad Sattouf (Tagesspiegel), John Dieter Brinks" Essay über Harry Graf Kessler (FR), Renee Knights "Deadline" (FAZ) und Stephen Kings "Finderlohn" (SZ, mehr dazu hier).
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Musik

Weder Grindjazz, noch andere extreme Musik hört Detlef Diedrichsen auf dem Album "Forro in the Dark plays Zorn", auf der die New Yorker Band Forro Zinho dem Avantgardisten John Zorn die Reverenz erweist. Der Popkritiker klärt auf: "Es geht in diesem Projekt um dessen Kompositionshandwerk. Und dass diese Kompositionen mitunter höchst konventionell, manchmal erstaunlich schlicht und hin und wieder geradezu sentimental sind, könnte man fast als Kritik deuten, als Kratzen am Nimbus. Andersherum könnte dahinter auch die Zielsetzung stecken, ihn zum Berserker mit menschlichem Antlitz zu redefinieren."

Jonathan Fischer führt in der SZ durch die Welt des Southern Soul, der "wie keine andere Musik (...) die Psyche des schwarzen amerikanischen Südens [verkörpert] - zwischen Jesus und Stagger Lee, dem in die Blues-Legenden eingegangenen schwarzen Zuhälter und Mörder, zwischen Tränen und Sex. Vor allem aber schafft der Southern Soul Identität und richtet sich damit an diejenigen, die von David Simon, Autor und Produzent der Fernsehserien "The Wire" und "Treme", einmal als die "Abgehängten des amerikanischen Traums" bezeichnet wurden."

Weitere Artikel: Der lettische Dirigent Andriss Nelsons muss sich bei der Arbeit künftig aufteilen: Der neue Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters hat außerdem erst kürzlich seinen Vertrag als Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra bis 2022 verlängert, meldet die Presse. Harald Eggebrecht gratuliert dem Gewandhausorchester in der SZ: Mit seiner Wahl habe es "sich eine weitreichende, Maßstab setzende, ja, kühne Perspektive gegeben". Thomas Schacher berichtet in der NZZ vom Musikfestival Bern. Johannes Pitsch spricht in der taz mit George Boateng über dessen unter dem Namen BTNG veröffentlichtes Debütalbum. In der NZZ schildert Ueli Bernays die weiteren Lebensläufe der bekanntesten Gangsta-Rapper. Für The Quietus unterhält sich Richard Foster mit Musikindustrie-Urgestein Seymour Stein. Und David McKenne erinnert an die Post-Punk-Musikerin Lizzy Mercier Descloux. Ebenfalls für The Quietus listet Nils Frahm seine Lieblingsplatten auf. Marco Frei (Welt), Michael Stallknecht (SZ) und Wolfgang Sandner (FAZ) gratulieren Arvo Pärt zum 80. Geburtstag. Auf Youtube gibt es eine einstündige Dokumentation über ihn.



Besprochen werden neue Alben von Slayer (Pitchfork), Micachu und ihrer Band The Shapes (taz), Hans-Joachim Roedelius und Christoph H. Müller (Pitchfork), Beirut (Spex), Low (The Quietus), den Libertines (Tagesspiegel, SZ), Public Image Ltd. (The Quietus), Prince (Pitchfork), und Keith Richards (Zeit), sowie Konzerte von Brandt Brauer Frick (Tagesspiegel) und dem Mahler Chamber Orchestra (Tagesspiegel).
Archiv: Musik